Xiu kann es noch immer kaum fassen, dass sie endlich ein vollständiges Bild von ihrem schon so lange verfolgten Fall hat. Fast vollständig zumindest. In Forgotten Hollow endet ihre Spur. Wenn sie Glück hat, bedeutet das aber nur, dass sich der, den sie schon so lange verfolgt, noch dort aufhält. Und wenn sie den findet, dann rückt auch ihr eigentliches Ziel in greifbare Nähe.
Ihr nächster Schritt ist damit eindeutig. Selbst, wenn sie ihre Zielperson nicht direkt antrifft, ist die Wahrscheinlichkeit, an seinem letzten bekannten Aufenthaltsort weitere Hinweise zu finden, sehr hoch. Zu hoch, als dass sie sich diese Gelegenheit entgehen oder auch nur lange damit warten könnte.
Dass Rodrigo heute anderweitig beschäftigt ist, kommt ihr ganz recht. So, wie Xiu ihn kennt, hätte er etwas dagegen, dass sie alleine loszieht. Gebraucht hat Xiu ihren Partner für die reine Informationsbeschaffung aber sowieso noch nie, wenn es nicht gerade darum ging, die Information wortwörtlich einzufangen. Das sollte heute Abend aber nicht nötig sein. Zuerst geht es darum, seinen eindeutigen Aufenthaltsort ausfindig zu machen und wenn sie ihn dabei nicht alarmieren will, ist es unauffälliger, alleine zu reisen. Zu ihrem Glück weiß ihre Zielperson auch gar nicht, wie sie aussieht. Das beruht zwar auf Gegenseitigkeit, aber sie weiß wenigstens grob, wonach sie sucht.
Der Weg nach Forgotten Hollow ist weder besonders kurz, noch besonders leicht. Es fährt kaum ein Bus in dieses Kaff. Ein perfektes Versteck für jemanden, der nicht so schnell gefunden werden will. Als Xiu dort ankommt, ist es bereits früher Abend. Ob dieser Umstand sie behindert oder ihr nutzt, wird sich noch herausstellen.
Viel los ist um diese Zeit jedenfalls nicht auf den Straßen. Die wirken fast wie ausgestorben. Abgesehen von einem Mangel an Personen, die sie zwecks der Informationsbeschaffung ansprechen kann, stört Xiu so etwas normalerweise wenig, aber irgendetwas an diesem Ort bereitet ihr Unbehagen. Merkwürdig. Was genau es ist, kann sie selbst nicht sagen.
Sicher, die Umgebung wirkt ein bisschen trist und düster, aber ansonsten erweckt sie auf Xiu den Eindruck einer völlig normalen, wenn auch etwas abgelegenen, Kleinstadt. Dass sie schon zum zweiten Mal ausgerechnet hier nach einem Vampir sucht, muss Zufall sein. Oder? Oder hat derjenige, dessen Spur sie folgt, etwa nach dieser Mistkröte gesucht, die ihnen die Wohnung angezündet hat?
Bevor sie ihren Gedanken zu Ende denken kann, entdeckt Xiu in der Ferne eine Gestalt. Es ist also doch noch jemand zu dieser Zeit auf der Straße unterwegs.
Ohne lange zu zögern, bewegt Xiu sich in ihre Richtung. Wenn sie bereits gesehen wurde, würde ein Versuch, sich zu verstecken, sie nur verdächtig machen und das Letzte, was sie im Moment will, ist, dass ihre Zielperson Verdacht schöpft und flieht.
Je näher sie kommt, desto mehr verabschiedet sie sich aber von dem Gedanken, jetzt schon am Ziel ihrer Suche angelangt zu sein. Kaum, dass sie die Gestalt etwas besser sieht, ist sie sich sicher, dass das nicht derjenige ist, den sie sucht. Dafür ist er zu gut gekleidet. Gut und verdächtig altmodisch.
Für einen Moment denkt Xiu darüber nach, ob es sich lohnt, den Spaziergänger anzusprechen. Wenn er ein Bewohner dieser Gegend ist, dann weiß er vielleicht etwas.
