Kapitel 95: Währenddessen in Sulani

 

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“Ah….so ein Tapetenwechsel tut hin und wieder doch gut, findet ihr nicht?”



“Ich fand Forgotten Hollow eigentlich ganz gemütlich.”

“Ich dachte, du magst Pflanzen?”

“Ja, schon, aber….hätten wir nicht an einen Ort reisen können, an dem wenigstens ein bisschen weniger die Sonne scheint?”

“Ein andermal.”



“Mache dir keine Mühe, Orion. Unser Reiseleiter hat diesen Ort hier absichtlich ausgewählt, gerade weil er untypisch für unsereins ist.”



“Wer hätte gedacht, dass du so schnell deine Meinung änderst und nun doch völlig überstürzt abreisen wolltest. Oder soll ich es abhauen nennen?”



“Abreisen ist das bessere Wort, immerhin ist dies keine Flucht. Nur ein kleiner Urlaub, bis die Lage sich beruhigt hat.”



“Ach. Nun, wenn du es so nennen magst. Aber erkläre mir doch bitte noch einmal, woher dieser plötzliche Sinneswandel kam.”

“Das hatte ich bereits erwähnt.”

“In zusammenhanglosen Fetzen, während du eilig den Inhalt deines Kleiderschranks in einen überdimensionierten Koffer gestopft hast. Und jetzt schläfst du auch noch in dem Ding.”



“Das ist mein Reisesarg.”

“In dem du deine Kleidung transportierst.”

“Es musste schnell gehen.”



“Richtig. Und es musste schnell gehen, weil…? Irgendetwas mit einer Vampirjägerin? Ich dachte, dir und deinem Charme könne niemand widerstehen?”



“Das konnte sie auch nicht. Ich hatte die Situation vollkommen unter Kontrolle.”

“Bis du sie plötzlich nicht mehr unter Kontrolle hattest.”

“Sie war nicht alleine.”

“Das sind Jäger selten.”



“Mag sein, aber diese Tatsache alleine war nicht das Problem.”

“Sondern?”

“Die Person, die sich eingemischt hat. Ich kenne den Mann nicht, aber irgendetwas an ihm war mir dennoch äußerst vertraut. Etwas an seinem Geruch. Ich will nicht darauf wetten, aber es würde mich auch nicht wundern, wenn er mit mir verwandt wäre.”



“Wundert dich das überhaupt bei irgendjemandem, so großzügig, wie du deine Gene verteilst?”



“Oh bitte, so viele Kinder habe ich nun auch wieder nicht.”

“Von denen du weißt?”

“Touché.”



“Und nun hat einer deiner Nachkommen also die Seiten gewechselt und macht aktiv Jagd auf unsereins. Wer hätte auch ahnen können, dass so etwas passieren kann, wenn man ein Kind mit einer Jägerin zeugt…”



“Eine Jägerin, die ich damit nachhaltig aus dem Verkehr gezogen habe, möchte ich anmerken.”



“Gelöst hast du das Problem dadurch dennoch nicht, nur um ein paar Generationen verschoben.”

“Aber auch nur, falls deine Theorie sich bewahrheitet. Ich weiß nicht, ob er wirklich ihr Nachkomme ist oder überhaupt irgendwie von mir abstammt und wenn ich ehrlich bin, will ich im Augenblick auch nicht darüber nachdenken.”



“Wir sollten die Zeit lieber nutzen, um unseren Urlaub zu genießen.”



“Egal, wie oft du das hier “Urlaub” nennst, es ändert nichts daran, dass das eine Flucht war.”

“Meinetwegen. Eine Flucht in den Urlaub. So wie Millionen anderer gestresster Arbeitstätiger das jedes Jahr tun.”



Ein nur schlecht unterdrücktes Schnauben zu seiner Seite verrät Evan, dass Lucia, so gespielt sie sich auch aufregt, doch amüsierter ist von ihrem Gespräch, als sie zugeben mag.

“Ausgerechnet du willst dich mit der arbeitenden Bevölkerung vergleichen? Erinnere mich doch bitte, welcher Teil deines ach so anstrengenden Lebens dich so sehr stresst.”



