Kapitel 87: Das Geständnis

 

 



Es bringt einfach nichts.



Immer, wenn Xiu glaubt, sie käme mit ihrer Recherche voran, steht sie plötzlich wieder ganz am Anfang. Sie dreht sich im Kreis.



Schlimmer noch, je mehr sie sich anstrengt, desto schlechter scheint es zu funktionieren. Manchmal hat sie sogar das Gefühl, sie würde Informationen verlieren, statt neue zu gewinnen. Fast, als kämpfe ihr Fall zurück. Das macht sie regelrecht wahnsinnig!



Dass sie seit Tagen zunehmend innerlich kocht, merkt man ihr auch von außen leicht an. Sogar Rodrigo geht ihr in letzter Zeit aus dem Weg, um sie nicht aus Versehen zu provozieren, dabei ist der sonst recht widerstandsfähig gegenüber ihren spontanen Ausbrüchen.



So ungern Xiu es auch zugeben mag, vielleicht hatte Amando recht. Vielleicht braucht sie wirklich eine Pause.



Jede Faser in ihr widerstrebt dem Gedanken, nicht an dem Fall zu arbeiten und damit aktiv wertvolle Zeit zu verschwenden, aber es hilft nichts. So, wie sie bisher gearbeitet hat, kommt sie nicht weiter. Sie braucht einen anderen Ansatz, aber um den zu finden, muss sie Abstand nehmen. Sowohl mental als auch räumlich. Wenn sie sich von ihrem Computer entfernt, kann sie auch nicht in Versuchung geraten, wieder in ihr altes Muster zurückzufallen.



Hier in San Myshuno gibt es glücklicherweise genug Möglichkeiten, um sich ein bisschen abzulenken.



Auf Kunst hat sie heute allerdings keine Lust. Zumal es im Museum irgendwie zu still ist.



Der Park ist auch nicht viel besser. Hier hört man zwar hin und wieder Kindergeschrei und die frische Luft tut ihr auch irgendwie gut, aber es ist immer noch nicht genug, um sie von ihren Gedanken abzulenken. Warum ist es nur so schwer, einmal nicht an diesen verdammten Fall zu denken?!



Vielleicht sollte sie irgendwo an einen Ort, an dem sich viele Menschen auf kleinem Raum aufhalten, wie ein Restaurant oder eine Bar, dort ist es nie leise. Oder besser noch: eine Karaokebar. Wenn der Geräuschpegel dort nicht ausreicht, um ihre Gedanken zu übertönen, dann muss sie wohl Ausschau nach der nächsten Baustelle halten.



Glücklicherweise scheint ihr Plan aufzugehen. Kaum, dass Xiu die angedachte Bar betritt, wird sie vom schrägen Gesang eines anderen Besuchers so dermaßen irritiert, dass ihre Gedanken sich mehr darauf konzentrieren, wie sie dem das Maul stopfen könnte, als auf irgendwas, was auch nur ansatzweise mit irgendwelchen flüchtigen Vampiren zu tun hat. Es funktioniert also tatsächlich.



Gleichzeitig so genervt und doch so entspannt zu sein, ist ein völlig neues Gefühlserlebnis. Allerdings keines, das sie in diesem Moment als unangenehm empfindet. Vielleicht sollte sie das öfter versuchen.



Vervollständigt wird dieser Moment dann noch von einem Bargetränk. Wenn etwas anderes als Lärm einen davon abhält, zu viel zu denken, dann ist das definitiv Alkohol. Normalerweise greift Xiu ja nicht zu solchen Mitteln, aber heute ist eine Ausnahme.

“Einen Zuckerzunder bitte.”

“Kommt sofort, junge Dame.”



Es ist erstaunlich viel los heute Abend. Oder ist das normal? So oft ist Xiu ja auch nicht hier, um das einschätzen zu können. Die Bar ist jedenfalls gut besucht. Ständig kommen neue Gäste und bestellen irgendetwas.



“Guten Abend. Ich hätte gerne einen Pl-...oh…Xiu was für eine Überraschung!”

Oh nein…



“Wie schön, dass du deinem Rat gefolgt bist und dir eine Auszeit nimmst. Oder recherchierst du hier gerade?"

Von all den Leuten, denen sie hätte begegnen können…

“Oh…Amando! Mit dir hatte ich gar nicht gerechnet.”

“Wieso? Ich wohne doch gleich nebenan.”

Was hat sie sich nur dabei gedacht, ausgerechnet hierher zu kommen, um ein bisschen den Kopf durchzulüften? 



“Oder meinst du, weil ich selbst regelmäßig in Arbeit ertrinke? Ich komm in letzter Zeit tatsächlich gar nicht mehr oft dazu, mal die Bar zu besuchen.”