Während sie noch darüber nachdenkt, ob, oder ob sie nicht das Gespräch eröffnen soll, nimmt der Fremde ihr die Entscheidung ab.
“Guten Abend, die Dame. Ich hatte nicht erwartet, um diese Uhrzeit noch jemanden hier draußen anzutreffen.”
“Ich…äh….ich habe mir sagen lassen, diese Gegend hier sei nachts schöner. Also dachte ich mir, ich gehe mir das mal ansehen.”
“Wirklich? Da haben Sie die korrekte Information erhalten. Ich bevorzuge ebenfalls die späten Abendstunden, um etwas frische Luft zu schnappen und die Natur zu genießen.”
Eigentlich hätte Xiu gerne noch ein klein wenig Zeit gehabt, sich einen Plan zurechtzulegen, aber da sie jetzt sowieso schon in ein Gespräch verwickelt wurde, hilft wohl nur der Sprung ins kalte Wasser. Es ist ja nicht so, als hätte sie nie gelernt zu improvisieren und vielleicht erfährt sie etwas Nützliches dabei.
“Sind Sie hier aus der Gegend?”
“Durchaus. Und Sie sind neu, nicht wahr? Mir wäre aufgefallen, wenn ich Sie schon einmal gesehen hätte.”
“Ich bin hier, um für ein Reisemagazin einen Artikel über die Region zu verfassen.”
“Ah, eine Jounalistin? Was für eine selten glückliche Begegnung.”
“Richtig. Können Sie mir vielleicht ein bisschen etwas über Forgotten Hollow erzählen? Über die Natur? Die Leute?”
“Natürlich. Ich würde mich sehr über ein nettes Gespräch bei meinem abendlichen Spaziergang freuen. Wollen Sie mich nicht ein Stück weit begleiten?”
Kaum, dass der Fremde in Xius Nähe den Mund öffnet, stellen sich sämtliche Haare in ihrem Nacken auf. Andere Menschen können vielleicht leicht durch unterschwellige Magie oder sowas hinweg getäuscht werden, aber nicht sie. Sie bemerkt seine Zähne sofort. Verdammter Mist, der Kerl ist ein Vampir! Gut, dass sie daran gedacht hat, einen Pflock mitzunehmen.
Xiu hofft inständig, dass dieses Monster nicht merkt, wie ihre Hand in ihrer Tasche verschwindet. Ihre Nervosität scheint es leider zu riechen. Typisch.
“Nur keine falsche Schüchternheit. Ich beiße nicht. Fragen Sie mich ruhig, was Sie wollen.”
Ist das sein verdammter Ernst?! Es kostet Xiu einiges an Überwindung, nicht sofort dem Drang nachzugeben, das Ganze hier und jetzt zu beenden, aber das würde ihrer Sache nicht weiterhelfen. Sie ist doch hergekommen, um Informationen zu beschaffen!
“Keine Sorge, ich bin nicht schüchtern.”
“Das will ich hoffen. Als Journalistin täten Sie sich damit sicher keinen Gefallen. Also, was wollen Sie wissen?”
“Leben in dieser Gegend viele Menschen?”
“Nicht besonders, nein.”
“Dann sind Sie mit ihren Nachbarn doch sicher bestens bekannt, oder?”
“Das könnte man so sagen, ja. Ich kenne meine Nachbarn äußerst gut. Aber ich muss zugeben, dass ich mich hin und wieder auch ein wenig von ihrer Gesellschaft gelangweilt fühle. Nicht, weil meine Nachbarn langweilige Leute wären, aber wenn man sich schon so lange kennt, sehnt man sich hin und wieder nach etwas Neuem. Man will schließlich nicht immer dieselben Geschichten hören. Ich bin sicher, jemand wie Sie weiß genau, was ich meine.”
“Dann ist es doch bestimmt eine große Sache, wenn neue Leute in die Gegend kommen, oder nicht?”
