Kapitel 91: Unruhige Zeiten

 

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Lucias zunehmende Unruhe über die aktuelle Situation treibt sie Nacht für Nacht länger dazu, im Haus umherzuwandern. Während sie sich anfangs noch nächtelang in ihren Sarg einschloss, scheint sie jetzt nicht einmal des Tags mehr Ruhe zu finden.



Evans zahlreichen Versuche, sie abzulenken oder zu beruhigen, sind allesamt zum Scheitern verurteilt. Stattdessen haben ihre morgendlichen Konversationen nur zur Folge, dass selbst er irgendwann seine innere Ausgeglichenheit bedroht fühlt.



Natürlich war Lucia noch nie ruhig, zumindest nicht, seit Evan sie kennt. Ihrer Vorgeschichte nach zur Folge ist das natürlich kein Wunder. Eine gewisse Berechtigung hat das Ganze also, aber seit dieser Franco in der Gegend aufgetaucht ist, steigt ihre Gereiztheit geradezu ins Unermessliche. Das kann so nicht weitergehen. Nicht, wenn Evan plant, weder seinen Verstand noch seinen Kopf zu verlieren.



Zuletzt fällt ihm nur noch eine Lösung ein, die womöglich zumindest die Chance besitzt, ihn irgendwie aus diesem Dilemma zu befreien. Er muss noch einmal mit dem Ursprung ihrer Unruhe reden. Alleine.



Es bleibt ihm also nichts übrig, als ein weiterer Gang in die Krypta, in einem Moment, in dem Lucia seine Abwesenheit nicht bemerkt. Sonst bezichtigt sie ihn am Ende noch, mit Franco unter einer Decke zu stecken.



Zu seinem Glück steht seine alte Lieblingsinformationsquelle in ihrer Nische hinter der Bar.

“Ah, Roxane, du Lichtblick im Labyrinth meiner Verzweiflung! Du bist wahrhaftig der schönste Anblick, den meine müden Augen sich dieser Nächte wünschen können."

“Noch ein Wort, Evan, und ich stell sicher, dass du dir so oft auf die Zunge beißt, dass du mich für mindestens drei Jahre nicht mehr vollquatschen kannst.”



“Aber nicht doch! Ich bin nur hier, um dir eine kleine Frage zu stellen.”

“Die Antwort lautet nach wie vor “nein”.”



“Er ist nicht hier?”

“Hä?”

“Franco. Unser Gast.”

“Ach darum geht's…"



“Wenn du wissen willst, ob er sich der Krypta aufhält, bleibt die Antwort trotzdem gleich. Tut er nicht. Schon seit ner ganzen Weile nicht mehr.”



Das war nicht die Antwort, die Evan hören wollte. Nicht nur, dass diese Neuigkeiten Lucias Sorgen nicht gerade beruhigen werden, auch ihn selbst lässt diese Aussicht ein klein wenig nervös werden.

“Hat er denn erwähnt, wohin er wollte?”

“Nö.”

“Er ist einfach gegangen?”



“Verschwunden trifft’s eher. Ich bin ja nicht vierundzwanzig sieben hier. Als ich vor ein paar Tagen nach ner wohlverdienten Pause mal wieder hier angekommen bin, um mich um die Bar zu kümmern, war er weg. Seine Sachen auch. Ich geh nicht davon aus, dass er so schnell wieder kommt, wenn überhaupt.”



Wäre die Situation eine andere, wäre Evan wohl froh über diese Wendung. Schließlich handelt es sich hierbei um ein Problem, das sich offenbar von alleine in Luft aufgelöst hat. Auf den ersten Blick zumindest. Leider beschleicht ihn das Gefühl, dass die plötzliche Abwesenheit des fremden Vampirs nur zu noch größeren Problemen führen könnte und das nicht nur, weil er sich jetzt einen Weg überlegen muss, Lucia das Ganze möglichst schonend beizubringen. Nicht, dass sie Franco nicht gerne los wäre, aber die Umstände seines Verschwindens sind wohl kaum die, die sie sich erhofft hätte.

“Ich danke dir für deine Auskunft.”



Nun ist es also wieder einmal an der Zeit, den Drachen zu besänftigen. Leider ist Evan sich sehr sicher, dass es diesmal nicht so leicht sein wird wie damals, als sie ihn in einem intimen Moment mit Orion erwischt hat. Ein Problem, welches sich im Nachhinein als gar keines herausgestellt hat. Diesmal muss er wesentlich vorsichtiger an die Sache herangehen.



