“Ich bin wieder da.”
Als Xiu die Wohnung betritt, wartet ihr Partner bereits im Wohnzimmer auf sie. Normalerweise geht er zu dieser Zeit sonst seiner Arbeit nach, aber Xiu hatte schon so eine leise Ahnung, dass er auf sie wartet.
“So spät?”
“Ich musste noch kurz bei Amandos Wohnung vorbei.”
“Bei seiner Wohnung?”
“Ja, ich weiß, ich hab gesagt, ich geh da nie wieder hin, aber….es war wichtig.”
“Und gefährlich.”
Rodrigo zieht die Brauen zusammen. Dass er nicht glücklich über das ist, was Xiu getan hat, ist offensichtlich. Er macht sich, wie so oft, zu viele Sorgen.
“Ich weiß, was ich tue.”
“Hoffentlich...”
“Was soll das denn heißen? Glaubst du, ich hätte die Situation nicht im Griff?”
“Das dachten vor dir schon andere.”
Das kann doch nicht Rodrigos Ernst sein. Spielt der gerade etwa auf Amelia van Laren an?!
“Vergleich mich bloß nicht mit der! Ich bin nicht in einen Vampir verliebt. Ich will nur Informationen.”
“Mhm.”
Wirklich überzeugt klingt er nicht. Xiu schmeckt das gar nicht. Er sollte sie inzwischen besser kennen. Hat sie ihm nicht oft genug gezeigt, was sie von Vampiren hält? Und von denjenigen, die sich so leicht von ihnen einlullen lassen wie diese Möchtegernjägerin.
“Ich verstehe gar nicht, wie sie es überhaupt so weit geschafft hat, wenn sie dumm genug war, auf einen Vampir hereinzufallen. Diese Frau ist ein Schandfleck für unseren Berufsstand!”
“Sie war eine gute Jägerin.”
“Dass ich das ausgerechnet von dir hören muss. Nimmst du sie jetzt auch noch in Schutz? Welcher gute Jäger tappt denn bitte so blind in eine Falle?”
“Manche Vampire sind sehr manipulativ. Das weißt du.”
"Und manche Jäger lassen Vampire viel zu nahe an sich heran. Sonst wäre das wohl kaum passiert.”
Wenn Rodrigo schon meint, er müsse sie provozieren, dann gibt sie ihm diesen Gefallen gerne zurück. Dieses Spiel können auch zwei spielen.
“Hmm…vielleicht sollte ich mir den Vampir mal vornehmen, an der die ach so großartige Amalia van Laren so kläglich gescheitert ist…soweit ist weiß, ist der doch noch am Leben, richtig?"
Ganz ernst meint Xiu das natürlich nicht, aber Rodrigo wird über ihre herausfordernde Aussage trotzdem blass.
"Lass das lieber."
"Hah! Traust du mir das etwa nicht zu?"
"Er ist gefährlich."
"Nicht für mich. Ich habe nicht vor, bei der ersten Gelegenheit mit ihm ins Bett zu hüpfen wie diese van Laren Versagerin! Auf sowas falle ich nicht rein. Nicht noch einmal…”
“Van Laren…?”
Xiu zuckt zusammen, als sie plötzlich eine Stimme hinter sich hört.
“Oh, Jeroen! Du bist ja auch hier. Ich hatte dich gar nicht gesehen.”
War der etwa die ganze Zeit schon da? Wieso hat sie ihn nicht bemerkt?
“Du bist groß geworden.”
“Ich hab jetzt meinen Abschluss.”
“Das sind ja wirklich großartige Neuigkeiten.”
“Das heißt, ich hab jetzt mehr Zeit. Keine Schule mehr und so.”
“Bist du deshalb hier?”
“Ja, ich wollte mit Herren Rosales besprechen, wie wir jetzt weitermachen. Vielleicht erst Mal ein bisschen Theorie…”
Rodrigo nickt zustimmend. Xiu hat zwar nicht mitbekommen, was mit Jeroen bei seiner ersten Jagd passiert ist, aber nach der Erzählung ihres Partners war er wohl noch nicht so weit.
“Das wäre besser.”
“Ja….es gab wohl ein paar Dinge, auf die wir dich nicht ausreichend vorbereitet hatten… Das tut mir leid.”