“Ja….ja, genau deswegen. Du kommst ja kaum zum Schlafen.”

“Stimmt schon. Das ist heute auch nicht anders. Aber irgendwie hab ich zu viel nachgedacht und wollte ein bisschen den Kopf frei bekommen…”



“Du auch?”

“Oh….dann geht es dir genau so? Was für ein Zufall, dass wir uns dann hier begegnen.”



Was folgt, ist ein angespanntes Schweigen. Nicht nur von Xius Seite. Amando, der sich sonst immer so überschwänglich freut, sie zu sehen, wirkt selbst ein bisschen….verunsichert? Er scheint angestrengt über irgendetwas nachzudenken.



Schließlich bricht er das Schweigen.

“Ich….ähm….ich wollte ja sowieso noch mit dir reden. Erinnerst du dich?”



“Ja….auch wenn du mir das letztes Mal ein bisschen sehr überdramatisch eröffnet hast.”

“Ja, das war…äh…also…..hättest du jetzt denn Zeit?”

Eigentlich nicht. Überhaupt nicht. Und Lust hat sie darauf schon gar nicht, aber Amando weiter abzuwimmeln wird schwierig werden.



“Ich meine, du sitzt hier und trinkst und…”

Xiu nickt.

“Na fein. Bringen wir es hinter uns.”

Das klang noch unbegeisterter als sie über die Situation sowieso schon ist, aber Amando scheint das nicht zu stören.



“Gut, aber….nicht hier. Gehen wir in meine Wohnung.”

Mist. Genau das wollte sie vermeiden. Eine Ausrede, warum sie nicht mitkommen kann, fällt ihr gerade aber auch nicht ein. 



Eigentlich hatte sie sich geschworen, nicht mehr hierher zu kommen. Zumindest nicht alleine. Jedes Mal, wenn sie diese Wohnung betritt, könnte das letzte Mal sein. Jedes Mal, wenn sie mit ihm alleine ist. Er verhält sich bisher zwar harmlos, aber genau das ist es, was ihr Sorgen bereitet. So nett, wie er die ganze Zeit zu ihr war, vergisst selbst sie manchmal, ständig auf der Hut zu sein. Das muss es auch sein, was er erreichen will. Es braucht nur einen einzigen kurzen Moment ihrer Unachtsamkeit…



“Bitte, setz dich doch.”

Dieses eine Mal spielt sie noch mit. Wenn sie sich recht an Amandos Worte letztens erinnert, wollte er auch nur “dieses eine Mal” noch mit ihr reden. Aber egal, was er geplant hat, sie ist bereit, sofort zu handeln, falls er ihr auch nur einen Zentimeter zu nahe kommt.



“Also? Was ist es, das du mir so dringend erzählen musst?”



“Xiu, ich…”

Wieso braucht der schon wieder so lange? Wollte er nicht unbedingt mit ihr reden? Wieso druckst er dann jetzt so rum?

“Ich muss dir was gestehen.”



“Auch wenn ich leider gar nicht weiß, wie ich das sagen soll…”

“Versuch es einfach.”



“Also….ich weiß, das muss jetzt furchtbar komisch klingen, aber…”



“Xiu, ich bin ein Vampir.”

Ist der jetzt völlig verrückt geworden?



“Ich weiß, das klingt-”

“Das war mir von Anfang an klar.”

“Äh….hä?”



“Für wie naiv hältst du mich eigentlich? Glaubst du im Ernst, ich hätte deine Zähne nie bemerkt?”

“Äh…”



“Wie viele Leute hast du damit schon gebissen? Wie viele Leben hast du zerstört?”

“Niemanden.”

“Hah! Wer’s glaubt!”



“Nein, wirklich. Ich beiße keine Menschen. Ich kl-...ähm….leihe mir Blutkonserven aus dem Krankenhaus, in dem ich arbeite.”

“Blutkonserven, mit denen Leben hätten gerettet werden können?”

“Nach Möglichkeit nehme ich die, die sich nicht mehr zur Transfusion eignen. Wenn ich von etwas Anderem leben könnte, als davon, Blut zu trinken, würde ich es tun. Glaub mir.”



“Wieso sollte ich? Soweit ich weiß gibt es Alternativen. Nicht, dass euch das interessieren würde. Ihr Blutsauger seid so selbstsüchtig, dass ihr es nicht einmal merkt.”

“Das…ähm…äh….”

Natürlich hat er darauf keine Antwort.



“Ich weiß….mein Br-....ein Bekannter experimentiert mit Plasmafrüchten, aber…”

“Aber?”

