Kapitel 84: Ablenkung

 

 



Müde.



Er ist so verdammt müde, er könnte sofort einschlafen. Im Sitzen, im Stehen, völlig egal. Aber er darf nicht.



Jeroens Augen drohen, jeden Moment zuzufallen. Trotzdem zwingt er sich, sie offen zu halten. Wenn er es doch zulässt, sieht er es wieder. Seit er Herr Rosales auf die Jagd begleitet hat, haben sich diese Bilder in sein Hirn eingebrannt und immer, wenn er die Augen schließt, sieht er sie vor sich, als wäre er wieder in dieser Gasse.



Schlimmer noch, wenn er einschläft. Dann sieht er die Bilder nicht nur, er spürt auch die kalte Mauer in seinem Rücken, riecht das Blut des Vampirs und am schlimmsten: er hört ihn.



“Warum?” fragt er ihn.

“Warum?” fragt Jeroen zurück. “Warum redest du mit mir? Du bist tot.”



Aber das interessiert den Vampir nicht. Statt zu Staub zu zerfallen, steht er auf, streckt die Hand nach ihm aus und-



Verdammt. Ist er etwa schon wieder eingeschlafen?



Jeroen schüttelt den Kopf, um wieder wach zu werden. Das geht jetzt schon seit Tagen so. Manchmal schafft er es, für wenige Stunden in einen traumlosen Erschöpfungsschlaf zu fallen, aber die meiste Zeit verfolgen ihn seine Albträume. Sobald er auch nur kurz einnickt, wacht er im nächsten Moment schweißgebadet mit rasendem Herzen wieder auf.



In der Schule war er seitdem nicht mehr. Er hat die Wohnung überhaupt nicht mehr verlassen, dabei könnte er Ablenkung eigentlich gut gebrauchen.



Frau Liu hat das eine oder andere Mal nach ihm gesehen, aber mit ihr wollte er nicht reden. Noch nicht. Er kann einfach nicht. Dabei weiß er genau, dass er eigentlich jemanden braucht, dem er sich anvertrauen kann. Jemanden, der ihn auf andere Gedanken bringt, am besten. Jemanden, der auch nicht fragt, warum er nicht in der Schule war. Und nicht seine Mutter. Die sowieso nicht.



Viele Optionen bleiben ihm da nicht. Außer vielleicht…

“Opa!”

Richtig, den gibt es ja auch noch! Und er hat ihn doch sogar eingeladen, oder? Ob er da einfach so aufkreuzen kann, unangekündigt?



Um diese Uhrzeit dürfte noch keine Kundschaft da sein und mit dem Zug schafft er es in einer Stunde bis nach Brindelton Bay.



Der Gedanke daran, seinen Großvater zu treffen, gibt Jeroen einen Energieschub. Besser, er denkt nicht länger darüber nach, sondern geht einfach, bevor er wieder einschläft. Er kann ja auf dem Weg noch kurz anrufen, um den alten Herren nicht komplett zu überrumpeln.



Eine knappe Stunde später hat er sein Ziel erreicht. Fast zumindest. Die Bar muss er noch suchen. Irgendwo am Wasser, hat Opa gesagt.



Bevor er dort hingeht, will er aber noch kurz die Ruhe genießen. Die Seeluft tut gut. Nachdem er auf der Zugfahrt bestimmt fünfmal wieder fast eingeschlafen wäre, belebt sie ihn regelrecht.



San Myshuno grenzt zwar auch ans Meer, aber ruhig ist es dort nie und so wirklich frisch ist die Luft da auch nicht. Zu viele Abgase. Stadt eben. Dafür hat man so ziemlich alles, was man zum Leben braucht, direkt vor der Haustür. Hier gilt das wohl nur, wenn man eine Katze ist. Fisch gibt es jedenfalls genug, den riecht Jeroen ebenfalls und zwar schon von Weitem. Dass das Opa nicht die Kundschaft vertreibt…aber die Leute hier sind das vermutlich gewöhnt.



Das hier muss wohl die Bar sein.



“Jeroen! Wie schön, dass du es geschafft hast. Das war eine ziemliche Überraschung, als du vorhin angerufen hast. Komm nur rein.”

“Hallo, Opa…”

“Setz dich.”



“Du hast Glück, normalerweise tauchen um diese Zeit schon die ersten Kunden auf, aber heute Abend werden die meisten lieber auf das Stadtfest gehen.”

“Und du nicht?”

“Ach, so interessant ist das auch wieder nicht. Anfangs war der Fischweitwurfwettbewerb ja noch ganz lustig, aber seitdem die Stadt darauf achtet, dass sich keine Katzen mehr aufs Feld schleichen und die Fische klauen, bevor die geworfene Distanz gemessen wird, ist es lange nicht mehr so lustig. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten sie die Katzen irgendwie mit einbeziehen sollen. Die Stadt ist ja sonst so Haustierfreundlich.”



“Ähm….Fisch…weitwurf…?”

“Eine alte Tradition hier in Brindelton Bay.”



“Willst du etwas trinken?”

“Nur was Alkoholfreies.”

“Wirklich? Die meisten Teenager reißen sich doch geradezu darum, ihre ersten “richtigen” Cocktails zu trinken.”