Wie so oft in letzter Zeit, findet er Lucia im Haus umherwandern. Diesmal ist sie nicht alleine. Wie auch er selbst, ist Orion seit Tagen bemüht, sie zu beruhigen. Leicht fällt ihm das nicht, schließlich teilt er seine Vorgeschichte in großen Stücken mit Lucia, wenigstens aus der Sicht eines Außenseiters wie Evan. Zunächst erweckte er sogar den Eindruck, Francos Besuch hätte ihn weit mehr mitgenommen hat, als seine Meisterin. Während er sich jedoch erstaunlich schnell davon erholt hat, mit kleineren Ausnahmemomenten zumindest, steigert Lucia sich zunehmend in ihren hoffentlich unberechtigten Verfolgungswahn.



“Lucia, meine Liebste. Hast du einen Moment Zeit für mich?”

“Wenn du wieder versuchst, mir etwas zu Trinken anzudrehen, dann nein. Ich habe es satt, altes Blut zu mir zu nehmen. Ich kann fühlen, wie dieses Zeug mir nach und nach die Kräfte raubt!”



“Das bildest du dir ein. Ich kann bestens nachvollziehen, dass frisches Blut dir besser bekommt, aber du musst einsehen, dass ich dir das aktuell leider nicht bieten kann.”

“Nicht einmal per Post? Du besitzt doch ein Internetfähiges Telefon, warum bestellst du nicht etwas?”

“Weil ich ziemlich sicher bin, dass die Poststelle noch den letzten Lieferanten vermisst. Du solltest wirklich lernen, dich zurückzuhalten. Wenn so etwas öfter vorkommt, würde es mich nicht wundern, wenn sie demnächst jemanden vorbeischicken, um der Sache nachzugehen.”



“Hrmpf….”

Lucias Ton zufolge ist sie zwar unzufrieden, sieht aber zumindest Evans Argument ein. Dass jemand nach ihr sucht und sie findet, ist im Moment das Letzte, was sie will.

“Ich verstehe, dass du ausgehungert sein musst. Das würde nicht passieren, wenn du hin und wieder eine Kleinigkeit aus meinem Vorrat trinken würdest. Auch wenn du dir einbildest, dadurch schwächer zu werden. Du kannst nicht erwarten, dass deine Kräfte bei völliger Nahrungsverweigerung zurückkehren.”

“Hrrrrrmpf!”

Dass Lucia nie die größte Liebhaberin abgefüllten Blutes war, versteht Evan ja. Vermutlich ist das niemand. Aber wenigstens hat sie sich daran gewöhnt, bis sie begonnen hat, sich in ihrer zunehmenden Paranoia einzureden, dass sie sich damit selbst vergiften würde.



Das einzig Positive an dieser furchtbar sinnlosen Debatte ist wohl, dass sie ihm eine einigermaßen sanfte Überleitung zu dem Thema gibt, über das er eigentlichmit ihr reden wollte.

“Ich kann mich daran erinnern, dass du Roxanes Cocktails sehr gerne getrunken hast. Wie wäre es, wenn du ihr einen Besuch abstattest und sie darum bittest, dir etwas zuzubereiten?”

“Nur über meine Leiche! Solange diese kleine Ratte sich bei ihr eingenistet hat, betrete ich diesen Keller nicht einmal mehr mit der Zehenspitze.”

“Ah…..da habe ich tatsächlich gute Neuigkeiten für dich! Franco ist nicht mehr dort.”



Mit einem Schlag scheint Lucia in höchster Alarmbereitschaft.

“Wo ist er hin?”

“Das konnte Roxane mir leider nicht sagen….”

Evan kann förmlich sehen, wie die Puzzlestücke in ihrem Kopf beginnen, sich zu einem schrecklichen Bild zusammenzusetzen. Zu einem Bild, das er selbst vor einiger Zeit in ihrem Kopf gemalt hat.



Kaum, dass dieses vollendet ist, wendet sie sich von ihm ab und ihrem Schützling zu.

“Orion, gehe deine Sachen packen, wir verschwinden von hier.”



Wider der Erwartungen aller Anwesenden, leistet Orion dieses eine Mal aber nicht sofort der Anweisung seiner Meisterin Folge. Stattdessen stellt er sich ihr entgegen.

“Nein.”



“Entschuldige bitte, ich habe dich gerade nicht richtig gehört. Wie war das?”

“Nein.”

“Nein?”

“Ich will nicht gehen. Ich fühle mich sicher hier, bei Evan.”



Diese Information ist selbst für Evan neu. Er weiß nur nicht, ob sie in diesem Moment so angebracht ist. Normalerweise würde er sich darüber selbstverständlich freuen, aber Lucia war bereits beim ersten Nein schon anzusehen, wie sehr sie dieses Wort verabscheut.

“Orion…ich glaube, wir haben uns nicht richtig verstanden…”

Je ruhiger und nahbarer Lucia versucht, mit ihrem Schützling zu sprechen, desto lauter schwingt die unterschwellige Drohung in ihren Worten. Wäre Evan sich nicht so sicher in seinen Fähigkeiten, die Klauen dieser Frau seiner Kehle fernhalten zu können, bekäme selbst er es mit der Angst zu tun.