“Aus eben diesem Grund sind Sie mir auch sofort aufgefallen. Es verschlägt kaum einmal einen Besucher hierher. Noch dazu eine so hübsche junge Frau wie Sie.”
Xiu muss den in ihr aufsteigenden Würgereiz unterdrücken. Versucht das Vieh gerade ernsthaft, mit ihr zu flirten?! Da mitzuspielen fällt ihr wesentlich schwerer als bei Amando damals.
“Hihi, nicht doch. Aber dann erinnern Sie sich doch sicher auch an andere Besuche von Fremden, oder? Lohnt es sich denn für Touristen, hierher zu kommen? War in letzter Zeit jemand hier?”
“Niemand, der mir so ins Auge gefallen wäre wie Sie. Aber….hm…doch, ich denke, ein klein wenig mehr Besucher könnte diese Gegend durchaus vertragen. Keine riesigen Touristenströme, aber als Geheimtipp würde sich unser Örtchen durchaus eignen. Ich würde mich jedenfalls sehr über ein paar neue Gesichter freuen.”
Und über frisches Blut. Natürlich spricht er das nicht aus, aber Xiu hört diese Worte trotzdem klar und deutlich. Was sie leider nicht hört, ist eine eindeutige Antwort auf ihre Frage. Aus dem bekommt sie so leicht wohl nichts Nützliches mehr heraus.
“Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen gerne ein paar der schönen Ecken hier in der Gegend.”
Und sobald sie an einem netten, abgelegenen Ort angekommen sind, saugt er sie aus. Natürlich. Auf diese Masche fällt Xiu nicht rein.
“Ein andermal vielleicht. Ich habe gerade leider keine Kamera dabei.”
“Nicht? Verfügt heutzutage denn nicht jedes Telefon über eine Kamera? Oder haben Sie das etwa auch nicht bei sich?”
Mist. Die Ausrede war wohl doch nicht so gut, wie sie sich erhofft hatte.
“Oh…..oh, ich Dummerchen! Sie habe natürlich Recht! Hihi, manchmal bin ich echt vergesslich.”
“Dann steht Ihnen doch nichts mehr im Weg, oder?”
“Leider doch. Ich fürchte, meine Zeit wird langsam knapp. Ich habe einen langen Weg nach Hause.”
“Und dabei ist die Sonne bereits untergegangen. Wollen Sie um diese Zeit wirklich alleine den Weg zurück wagen? Ich könnte Ihnen auch eine Übernachtungsmöglichkeit anbieten. Wäre das nicht eine schöne Gelegenheit, etwas erfahrener über den Besuch in unserem kleinen Dorf zu schreiben?”
“Hihi, danke, aber ich muss leider ablehnen. Ich schlafe am besten in meinem eigenen Bett.”
“Wenn Sie sicher in diesem ankommen. Ich weiß nicht, ob ich es als Gentleman verantworten kann, Sie ungeschützt den Gefahren der Nacht zu überlassen. Lassen Sie mich Sie wenigstens ein Stück weit begleiten.”
Die unterschwellige Drohung ist für Xius Ohren kaum zu überhören. Freiwillig lässt dieser Mistkerl sie garantiert nicht mehr gehen. Aber da hat er sich das falsche Opfer ausgesucht.
“Oh, keine Sorge…..ich kenne mich bestens mit den Gefahren der Nacht aus.”
“Aber dann sollten Sie doch wissen, dass-
Noch bevor der Blutsauger dazu kommt, seinen Satz zu beenden, zückt Xiu ihren Pflock.
“Dass ich in deiner Nähe um diese Uhrzeit als allerletztes bleiben sollte. Dass du niemanden beißt, kannst du übrigens deiner Oma erzählen! Stirb, Bestie!”
“Ah, daher weht also der Wind?”
“Bist du sicher, dass du das tun willst, meine Schöne?”
“Ich….ich…”
Verdammt. Was passiert hier? Bis eben war Xiu noch fest entschlossen, diesem Vampir den Garaus zu machen und jetzt kann sie sich plötzlich keinen Millimeter mehr bewegen.