“Schon okay. Ich glaube, auf alles kann man sich vorher auch gar nicht vorbereiten, oder? Also, ohne es in echt erlebt zu haben.”
“Das….war eine erstaunlich erwachsene Beobachtung. Wow. Man merkt, dass du nicht nur körperlich gewachsen bist.”
“Danke. Ich hatte ein langes Gespräch mit meinem Opa, das hat mir auch geholfen.”
“Über unsere Arbeit?”
“Nicht direkt. Aber es hat mir die Augen geöffnet. Glaube ich…Ich bin mir jetzt auf jeden Fall sicher, dass ich das mit der Ausbildung durchziehen will. Ich will Vampire jagen und Menschen beschützen.”
“Das höre ich gern. Rodrigo sicher auch.”
“Er will es wahrscheinlich nicht zugeben, aber wir werden auch nicht jünger und der Nachwuchs in unserem Gewerbe ist leider ziemlich knapp bemessen.”
“Weil es gefährlich ist?”
“Auch. Vor allem aber, weil die meisten Leute gar nichts von der Gefahr wissen, die ihnen nachts auflauert, geschweige denn von uns, die sie zu schützen versuchen.”
“Wieso eigentlich nicht? Wäre es nicht leichter, die allgemeine Bevölkerung aufzuklären?”
“Das ist leider nicht so einfach. Glaub mir, ich dachte auch, wenn ich von dieser Bedrohung gewusst hätte, hätte ich mich damals besser schützen können…”
“Aber das hätten Sie nicht?”
“Doch, vielleicht schon. Aber ein nicht zu vernachlässigender Teil der Bevölkerung ist nicht bereit für diese Information. Im besten Fall würden sie uns nicht glauben, im schlimmsten würde Panik ausbrechen und niemand würde mehr seinem Nachbarn über den Weg trauen. Und im allerschlimmsten Fall würden die Vampire sich überhaupt nicht mehr zurückhalten, wenn sie keinen Grund mehr hätten, sich zu verbergen.”
“Oh….ja….das wäre nicht gut.”
“Wir bleiben also weitestgehend eine Art Geheimagenten.”
“Und was erzählen Sie dann Leuten, die Sie nach ihrem Beruf fragen?”
“Das ist leicht. Wenn mich jemand fragt, bin ich Journalistin. Die Überschneidungen zwischen dieser und meiner tatsächlichen Arbeit sind erstaunlich groß. Die Wenigsten durchschauen, dass ich meine Recherchen nicht für irgendein Magazin, sondern für eine Organisation von Vampirjägern betreibe.”
“Aha. Und Sie, Herr Rosales?”
“Ich bin Tanzlehrer.”
“Ah….weil das Jagen von Vampiren wie Tanzen ist….irgendwie…?”
“Nein.”
“Rodrigo ist wirklich Tanzlehrer, das ist keine Tarnung. Er macht das aus Leidenschaft.”
“Ah…puh….okay. Ich dachte schon für einen Moment, ich hätte das mit der Jagd falsch verstanden, weil ich den Zusammenhang nicht kapiert hab.”
“Naja, es ist zumindest beides körperlich anstrengend und hilft auch dabei, fit zu bleiben.”
“Deswegen ist er also so durchtrainiert.”
“Vielleicht solltest du dich bei seinem Tanzkurs anmelden. Ein bisschen mehr Training könnte dir auch nicht schaden.”
“Lieber nicht.”
“Gehst du lieber mit mir joggen?”
“Ich wollte es mal mit Fitnesscenter versuchen.”
“Das ist auch in Ordnung. Im Grunde ist es auch egal, wie du trainierst, Hauptsache, du tust es.”
“Haben Sie sowas eigentlich auch in ihrem Hauptquartier?”
“Hm? Was meinst du?”
“Na, Sie sind doch Teil einer größeren Gruppe, oder hab ich das falsch verstanden?”
“Nein, da hast du schon Recht.”
“Und Sie haben doch sicher eine Art Hauptquartier, oder?”
“Mehr oder weniger. Aber wie kommst du da jetzt plötzlich drauf?”
“Naja, ich dachte….Sie haben da doch bestimmt auch einen Fitnessraum und eine Bibliothek für Recherchen und sowas, oder? Und wenn ich jetzt wirklich ein richtiger Vampirjäger werde, kann ich da nicht auch irgendwie Mitglied werden?”
