“Muss ich sterben, Herr Doktor?”
“Was? Aber nicht doch! Du hast nur eine Erkältung. Das ist unangenehm, aber harmlos.”
“Hier, damit wirst du dich besser fühlen. Das piekst ganz kurz, aber danach darfst du nach Hause. Du solltest dir ein bisschen Ruhe gönnen.”
“Heißt das, ich muss nicht in die Schule?”
“Nein. In der Schule steckst du nur- oh…bitte entschuldige mich einen Moment.”
Wer ruft ihn denn mitten am Tag an? Doch wohl hoffentlich nicht schon wieder diese merkwürdige Frau mit ihren vermeintlichen Geschäftstipps? Die meisten Leute, die Amando kennen, wissen doch, dass er um diese Zeit entweder arbeitet oder schläft.
“Xiu?!”
“Gesundheit. Hab ich Sie jetzt auch schon angesteckt?”
“Nein, nein, keine Sorge. Ich werde nicht so schnell krank.”
Annehmen kann er den Anruf nicht, aber er sollte sie so bald wie möglich zurückrufen.
“Kann ich dann jetzt gehen?”
“Ja. Lass dir am Empfang noch ein Attest für die Schule geben.”
“Alles klar.”
Dass sie ausgerechnet jetzt anruft, muss heißen, dass es dringend ist. Aber ist das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Ist es ein gutes oder schlechtes Zeichen, dass sie ihn überhaupt anruft?
Wohl wissend, dass er zu abgelenkt wäre, um seine Arbeit ordentlich zu machen, zieht Amando seine Pause einfach vor. Zum Glück ist gerade sowieso nicht besonders viel los.
Obwohl er fest entschlossen ist, Xiu sofort anzurufen, zittern seine Hände, als er sein Telefon aus der Tasche zieht. Was soll er ihr sagen? Soll er sich entschuldigen? Soll er einfach nur zuhören? Was ist, wenn sie ihm noch eine Chance geben will und er irgendetwas Falsches sagt und sie dadurch endgültig vergrault? Aber sich nicht zu melden, hätte doch dieselbe Wirkung, oder?
Da heißt es wohl, Augen zu und durch.
“Xiu, ich-”
“......es tut dir leid?”
“...ja…..ja, natürlich.”
“Nein, ich verstehe schon….glaube ich…”
“Heute Abend? Natürlich! Bei mir- …..ja….. Das müsste schon gehen.”
“Dann….sehen wir uns. Bis heute Abend.”
Sie ist ihm nicht böse. Besser noch. Sie will sich noch einmal mit ihm treffen!
Nach ihrer letzten Begegnung hatte Amando eigentlich schon geglaubt, jetzt sei alles aus. Wie hätte er das auch nicht denken können? Xius plötzlicher Ausbruch hat ihn völlig überrumpelt und ihre Anschuldigungen….die taten weh. Sehr sogar. Aber wahrscheinlich galten die gar nicht ihm. Nicht persönlich jedenfalls. Xiu muss schon viele schlechte Erfahrungen gemacht haben. Natürlich projiziert sie das jetzt auf alle, die spitze Zähne haben. Aber sie hat sich trotzdem bei ihm entschuldigt! Das heißt, es gibt noch Hoffnung. Das heißt…..Narciso hat Unrecht.
Wenn sie Amando noch eine Chance gibt, dann kann er ihr zeigen, dass nicht jeder Vampir böse ist.
Nach der Arbeit macht er sich sofort auf den Weg zum ausgemachten Treffpunkt. In seine Wohnung wollte sie diesmal nicht kommen und irgendwie kann er ihr das auch gar nicht übel nehmen. Zu sich hat sie ihn ohnehin noch nie eingeladen, also treffen sie sich auf neutralem Grund.
