Kapitel 88: Josephs Geschichte

 

 



Ganz losgeworden ist Jeroen seine Albträume nach dem Gespräch mit Herren Rosales zwar nicht, aber mit der Zeit werden sie weniger und lassen ihn schlafen.



Nach und nach traut er sich sogar wieder unter die Leute. Das hilft auch dabei, dass er wieder auf andere Gedanken kommt. Eigentlich hätte er das von Anfang an machen sollen. Selbst die Schule ist eine gute Ablenkung. Hätte er ja nicht gedacht. Er muss aber zugeben, dass was dran ist an dem, was Frau Liu gesagt hat. Er muss bald seinen Abschluss machen.



Viele seiner Freunde haben das schon geschafft, nur er hinkt hinterher. Zum Glück hat die Schulleitung ihm dank seiner Fehlzeiten ein bisschen Aufschub gewährt, so dass er den nötigen Stoff nachholen kann. Und es haben ja noch nicht alle seine Freunde einen Abschluss.



Zumindest ist er also nicht alleine, auch wenn es mittlerweile viele neue Gesichter an der Schule gibt. Haben die alle hier angefangen, während er weg war? Wie lange war er überhaupt weg? Die Tage sind in letzter Zeit alle so sehr ineinander verschwommen, dass er sein Zeitgefühl komplett verloren hat. Dass er sich angewöhnt hat, bevorzugt tagsüber zu schlafen, hilft dabei auch nicht unbedingt, zumal er das ja auch nicht immer kann. Die Schule findet ja leider nur morgens statt.



Außerdem hat er sich fest vorgenommen, seinen Opa noch einmal zu besuchen, das geht auch nur mittags, weil er nachts zu beschäftigt ist. Ob Jeroen wirklich bereit ist, dessen Geschichte zu hören, weiß er immer noch nicht, aber er will es zumindest versuchen. Auf jeden Fall will er sich entschuldigen.



Seinem Opa hat er so viel zu verdanken. Seine Mutter hat sich ja nie für ihn interessiert und sein Ziehvater war auch irgendwann weg, aber Opa, der war immer für ihn da. Leider weiß Jeroen genau, dass das nicht immer so bleiben wird. Auch wenn er noch arbeitet, ist sein Großvater nochmal deutlich älter, als er aussieht. Eigentlich erstaunlich, wie gut der sich trotz seines Alters hält. Er muss echt gute Gene abbekommen haben. Hoffentlich hat er die an Jeroen weitervererbt.



Am Nachmittag, direkt nach der Schule, macht Jeroen sich also auf den Weg nach Brindelton Bay. Angekündigt hat er sich diesmal nicht, dafür war die Entscheidung zu diesem Besuch zu spontan. Er weiß nicht einmal, ob sein Opa heute überhaupt in seiner Bar ist, aber ihm kommt auch nicht wirklich der Gedanke, dass er irgendwo anders sein könnte.



Zu seinem Glück hat er recht. Ganz wie erwartet steht Joseph van Laren auch an diesem Nachmittag hinter dem Tresen seiner Bar und sortiert ein paar Flaschen.

“Hey, Opa…”

“Jeroen! Wie schön, dass du nochmal vorbeikommst. Ich hatte gar nicht mit dir gerechnet.”

“Hast du gerade Zeit?”

“Na klar, du kannst jederzeit zu mir kommen, das weißt du. Und wenn ich mal keine Zeit hätte, dann würde ich sie mir für dich nehmen. Setz dich doch.”



“Ich habe mir schon Sorgen um dich gemacht. Geht es dir besser?”

“Ja….ich denk schon. Und entschuldige nochmal wegen letztens…”

“Ach, es ist doch nichts passiert."



“Du wolltest mit mir über irgendwas reden und ich bin einfach durchgedreht. Ich war irgendwie noch nicht bereit dazu.”

“Und jetzt bist du es?”

“Ich…”

Wenn er das nur selbst wüsste. 



“Ich weiß nicht, ehrlich gesagt. Aber ich denk schon. Bereiter als letztes Mal jedenfalls.”

“Wenn du wieder wegläufst, weiß ich diesmal wenigstens, was Sache ist.”

Wenigstens kann sein Opa das mit Humor nehmen.



