Kapitel 94: Der nächste Schritt

 

 



So viel zum Thema Ahnenforschung. Es war ja schon ein Wunder, dass Jeroen es überhaupt geschafft hat, seine Wurzeln bis nach Forgotten Hollow zu verfolgen, aber weit ist er dort nicht gerade gekommen.



Irgendwie war er zu genau dem falschen und gleichzeitig dem richtigen Moment dort. Über sich selbst und seine Vorfahren hat er praktisch nichts weiter herausgefunden, dafür konnte er Frau Liu retten. Was genau die dort gesucht hat, hat er aber auch noch nicht so wirklich verstanden.



Nachdem er sie nach Hause gebracht hat, war sie nicht mehr wirklich in der Lage, viel mit ihm zu reden. Vielleicht wollte sie auch nicht. Und seitdem hatte er keinen Kontakt mehr zu ihr.



Herr Rosales meinte, sie brauche ihre Ruhe, um das alles zu verarbeiten. Das versteht Jeroen natürlich. Sie hat bestimmt Albträume, so wie er nach seiner ersten Jagd. Vielleicht ist es ja doch gar nicht so normal, dass man mit der Zeit abgehärtet wird dagegen. Vielleicht ist Herr Rosales eher die Ausnahme. Ob er selbst es jemals so weit bringt?



Auf jeden Fall sollte er irgendwie schaffen, offiziell dieser Gilde beitreten. Damit hat er vermutlich die besten Chancen. Er ist schon wirklich dankbar für seine Mentoren, aber wenn er sich eigenständig weiterentwickeln will, braucht er dringend den Austausch mit anderen Vampirjägern und ihren Erfahrungen.



Das Buch, das er von Frau Liu bekommen hat, hat er mittlerweile schon auswendig gelernt. Das kann aber bestimmt noch nicht alles sein. Jedenfalls stand darin nichts, was die Situation erklären könnte, in der er seine Ausbilderin in Forgotten Hollow angetroffen hat. Was auch immer da vor sich ging, mit den Grundlagen der Vampirjagd hatte das nichts mehr zu tun.



Zwischendurch versucht er noch hin und wieder, im Internet mehr Informationen zu bekommen, aber das stellt sich schnell als ziemliche Pleite heraus. Zumindest, wenn man irgendwelche verlässlichen Informationen will.



Alles, was er dort findet, ist entweder Fiktion in Form von Romanen oder Verschwörungstheorien. Dabei hören sich manche der Seiten im ersten Moment sogar ganz vernünftig an. Immerhin ist es nicht unwahrscheinlich, dass irgendein Normalbürger mal eine Begegnung mit einem Blutsauger hatte und sich noch daran erinnert.



Leider wurden die meisten dieser vermeintlichen Opfer angeblich auch irgendwann mal von Aliens entführt und spätestens ab diesem Zeitpunkt kann Jeroen davon ausgehen, dass diese Leute sich im besten Fall nur wichtig machen wollen oder im schlimmsten einen an der Waffel haben.



Jeroen weiß nur nicht so recht, wie er an seine Mentoren herantreten soll, um sie um Hilfe zu bitten. Einfach an ihre Wohnungstür zu klopfen traut er sich nicht. Nicht nach dem, was passiert ist. Sonst erschreckt sich Frau Liu am Ende noch so sehr, dass sie einen Herzinfarkt bekommt oder so.



Wie es der Zufall so will, begegnet Jeroen Herren Rosales ein paar Tage nach dem Vorfall aber vor seiner Wohnung, als er nur mal kurz den Müll rausbringen will. Eine perfekte Gelegenheit, um ihn mal vorsichtig auf die Sache anzusprechen.



“Guten Morgen, Herr Rosales.”

“Hm.”

Würde Jeroen seinen Nachbarn nicht schon so gut kennen, würde er diese Antwort definitiv als Abfuhr bewerten. Inzwischen weiß er aber, dass er einfach nur wortkarg ist.



“Wie geht es Frau Liu?”

Herr Rosales schüttelt den Kopf. Keine Antwort ist in diesem Fall wohl leider auch eine Antwort.

“Kann ich irgendwie helfen?”

Diesmal zögert sein Mentor einen Moment, schließlich schüttelt er aber erneut den Kopf. Einen Versuch war es trotzdem wert.



“Ich wünschte, ich könnte irgendwas machen…”



“Du hast genug getan.”

“Ich hab doch nur-”

“Nicht “nur”. Du hast einen Vampir alleine in die Flucht geschlagen. Das war mutig.”

Hört Jeroen da etwa so etwas wie Stolz in der Stimme seines Mentors?



“Ja, naja, schon, aber-”

“Mutig und sehr, sehr dumm.”

Wohl doch nicht.



“Aber du hast sie gerettet.”



“Durch Zufall. Ich schwöre, ich habe nicht versucht, alleine auf die Jagd zu gehen! Ich weiß, dass ich das nie ohne Partner machen sollte.”

“Warum warst du dort?”



So wirklich will Jeroen nicht darauf antworten. Nicht wahrheitsgemäß zumindest. Wenn Herr Rosales wüsste, dass er dort nach seiner Verwandtschaft gesucht hat, würde er vermutlich bestenfalls komplett den Kontakt zu ihm abbrechen und schlimmstenfalls…daran will Jeroen gar nicht denken.