Normalerweise führt Amando solche Gespräche nicht gern in der Öffentlichkeit, aber Xiu hat ihm versichert, dass sie in dem Gebäude im Park heute alleine sein werden. Eigentlich ist dieser Ort ja für Hochzeitsgesellschaften und dergleichen gedacht und laut Xiu war er heute theoretisch auch gebucht, aber die Braut hat sich wohl spontan umentschieden. Woher auch immer Xiu davon wusste. Als Journalistin bekommt sie wohl so Einiges mit.
Als Amando am ausgemachten Treffpunkt ankommt, wartet Xiu bereits auf ihn.
“Xiu! Es tut mir leid, dass ich-”
“Schon gut, Amando. Ich bin diejenige, die sich entschuldigen muss. Ich habe wohl ein bisschen überreagiert.”
“Ich verstehe schon. Du hast schlechte Erfahrungen mit…..mit meinesgleichen gemacht. Da ist das nur verständlich.”
“Dass du du es mir bis jetzt versucht hast, zu verheimlichen, hat die Sache nicht besser gemacht."
“Ja, das war nicht ganz richtig….aber ich gelobe, mich zu bessern!”
“Keine Geheimnisse mehr ab jetzt?”
“Keine Geheimnisse mehr.”
“Gut. Eine Beziehung auf Lügen aufzubauen ist auf Dauer auch ungesund. Das weißt du hoffentlich selbst.”
“Ja. Ja, natürlich!”
Dass Xiu immer noch von einer Beziehung redet, lässt Amandos Herz schneller schlagen. Er hatte schon befürchtet, jetzt wäre alles aus. Aber wenn selbst sie das so sieht…
“Also, gibt es noch etwas, das du mir gerne erzählen würdest?”
“Hmm…weißt du, es gibt da so eine Sache…die kostet mich ziemlich Schlaf.”
“Deine Arbeit im Krankenhaus?”
“Ja….auch. Ich meine, schon, aber….vielleicht kannst du mir ja sogar dabei helfen…”
Hoffentlich tut Amando da das Richtige. Andererseits hat er mittlerweile eingesehen, dass er ohne Hilfe nicht mehr weiter kommt und wer, wenn nicht ein Vampirjäger, könnte ihm helfen, diese Angelegenheit ein für allemal aufzuklären? Auch wenn es sich trotzdem irgendwie falsch anfühlt. Aber wenigstens ist es Xiu. Er wird schon mit ihr reden können. Zumal er ihr ja versprochen hat, nichts mehr vor ihr zu verstecken.
“Wie das? Im Gegensatz zu dir habe ich kein abgeschlossenes Medizinstudium. ….du….hast doch eins, oder?”
“Ja, natürlich! Ich bin ehrlich mit dir, dass ich mich an den Blutkonserven im Krankenhaus bediene war zumindest ein Teil meiner Überlegung, als ich diesen Berufsweg eingeschlagen hab…”
“Aha.”
“....aber ich bin wirklich Arzt! Ich versuche wirklich mein Möglichstes, Menschen zu helfen! Und wenn ich Blut trinke, das Menschen freiwillig gegeben haben, dann muss ich zumindest niemanden beißen.”
“Und von etwas Anderem kannst du dich wirklich nicht ernähren?”
“Leider nicht. Glaub mir, ich hab schon so viele Rezepte für Plasmafrüchte ausprobiert, aber egal, was ich versuche, ich muss mich davon immer übergeben.”
“Das kann ich kaum glauben.”
“Muss ich es dir demonstrieren?"
“Nein, danke…”
Ihr Misstrauen kann Xiu kaum verbergen. Nicht einmal gegenüber Amando. Er nimmt es ihr aber nicht übel. Er kennt ja selbst nicht viele andere Vampire mit einem derart empfindlichen Magen wie dem seinen. Andererseits gibt es wahrscheinlich genug seinesgleichen, die nie bemerken, dass sie unter dieser Schwäche leiden, weil sie nie etwas anderes versuchen, als Blut zu trinken.
“Aber zurück zu deinem Problem. Wie kommst du darauf, dass ausgerechnet ich dir da helfen kann?”