“Ich geb mir Mühe, diesmal sitzen zu bleiben. Eigentlich will ich nämlich echt gern hören, was du mir erzählen wolltest. Das geht mir schon seit Tagen nicht aus dem Kopf.”

Erst recht nicht die Tatsache, dass es offenbar um Vampire geht. Sind die am Ende irgendwie Schuld am Verhalten seiner Mutter? Nee, oder? Das wäre zu absurd. Aber irgendwas muss da ja vorgefallen sein, so wie sein Opa letztens angefangen hat.



“Dann will ich dich mal nicht länger auf die Folter spannen. Aber bevor wir anfangen….ich habe dir zuletzt eine Frage gestellt, die du mir noch nicht beantwortet hast.”

“Ob ich an Vampire glaube.”

“Richtig.”



Jeroen nickt.

“Ich glaube nicht nur. Ich weiß, dass sie existieren.”

“Dann bist du schon einmal einem begegnet und wusstest, was er ist?”

“Mehr als einmal.”



“Das ist eine gute Grundvoraussetzung für meine Geschichte. Also, wo fange ich an…”

“Am Anfang?”

“Haha, natürlich! Aber dazu muss ich erst einmal überlegen, wo ein guter Anfang wäre. Also…hmm….das ist eine verzwickte Sache.”



“Wenn du schon Vampiren begegnet bist, dann weißt du sicher auch, dass manche von ihnen ein bisschen…..schwierig sind.”

“Sie sind böse.”

“Eigentlich wollte ich dieses Wort nicht benutzen, aber…”

Joseph macht eine lange Pause. Schließlich seufzt er. Wieso wollte er nicht böse sagen? Frau Liu nimmt dieses Wort im Bezug auf Vampire doch ständig in den Mund.



“Weißt du, unserer Familie wurde einmal etwas sehr, sehr schlimmes von einem Vampir angetan.”

Jeroens Augen weiten sich. Diese Geschichte ist das also. Bisher hat er nur am Rande aufgeschnappt, dass irgendwann mal irgendetwas vorgefallen ist, aber was genau das war, hat er nie erfahren.



“Was ist passiert?”

“Dazu muss ich noch etwas weiter ausholen. Unserer Familie wurde nicht nur etwas von einem Vampir angetan, sie stammt auch von einem ab. Wusstest du das?”



Ganz tief in seinem Unterbewusstsein ist Jeroen sich sicher, auch das schon einmal gehört zu haben.

“Wer…?”

“Mein Großvater. Aber bevor du jetzt fragst, nein, wir sind keine Vampire. Du nicht, deine Mutter nicht, ich nicht und auch nicht mein Vater. Seine Schwester allerdings…”

“Die schon?”



“Ja. Und sie war es, die ihm und meiner kleinen Schwester Georgina das Leben genommen hat.”

“Wie ist das passiert?”

“Das kann ich dir leider auch nicht erklären. Aber ich kann dir genau sagen, wann und wo es geschehen ist.”



“Merel hatte Geburtstag. Sie wurde endlich ein Teenager und um das zu feiern, haben wir die gesamte erweiterte Familie hierhin eingeladen.”

“In die Bar.”

“Richtig. Anfangs lief auch alles noch wie immer. Wir haben gegessen, getrunken, geredet und gelacht. Eine völlig normale Geburtstagsfeier, bis meine Tante plötzlich….”



“Ich weiß wirklich nicht, wie es dazu kam. Es ging alles so schnell. In einem Moment hat sie sich noch amüsiert mit meinem Vater unterhalten und im nächsten hing sie an seinem Hals und hat sein Blut getrunken. All sein Blut. Sie war wie ausgewechselt.”



Auch Jeroen spürt, wie das Blut langsam sein Gesicht verlässt. Sein Urgroßvater wurde von einem Vampir getötet? Inmitten einer Menge anderer Menschen?

“Warum habt ihr nichts gemacht?”

“Als wir gemerkt haben, was los ist, war es bereits zu spät. Wir waren alle wie erstarrt vor Schock. Selbst mein Großvater. Niemand hatte damit gerechnet, dass so etwas passiert.”



Meine Schwester Georgina stand direkt daneben. Sie fiel ihr kurze Zeit später ebenfalls zum Opfer.



“Aber….wieso hat deine Tante das getan?”

“Ich weiß es nicht, Jeroen. Ich wünschte, ich hätte eine Erklärung, aber….ich weiß es einfach nicht.”

