Kapitel 74: Der Feind unseres Feindes

 

 



Seit Evans letztem Besuch in der Krypta sind nun schon ein paar Tage vergangen. Zwar sieht er dringenden Handlungsbedarf, da er sich bislang aber nicht sicher war, wie er weiter vorgehen soll, waren ihm die Hände gebunden. Lucia erweist sich leider als keine besonders große Hilfe. Sie verlässt nur noch selten ihren Sarg und in den raren Momenten, in denen Evan sie doch erwischt, veranlasst ihn ihre Laune meist, ihr schnell wieder aus dem Weg zu gehen.



Heute ist das anders. Er hatte genug Zeit nachzudenken, um einen Entschluss zu fassen. Dass dieser Plan Lucia zusagt, wagt er zwar anzuzweifeln, aber ewig kann er es nicht mehr hinauszögern. Als er sie wieder einmal sieht, spricht er sie also an.

“Lucia, hast du einen Moment Zeit?”

“Wenn es unbedingt sein muss…”



“Ich habe noch einmal über unsere Lage nachgedacht.”

“Aha. Und zu welchem Schluss bist du gekommen?”

“Wie bereits erwähnt, will ich den Neuling nur ungern aus den Augen lassen. Außerdem möchte ich mehr über ihn und sein Problem wissen, deshalb halte ich es für die beste Idee, ihn vorerst hier ins Haus zu holen.”



"Ist das etwa dein Ernst?!"

"Fällt dir denn etwas Besseres ein?"

"Oh, das tut es durchaus…"



"Etwas, das nicht den Mord an einem Artgenossen beinhaltet?"

"Hrmpf. Du machst die Dinge gerne kompliziert, nicht wahr?"



"Ganz im Gegenteil. Ich halte deinen Lösungsansatz nur für äußerst kurzsichtig, um nicht zu sagen barbarisch."

"Kurzsichtig? Und dabei gäbe sein Tod der Lösung doch eine gewisse Permanenz…"



"Das Problem hierbei ist nur, dass die meisten Toten meiner Erfahrung nach wenig gesprächig sind."

"Umso besser. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich seine Stimme nie wieder hören muss!"



"Oh Lucia, sei doch bitte vernünftig! Ich verstehe durchaus, dass dein Hass auf diesen Mann im Augenblick jeglichen rationalen Gedanken bereits im Keim erstickt, aber das ist es nicht wert. Er mag nicht Teil deines Clans gewesen sein, aber er ist ein Überlebender aus deiner Heimat. Denkst du nicht, dass der Austausch mit ihm für dich von Wert sein könnte? Schließlich habt ihr einen gemeinsamen Feind."



“Ein gemeinsamer Feind und eine gemeinsame Heimat machen ihn noch lange nicht zu meinem Freund!”

“Das verlangt auch niemand. Alles, worum ich bitte, ist, dass wir ihn zumindest einmal anhören. Ob das, was er sagt, für eine temporäre Allianz ausreichend ist oder nicht, können wir hinterher entscheiden.”

“Wohl kaum. Aber tu, was du nicht lassen kannst. Ich werde dich ja doch nicht davon abhalten können.”



“Es ist ja nicht für immer. Willst du denn nicht auch sicher gehen, dass er nicht abhaut und irgendwelche Dummheiten anstellt?”

“Natürlich will ich das! Ich will ihn nur nicht unbedingt in meiner Nähe haben. Zumal das für Orion wohl ein ziemlicher Schock werden wird, wenn du ihn hierher holst.”

"Hast du ihm denn noch immer nicht Bescheid gegeben?"



"Ich habe es nicht übers Herz gebracht. Es ist schon so lange her, dass ich ihn so hoffnungsvoll und fröhlich erlebt habe. Das wollte ich ihm wenigstens noch eine Zeit lang gönnen."

Diese Worte ausgerechnet von Lucia zu hören, irritiert Evan. Sie wollen so gar nicht zu ihr und dem Bild passen, das er sich in den letzten Monaten von ihr machen konnte, aber für Orion gelten wohl wie immer andere Regeln.



“Damit magst du recht haben, aber ich fürchte, je länger du wartest, desto schlimmer wird es für ihn werden, die Wahrheit zu erfahren. Es wäre besser, wenn er es weiß, bevor ich unseren neuen Gast hierher einlade. Wenn du es nicht über dich bringst, mit ihm darüber zu reden, dann werde ich es tun."



"Nein. Ich werde es ihm selbst sagen, schließlich war Marco auch ein wichtiger Bestandteil meines Lebens."

Zumindest ist sie diesmal einsichtig, ohne dass es einer weiteren Diskussion bedarf.



