Kapitel 83: Die Jagd nach dem Glimmerstein

 

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“Da vorne ist es.
 


“Dieses Portal da? Stand das schon immer dort?”

“Zumindest steht es schon sehr lange da. Viel länger, als wir auf der Welt sind.”

“Und das praktisch direkt hinter unserem Haus….wieso ist mir das früher nie aufgefallen?”



“Vermutlich, weil die Bewohner der Welt hinter dem Portal nicht wollten, dass es dir auffällt. Ohne Wegbeschreibung findet kaum ein Nichtmagier hierher.”

“Aber ich bin doch-”

Noch bevor er den Satz beendet, ist er schon wieder ruhig.

“Ja, gut….schon verstanden.”

Dass die allermeisten Magier nicht gut auf Vampire zu sprechen sind, hat er bereits als Kind mitbekommen. Sein Vater war wohl die Ausnahme von dieser Regel und das, obwohl seine Mutter ihm immer wieder gute Gründe gegeben hat, warum er eben doch vorsichtig sein sollte.



Egal, wie sehr Laetitia ihm eingeredet hat, dass das schon klappen wird, die Vorstellung, persönlich ins Reich der Magie zu reisen, behagt Narciso so ganz und gar nicht. Natürlich hat er nicht vor, irgendwelche Leute dort anzufallen und auszusaugen oder sonstwas kaputt zu machen. Er ist ja nicht lebensmüde. Trotzdem erwartet er nicht, mit offenen Armen dort empfangen zu werden.



“Gibt es eigentlich einen Grund für deinen Aufzug? Ist dir kalt?”

“Ich will nicht, dass dort jemand weiß, wie ich aussehe und schon gleich dreimal nicht, dass jemand meine Zähne sieht.”

“Ach, im schlimmsten Fall könntest du denen das als auch Folge eines schiefgelaufenen Zaubers verkaufen. Du glaubst gar nicht, wie viele Magier sich tagtäglich Flüche zuziehen, weil sie nicht aufgepasst haben. Aber wenn du dich damit sicher fühlst, ist das schon in Ordnung. Wahrscheinlich fällst du nicht mal auf.”



“Also komm, gehen wir.”



“Ähm….Flüche?”

Es gibt wohl so Einiges, das er noch lernen muss.



Vielleicht ist es ja ein guter erster Schritt, wenn er tatsächlich mal dahin geht, wo alle anderen Magier sich regelmäßig aufhalten.



“Ah, da bist du ja endlich.”

Endlich? So lange hat er doch gar nicht gebraucht, oder? Einmal rein in die komische Seifenblase und auf der anderen Seite wieder raus. Zugegeben, das Gefühl war nicht gerade angenehm. Hatte ein bisschen was davon, einen von Laetitias experimentellen Tränken zu schlucken. Aber dass Zeit vergangen sein soll, hat er so gar nicht mitbekommen.



Erst im zweiten Moment kommt Narciso dazu, sich hier überhaupt umzusehen. Er weiß nicht genau, was er sich ursprünglich unter dieser magischen Welt vorgestellt hat, aber das war es sicher nicht. Oder nicht ganz zumindest. Klar, schwebende Steine, leuchtende Kristalle und eine etwas surreale Atmosphäre hatte er schon erwartet, aber insgesamt auch irgendwie…mehr. Wortwörtlich. Wo ist der Rest von dieser Welt?



“Ist das alles?”

“Alles, was noch übrig ist zumindest, aber das reicht für unsere Zwecke. Willkommen im Reich der Magie.”



“Ich muss ein paar Besorgungen in der Zauberallee machen. Warum schaust du dich in der Zwischenzeit nicht ein bisschen hier um? Vielleicht findest du ja etwas heraus.”

“Du willst mich hier einfach so alleine lassen?”

“Natürlich, du bist doch erwachsen.”



“Dir wird schon nichts passieren. Die verfluchten Gegenstände sind alle weggesperrt, hier laufen schließlich auch Kinder herum.”

“Ja, aber-”

“Ich komme dich dann wieder hier abholen. Bis später.”



Und weg ist sie. Er ist also auf sich alleine gestellt. Dabei weiß er nicht mal, wo er anfangen soll zu suchen. Einen Glimmersteinautomaten, in den man ein paar Münzen wirft und so einen Stein herausbekommt, gibt es hier sicher nicht.