“Ich habe eine Unverträglichkeit. Ich kann keine Plasmafrüchte essen oder sonst irgendwas. Ich muss mich davon sofort übergeben.”

Was für eine bescheuerte Ausrede. Xiu hat im Laufe ihres Lebens ja schon so einigen Schwachsinn von diesen Zecken gehört, aber das ist selbst ihr neu.



“Xiu, bitte….ich habe keinen Grund, dich anzulügen. Ich liebe dich.”

“Wieso warst du dann nicht von Anfang an ehrlich mit mir?”



“Weil….ich hatte Angst.”

Du hattest Angst? Vor mir?"

“Davor, wie du darauf reagierst, dass ich…..du weißt schon.”



“Ein lebender Toter bist? Ein fehlgeschlagenes Experiment? Eine widernatürliche Abscheulichkeit, die eigentlich gar nicht existieren sollte?



“Ja…….genau davor…..”



“Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe.”



Eine Antwort wartet Xiu gar nicht erst ab. Sie erwartet auch nicht wirklich eine. Viel eher erwartet sie, dass Amando sie hinterrücks überfällt und ihr an den Hals geht, aber auch das passiert nicht.



Trotzdem wirft sie während ihres Nachhauseweges immer wieder einen Blick über ihre Schulter. Sie hatte alles Mögliche von dieser Begegnung erwartet, nur nicht das.



Hat Amando ihr ernsthaft gestanden, dass er ein Vampir ist? Was sollte das? Was verspricht er sich davon? Was für ein Spiel treibt dieser Verrückte da nur mit ihr?!



Ist es seine Taktik, sie jetzt völlig zu verwirren? Wenn ja, dann hat er das definitiv geschafft. Bis vorhin war sie in Gedanken noch voll und ganz bei ihrer Recherche und jetzt kann sie an nichts anderes mehr denken als diesen….diesen…..ihr fällt nicht einmal ein Wort ein, das diesem Spinner gerecht wird.



Er hat sie sogar so sehr verwirrt, dass sie selbst schon völlig widersinnig handelt. Wieso ist sie einfach gegangen? Sie hätte ihn auf der Stelle erledigen sollen!



Eigentlich hat sie ja das Haus verlassen, um den Kopf frei zu bekommen. Erreicht hat sie damit das komplette Gegenteil. Wie soll sie sich so jemals wieder konzentrieren können? Sie ist gerade doch hinter einem anderen, wesentlich größeren Fisch her. Amando muss warten, Geständnis hin oder her.



Für einen kurzen Moment denkt Xiu darüber nach, einfach Rodrigo und Jeroen auf Amando anzusetzen, dann wäre das Thema erledigt und sie könnte sich wieder wichtigeren Dingen zuwenden. Diesen Gedanken verwirft sie aber ganz schnell wieder.



So harmlos Amando sich auch gibt, da muss mehr dahinterstecken. Kein Vampir, der nicht extrem von sich selbst und seinen Kräften überzeugt ist, wäre verrückt genug, seine Tarnung so fallen zu lassen. Außer vielleicht einer, der extrem jung und dumm ist, aber so jung kann Amando nicht mehr sein. In jedem Fall wäre er ein zu gefährliches Ziel für Jeroen.



Es ist zum wahnsinnig werden! Wieso muss das ausgerechnet jetzt passieren?!



“Alles in Ordnung?”

“Nein.”



“Du wolltest Pause machen.”

“Ich weiß…”

“Ist etwas passiert?”

“Amando ist passiert.”



“Er hat mir aus heiterem Himmel heraus gestanden, dass er ein Vampir ist!”

“Soll ich mich darum kümmern?”



So verlockend dieses Angebot auch ist, Amando endlich ein für allemal loszuwerden, eigentlich ist es nicht das, was Xiu geplant hatte. Eigentlich hatte sie sich ja nur an ihn herangemacht, weil sie sich Informationen von ihm versprochen hat. Ihn jetzt zu töten würde die ganze Arbeit zunichte machen, ganz zu schweigen von all die Nerven, die sie dabei verloren hat. Aber dass er ihr gegenüber plötzlich so ehrlich ist, hatte sie nicht auf dem Plan. Sie hat keine Ahnung, was er vor hat. Aber irgendwo, ganz tief in ihrem Hinterkopf, schleicht sich langsam ein Gedanke. Was wäre, wenn er, völlig entgegen aller ihrer Erwartungen, tatsächlich nur ein verliebter Trottel ist? Könnte ihr dieses Geständnis dann nicht sogar irgendwie von Nutzen sein?

“Nein…ich muss nachdenken.”

 

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