“Ich hatte was über den Ort gelesen und hatte so einen Verdacht, dass ich da ein paar interessante Informationen herbekommen könnte. Ich wusste nicht, dass ich dort direkt einem Vampir begegne.”



“Informationen?”

“Ja. So wie die aus dem Buch, das Sie mir gegeben haben. Im Internet findet man leider keine verlässlichen Quellen, also dachte ich, ich geh selbst nachsehen.”

“Hmm…”



“Es wäre sicher gesünder, wenn ich diese Informationen aus weiterer Fachliteratur oder direkt von Kollegen beziehen könnte….aber….ahem…”



Herr Rosales seufzt tief. Diesen Wink mit dem Zaunpfahl hat er offensichtlich verstanden.

“Es ist wohl an der Zeit…”



“...mir endlich das Hauptquartier zu zeigen?”



Die kurze Pause lässt Jeroen schon daran zweifeln, dass Herr Rosales tatsächlich meint, was er sich wünscht, aber schließlich bestätigt er es mit einem weiteren Nicken.

“Ja. Du hast genug alleine gelernt.”



Obwohl Jeroen mit dieser Antwort gerechnet oder zumindest darauf gehofft hat, kann er es selbst kaum glauben, als er sie bekommt. Er malt sich schon so lange aus, wie dieses Hauptquartier wohl aussehen muss. Zumindest, seit er das erste Mal davon gehört hat. Dort gibt es garantiert eine riesige Bibliothek, ein eigenes Stockwerk nur für Training und Räume zur Weiterbildung und eine Cafeteria voller erfahrener Jäger, die er um Rat bitten kann. Oder stellt er sich da wieder zu viel vor? Vielleicht sollte er seine Erwartungen lieber ein bisschen zügeln.

“Endlich! Ich meine….danke!”



“Schon gut. Der Chef will dich sowieso kennenlernen.”

“Äh….will er?”

“Er zahlt deine Ausbildung.”

“Ach ja….da war ja was…”

“Und deine Wohnung."



“Dann sollte ich wohl ganz besonders dankbar sein.”

“Zeige ihm dein Potenzial.”

“Ich werde Sie nicht enttäuschen! Und den Chef hoffentlich auch nicht…”



Diesmal erntet Jeroen tatsächlich so etwas wie ein Lächeln von seinem Lehrmeister. Herr Rosales sagt es ihm zwar praktisch nie direkt, aber Jeroen hat schon das Gefühl, dass er ihn irgendwie als Schüler mag. Zumindest kümmert er sich echt gut um ihn, soweit Jeroen das beurteilen kann.

“Da bin ich sicher.”



“Wann….äh….wann können wir denn gehen? ….also nicht, dass ich denke, dass wir jetzt gehen! Oder heute. Oder diese Woche…..”



“Geduld. Ich gebe dir Bescheid.”

“Ja, natürlich. Erst mal muss Frau Liu sich ja ein bisschen erholen.”

“Ich werde mit ihr reden.”



“Sagen Sie ihr von mir gute Besserung. Oder was auch immer man in so einer Situation sagt…auf jeden Fall denke ich an sie und hoffe, dass sie sich bald erholt.”

“Ich richte es ihr aus.”



Nachdem Jeroen sich von seinem Mentor verabschiedet hat, explodiert er regelrecht vor einer Mischung aus Gefühlen. Einerseits ist da diese freudige Aufregung durch die Aussicht darauf, dass er endlich andere Vampirjäger kennenlernt, andererseits macht ihn genau der gleiche Umstand aber auch irgendwie verdammt nervös. Wirklich was geleistet hat er bisher ja noch nicht. Aber zumindest gibt er sich Mühe und das zählt doch auch irgendwie, oder? Es ist schließlich noch kein perfekter Jäger vom Himmel gefallen. Selbst Herr Rosales hatte anfangs so seine Schwierigkeiten, das hat er ja selbst zugegeben!



Auf jeden Fall wird ihn die ganze Aktion beruflich weiterbringen, da ist Jeroen sich sicher. Genauso sicher wie er mittlerweile darin ist, dass das genau der richtige Weg für ihn ist.



Anfangs hatte er ja noch so seine Zweifel an der Sache, aber die Informationen und Ereignisse in letzter Zeit bestätigen ihn immer öfter. Mittlerweile fühlt es sich fast schon seltsam an daran zurückzudenken, wie blind er bisher durchs Leben gegangen ist. Wie wenig Ahnung er hatte von dem, was da draußen wirklich vor sich geht. Und dabei ist es ja nicht mal so, dass er nicht gewusst hätte, was Vampire sind. Jedes Kind weiß das. Aber so gut wie jedes Kind lernt auch fälschlicherweise, dass das alles Märchen sind und sie keine Angst davor haben müssen. Eine komplette Lüge. Esseidenn natürlich, jemand sorgt dafür, dass sie wirklich sicher sind und nie mit der Wahrheit konfrontiert werden. So langsam versteht Jeroen den Sinn dahinter und je länger er darüber nachdenkt, desto mehr bestätigt ihn das in seinem Wunsch, dass genau er dieser Jemand sein will.



Nur diese Sache mit der Ahnenforschung wird er vorerst wohl zurückstellen müssen. So schnell geht er sicher nicht wieder nach Forgotten Hollow.

 

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