Ob er irgendwo ein Lager findet? Oder muss er etwa jemanden danach fragen? Das würde er eigentlich lieber vermeiden. Es sei denn, es geht anders nicht.



Laetitia sagte, die Dinger seien personalisiert. Das muss ja auch irgendjemand gemacht haben, sonst hätte er gar nicht mitkommen müssen, sondern hätte sie darum bitten können, ihm einen mitzubringen. Hat er anfangs ja sogar, nur, um geantwortet zu bekommen, dass das nicht geht.



Oder geht das am Ende ganz einfach, indem er der erste ist, der das Ding berührt? Auf jeden Fall sollte er sich erst einmal umsehen.



Zu seinem Glück ist hier lange nicht so viel los, wie er anfangs befürchtet hatte. Das ganze Gebäude wirkt fast wie ausgestorben. Die sind wohl gerade ausgeflogen. Könnte für ihn von Vorteil sein.



Trotzdem fühlt er sich irgendwie beobachtet. Aber davon kann er sich aber nicht abhalten lassen. Schon gleich gar nicht, als er das kleine Mädchen entdeckt, das ihn anstarrt. Ein Kind kann ihm wohl kaum was. Abgesehen davon sieht sie selbst ein bisschen verloren aus. Wenn er sich einfach ganz natürlich verhält und so, als würde er hierher gehören, merkt sie vielleicht nichts.



Außerdem darf er sein Ziel nicht aus den Augen verlieren. Wo könnten die Magier ihre Glimmersteine verstecken? In einem Bücherregal?



Oder in einem Kühlschrank? Vielleicht müssen die ja kalt gelagert werden.



Oder wachsen sie an Bäumen? Laetitia hat mal was von Kristallen erzählt, die an Bäumen wachsen.



Im Keller gibt es zumindest große Kristalle hinter Glas, aber die Glimmersteine haben eine andere Farbe, wenn er sich recht erinnert.



Und was ist hinter dieser unscheinbaren Tür?



Eine Menge Krempel hinter Glas. Sieht aus wie ein Lager. Vielleicht sind hier ja die Glimmersteine.



Die meisten Sachen sehen allerdings weniger danach aus. Eher wie irgendwelche Artefakte oder merkwürdige Zutaten oder…das werden doch hoffentlich nicht die verfluchten Gegenstände sein, von denen Laetitia geredet hat? Wenn ja, dann waren sie nicht sonderlich gut gesichert. Die Tür war nicht verschlossen. Entweder sind diese Magier doch ziemlich nachlässig oder hier war vor Kurzem erst jemand drin. Der Gedanke jagt ihm einen eiskalten Schauer den Rücken hinunter. Er hat sich allgemein ja schon recht fehl am Platz gefühlt hier im Reich der Magie, aber sich in diesem Raum aufzuhalten fühlt sich irgendwie besonders verboten an.

Was ist? Wieso bleibst du stehen? Wolltest du nicht etwas finden?

“Irgendwie glaub ich nicht, dass es so gut wäre, wenn mich hier jemand sieht.”

Na dann such lieber mal ein bisschen schneller, vielleicht findest du ja einen Zauber, der dich unsichtbar macht.

“Sowas gibt's?”

Es gibt kaum etwas, das es nicht gibt.



“Suchst du etwas Bestimmtes?”

Zu spät.



“Ähm…”

“Nur nicht so schüchtern. Vielleicht kann ich dir weiterhelfen.”



“Ich…äh…brauch etwas, das mir hilft, Energie aus dieser…äh…Quelle da zu beziehen."

“Aus welcher Quelle?”

“Na aus der….der mit der magischen Energie. Keine Ahnung, wir ihr das nennt, meine Schwester hat mir das nur als Quelle vermittelt.”

Was grinst sein Gegenüber denn jetzt so doof? Hat er irgendwas Falsches gesagt? Hat Laetitia Unrecht und er macht sich hier gerade komplett lächerlich?



“Es gibt viele Quellen.”

“Äh….”

“Ich nehme an, du brauchst etwas sehr Spezielles, wenn du dich schon hierher verirrt hast. Die wenigsten Schüler bekommen diesen Raum hier zu Gesicht. Für gewöhnlich halte ich meine kleine Sammlung sehr gut unter Verschluss. Dass die Tür überhaupt sichtbar war, liegt nur daran, dass ich selbst gerade dabei war, eine Zutat für ein Experiment zu holen.”



