“Na, bist du mal wieder am experimentieren?”
“Nee, heute nicht. Ich hab einfach nur Hunger.”
“Das glaube ich. Du verausgabst dich ja regelrecht mit deinem Training. Und dann auch noch etwas kräftezehrendes wie Feuer…”
“Eben. Da muss ich auch ordentlich Energie nachtanken. Ich wünschte nur, ich könnte mir einfach was zu Essen zaubern. Kochen macht zwar Spaß, aber in so nem Fall würde ich die Zeit lieber anders nutzen.”
“Hast du es denn schon mal versucht?”
“Was?”
“Etwas zu Essen zu zaubern.”
“Klar. Jeden Tag. Du beobachtest mich gerade dabei. Sieh zu, was ich mit meinem wunderbaren Pfannenwender so alles zaubern kann!”
“Nicht doch, du Witzbold. Mit Magie. Das meintest du doch, oder?
“Das geht?”
Laetitia lacht. Klar. Wenn jemand sowas kann, dann sie. Praktische Magie ist ihr schon immer am leichtesten gefallen, genau wie Papa. Narciso fällt da wohl ein bisschen aus der Reihe.
“Natürlich. Schau her!”
“Woah! Verdammt ptaktisch.”
“Das kannst du lernen. Hast du Lust?”
“Das fragst du noch?!”
“Es ist auch nicht schwer. Eigentlich musst du es nur wirklich wollen.”
“So weit war ich auch schon.”
“Nein, das meine ich nicht. Ich hatte mich etwas undeutlich ausgedrückt, entschuldige. Ich meine, du sollst dir vorstellen, was du essen willst und dich darauf konzentrieren. Wenn du es nur genug willst, kannst du es genau dort manifestieren, wo du es dir vorstellst.”
“Und das ist alles? Das klingt irgendwie zu einfach.”
“Ich sage doch, das ist nicht schwer. Es gibt einen guten Grund, warum das als Anfängerzauber gilt, den man selbst Kindern leicht beibringen kann.”
“Zaubern die sich dann nicht ständig Süßigkeiten?”
“Oh, sicher. Deshalb sage ich ja, man kann es ihnen leicht beibringen, nicht, dass man es tun sollte.”
“Na gut, dann versuch ich das mal.”
Wenn das wirklich so leicht ist, wie Laetitia sagt, dann sollte das für ihn ja ein Klacks sein. Seine Feuerzauber sind mittlerweile so fortgeschritten, als Anfänger kann man ihn garantiert nicht mehr bezeichnen. Er muss sich also nur vorstellen, was er gerne essen würde und wo es auftauchen soll…
“Oh…Ein Stück Schokolade. Musstest du daran denken, weil wir gerade über Kinder und Süßigkeiten geredet haben?”
“Ähm…eigentlich sollte das n Stück Braten werden.”
“....ist es wohl sogar. Oder war. Jetzt ist es eher Kohle.”
“Hmm…naja gut, das war ein erster Versuch. Wahrscheinlich bist du in Gedanken noch zu sehr bei deinem Training mit dem Feuer. Versuche es einfach später nochmal, wenn du ein wenig abgekühlt bist.”
“Ist wahrscheinlich besser so. Zum Glück hab ich schon gekocht.”
Und es ist ja auch nicht so, als würde er nicht gern kochen, ganz im Gegenteil. Aber wenn er jemals seinen Traum von einem eigenen Restaurant eröffnen will, muss sich noch viel tun.
Ob ihm das auch bei seinen Experimenten helfen kann, wenn er sich die einfach nur vorstellt? Oder geht das nicht, weil er nicht weiß, wie es schmecken muss? Vielleicht sollte er das einfach mal ausprobieren.
Und wenn Carlotta ihn wieder zur Schnecke macht, zaubert er ihr einfach ein Brathähnchen vor die Nase, dann hält sie vielleicht auch mal den Schnabel. Hehe. Gute Vorstellung.
Es ist wohl wirklich an der Zeit, seine Zauberübungen mal ein bisschen weiter zu fächern als immer nur das mit dem Feuer. Wird auch langsam langweilig.
Nach dieser kurzen Pause kehrt Narciso in den Keller zurück. Noch ist das Training für heute nicht beendet.
“Da bist du ja endlich wieder. Hast du das Kochen jetzt auch verlernt oder wieso hat das so lange gedauert? Mir wachsen schon graue Federn, dabei ist dieser Körper hier noch nicht mal ausgewachsen.”
“Ich hab mit meiner Schwester geredet.”
“Meinst du, wir könnten das Training mit dem Feuer mal unterbrechen und zwischendurch was Anderes versuchen?”
“Etwas Anderes? Empfindest du deinen Umgang mit der Feuermagie inzwischen denn schon als hinreichend fortgeschritten, nur, weil deine Flammen jetzt eine andere Farbe haben?”
“Nee, das nicht, aber ich dachte, das könnte mich vielleicht ein bisschen auflockern und die…öh…Effizienz steigern oder so. Ich dachte nämlich an-”
“Essen. Schon klar. Irgendetwas ist es ja immer, das euch Sterbliche zurückhält.”
“Ähm…genau…”
Manchmal fragt Narciso sich, wieso er überhaupt noch ausspricht, was er sagen will, wenn die kleine Plüschkugel sowieso in der Lage ist, seine Gedanken zu lesen.
“Weil du das so gewöhnt bist. Also spiele ich auch mit, wenn du nicht wieder zu langsam bist.”
“Du willst also lernen, Nahrungsmittel aus dem Nichts herzuzaubern, hm? Nur zu…”
Na das ging ja leicht. Irgendwie hatte er befürchtet, es wird schwieriger, seine Lehrmeisterin davon zu überzeugen, von ihrem Lehrplan abzuweichen. Andererseits hatte sie ihm ja versprochen, ihn bei seiner Magie zu unterstützen. Nur von Feuer war da eigentlich keine Rede. Vielleicht hatte er sich das die ganze Zeit nur eingeredet.
