Endlich wieder in seiner eigenen Küche zu stehen tut verdammt gut, ist aber auch ein richtig merkwürdiges Gefühl. Bis vor ein paar Tagen hätte er sich noch kaum träumen lassen, hierher zurückzukommen.
Nachdem sein Training in den letzten Wochen dank Glimmerstein aber rasante Fortschritte gemacht hat, war es irgendwann nur noch eine Frage der Zeit.
Laetitia war fast schon traurig, dass er geht.
“Du weißt, du kannst immer hierher zurückkehren.”
“Klar. Bin ich dir auch echt dankbar dafür. Für alles.”
“Ach Narciso, dafür sind große Schwestern doch da.”
“Ist trotzdem keine Selbstverständlichkeit.”
“Und du hast alles dabei?”
“Natürlich. Inklusive Meisterin Killerküken.”
“Gut. Ohne deinen Begleiter solltest du nirgendwo mehr hingehen.”
“Pass auf dich auf.”
“Mach ich. Und wenn mir nochmal jemand dumm kommt, mach ich dem einfach Feuer unterm Hintern.”
Und dann ist er tatsächlich gegangen. Zurück nach Forgotten Hollow, zu seinem Opa, zu der Krypta, zu seiner Bruchbude und zu seiner geliebten Gammelküche.
Das alte Ding hat er echt vermisst, auch wenn der Kühlschrank immer noch ausgefallen ist und der Rest seiner Vorräte inzwischen von Mäusen gefressen wurde. Aber um die kann sich jetzt ja Carlotta kümmern.
“Du frisst doch Mäuse, oder?”
“Seh ich aus wie ne Katze? An denen ist doch nichts dran.”
“Nicht du.”
Eigentlich hatte Narciso mit einer Antwort aus seiner Hosentasche gerechnet, stattdessen kommt sie vom Küchentisch. Daran, dass er seit gestern Abend Besuch hat, muss er sich erst noch gewöhnen. Er sollte in der Zeit aufhören, mit Carlotta zu reden. Zumindest laut.
“Sorry. Ich hab mit meinem Huhn geredet. Macht der Gewohnheit.”
“Du bist n verdammt schräger Vogel, weißt du das?”
“Ich doch nicht. Aber mein Huhn…”
“Ist das ein Geisterhuhn? Ich seh gar keins.”
“Ist in meiner Hosentasche. Aber erzähl niemandem davon. Das ist meine Geheimwaffe.”
“Äh…klar. Ich halt die Klappe.”
Vielleicht hätte er das lieber nicht erwähnen sollen. Egal, jetzt ist es sowieso zu spät.
“Hehe…schräger Vogel, den muss ich mir merken!”
Alleine schon, sich darauf einen Kommentar zu verkneifen, fällt Narciso verdammt schwer, aber er bleibt stark. Stattdessen serviert er seinem Gast, woran er gearbeitet hat.
“Hier, bitte. Ist nicht viel, aber ich hab leider nur das da, was ich frisch aus dem Garten ernten konnte.”
“Ist das…Obst?”
“Plasmafrucht. Sehr vielseitig einsetzbar und schmeckt gar nicht mal so schlecht, wenn man sich an den süßlichen Beigeschmack erst mal gewöhnt hat. Habt ihr die bei euch zuhause nicht?”
“Nein…aber ich hab davon gehört.”
Sein Gast wirkt skeptisch. Angewidert fast schon. Klar. Wäre Narciso vermutlich auch, wenn er mit dem Zeug nicht aufgewachsen wäre. Selbst hier in Forgotten Hollow, wo die Plasmafrüchte wortwörtlich an den Bäumen wachsen, lehnen sie noch genug Vampire ab. Aber irgendwann, wenn er endlich sein eigenes Restaurant hat, bringt er denen auch noch die Vorzüge von dieser lila Wunderfrucht nahe.
“Versuch es einfach, du wirst schon nicht dran sterben. Ich bin inzwischen ziemlich gut darin geworden, die Dinger zuzubereiten.”