“Hier. Freiwillig gegebenes Blut eines alten Vampirs. Äußerst selten.”

So langsam wird Narciso verdammt warm unter seiner Jacke. Ahnt sein Gegenüber etwa etwas? Nein, ganz bestimmt nicht, oder? Das ist nur ein dummer Zufall.



“Aber sicherlich nicht das, was du gerade brauchst.”

“Ähm…hehe….nee, ich denk nicht. Ich hatte ja nicht vor Vampirzauber zu wirken oder so…das wäre…äh…so unmagierhaft und…äh…illegal, oder? Haha…”

“Und nebenbei unmöglich mit nur ein wenig Blut. Dafür bräuchtest du schon eine aus Fangzähnen gefertigte Kette oder so etwas in der Art.”

Alleine bei dem Gedanken zieht Narcisos Magen sich zusammen.



“Ah…äh….ja…gut, dass ich das nicht vor hab.”

“Damit könnte ich dir im Augenblick auch nicht aushelfen. Wenn ich dir aber helfen soll, muss ich zunächst wissen, was genau du suchst.”


“Nicht jede Art von Magie fuktioniert mit jeder Quelle gleich gut. Wenn du deine Zauber perfektionieren willst, musst du wissen, aus welcher Quelle du schöpfen willst. Die falsche Energie kann einen Zauber abschwächen, aber wenn du genau die richtige findest…”

Klingt eigentlich einleuchtend, Wenn er als Vampir auch irgendwo die Kraft für seine Vampirmagie herbekommt und die einen anderen Ursprung hat als die, die er für das Feuer braucht, wieso soll es dann nicht noch mehr geben?

“Ich glaube, ich weiß, was du meinst.”



“Dann hast du deine also schon gefunden? Was suchst du denn dann noch?”

“Naja, was, was mir hilft, auch ganz einfache, allgemeine Zauber zu wirken. Essen oder so. Meine Schwester hat gesagt, das wär ein Anfängerzauber und ein Glimmerstein könnte mir helfen.”

“Ein Glimmerstein?!



“Ich denke, damit kann ich dir aushelfen. Aber nicht hier. Die Glimmersteine sind oben. Folge mir.”



“Was genau macht so ein Glimmerstein eigentlich? Hilft er dabei, die richtige Quelle für jeden Zauber zu finden?”

“Hah! Schön wärs. Nein, das wäre zu einfach. Der Glimmerstein ist einfach nur in der Lage, ein klein wenig aus allen Quellen zu schöpfen. Wirklich herausragende Zauber wirst du damit nicht wirken können. Dafür gibt es keine Einschränkungen in der Art der Zauber, bei denen er dir helfen soll. Das heißt…..fast keine.”



“Es gibt gewisse Quellen, die selbst ein Glimmerstein nicht erreicht.”

“Sind die so schwer zu finden?”

“Sagen wir, sie sind nicht ganz leicht ausfindig zu machen. Was natürlich nicht heißt, dass wir nicht in der Lage wären, Glimmersteine herzustellen, die auch das könnten, aber es wurde vor langer Zeit einstimmig entschieden, dass es gewisse Quellen gibt, die wir lieber meiden sollten. Aus Sicherheitsgründen.”

So, wie es hier aussieht, kann Narciso sich schon denken, warum. Ob diese Quelle der vampirischen Magie eine davon ist? Immerhin hat er noch keinen Magier gesehen, der das Mesmerisieren beherrscht.



“So, da wären wir. Warte bitte einen kurzen Augenblick. Ich muss nachsehen, ob ich noch ein paar Glimmersteine in meinem Schrank habe.”



Du hast wirklich mehr Glück als Verstand.

Dagegen würde Narciso gerne etwas einwenden, aber in diesem Fall hat Carlotta vermutlich Recht. Irgendwie kann er sich nicht vorstellen, dass jeder hier ihm so bereitwillig helfen würde. Erst recht nicht, wenn er sich aus Versehen in deren geheimes Lager verirrt.



“Hier, bitte sehr. Ein Glimmerstein. Pass gut darauf auf. Nicht, dass du ihn verlierst.”

“Danke. Dann…äh…geh ich den mal ausprobieren.”

“Viel Erfolg dabei.”



“Und grüß deinen Großvater von mir, wenn du ihn mal wieder siehst.”

 

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