Orion dagegen scheint heute von einer ungewohnten Sicherheit beseelt zu sein.

“Doch, haben wir. Wenn du gehen willst, dann geh. Aber ich bleibe hier.”

“So ist das also. All das, was ich für dich getan habe, all die Jahre, in denen ich mich um dich gekümmert habe, sind dir weniger wert als die Möglichkeit, gelegentlich das Bett mit diesem Kaltblut schlabbernden Verräter zu teilen?”



“Ich muss doch sehr bitten.”

“Hrmpf! 



“Orion…hast du dir das auch gut überlegt?”

“Ja. Schon lange. Und ich bin mir sehr sicher.”

“Und du wärst nicht umzustimmen?”

“Nein. Ich will nicht ständig fliehen und mich verstecken. Ich will endlich wieder leben und mir gefällt es hier. Ich habe ja sogar einen Garten!”



“Nun….du hast ihn gehört.”



Lucias Fassungslosigkeit über die ganze Situation steht ihr ins Gesicht geschrieben und weicht erst, als Zorn sie ersetzt. Zorn, der sich, wie ihr Blick, auf Evan richtet.

“So ist das also. Ich bitte dich um Hilfe, die du mir nicht geben willst und stattdessen stiehlst du mir das letzte bisschen meiner Heimat, das mir noch geblieben ist. War das von Anfang an dein Plan?!”



“Lucia, ich bitte dich. Beruhige dich. Weder Orion noch ich möchten dir etwas wegnehmen. Ganz im Gegenteil. Auch ich halte es für unvernünftig, ohne Ziel unseren Zufluchtsort zu verlassen. Ich kann verstehen, dass Orion lieber hier bleiben möchte und ich lade dich herzlich dazu ein, dasselbe zu tun.”



“Du willst dich also weiter hier verschanzen, bis Vampirjäger dein Haus umstellt haben und wir in der Falle sitzen?!”

“Nicht doch. Ich denke nur, du überreagierst ein wenig.”

“Ich überreagiere?! Wenn du durchgemacht hättest, was uns widerfahren ist, säßest du nicht so hoch auf deinem Ross.”



“Ich verstehe, dass du Angst hast. Ich möchte sie dir auch nicht absprechen oder kleinreden. Ich will nur nichts überstürzen. Wir wissen doch noch nicht einmal, was mit Franco geschehen ist. Ist es nicht gut möglich, dass er aus eigenen Stücken weitergezogen ist?”



“Genau das befürchte ich ja. Er weiß, dass wir hier sind und ich gehe davon aus, dass er uns verkauft. Da wir ihm nicht sofort geholfen haben, wird er das Wissen um meinen Aufenthaltsort mit Sicherheit gegen seinen Bruder tauschen wollen.”

So gerne Evan ein Argument gegen diese Theorie hätte, ihm ist sehr wohl bewusst, dass er selbst derjenige war, der sie zuerst aufgestellt hat. Auch wenn er mittlerweile Zweifel an ihr hegt. Franco machte auf ihn eher den Eindruck, als wolle er Kontakt zu Vampirjägern meiden, egal in welcher Form. Ausschließen kann er Lucias Befürchtung aber auch nicht vollkommen, schließlich kann auch er sich täuschen.



“Ich verstehe.”

“Ach?”

“Nein, wirklich. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr kann ich deine Aufgebrachtheit nachvollziehen, es ist nur….wohin willst du fliehen?”



“Das weiß ich nicht. Weg von hier. Weit weg.”

“Und wo willst du bleiben? Wäre es nicht vernünftiger, wir würden das alles nicht so überstürzen und lieber in Ruhe überlegen, wie wir weiter vorgehen? Sollte wirklich das Schlimmste eintreten, will ich eine Flucht als Möglichkeit nicht vollkommen ausschließen, aber auch diese sollte geplant sein. Es wäre keinem von uns geholfen, wenn du am Ende vom Sonnenaufgang überrascht wirst und dich ohne einen Unterschlupf im Niemandsland wieder fändest."



“Bis dahin sollten wir hier bleiben. Auch wenn du dich im Augenblick unsicher fühlen magst, Forgotten Hollow ist nicht umsonst schon seit Jahrhunderten ein sicherer Zufluchtsort für Vampire.”



“Und falls sich in der Zwischenzeit doch ein einzelner Jäger hierher verirren sollte, verspreche ich dir, dass ich mich darum kümmern werde. Bislang bin ich noch keinem begegnet, der mir und meinem Charme gewachsen wäre.”



“Deine Arroganz wird eines Tages noch dein Tod sein, Evan Vectura.”

 

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