Kapitel 85: Warum wir jagen

 

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Was Jeroen zuerst für einen Traum gehalten hat, hat sich schnell als einfache Zufallsbegegnung herausgestellt. Herr Rosales saß tatsächlich neben ihm in der Bahn. Er war auf dem Rückweg von einem Tanzkurs oder sowas. Zumindest hat Jeroen das so verstanden. Warum er dort war, weiß er aber nicht. Diese Begegnung macht es ihm auch praktisch unmöglich, seinem Ausbilder noch weiter auszuweichen. Klar könnte er ihm sagen, dass er nicht reden will, aber das traut er sich nicht. Also bleibt ihm wohl nichts anderes übrig. Früher oder später muss er das ja sowieso tun.



Immerhin konnte Jeroen ihn überzeugen, in seine Wohnung zu kommen um zu reden . Da fühlt er sich wenigstens ein kleines bisschen selbstsicherer.



“Also…über was wollen Sie mit mir reden? Über unsere Jagd?”

Herr Rosales nickt.

“Die lief doch ganz gut, oder? Sie haben den Vampir sauber erwischt und ich….ähm…”

Die Worte, die Jeroen nicht ausspricht, sagen im Grunde schon alles.



“Du hast Zweifel.”

Die hat er definitiv, auch wenn er es eigentlich nicht zugeben will. Erst recht nicht vor Herren Rosales, immerhin will der ihn doch ausbilden. Jetzt plötzlich den Schwanz einzuziehen, kommt Jeroen unglaublich feige vor, auch wenn er selbst genau weiß, dass er keine Ahnung hat, wie er das durchhalten soll. Schließlich nickt er doch.

“Ihnen fällt das so leicht…”

“Das täuscht.”

Tut es das? Er hat keine Sekunde gezögert dabei, auf den Vampir zu zielen und abzudrücken. Auch nicht, als er ihm die Zähne gezogen hat. Wie kann er da sagen, es würde ihm nicht leicht fallen? Oder ist er einfach nur so gut darin, zu verstecken, was in ihm vor sich geht? Zugegeben hat Jeroen tatsächlich keine Ahnung. Herr Rosales lässt ja nie durchblicken, was er denkt.



“Darf ich Sie etwas fragen?”

“Hm?”

“Warum jagen Sie?”

Was die Antwort auf diese Frage ist, kann Jeroen sich zwar schon denken, aber neugierig ist er trotzdem.



Als sein Ausbilder dann aber nicht sofort antwortet “Weil es das Richtige ist” oder “Weil Vampire böse sind” oder sowas, bekommt Jeroen doch Zweifel. Mit der echten Antwort lässt Herr Rosales sich ganz schön viel Zeit. Muss er darüber ernsthaft erst nachdenken?

“Meine Familie jagt seit Generationen.”



“Und deshalb tun Sie das auch? Weil es vor Ihnen auch alle gemacht haben?”

Die Antwort ist ja sogar noch stumpfer als das, was Jeroen sich ausgemalt hatte.

Herr Rosales schüttelt auf die zweite Nachfrage allerdings den Kopf.

“Nur anfangs.”



“Ich jage, weil ich Menschen schützen will.”

“Was hat Ihre Ansicht geändert? Ich meine, ich kann irgendwie verstehen, wenn man erst helfen will und es dann irgendwann einfach zum Beruf wird, aber andersherum?”



“Mein erster Auftrag.”

Irgendwas muss da wohl passiert sein.

“Erzählen Sie mir davon?”



“Ich war sehr jung. Hatte meine Mutter ein paar Mal begleitet. Dann sollte ich selbst jagen gehen.”



“Einfach so? Alleine? Ich dachte, Vampirjäger haben zur Sicherheit immer einen Partner dabei.”

Zumindest haben sie ihm das so vermittelt und irgendwie macht es ja auch Sinn in Jeroens Augen. Andererseits scheint Herr Rosales ja auch alleine auf die Jagd gegangen zu sein, bevor er ihn mitgenommen hat. Oder geht Frau Liu auch manchmal mit?