“Ah, weißt du, seit einiger Zeit lebe ich mit einer absolut umwerfenden Persönlichkeit zusammen, in deren Glorie täglich zu baden alleine meine Kräfte raubt.”

“Versuchst du mir gerade durch die Blume zu sagen, dass ich anstrengend sei?”



“Das würde ich nie wagen!”

Hrmpf.

Natürlich hat Lucia Recht. Das plötzliche Auftauchen einer Vampirjägerin direkt vor seiner Haustür, noch dazu eine, die offenbar genau wusste, was er ist, hat Evan zu dem spontanen Beschluss gebracht, vorerst unterzutauchen. Wortwörtlich, wenn es sein muss. Und wo ginge das besser als am Strand einer tropischen Insel? Hierher kommt nur, wer nach Meerjungfrauen sucht, dabei ist diese Gegend zumindest nachts auch für Vampire nicht unangenehm.



Dass Lucia versucht, ihn damit aufzuziehen, war absehbar. Diesen Spaß gönnt Evan ihr aber. Verglichen mit ihrer Daueranspannung zuhause, wirkt sie mittlerweile regelrecht gelöst. Orion jammert zwar noch ein wenig, aber auch der wird bald merken, dass so ein kleiner Urlaub ihnen allen gut tun wird.

“Alles, was jetzt noch fehlt, ist ein gutes Getränk…”



“Ich fürchte, das ist mit unserem Tagesrhythmus nicht kompatibel. Die meisten Touristen haben sich inzwischen in ihre Hotels zurückgezogen.”

“Vielleicht sollten wir das auch tun? Ich glaube kaum, dass sie jetzt schon alle schlafen. Bei diesem lauen Wetter werden sich doch sicher einige von ihnen noch draußen aufhalten.”



“Und das willst du ausnutzen? Ist das etwa schon wieder ein Sinneswandel? Willst du die Jäger denn jetzt auch noch hierher locken?”



“Ach Lucia, wo denkst du hin? Bis sie unsere Spur hierher verfolgt haben, sind wir doch längst wieder über alle Berge. Und ob du es glaubst oder nicht, auch ich bevorzuge frisches Blut. Wieso sollte ich mir die Gelegenheit entgehen lassen, den einen oder anderen Urlauber zu vernaschen, wenn ich schon hier bin?”



“Welch vernünftige Worte aus deinem Mund! So langsam fange ich an zu glauben, dass das hier doch gar keine so schlechte Idee war. Du bist ja wie ausgewechselt.”



“Ich bin, wie ich immer bin, wenn ich nicht befürchten muss, dass jeder Schritt aus meinem eigenen Heim mein letzter sein könnte.”

“Hm! Pass nur auf, daran könnte ich mich gewöhnen.”



“Orion, was ist mit dir? Begleitest du uns?”



“Ich….uhm…”

Nur keine falsche Scheu. Du musst doch auch durstig sein.

“Ja, schon. Es ist nur…”



“Er traut sich nicht. Immer noch nicht.”

“Ich bin das einfach nicht gewöhnt…”

“Nur keine Sorge, wir finden jemanden für dich. Ich helfe dir gerne dabei.”

“Okay…”

Schon an Orions Tonfall hört Evan mehr Resignation als Begeisterung. Eine Schande, dass er noch immer so schüchtern ist. Die wenigen Momente, in denen es Evan bisher gelungen ist, ihn aus seiner Schale zu locken, haben ihm bereits gezeigt, dass der Junge durchaus auch anders kann.



Nach einem kurzen Besuch ihres Hotelzimmers machen die drei sich auf die Suche nach der geeigneten Beute. Weit müssen sie dabei nicht gehen. Offenbar sind sie nicht die Einzigen, die den Strand von Sulani lieber in Abwesenheit der brennenden Sonne genießen.



“Wie wäre es mit der jungen Dame da vorne?”

“Ich…ach, ich weiß ja nicht…”

“Lass einfach ein wenig deinen Charme spielen.”