“Mhm…”
Begeisterung sieht definitiv anders aus, aber Narciso kann das Magenknurren seines Gastes nicht überhören. Er selbst wohl auch nicht. Irgendwann nimmt er zögerlich ein Stück. Und dann noch eins. Und noch eins.
“Hmm…hey, das ist gar nicht so übel! Merkwürdig, aber wesentlich besser, als ich erwartet hatte.”
“Sag ich doch.”
“Hör mal…Danke für den Unterschlupf. War echt nett von dir, mich hierher einzuladen.”
“Kein Ding. Ich hab hier ja genug Platz. Ich hoffe nur, dich stört das undichte Dach nicht. Ich bin immer noch nicht dazu gekommen, das zu reparieren…”
“Geht schon. Es ist besser als die Krypta. Hier fühle ich mich wesentlich besser versteckt.”
“Bisschen paradox, irgendwie.”
“Wieso?”
“Naja, ich bin ja extra aus dem Haus hier abgehauen, weil ich mich nicht sicher gefühlt hab.”
“Aber jetzt bist du wieder zurück.”
“Ja. Ich meine, bei meiner Schwester war es auch nett, aber ich hab die Bude hier echt vermisst. Geht eben doch nix über die eigenen vier Wände.”
“Und da stört es dich nicht, wenn ich auch noch hier bin?”
“Quatsch. Ich hab dich doch eingeladen. Nach meiner Zeit im Exil bin ich es schon gar nicht mehr gewohnt, alleine zu leben.”
“Das kann ich nachvollziehen. Ich war ehrlich gesagt nur selten irgendwo ohne meinen Bruder.”
“Das ist echt übel. Also was mit dem passiert ist, mein ich.”
“Weißt du, ich hab selbst nen Bruder. Er ist ein Idiot, den man ständig vor sich selbst retten muss, aber tauschen würde ich den um nichts in der Welt.”
“Geht mir genauso…"
Was Franco, wie sein Gast sich nennt, Narciso bei ihrer ersten Begegnung erzählt hat, ist schon verdammt hart. So hart, dass er gar nicht anders konnte, als mit ihm zu sympathisieren. Wenn Amando entführt worden wäre, würde er vermutlich auch alles daran legen, ihn da rauszuholen.
Eigentlich wollte er ja nur kurz in der Krypta vorbeischauen, um Roxane Bescheid zu geben, dass er wieder hier ist. Statt ihr hat er aber diesen bis dahin Fremden angetroffen. Es muss viel passiert sein, seit er in Forgotten Hollow war. Vampire von so weit außerhalb trifft man hier nur selten.
“Sag mal, wo genau kommst du nochmal her?”
“Tartosa.”
“Heh! Wie mein Papa. Vielleicht hast du den ja sogar gekannt.”
“War er ein Vampir?”
“Nee. Magier.”
“Dann wohl eher nicht. Ich wusste nicht mal, dass es in Tartosa Magier gibt…”
“In Forgotten Hollow auch. Wenn auch nur den einen.”
“Im Ernst?”
“Er sitzt dir gegenüber.”
“Verarsch mich nicht! Ich dachte, du bist Vampir?”
“Ich bin beides.”
“Sowas geht?”
“Offenbar. Ist aber wohl verdammt selten.”
Franco stutzt. Er wirkt, als würden sich in seinem Kopf ein paar Zahnräder beginnen zu drehen.
“Du….kannst also zaubern, ja?”
“Ja. Hauptsächlich Feuer, aber das hat mir auch schon ordentlich den Arsch gerettet…..nachdem ich denselben ein paar mal aus Versehen selbst angezündet hab.”
“Deshalb bin ich auch wieder hierher zurück. Ich fühl mich sicher genug darin, mich selbst verteidigen zu können, falls nochmal irgendjemand meint, sich mit mir anlegen zu müssen.”
“Das klingt….verdammt praktisch. Hmm…..vielleicht kannst du mir ja noch weiter helfen…”
“Mit deinem Bruder?”