“Niemand hatte Zeit. Aber der Auftrag war leicht, haben sie gesagt. Anfängergeeignet. Ein einzelner Vampir, nicht sehr alt. Hatte sich in eine Wohnung eingenistet. Die Familie getötet, die dort gelebt hat.”

“Und Sie sind zu dieser Wohnung gefahren und haben ihn erlegt?”



“Ja. Aber der Auftrag war nicht das, was mir gesagt wurde. Die Gilde hatte falsche Informationen.”

Jetzt wird Jeroen doch neugierig.

Was hat denn nicht gestimmt?



“Er war nicht alleine.”



“Sie haben sich als Anfänger gleich mit mehreren Vampiren angelegt?”

Das passt irgendwie zu ihm. Versteckte Selbstzweifel hin oder her, Jeroen kann sich Herren Rosales als Anfänger irgendwie gar nicht vorstellen.



Der schüttelt aber schon wieder den Kopf.

“Nicht die ganze Familie war tot. Der Vampir hatte eine Geisel.”

Hat er etwa gewusst, dass Sie kommen und wollte sich so schützen?

“Nein. Er hatte sie seit Wochen. Sie sah nicht gut aus.”

Jeroen weiß nicht, ob er sich das wirklich bildlich vorstellen will. Dass der Vampir nett zu ihr war, kann er aber wohl ausschließen.



Und was haben Sie dann gemacht? Konnten Sie die Geisel retten und den Vampir trotzdem erlegen?

“Es kam zum Kampf. Ich war abgelenkt. Er hat mich erwischt, aber ich konnte ihn erledigen.”



“Das Mädchen wurde nicht weiter verletzt.”



Obwohl Jeroen selbst bei dieser Sache gar nicht dabei ist und sie wohl auch schon einige Jahre zurückliegt, fühlt er sich irgendwie erleichtert. Zumindest, bis er weiter über das Schicksal der Geisel nachdenkt.

“Also konnten sie das Mädchen retten. Aber ihre ganze Familie war tot…wissen Sie, was aus ihr geworden ist?”

“Sie wollte lernen zu jagen.”

“Haben Sie sie ausgebildet?”

Das wäre zumindest der nächste logische Schritt. Er selbst kann ja nicht Herr Rosales’ erster Schüler sein.



“Ich wollte nicht. Habe sie zu Verwandten gebracht.”

“Oh…”

Also doch nicht. Aber gut, er war ja selbst noch Anfänger.



“Zwei Wochen später stand sie vor dem Hauptquartier. Hat mit dem Chef geredet. Er wollte, dass ich mich um sie kümmere."

“Und das haben sie getan?”

Herr Rosales nickt.



“Ist sie eine erfolgreiche Jägerin geworden?”

Diesmal zögert er, schließlich nickt er aber erneut.

“Aber wieso gehen Sie dann alleine auf die Jagd?”

“Ich bin nicht alleine.”



Es dauert einen Moment, bis Jeroen langsam dämmert, was Sache ist.

“Moment…reden Sie etwa von Frau Liu?! War sie das Mädchen, das Sie vor dem Vampir gerettet haben?”

Ja.

Das erklärt Einiges. Nicht zuletzt führt die ganze Geschichte aber dazu, dass Jeroen wieder anfängt, sich ein bisschen schuldig zu fühlen. Frau Liu versucht seit Tagen, Kontakt zu ihm aufzunehmen und herauszufinden, wie es ihm geht und er hat sich nur zurückgezogen. Er sollte wirklich mit ihr reden.



“Ist sie noch wach?”

“Hm?”

“Frau Liu. Ist sie um diese Zeit noch wach? Ich wollte mich noch bei ihr melden.”

“Wahrscheinlich.”



“Dann komme ich gleich mit.”



Frau Liu ist tatsächlich noch wach. Sie arbeitet wohl an irgendwas, aber als sie hört, dass die Wohnungstür sich öffnet, dreht sie sich um.

“Rodrigo, bist du ja endl-... Jeroen!”



“Hi…tut mir leid, dass ich mich erst jetzt melde.”

“Du siehst gar nicht gut aus. Schläfst du nicht?”

“Kaum.”