“Die meisten Teenager haben auch nicht meine Mutter.”



“Ich verstehe…ist es immer noch so schlimm?

“Ist sogar noch schlimmer geworden, seit sie diesen Barkeeper datet.”



“Hm. Irgendwie ironisch. Wo sie sich über meine Berufswahl doch früher oft genug beschwert hat.”

Die weiß einfach nicht, was sie will…

“Sie hatte keine leichte Jugend. Und ich bin daran nicht ganz unschuldig, das ist mir bewusst.”



“Eigentlich ist es kein Wunder, dass sie nie hier vorbei kommt. Nach dem, was damals hier passiert ist, kann ich ihr das auch gar nicht übel nehmen.”

“Hier? In dieser Bar meinst du?”

“Ja.”

“Was ist denn passiert?”



Joseph seufzt. Er antwortet Jeroen nicht sofort. Hätte er nicht danach fragen sollen?

“Vielleicht ist es ja doch an der Zeit, dass ich dir erzähle, was damals passiert ist. Schließlich bist du auch schon fast erwachsen.”



“Jeroen…glaubst du an Vampire?”



Kaum, dass er dieses Wort hört, spürt Jeroen, wie ihm ein kalter Schauer den Rücken herunterläuft und sämtliche seiner Muskeln sich verkrampfen. Mit einem Mal kommt alles zu ihm zurück und diesmal muss er nicht einmal die Augen dafür schließen.

Jeroen, ist alles in Ordnung? Du bist plötzlich so blass.



Auch wenn er antworten will, bekommt er die Zähne nicht auseinander. Sein Kiefer ist wie versteinert. Seine Beine bewegen sich dagegen ganz von alleine.

“Jeroen?”



Er bekommt kaum mit, wie er sich in Richtung der Tür bewegt. Die Welt um ihn herum verschwimmt regelrecht. Klare Gedanken kann er kaum noch fassen. Mit einer einzigen Ausnahme: er muss hier weg.

Jeroen!



Er hat keine Ahnung, wohin er rennt. Aber das ist in diesem Moment auch egal. Alles, was er will, ist sich irgendwo zu verstecken, bevor ihn die Bilder wieder einholen.



Wie weit er gelaufen ist, bevor seine Beine nachgeben, weiß er nicht. Er zittert am ganzen Körper. Als Jeroen sich umsieht, ist er von Bäumen und Gebüsch umgeben. Bewusst hat er sich diesen Ort nicht ausgesucht, aber unterbewusst kam ihm diese Ecke wohl vor wie ein gutes Versteck. Gut genug, um sich langsam wieder zu beruhigen.



Soviel zum Thema Ablenkung. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte er liebend gerne seinem Großvater zugehört, immerhin hat er schon das eine oder andere Mal aufgeschnappt, dass irgendwann irgendwas mal vorgefallen ist. Aber nicht heute. Heute wollte er einfach nur über alles andere reden als das.



Weglaufen wollte er eigentlich auch nicht. Opa macht sich bestimmt Sorgen. Besser, er geht nochmal zurück.



Die Frage ist nur: welche Richtung ist “zurück”?



Als Jeroen den Weg endlich gefunden hat, wird es bereits dunkel. Das war gar nicht so einfach. Er hat sich beim Weglaufen absolut nichts gemerkt und an Passenden ranzukommen, die er fragen könnte, war auch nicht leicht. Zumindest, bis er über dieses Stadtfest gestolpert ist, bei dem sich tatsächlich fast ganz Brindelton Bay versammelt hat. Das war auch kaum zu überriechen. Offenbar haben manche Teilnehmer den Wettbewerb nicht ganz verstanden und die Fische eher hoch als weit geworfen. Anders kann er sich nicht erklären, warum so viele von denen in den Bäumen hingen.



“Jeroen!”

Kaum, dass er seinen Enkel sieht, lässt Joseph alles stehen und liegen.

“Da bist du ja wieder! Ist alles in Ordnung?”



“Ja….sorry, Opa. Ich wollte nicht-”

“Es ist alles gut. Ich bin einfach nur froh, dass du wieder aufgetaucht bist.”



“Ich habe vorhin etwas Falsches gesagt, oder?”

“Nein…ja…es ist kompliziert. Aber das ist nicht deine Schuld.”

“Willst du darüber reden?”



“Ja….aber nicht jetzt. Ich glaube, es ist besser, wenn ich wieder nach Hause gehe.”

“Natürlich.”



“Du kannst mich jederzeit anrufen.”

“Mach ich.”

“Komm gut nach Hause.”

“Danke.”



Den Weg zurück zur Bahn findet Jeroen glücklicherweise trotz der Dunkelheit schnell.



Jetzt, wo er sich wieder beruhigt hat, entspannt er sich so langsam. Leider kehrt damit auch die Müdigkeit wieder. Diesmal sieht er sich aber nicht mehr in der Gasse, sondern auf dem Weg dorthin. In der Bahn. Das muss daran liegen, dass er schon wieder hier sitzt und durch die Dunkelheit fährt. Das lässt alles noch viel realer erscheinen.



Nach einer Weile ist ihm sogar fast, als säße Herr Rosales wieder neben ihm. Zum Glück hat er diesmal aber keine Armbrust dabei.



“Wir müssen reden.”

 

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