“Hat sie nichts dazu gesagt?”



“Ups.”

“Ups?”

“Mehr hat sie dazu nicht gesagt.”

Das alles klingt so surreal, dass Jeroen das kaum glauben kann. Sein eigener Urgroßvater wurde von einem Vampir getötet. Genau hier. Und der Vampir war seine Schwester. Und sie hat absolut keine Reue gezeigt? 



Langsam aber sicher spürt Jeroen einen kalten Schauer über seinen Rücken kriechen. Was ist, wenn Frau Liu doch recht hatte? Wenn Vampire wirklich von Grund auf böse sind? Nein, nicht “böse”. Etwas anderes, noch viel Schlimmeres. Das, was sein Opa erzählt hat, wirkt mehr, als hätte seine Tante gar nicht wirklich die Kapazität für menschliche Emotionen. Ist das möglich?



“Was damals passiert ist, hat unsere Familie mehr oder weniger entzweit. Mein Bruder Laurie, deine Mutter Merel und Georginas Sohn Quinten wollten nichts mehr mit Vampiren oder dergleichen zu tun haben und ich kann es ihnen auch absolut nicht übel nehmen.”

Nein, das wäre auch falsch. Je mehr Jeroen über das nachdenkt, was sich damals hier zugetragen hat, desto besser glaubt er, Frau Liu und ihre Kollegen zu verstehen. Seine Kollegen.



“Und du?”

“Ich stehe so ein bisschen zwischen den Fronten. Ich habe auch nicht besonders viel mit Vampiren zu tun, aber ich verteufle sie auch nicht, trotz dem, was meine Tante damals angerichtet hat. Ich weiß, dass nicht alle Vampire böse sind. Mein Vetter hat mir das Gegenteil bewiesen.”

“Wie das? Ist er ein guter Vampir?”



“Ein sehr guter sogar. Er ist Arzt, um normalen Menschen wie uns zu helfen. Vielleicht hast du ihn im Krankenhaus ja sogar einmal getroffen.”



Die plötzliche Erkenntnis trifft Jeroen wie ein Blitz.

“Doktor Zähnchen ist dein Cousin?!”



Was auch immer Jeroen gerade gesagt hat, sein Opa scheint es ziemlich lustig zu finden.

“Doktor Zähnchen? Du bist ja süß.”

“Äh….ja, sorry. Ich hatte ihn als Kind mal so genannt.”

“Das muss ich mir merken.”

Dann gibt es also doch Vampire, die zu menschlichen Emotionen in der Lage sind. Esseidenn….



Bevor Joereon seinen Gedanken zuende denken kann, spricht sein Großvater ihn schon wieder an.

“Da fällt mir gerade was ein…”

“Hm?”

“Ich habe da noch etwas für dich.”



“Diese Ohrringe hier haben Georgina gehört. Ihr Zwilling, dein Großonkel Laurie, hat genau die Gleichen. Er wollte sie damals nicht haben, weil sie ihn zu sehr an unsere Schwester erinnern, also hab ich sie all die Jahre über behalten. Willst du sie nicht haben? Dir stehen sie bestimmt auch.”



“Sieh es einfach als verfrühtes Geburtstagsgeschenk.”

“Oh….danke.”

“Ich bin mir sicher, Georgina hätte gewollt, dass sie weitervererbt werden. Aber ihr eigener Sohn und dessen Kinder tragen keine Ohrringe.”



“Kennst du ihre Enkel eigentlich? Ihr müsstet in einem ähnlichen Alter sein.”

“Mhm…”

“Na, das klang ja nicht sehr begeistert.”



“Wilbert und ich finden dasselbe Mädchen gut…”

“Ah….ich verstehe. Dann will ich da nicht weiter nachbohren. Esseidenn natürlich, du willst darüber reden…”

Jeroen schüttelt lieber ganz schnell den Kopf. Aktuell gehen ihm zu viele andere Gedanken durch diesen, als dass er über seinen Schwarm und die Rivalität mit seinem entfernten Cousin nachdenken will.

“Irgendwann anders vielleicht.”



“Du weißt, ich habe immer ein offenes Ohr für dich.”

“Klar.”



“Lädst du mich dieses Jahr zu deiner Geburtstagsfeier ein?”

“Sicher. Aber….wir feiern bei mir, okay?”

“Natürlich.”

 

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