“Meine Schwester hat mir auch schon gesagt, wie das geht."
“Dann lass uns mal sehen, was du hinbekommst.”
Ein paar Tage später….
“Narciso, du stehst schon wieder am Herd?”
“Ja…”
“Aus Spaß am Kochen? Oder hast du noch nicht geübt, dir was zu zaubern?”
“Ja….naja….doch, schon…”
“Aber?”
“Immer, wenn ich das versuche, kommt im besten Fall irgendwas Flambiertes raus und im schlechtesten ein Stück Kohle.”
“Oh…immer noch? Ich dachte, dein Feuer hättest du inzwischen im Griff.”
“Hab ich auch. Das mit dem Feuer funktioniert mittlerweile einwandfrei, aber irgendwas fühlt sich trotzdem noch falsch an. Irgendwie hab ich das Gefühl, ich steh mal wieder vor ner Wand.”
“Das ist merkwürdig. Ich sehe dich hin und wieder beim Training. Deine Feuerzauber sind in kurzer Zeit beeindruckend weit fortgeschritten. Ich dachte eigentlich, deine Blockade hättest du mittlerweile überwunden und auf Anfängerniveau bewegst du dich schon lange nicht mehr.”
“Dachte ich eigentlich auch, aber so ganz stimmt das wohl nicht.”
“Hmm…lass mich ein wenig nachforschen. Vielleicht kann ich ja herausfinden, was das Problem ist. Wenn ich mehr weiß, gebe ich dir Bescheid.”
“Danke.”
Narciso kann echt froh sein, dass seine Schwester sich so gut um ihn kümmert. Sie ist vielleicht nicht immer die perfekte Lehrerin, aber ihre Methoden sind ihr trotzdem lieber als Carlottas. Zumindest, wenn es nicht darum geht, irgendwelche experimentellen Tränke testen zu müssen.
Tatsächlich dauert es gar nicht so lange, bis Laetitia zu ihm zurückkehrt. Am frühen Morgen, als Narciso sich gerade auf den Weg zu seinem Sarg machen will, überfällt sie ihn mit einer Antwort. Hat sie etwa vor dem Badezimmer auf ihn gewartet?
“Narciso, ich glaube, ich weiß, was dich diesmal blockiert.”
“Und?”
“Ich fürchte fast, dein Problem ist, dass du keinen Zugang zur Quelle unserer Magie hast. Oder keinen besonders guten, jedenfalls."
“Hä? Was denn für ne Quelle? Ich dachte, das mit der Magie steckt uns irgendwie in den Knochen oder so.”
“Was uns “in den Knochen steckt” ist die Fähigkeit, die Energie aus unserer Quelle anzuzapfen und nach unserem Willen zu formen, erzeugen können wir sie nicht.”
“Ah. Ist ja doof.”
“Ich schätze, dein Problem hängt mit deinem Vampirismus zusammen. Normalerweise habt ihr Vampire überhaupt keinen offiziellen Zugang zur Quelle. Was euch natürlich nicht davon abhält, eure Energie aus anderen Quellen zu ziehen. Ich weiß ja, dass ihr durchaus in der Lage seid zu zaubern, nur eben….anders. Eine andere Energie führt zu anderen Ergebnissen.”
“Stimmt. Wobei ich genug Vampire kenne, die damit auch so ihre Probleme haben.”
“Gibt’s das bei Magiern eigentlich auch? Also dass manche echte Probleme haben diese…äh…Energie da anzuzapfen und was Ordentliches zu zaubern? Ohne Vampirismus?”
“Aber natürlich. Das ist sogar der Normalfall. Magier, die ohne Hilfmittel völlig uneingeschränkt zaubern können, sind eher die Ausnahme.”
“Im Ernst? Ihr braucht Hilfsmittel? Fuchteln deswegen manche von Euch mit diesen Stöckchen herum?”
“Wenn du damit Zauberstäbe meinst, dann ja. Aber dir wird das kaum etwas nützen. Die Zauberstäbe helfen nur dabei, die bereits vorhandene Energie zu fokussieren, nicht, sie aus der Quelle zu beziehen. Dafür gibt es andere Wege.”
“Wege wie…?”
“Begleiter zum Beispiel. Unsere Begleiter sind in ihrem Ursprung der Quelle sehr viel näher als wir und können ihre Energie daher uneingeschränkt nutzen. Einen Teil davon können sie an uns weiterleiten und uns damit quasi als Verstärker dienen.”
“Ich hab doch nen Begleiter.”
“Das ist wahr. Deine Zauber sind auch wesentlich kontrollierter und sehr viel stärker geworden seitdem. Allerdings scheint dein Begleiter auch kein Universalschlüssel zu sein. Kann es sein, dass er Feuer gerne mag?”
“Äh…ja.”
“Das erklärt deine Fortschritte….und deine Einschränkung. Wenn du noch etwas anderes zaubern willst als dein Feuer, wirst du ein weiteres Hilfsmittel brauchen. Einen weiteren Schlüssel oder Verstärker oder Fokus.”
“Ein Glimmerstein könnte dir vielleicht helfen.”
“Hast du nicht einen?”
“Sicher. Fast jeder von uns hat einen. Zumindest diejenigen, die nicht verbannt wurden.”
“Kann ich den mal ausleihen?”
“Ich fürchte, so einfach ist das nicht. Diese Steine sind personalisiert. Du wirst dir deinen eigenen besorgen müssen.”
“Und wo bekomm ich den her?”
“Im Reich der Magie, so wie der Rest von uns auch.”
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