“Was? Einfach so? Ohne irgendjemandem Bescheid zu geben?”
“Hmm…ja, du hast Recht, irgendwie sieht ihr das schon ähnlich.”
“Pass nur auf, sonst setzt sie dir plötzlich drei Kinder vor die Tür und sagt, du sollst Babysitten, bevor du überhaupt wusstest, dass sie Mutter geworden ist.”
“Vielleicht kommt sie ja irgendwann zur Vernunft und holt das nach….oder Caít heiratet. Oder noch besser: du feierst mit Ian goldene Hochzeit. Dabei wäre ich auch gerne Gast.”
“Haha, sicher! Ich würde an deiner Stelle nur die Plasmafrüchte in deinem Garten im Auge behalten.”
“Ja, du auch. Und danke nochmal, dass du mir Bescheid gegeben hast.”
Finola hat also geheiratet. Ganz heimlich, ohne irgendjemandem davon zu erzählen. Typisch. Sie entfernt sich immer mehr von der Familie.
Aber irgendwie kann Amando das seiner Nichte auch nicht ganz übel nehmen. Von seiner gesamten Verwandtschaft hatte Finola bislang mit Abstand am wenigsten mit Magie, Vampirismus und was sonst so alles damit zusammenhängt zu tun. Wahrscheinlich will sie einfach nur ein ganz normales Leben in Ruhe, irgendwo weit weg. Eigentlich sollte er sich für sie freuen. Wenigstens hat sie echtes Glück mit ihrem Freund….nein, Ehemann. Glück, um das er sie zugegebenermaßen ein bisschen beneidet.
Warum konnte es bei ihm nicht auch so laufen? Warum konnte er sich nicht einfach in eine ganz normale Frau verlieben? Eine, von der sein eigener Bruder nicht ständig behauptet, sie würde insgeheim planen, ihn umzubringen. Er wollte doch auch nur ein ganz unauffälliges, ruhiges Leben führen.
“Dr. De Luna? Ich will Sie nur ungern aus der Pause holen, aber wir bräuchten Sie mal im OP.”
Gut, vielleicht auch nur ein unauffälliges. Wenn er ein ruhiges Leben gewollt hätte, hätte er nicht Arzt werden dürfen.
“Ich komme sofort.”
Zum Glück ist aber auch sein Arbeitstag irgendwann einmal zu Ende und er darf wieder für ein paar Stunden nach Hause. Was er in diesen Stunden tun soll, außer zu schlafen, weiß er aber nicht so recht. Immer, wenn er nichts zu tun hat, driften seine Gedanken zu Xiu. Vielleicht sollte er sich mal ein Hobby suchen.
“Na, Herr Nachbar? Kommen Sie gerade von der Spätschicht?”
Amando zuckt zusammen. Er war so in Gedanken, dass er gar nicht damit gerechnet hat, angesprochen zu werden.
“Oh….hallo Evelyn.”
“Sie sehen müde aus. War wieder viel los im Krankenhaus?”
“Wann ist da mal nicht viel los? Die wollten mich kaum noch gehen lassen.”
“Genau genommen komme ich auch nicht von der Spätschicht, sondern von der Nachtschicht….die sich den gesamten Tag über gezogen hat.”
“Oh, Sie Ärmster! Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten? Oder….nein, Sie sollten wohl eher schlafen.”
“Ach, Kaffee klingt gar nicht so schlecht.”
Eigentlich ist er zwar kein Kaffeetrinker, aber das letzte Mal, als er bei ihr zu Besuch war, hat er ihn ganz gut vertragen und schlafen kann er jetzt wahrscheinlich sowieso nicht. Dafür gehen ihm wieder einmal zu viele Dinge durch den Kopf. Vielleicht tut ihm ein bisschen nette Gesellschaft gerade ganz gut.
“Ja? Dann kommen Sie doch ein bisschen zu mir. Ich mache uns einen. Und kein Kuchen! Das habe ich mir gemerkt.”