“Warum senkst du nicht deine Waffe? Ich würde viel lieber auf Augenhöhe mit dir sprechen.”
Ohne einen weiteren Gedanken daran zu verwenden, was sie da gerade tut, lässt Xiu tatsächlich den Pflock fallen, an den sie sich wenige Sekunden zuvor noch geklammert hatte, als hinge ihr Leben davon ab.
Wieso bemerkt sie erst jetzt, wie attraktiv dieser Kerl ist? Sie kann kaum den Blick von ihm abwenden. Wie kann ein Mann nur so schön sein? …..halt! Stopp! Was denkt sie denn da?! Das ist ja widerlich!!
“Gut. Ich bevorzuge es, Konversationen in Abwesenheit spitzer Gegenstände zu führen. Einen Gesprächspartner ohne Waffe in der Hand empfinde ich als wesentlich angenehmer.”
“Dessen werden wir uns doch sicher einig, oder?”
“Ja…”
Xiu gibt dem Pflock auf dem Boden einen Tritt und befördert ihn einige Meter außerhalb ihrer Reichweite. Es ist, als bewege sich ihr Körper ganz von alleine. Aber das ist ihr in diesem Moment auch egal. Es ist gut, was sie getan hat. Ihr hinreißender Gesprächspartner hat vollkommen Recht. Wieso hatte sie das Ding überhaupt in der Hand? Damit schreckt sie ihn doch nur ab und im Augenblick ist das das absolut letzte, was sie will.
“Sehr schön. Willst du nicht noch ein wenig näher kommen?”
Und wie sie will. Noch bevor er seinen Satz beendet hat, ist sie bereits näher an ihn herangetreten.
Dieser Mann zieht sie an wie Feuer ein Insekt und ebenso egal ist ihr gerade auch, ob sie sich an ihm verbrennt. Selbst diese langen, spitzen Zähne wirken auf einmal eine wahnsinnige Faszination auf sie aus. Wieso hatte sie jemals Angst davor?
Jede Berührung ihres geliebten Fremden jagt angenehme Schauer durch ihren Körper. Der Gedanke daran, seine Fangzähne in ihrem Hals zu spüren, elektrisiert sie geradezu. Sie ist bereit, sich ihm mit jeder Faser ihres Seins vollkommen hinzugeben.
“Lass sie sofort los!”
Xiu hört kaum die Stimme des Dritten, der sich ihnen nähert. Und wieso nähert sich ihnen überhaupt jemand? Hoffentlich geht er schnell wieder. Sie will alleine mit ihrer wundervollen neuen Bekanntschaft sein.
“Ich warne dich! Ich hab einen Pflock dabei und ich bin bereit, ihn zu benutzen!”
“Kchhh!”
Xiu spürt, wie sich die herrliche Umarmung löst, in der sie sich bis eben noch befunden hat. Dafür bekommt sie kaum mit, wie sie zu Boden geht.
“Nein, geh nicht! Bleib bitte hier!”
Egal, wie sehr sie bettelt und fleht, dass er bei ihr bleiben soll, der schöne Fremde verschwindet in der Nacht und taucht auch nicht wieder auf. Dafür ist plötzlich jemand anderes bei ihr.
“Frau Liu, ist alles in Ordnung?”
“Huh?”
Erst jetzt wird Xiu so langsam bewusst, woher sie die Stimme kannte.
“Jeroen?”
“Können Sie aufstehen?”
“Wir sollten schnell von hier verschwinden.”
Es dauert einen Moment, bis Xiu bewusst wird, dass sie wieder die Kontrolle über ihren eigenen Körper besitzt und aufstehen kann. Einen Moment später wird ihr bewusst, dass sie besagte Kontrolle kurz zuvor nicht hatte und sie klappt vor Übelkeit fast wieder zusammen. Was auch immer da gerade passiert ist, jagt ihr genug Angst ein, um ihren Fluchtinstinkt zu wecken. Jeroen hat Recht, sie sollten von hier verschwinden. Sofort.
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