"Gut. Dann gebe ich dir noch ein wenig Zeit.”

Zeit, die er selbst nutzen kann, dem mysteriösen Neuling noch ein wenig auf den Zahn zu fühlen und zwar ohne Lucias Beisein. Schließlich interessiert ihn selbst, wen er sich da ins Haus holt.

“Schaffst du das bis morgen Abend?”



“Ich denke schon.”

“Dann werde ich euch beide jetzt alleine lassen und mir ein wenig die Beine vertreten gehen.”



“In Richtung Krypta, nehme ich an?”

Sie hat ihn also durchschaut. Ihr etwas vorzumachen wäre wohl reichlich sinnlos, wenn sie nicht versucht, ihn von seinem Vorhaben abzuhalten. Da sie das aber nicht zu tun scheint, antwortet Evan ihr mit einem vielsagenden Lächeln.



“Versprich mir nur bitte eins…”

“Was immer du willst, meine Lilie.”



“Versuche, deine Hände bei dir zu behalten.”

“Ich gebe mein Bestes.”



Diesen Gefallen sollte er ihr wohl tun. Im Augenblick hat er ohnehin andere Dinge im Kopf. Seine kurze Begegnung mit diesem Franco reichte leider nicht aus, sich ein ausreichendes Bild von ihm zu machen, wohl aber, es in Konflikt mit dem zu stellen, was Lucia ihm über die “abtrünnigen” Vampire in ihrem Territorium erzählt hat. Hat sie übertrieben? Oder war die zurückhaltende, unterwürfige Art dieses Mannes ein Ausnahmezustand? Schließlich kam er her, um sie um Hilfe zu bitten.



Um die Wahrheit herauszufinden, gibt es wohl nur einen Weg.



So gerne Evan Roxane auch begrüßt und ein wenig geneckt hätte, heute scheint das nicht nötig zu sein. Der, den er eigentlich sucht, ist schnell gefunden. Nach ihm zu fragen wäre also äußerst sinnlos, zumal ihr üblicher Platz hinter der Bar auffällig leer ist.



“Wie merkwürdig. Ich hätte schwören können, hier stünde für gewöhnlich eine feurige Barkeeperin, die mich, seit ich den Raum betreten habe, schon mindestens dreimal auf meinen Platz verwiesen hätte.”



“Meinst du Roxane? Die hat sich heute frei genommen.”

“Tatsächlich, so etwas tut sie? Nun, gut, dass ich eigentlich auch gar nicht wegen ihr hier bin.”

“Sondern?”



“Hey, warte mal….bist du nicht der Typ, der mit der alten...ich meine mit Signora Nocturna letztens hier war?”

“Der bin ich.”



“Mein Name ist Evan Vectura. Entschuldige bitte, dass ich mich nicht bereits bei unserem letzten Treffen vorgestellt hatte. Lucia hatte es leider ein wenig eilig.”



“Das hab ich gemerkt.”

“Sie schien…hmm…”

Evan überlegt einen Moment, wie er Lucias Verhalten möglichst diplomatisch beschreiben könnte. Seinem Gegenüber jetzt auf die Füße zu treten, wäre seiner Sache im Augenblick schließlich alles andere als dienlich.



“...nicht sonderlich gut auf dich zu sprechen zu sein.”

“Hm. Ja. Hätte ich mir eigentlich denken können. Sie ist auch die Letzte, zu der ich mit sowas kommen würde…”



“Aber?”

“Nichts aber. Sie ist die Letzte. Ich hatte keine andere Option mehr, also dachte ich, ich versuch mein Glück. Hat verdammt lange gedauert, bis ich sie aufgespürt hab.”



Es ist also tatsächlich, wie Evan vermutet hatte. Franco ist verzweifelt. Sehr verzweifelt. Die Entscheidung, ihn im Auge zu behalten, scheint genau die Richtige zu sein. Jetzt gilt es nur noch, ihm die Sicherheit zu geben, die er benötigt, um nichts Unüberlegtes zu tun.

“Deine Lage klingt wirklich prekär. Wie sehr Lucia sich davon überzeugen lässt, dir ihre Hilfe anzubieten, weiß ich leider nicht, aber ich bin durchaus gewillt, dir zuzuhören.”



“Äh…danke. Aber glaubst du, du könntest mir überhaupt helfen?”

“Man mag es mir vielleicht nicht sofort ansehen, aber auch ich bin ein Meistervampir und verfüge über erstaunliche Kräfte.”



“Oh, im Ernst? Das hatte ich irgendwie nicht erwartet.”

“Schon gut, ich gehöre auch nicht zu der Sorte Vampir, die viel darauf gibt sich mit ihrem Rang aufzuplustern.”