“Genau. Ich hab mich schon seit einer Weile hier umgehört, aber Hilfe zu finden gestaltet sich als verdammt schwer. Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet hier so viele Feiglinge leben.”
"Ich hatte auch schon Kontakt mit dem ansässigen Meister, aber auch der wollte mir nicht helfen!"
Mit dem ansässigen Meister? Meint der Kerl etwa den alten Straud oder…
"Opa?"
"Was? Komm schon, so alt bin ich jetzt auch wieder nicht!"
"Sorry, so hab ich das nicht gemeint. Aber mein Opa ist ein Meistervampir und wohnt hier in Forgotten Hollow."
"So ein aufgeplusterter Lackaffe, der aussieht, als hätte er seine Klamotten aus dem Museum geklaut?"
"Heh! Genau der."
"Der ist dein Großvater?! Wow…hätte ich nicht erwartet."
“Wieso? Weil ich im Gegensatz zu ihm nicht in der Vergangenheit lebe?”
“Nein, weil du im Gegensatz zu ihm keine Sekunde gezögert hast, mir zu helfen.”
“Wenn du dich dafür ein bisschen für ihn ausgezogen hättest, hätte er dir wahrscheinlich auch gleich geholfen.”
“Was zur Hölle…?!”
Narciso zuckt mit den Schultern, lacht dabei aber.
“Sorry. Ist leider die Wahrheit. So ist Opa eben. Aber keine Angst, bei mir kannst du ruhig deine Klamotten anbehalten. Wäre mir sogar lieber.”
“Ist auch besser so…”
Franco schüttelt sich. Vielleicht hätte Narciso das besser nicht erwähnt. Na, ist jetzt ja auch egal.
“Also…ich würde dir schon helfen, aber hast du eine Ahnung, wie konkret?”
“Ist das dein Ernst? Du kannst zaubern! Sei mal ein bisschen kreativ!”
“Deinen Bruder einfach hierher teleportieren kann ich aber nicht, falls du das denkst.”
“Hatte ich auch nicht erwartet. Aber du könntest definitiv helfen, mir den Weg zu ihm freizuräumen.”
“Mit Feuer, oder…?”
“Kannst du mich unsichtbar machen oder so?”
Narciso zuckt mit den Schultern. Das ist eine verdammt gute Frage. In letzter Zeit konnte er so einiges, was er vorher selbst nicht wusste, aber das hat er auch noch nicht ausprobiert. Sollte er vielleicht mal. Damit würden sich einige neue Möglichkeiten eröffnen.
“Keine Ahnung. Muss ich mal testen.”
“Aber nicht gleich an mir, ja? Versuch es lieber an einem von deinen Obstdingern da.”
“Nee, schon klar. Erstmal muss ich sowieso darüber nachdenken, wie ich das anstellen will. Und falls das nicht klappt, was wir sonst machen wollen.”
“Lass dir ruhig Zeit. Nur…äh…nicht zu viel Zeit, okay?”
“Klar. Aber mindestens einen Tag drüber schlafen lassen musst du mich schon. Die Sonne geht sowieso bald auf.”
“Dann hau ich mich am besten auch mal aufs Ohr.”
“Falls es regnet und das Dach wieder zu tropfen anfängt, ruf mich einfach.”
Dass er so schnell wieder in so eine Geschichte reingerät, kaum, dass er wieder zuhause ist, hätte Narciso auch nicht gedacht. Diesmal macht ihn das Ganze aber gar nicht nervös. Im Gegenteil. Irgendwie juckt es ihn fast schon in den Fingern, sich aktiv mit diesen verdammten Jägern anzulegen. So ein kleines bisschen Rache schadet bestimmt nicht. Vor allem, wenn er denen ein für allemal klar machen kann, dass es ein riesen Fehler ist, sich mit ihm anzulegen. Und dass er dabei sogar jemandem hilft, ist das Sahnehäubchen. Vorausgesetzt natürlich, das klappt alles so, wie er sich das vorstellt…
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