“In letzter Zeit wurden immer wieder Patienten ins Krankenhaus eingeliefert, die eindeutige Anzeichen eines Vampirangriffs aufweisen. Blutmangel, Gedächtnisverlust, allgemeine Verwirrtheit…”
“Und Löcher im Hals?”
Amando nickt.
“Mit meinen Kollegen kann ich darüber nicht reden. Die meisten von ihnen glauben ja nicht einmal, dass Vampire existieren und den Rest will ich nicht unnötig in Panik versetzen.”
“Unnötig? Wenn das in letzter Zeit öfter passiert, halte ich Panik schon für angebracht.”
"Panik hilft aber niemandem weiter. Schon gleich dreimal nicht, wenn ich der Sache auf die Spur kommen will. Ob du es glaubst oder nicht, aber ich freue mich auch nicht gerade darüber, wenn andere Vampire Menschen beißen. Wenn es nach mir ginge, sollten wir nach einer Möglichkeit suchen, friedlich mit anderen Lebewesen zu koexistieren.”
“Das ist eine ziemlich utopische Vorstellung. Mit den meisten von euch kann man ja nicht mal ein vernünftiges Gespräch führen.”
“Das würde ich so nicht sagen…”
“Du bist auch keine potenzielle Beute.”
“Ja, schon, aber…..”
“Vampire sind Raubtiere, Amando. Auch wenn du dich vielleicht ungewöhnlich gut im Griff hast, die große Mehrheit von euch gibt keinen Simoleon darauf, was wir Menschen fühlen.”
“Ich weiß…..leider…. Aber das ändert nichts daran, dass ich trotzdem versuchen will, die Welt zu einem besseren Ort für uns alle zu machen, selbst wenn meine Möglichkeiten begrenzt sind. Deshalb kann ich auch nicht zulassen, dass irgendjemand hier in der Gegend herumläuft, ahnungslose Menschen überfällt und ihnen gefährlich viel Blut aussaugt. Ich will gar nicht wissen, was passiert wäre, wenn sie nicht gefunden worden wären.”
“Das kann ich dir genau sagen.”
“Ich….ich kann es mir schon vorstellen.”
“Und du willst jetzt, dass ich dir helfe, den Verantwortlichen zur Strecke zu bringen?”
“Eigentlich wäre ich ganz froh, wenn ich ihn einfach nur finden und mit ihm reden könnte…”
“Konntest du denn irgendwelche Hinweise sammeln? Wo genau wurden die Opfer gefunden? In welchen Zeitabständen? Gab es Gemeinsamkeiten? Unterschiede? Irgendwelche Dinge, die dir als Fachmann aufgefallen sind, die ein normaler Mensch nie bemerken würde?”
“Also mich als Fachmann zu bezeichnen finde ich jetzt schon ein bisschen…”
“Ich dachte, du bist Arzt?”
“Was? Ja! Ich dachte, du meinst…..bitte entschuldige…”
“Hihi, schon gut. Ich habe beides gemeint. Du besitzt eine sehr ungewöhnliche und sehr spezielle Kombination an Fachwissen, die ich so schnell wohl kein zweites Mal finden werde. Vielleicht kannst du mir ja auch mal weiterhelfen bei meinen Recherchen.”
“Ja, sehr gern!”
“Aber zuerst kümmern wir uns um dein Problem. Also, hast du irgendwelche der Informationen, nach denen ich gefragt habe?”
“Diese und noch mehr. Ich hab seit Monaten Hinweise gesammelt und protokolliert. Ich kann sie dir sogar in Schriftform geben.”
“Perfekt.”
Mit Xiu so offen darüber reden zu können, fühlt sich an, als würde eine tonnenschwere Last von Amando abfallen. Es war die richtige Entscheidung, ihr die Wahrheit zu sagen. Trotzdem sollte er Narciso wohl besser nichts von seiner Zusammenarbeit mit der Vampirjägerin erzählen. Er würde es nicht verstehen.
Auch wenn ich nicht mehr im Forum angemeldet bin, lese ich deine Geschichte immer noch mit. LG Kucki
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