“War bei uns ähnlich. Ich weiß nicht, was dir über mich oder meinen Bruder erzählt wurde, aber wir haben unsere Freiheit geliebt. Dieses starre Klassensystem oder etwas wie ein Clan war nichts für uns.”

“Etwas in der Art habe ich gehört, ja. Lucia hat es nur nicht so positiv ausgedrückt.”

“Klar. Die war auch ziemlich angefressen darüber, dass wir uns nicht von ihr haben rumkommandieren lassen.”



“Wenn sie uns einfach in Ruhe gelassen hätte, hätten wir problemlos nebeneinander existieren können, wenn du mich fragst. Sie macht ihr Ding und wir unseres. Aber das wollte sie ja nicht. Sie wollte die komplette Kontrolle über alle Vampire in Tartosa, dieses größenwahnsinnige Miststück.”



Darauf weiß Evan zunächst keine Antwort. Natürlich hatte Lucia es nie auf diese Art ausgedrückt, aber ganz Unrecht hat Franco auch nicht. Lucia hat ihm mehr als nur einmal erzählt, wie unangenehm ihr unabhängige Vampire in ihrem Territorium waren, allerdings hat sie ihm auch die Gründe dafür genannt. Ob Franco ihre Begründung bewusst ist?



“Dass ich jetzt ausgerechnet sie um Hilfe anbetteln muss, schmeckt mir gar nicht. Aber was Anderes bleibt mir wohl kaum übrig. Also…außer, du kannst mir irgendwie helfen.”



“Ich werde sehen, was ich tun kann. Vorher müsste ich aber noch mehr über dich, deinen Bruder und die Bredouille, in der ihr euch befindet, wissen. Wärst du gewillt, in mein Haus zu kommen und dort in Ruhe mit mir darüber zu sprechen? Lucia wird selbstverständlich ebenfalls anwesend sein, schließlich wohnt sie seit geraumer Zeit bei mir, aber vielleicht ist es für dich sogar von Vorteil, wenn sie unserem Gespräch beiwohnt. Es ist schließlich nicht auszuschließen, dass sie ihre Meinung nicht doch noch ändert.”



“Ja, klar. Jetzt gleich?”

“Morgen. Die Pläne für heute Abend sehen etwas anderes vor.”

“Ich werde dich dann hier abholen, in Ordnung?”

“In Ordnung.”



Wie versprochen holt Evan Franco am nächsten Abend ab, nachdem er sich bei Lucia vergewissert hat, dass Orion Bescheid weiß. Seine beiden Mitbewohner warten bereits vor dem Haus auf ihn und den neuen Gast. Lucias ist ihre Unzufriedenheit mit seiner Ankunft von Weitem anzusehen und selbst in Orions Blick liegt eine gewisse Kälte. Evan kann nur hoffen, dass sie es ihm schonend beigebracht hat.



“Da wären wir. Ich schlage vor, wir setzen uns ins Esszimmer, dort ist genug Platz für uns alle, so dass wir ungestört reden können.”



"Esszimmer? Sag bloß, du hast auch eine Küche!”

“Selbstverständlich. Ohne wäre besagtes Esszimmer schließlich recht sinnlos, nicht?”

“Bist du einer von diesen verrückten Plasmafruchtsalatmampfern?”



Evan kann nicht anders, als über diesen Verdacht zu lachen. Franco ist nicht der Erste, der Verwunderung über die Einrichtung seines Hauses zeigt.

“Aber nicht doch! Ich empfange nur von Zeit zu Zeit Gäste, die feste Nahrung vorziehen. Als guter Gastgeber möchte ich in der Lage sein, ihnen eine Kleinigkeit anbieten zu können.”



“Ah, wo ich schon davon spreche, kann ich dir etwas zu trinken anbieten?”

Diese Worte scheinen die Richtigen gewesen zu sein. Alleine der Gedanke daran, seine Kehle zu befeuchten, lässt Francos Augen groß werden.

“Verdammt, ja!”



“Bittesehr.”

Als besonders korrekt empfindet Evan die Antwort auf seine Frage zwar nicht, aber er bemüht sich dennoch, höflich darauf zu reagieren. Etwas, das ihm zugegebenermaßen nicht ganz leicht fällt, als er sieht, wie Franco auf das angebotene Getränk reagiert.

"Was zum…?! Ein Glas? Wirklich?"



"Etwas Anderes kann ich dir im Augenblick leider nicht bieten. Ich will es dir aber auch nicht aufzwingen."

"Schon gut, gib her. Meine letzte vernünftige Mahlzeit liegt schon eine ganze Weile zurück."



"Etwa in deiner Heimat?"