Das erstaunt Amando jetzt doch ein bisschen, aber unglücklich ist er darüber nicht.
“Vielen Dank, das ist wirklich aufmerksam von Ihnen.”
“Ich geb ja zu, ich bin nicht ganz uneigennützig mit meiner Einladung."
“Äh….tatsächlich?”
“Ja. Wissen Sie, ich wohne jetzt schon eine ganze Weile hier in San Myshuno, aber irgendwie ist das Stadtleben doch nicht so ganz das, was ich mir immer ausgemalt hatte. Ich hab ein bisschen Probleme damit, Anschluss zu finden. In Henford kennt jeder jeden und hier sind alle nur Gesichtslose Fremde, die von einem Termin zum nächsten rennen. Niemand redet miteinander. Das fehlt mir ein bisschen. Und Sie….naja, Sie kenn ich eben.”
“Also haben Sie Gesellschaft gesucht?”
“Genau. Manchmal brauche ich das einfach. Sie nicht? Sie leben doch auch alleine.”
“Oh, doch. Ich meine, im Krankenhaus bin ich nie wirklich alleine, aber das ist ja was Anderes.”
“Ich wette, Ihnen tut ein Gesprächspartner, der Sie nicht die ganze Zeit anhustet, auch ganz gut.”
“Haha, ja, da könnten Sie Recht haben.”
“So, hier bitte.”
“Danke.”
“Ich meine, es ist nicht so, dass ich gar keinen Kontakt zu anderen Leuten hab. Manchmal telefoniere ich mit meinem Bruder, aber ich komme so selten dazu, ihn zu besuchen. Ich hab das Gefühl, mein Neffe ist aufgewachsen, ohne, dass ich ihn richtig kennenlernen konnte.”
“Das Gefühl kenne ich nur zu gut…”
“Vorgestern war mein er noch ein kleiner Junge und gestern ist er in die Oberschule gekommen.”
“In die Oberschule? Meine Nichte hat vor wenigen Tagen sogar geheiratet.”
“Oh, das ist aber schön! Ach, wie doch die Zeit vergeht…”
“Die Kinder unserer Geschwistern werden groß und wir zwei Jungesellen sitzen immer noch hier herum und drehen Däumchen, was? Haha.”
Evelyns Aussage jagt Amando einen eiskalten Schauer über den Rücken, auch wenn er selbst nicht genau sagen kann, weshalb. Aber irgendwie fühlt er sich ertappt davon. Sie hat Recht. Die Zeit bleibt nicht stehen, nicht einmal für jemanden wie ihn und erst Recht nicht für Xiu.
“Ich sollte wohl auch bald mal heiraten.”
“Hm?”
“Heiraten. Sie wissen schon. Einen Mann. Zusammenziehen, Kinder bekommen….sowas halt. Ich werd ja auch nicht jünger und will nicht ewig hinter meinem Bruder her hinken.”
“Oh….ja.”
“Haben Sie denn vor zu heiraten?”
“Hmm….eigentlich wäre das schon ganz schön. Eine eigene Familie…”
“Haben Sie schon jemanden in Aussicht?”
“Ja, aber-”
“Oh nein!”
“Was?”
“Sie haben “aber” gesagt! Was ist denn los?”
“Äh….ach, das ist ein bisschen kompliziert…”
“Hat ihre Angebetete etwa einen Anderen?”
“Öh….nein, ich denke nicht….also, hoffe ich…”
“Aber was ist dann?”
“Ach, es ist nichts Besonderes. Oder….also eigentlich schon….es ist….hmm…”
Wie erklärt er das jetzt am besten? Gar nicht? So einfach wird er sich wohl nicht aus dieser Sache herauswinden können.
“Also es gibt da etwas….das ich ihr vorher sagen muss…”
“Etwas Schwieriges?”
“Ja, sehr schwierig. Aber es steht leider zwischen uns und ich glaube, das hat schon zu einigen Missverständnissen geführt.”