Sie sieht ernsthaft besorgt aus. Wie muss er dann erst aussehen? Er hat sich seit Tagen an keinen Spiegel mehr getraut. Zurecht, offenbar.



“Dir muss viel im Kopf herumgehen.”

“Ein paar Sachen.”

Das ist die Untertreibung des Jahrtausends, aber ganz so genau will er nicht darauf eingehen und seine Albträume zugeben will er auch immer noch nicht.

“Vielleicht hilft es dir, wenn du darüber redest. Ich bin sicher, dass ich Einiges aufklären kann, wenn du mir sagst, was dich belastet.”



Zumindest eine Frage gibt es, die ihm seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf geht, auf die sie vielleicht die Antwort weiß.

“Wir waren erfolgreich bei der Jagd…”

“Das hat Rodrigo mir berichtet. Du kannst stolz auf dich sein.”



Stolz darauf, dass er gekotzt hat und fast ohnmächtig geworden wäre? Andererseits, vielleicht werden die meisten Leute auf ihrer ersten Jagd ja wirklich ohnmächtig. Aber das tut jetzt nichts zur Sache.

“Ja… Herr Rosales hat den Vampir sauber getroffen und er ist gestorben, aber…”

“Aber?”



“...aber er ist nicht zu einem Haufen Asche zerfallen.”



Frau Liu wirft einen kurzen Blick zu ihrem Partner, dann wendet sie sich wieder an Jeroen.

“Das tun nur die ganz besonders alten Vampire. Der, den ihr erwischt habt, war noch sehr jung. Er war noch nicht lange Vampir. Vielleicht-.”

Sie unterbricht ihren Satz abrupt und schüttelt den Kopf. Etwas will sie wohl unausgesprochen lassen. Etwa, dass der Vampir, den sie erledigt haben, doch noch genug Menschlichkeit in sich übrig hatte, um genauso zu sterben wie einer?



So schnell wird Jeroen die Antwort wohl nicht aus ihr herausbekommen. Für heute will er es aber auch gut sein lassen.

“Oh…das wusste ich nicht.”

“Niemand weiß auf Anhieb alles. Du bist bei uns, um zu lernen.”



“Aber übertreib es nicht, okay? Wenn du mal eine Pause brauchst, ist das völlig in Ordnung.”

“Okay.”

“Im Moment siehst du jedenfalls aus, als hättest du das bitter nötig. Schlaf vor allem.”

Das kann er nicht verneinen.



“Weißt du was? Ich arbeite hier gerade sowieso an einem etwas fortgeschritteneren Fall, bei dem ich dich nicht mit einbeziehen will. Nicht, weil ich irgendwas geheim halten will, ich will dich nur nicht in Gefahr bringen. Solange ich daran arbeite, kannst du dich entspannen und wenn wir Zeit für dich haben, gebe ich dir Bescheid.”



“Du kannst dich aber jederzeit bei uns melden, wenn du etwas brauchst. Wir sind ja gleich gegenüber. Wie klingt das für dich?”

“Gut.”

“Gut. Dann kannst du dich auch ein bisschen auf deinen Abschluss konzentrieren. Du hast doch bald Geburtstag, richtig?”

“Ja.”

Aber so wirklich Lust auf Schule hat er nicht. Braucht er überhaupt einen Schulabschluss, um Vampirjäger zu werden? Irgendwie kann er sich das nicht vorstellen. Noch weniger kann er sich aber vorstellen, dass seine Ausbilder glücklich damit wären, dass er ihn nicht macht. Vielleicht sollte er die Zeit wirklich nutzen.



“Dann wäre ja alles geklärt. Willst du sonst noch etwas wissen?”

“Ich glaube, im Moment nicht.”

“Dann versuche am besten, ein bisschen zu schlafen.”



Nachdem Jeroen sich verabschiedet hat, legt er sich tatsächlich in seinen Schlafsack. Zumindest kann er jetzt nachvollziehen, warum Frau Liu nicht an gute Vampire glaubt. Aber ob das Gespräch ihm auch geholfen hat, seine Albträume zu überwinden? Es gibt wohl nur einen Weg, das herauszufinden.

 

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