“Wieso, willst du die Fitnessräume umsonst verwenden?”
“Also eigentlich würde mich ja viel mehr der Austausch mit Kollegen und so interessieren. Und die Lektüre, die Sie da sicher haben. Und alte Fälle….ich meine, wenn ich jetzt sowieso tiefer in die Theorie einsteigen will…”
“Dein Enthusiasmus ist lobenswert. Aber ganz so einfach ist das nicht.”
“Lassen Sie mich raten….alles geheim?”
“Auch. Aber vielleicht hast du Recht. Unser Chef weiß bereits über dich Bescheid und jetzt, wo du erwachsen bist, könnten wir dich theoretisch auch mal unseren Kollegen vorstellen…es ist nur…”
“Sie will nicht ins Hauptquartier.”
“Was? Wieso das denn?”
“Der Chef ist nicht gut auf uns zu sprechen.”
“Wir hängen schon viel zu lange an einem Auftrag, den wir eigentlich schon vor langer Zeit hätten erledigen sollen. Es ist nur leider ein bisschen schief gelaufen.”
“Fatal schief gelaufen.”
“Unser Hauptziel ist uns erwischt.”
“Ein sehr gefährliches Ziel.”
“Oh….und jetzt versuchen Sie, das Ziel aufzuspüren und zu erledigen?”
“So ist es.”
“Vielleicht kann ich ja helfen!”
“Lieber nicht. Es ist schön, dass du mit so viel Eifer dabei bist, Jeroen, aber diese Nummer ist noch ein bisschen zu groß für dich. Nein….sie ist eigentlich sogar verdammt viel zu groß für dich. Selbst wir haben uns damit wohl übernommen.”
“Verstehe…aber wenn ich doch irgendwie helfen kann….”
“Falls du irgendwie helfen kannst, komme ich auf dich zurück. Versprochen.”
“Habt ihr noch irgendwas zu besprechen?”
“Wir wollten nochmal die Themen durchgehen, über die ich selbst was nachlesen kann.”
“Gut, dann tut das. Aber könnt ihr das vielleicht im Hinterzimmer machen? Ich hab hier noch zu arbeiten und ich bin sowieso schon spät dran.”
“Klar, kein Problem, oder?”
Rodrigo nickt und macht sich auf den Weg. Dass er Xiu bei ihrer Arbeit lieber nicht in die Quere kommt, hat er in letzter Zeit gelernt.
Nachdem die beiden verschwunden sind, kann Xiu sich endlich mal dem Stapel Papier zuwenden, den Amando ihr mitgegeben hat. Eigentlich hat sie nicht wirklich die Nerven für einen weiteren komplizierten Fall, aber unbearbeitet kann sie den auch nicht lassen. Es stehen schließlich Menschenleben auf dem Spiel.
Als Xiu die Akten vor sich ausbreitet, hat sie im ersten Moment Schwierigkeiten, Amandos Gekritzel zu entziffern. Wieso haben Ärzte eigentlich alle so eine miese Handschrift?
Erst nach und nach fängt sie an, seinen Text zu entziffern. Erst Worte, dann Sätze, dann ganze Abschnitte. Als sie dann auch noch anfängt, die Bedeutung dieser Absätze zu verstehen, trifft die Erkenntnis sie wie ein Blitz. Könnte das etwa…?
Xiu lässt alles stehen und liegen, um Amandos Informationen mit den Ergebnissen ihrer Recherche der letzten Monate abzugleichen. Tatsächlich. Es gibt Überschneidungen. Und nicht nur das! Die Hinweise passen ineinander wie Puzzlestücke. All die Spuren, die sich bei ihren eigenen Nachforschungen im Nichts verlaufen haben, tauchen dort wieder auf, wo Amando etwas gefunden hat und dort, wo seine Spuren enden, beginnen ihre eigenen wieder.
Zusammen ergibt sich ein nahezu vollständiges Bild. Eine Spur, der sie durchgehend folgen kann. Eine Spur, die direkt an einen Ort führt, an dem sie bereits schon einmal einen Vampir gefasst hat.
Die Spur führt direkt nach Forgotten Hollow.
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