“Und es fällt Ihnen schwer, das zu sagen?”
“Ja. Ich weiß nicht, ob sie es gut aufnehmen wird.”
“Aber es nicht zu sagen ist doch auch keine Lösung, oder?”
“Nein….irgendwie nicht. Nicht auf Dauer. Auch wenn mein Bruder sagt, ich solle es nicht tun.”
“Ist Ihr Bruder verheiratet?”
“Nein.”
“Hat er eine feste Freundin?”
“Auch nicht.”
“Dann hat er doch eigentlich keine Autorität in diesem Thema, oder? Also ich finde, Sie sollten es tun!”
“Sie haben doch auch keinen Partner, oder?”
“Hihi, erwischt. Da haben Sie natürlich Recht. Es hört sich nur so traurig für mich an. Weil Sie wollen doch eine Familie und wenn das sie ganze Zeit im Weg steht, kommen Sie nicht weiter.”
“Reden Sie doch einfach mal mit Ihrer Freundin. Was soll schon passieren? Im allerschlimmsten Fall trennt Sie sich von Ihnen. Das wäre zwar auch sehr traurig, aber dann wüssten Sie, dass sie nicht die Richtige für Sie ist und können sich anderweitig umsehen. Sonst geht es doch nie voran."
Das klingt einleuchtend. Gut, der schlimmste Fall ist zwar vielleicht noch ein bisschen schlimmer, als Evelyn jetzt denkt, aber Xiu würde ihm nie ernsthaft etwas antun, oder?
“Wissen Sie was, ich glaube, Sie haben Recht.”
“Na sehen Sie!”
“Ich werde mit ihr reden. Vielen Dank für das Gespräch.”
“Gern geschehen. Gehen Sie da raus und klären Sie das, was zwischen Ihnen steht! Und halten Sie mich auf dem Laufenden. Sie wissen ja, ich bin meist zuhause und habe immer ein offenes Ohr für Sie!”
“Haha, in Ordnung. Danke, Evelyn. Auch für den Kaffee.”
“Viel Glück!”
Jetzt, wo er einen Kaffee getrunken und seine Gedanken mit Absicht auf Xiu gelenkt hat, kann Amando erst recht nicht mehr schlafen. Im Moment will er das aber auch gar nicht.
Soll er es Xiu wirklich endlich sagen? Natürlich ist das riskant, aber wenn er keinen reinen Tisch mit ihr macht, wird das ewig zwischen ihnen stehen. Und wenn sie es gut aufnimmt…
In jedem Fall ist es besser, wenn sie es von ihm erfährt, als auf einem anderen Weg. Er sollte nur vorher noch einmal darüber nachdenken, wie er es ihr am besten sagt. Ob er seinen Großvater wieder um Rat bitten sollte? Dem war es garantiert noch nie unangenehm oder peinlich zuzugeben, dass er ein Vampir ist. Ganz im Gegenteil. So, wie er sich benimmt, ist er eher stolz darauf. Und hatte der nicht sogar mal eine Beziehung mit einer Vampirjägerin? Das muss doch irgendwie funktioniert haben, sonst wäre er jetzt nicht mehr am Leben. Er hatte ja sogar ein Kind mit ihr.
Andererseits ist die Art von Beziehung, die sein Großvater mit Frauen zu haben pflegt, auch nicht unbedingt das, was Amando anstrebt. Vielleicht wäre es doch besser, wenn er seinen eigenen Weg sucht. In jedem Fall braucht er Zeit, um darüber nachzudenken. Dafür muss er aber erst einmal den Kopf frei bekommen. Wenn er hier weiter herumsitzt, wird das nie was.
Um diese Uhrzeit gibt es für dieses Problem eigentlich nur eine naheliegende Lösung.
Ein Plasma Jane hat ihm bisher noch immer geholfen, sich ein bisschen zu entspannen. Hoffentlich kennt der neue Barkeeper das Rezept.
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