“Ich weiß nicht, ob das funktionieren würde…”



“Bei mir hat es funktioniert.”



“Das…äh….also….uhm…”

Diese Antwort irritiert den jungen Vampir offenbar so sehr, dass er völlig aus dem Konzept gerät. Zugegeben, Evan amüsiert seine plötzliche Verlegenheit, zeitgleich bedauert er sie aber auch ein wenig. Immer, wenn er ihn so sieht, kann er ihm nur schwer widerstehen und nach all dem, was er so mitbekommen hat, gilt für Lucia dasselbe. Ob Orion damit an seine nächste Mahlzeit kommt, ist allerdings fraglich. Zumindest, wenn er auf sich alleine gestellt ist.



“Was bist du nur für ein Kuriosum. Du schaffst es ohne Weiteres, zwei alte Vampire mühelos um deinen kleinen Finger zu wickeln, aber bei Menschen wirst du scheu.”



“Es fühlt sich einfach immer noch merkwürdig an.”

“Einen Menschen zu mesmerisieren, um von ihm zu trinken? Du solltest dich nicht schlecht fühlen deswegen. Solange du dich einigermaßen im Griff hast, fühlen sie sich hinterher nur ein bisschen müde und verwirrt, aber sie erholen sich wieder.”

“Ja…uhm….also wegen dem Mesmerisieren….”



Worauf genau Orion hinaus will, versteht Evan tatsächlich erst, als Lucia sich einmischt.

“Er kann es nicht. Zumindest habe ich noch nie gesehen, dass er es selbst getan hat.”

“Oh? Ist das wahr?”

“Ich….ja….bisher war das auch nicht nötig…”

“Dann wird es Zeit, dass du es lernst, findest du nicht?”



“Keine Sorge, es ist nicht schwer. Tatsächlich fühlt es sich so natürlich an, dass ich es nicht einmal mehr bewusst tue. Es geschieht einfach.”

“Ich fürchte, dafür bin ich nicht Vampir genug.”

“Unsinn. Ich wurde auch nicht so geboren und dennoch fällt es mir heute so leicht wie damals das atmen. Du musst nur einfach über deinen Schatten springen.”



Orion scheint einen Moment über Evans Worte nachzudenken. Schließlich nickt er.

“Na gut….ich versuche es.”



Was genau Orion mit der Dame bespricht, hört Evan leider nicht, aber sein Auftreten wirkt vielversprechend. Zumindest auf ihn. Lucia scheint anderer Meinung zu sein.

“Eintausend Simoleons, dass er es nicht schafft.”



“Aber Lucia! Hab doch einmal ein wenig Vertrauen in den Jungen.”

“Das habe ich. Vertrauen darauf, dass er es nicht hinbekommt.”



“Dein Optimismus ist ja ganz süß, Evan, aber ich kenne Orion schon zu lange, um zu glauben, dass er sich nur wegen ein paar aufmunternder Worte von einem Moment auf den nächsten ändert. Marco hat das selbst in vielen Monaten nicht geschafft.”

So gerne Evan etwas darauf erwidern würde, auch er sieht, dass Orion schnell ins Stolpern gerät.



Es dauert nicht lange, bis er geknickt zu ihnen zurückkehrt.

“Ich bin ein hoffnungsloser Fall…”

“Nicht doch. Dir fehlt es nur an Selbstbewusstsein. Mit ein wenig Anleitung und Übung bekommen wir das schon hin.”



“Wenigstens ist sie nicht schreiend weggerannt. Das ist doch schon mal ein Anfang.”

“Das hätte auch niemandem von uns geholfen.”

“Nun, es hätte mich zum Lachen gebracht.”

“Dafür bekommst du mit Sicherheit noch andere Gelegenheiten, Lucia. Ebenso wie Orion noch die Gelegenheit bekommen wird, sich zu beweisen.”



“Ich denke, wir können durchaus noch ein paar Tage hier am Meer verweilen. Trotz der Sonne empfinde ich den Aufenthalt hier als ungemein befreiend und ich bin mir sicher, dass uns das allen gut tun wird.”

 

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