"Nein, so lange dann auch wieder nicht. Das war auf dem Weg hier her. Irgend so ein Idiot hat mich angequatscht. Keine Ahnung was der wollte. Nach dem Weg fragen oder so. Ich hab die Gelegenheit genutzt."



"Hier in der Nähe?"

Evan beschleicht ein ungutes Gefühl. Viele Sterbliche kommen nicht in diese Gegend. Die oft wechselnden Postboten von Forgotten Hollow sind es zwar gewöhnt, von gelegentlicher Blutarmut heimgesucht zu werden, aber Evan und seine Nachbarn achten penibel darauf, dass diese stets mit Gedächtnisverlust verbundenen ist. Das alleine genügt zwar schon, die allermeisten von ihnen bereits nach wenigen Wochen zum Berufswechsel zu treiben, aber keiner von ihnen ist in der Lage, irgendjemandem die Schuld anzuhängen. Ein Umstand, der die Postverwaltung mit Sicherheit regelmäßig an den Rand der Verzweiflung bringt. Dennoch einer, mit dem die Bewohner Forgotten Hollows gut leben können. Sofern sich jeder an die Regeln hält, natürlich. Dass diese Fremde die Regeln kennt, wagt Evan allerdings zu bezweifeln.



"Das war bei…keine Ahnung. Irgend so ein sumpfiges Kaff."

"Willow Creek?"

"Kann sein."

Das ist glücklicherweise ein ganzes Stück entfernt. Damit muss Evan in Zukunft wohl nicht um seine Post fürchten.



“Hmm…schmeckt verdammt tot, das Zeug. Aber ist besser als nichts.”

“Bessere Zeiten werden für uns auch wieder anbrechen, aber solange Vampirjäger hier herumschleichen, lebe ich lieber so unauffällig wie möglich.”



“Ich bin mir sicher, das verstehst du, schließlich bereiten sie auch dir große Probleme. Aus diesem Grund wollte ich auch hier in Ruhe mit dir reden. Mein Haus ist privater als die Krypta und ich habe noch einige Fragen an dich.”



“Darf ich vorher auch ne Frage stellen? Die geht mir schon die ganze Zeit nicht mehr aus dem Kopf.”

“Sicher. Das halte ich nur für gerecht.”

“Als ihr zu mir in die Krypta gekommen seid, hast du mich mit ”Marco” angesprochen. Meintest du damit Marco Santini?”



Evan nickt bestätigend.

“Was ist eigentlich mit dem passiert? Nach dem…Vorfall, meine ich.”



Dieser Frage folgt ein betretenes Schweigen. Es fällt Evan nicht schwer zu erkennen, dass sie alte Wunden in Lucia aufreißt, vor allem aber in Orion, der sich bislang regelrecht unsichtbar gemacht hat. Francos Anwesenheit scheint ihn sehr zu verunsichern.



Schließlich ist es Lucia, die das Schweigen bricht.

“Marco hat sich für uns geopfert. Dank ihm sind wir entkommen.”



“Im Ernst?! Meine Fresse…dem müsst ihr ja ganz schön das Hirn gewaschen haben. Ich hätte eher erwartet, dass er euch als Schild benutzt, um seine eigene Haut zu retten. Am Ende hätte er darüber wahrscheinlich sogar gelacht.”



"So etwas hätte Marco nie getan."



"Hah! Glaubst du nicht? Ich hatte schon ein paar Jahre länger mit dem Bastard zu tun als du, Goldlöckchen, und ich kann dir sagen, dass das genau das ist, was Santini getan hätte."



"Du lügst!"

Das ist das erste Mal, dass Evan Orion dermaßen aufgebracht erlebt. Für gewöhnlich ist der Junge sehr ruhig, gelegentlich ein wenig niedergeschlagen, aber niemals laut. Zumindest nicht auf diese Art.



"Wieso behauptest du so etwas? Du kennst ihn doch gar nicht richtig! Marco war nicht so, er war einer von uns und nicht einer von euch…euch…Gossenratten!"

Daran, dass Lucia aus Orion spricht, lassen dessen Worte keine Zweifel. Dennoch hätte Evan niemals erwartet, jemals diese Laute über seine Lippen kommen zu hören.



Selbst Franco scheint davon überrascht.

"Wow. Hat deine Meisterin dir das etwa nie erzählt?"



Was immer sie Orion verschwiegen hat, das weiß auch Evan nicht. Aus gutem Grund, wie es scheint. Und so wie es aussieht, wäre es ihr wohl auch lieber, wenn es dabei bleibt. Sie wirkt sehr konzentriert darauf, zu testen, ob ihre Blicke nicht doch in der Lage sind zu töten.

 

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