Trotz Lucias Bemühungen erfreut sich Franco noch immer bester Gesundheit. Wahrscheinlich bemerkt er nicht einmal, wie sie ihn anstarrt. Dafür ist er zu abgelenkt. Orions Reaktion scheint ihn neugierig gemacht zu haben.
"Deine Meisterin bringt dir wohl kein allzu großes Vertrauen entgegen, wenn sie dich bis jetzt darüber im Dunkeln gelassen hat."
Orion dagegen wirft Lucia einen hilfesuchenden Blick zu, wenn auch nur kurz. Da sie ihn im Augenblick aber ignoriert, wendet er sich wieder an Franco.
“Was meinst du damit?”
“Dass sie es offenbar nicht für nötig gehalten hat, dir die Wahrheit zu erzählen.”
"Dein Marco war sehr wohl eine von uns "Gossenratten", Kleiner.”
“Er war sogar mehr als das. Es gab Zeiten, da war er wie ein Bruder für Giovanni. Für uns beide."
“Nein….nein, das kann nicht sein. Marco war nicht wie ihr!”
“Nee, da hast du Recht. Santini war nicht wie wir. Er war schlimmer.”
“Wir hatten Glück, dass er uns so gerne mochte. Leute, die ihm auf den Sack gegangen sind, hat er ohne mit der Wimper zu zucken ausgeschaltet. Ich glaube, er hatte sogar Spaß daran, sie zu provozieren, und wenn sie sich gegen ihn gerichtet haben….”
“Das war nicht Marco! Marco hat Streit geschlichtet, nicht provoziert!”
“Bei euch vielleicht. Auf der Straße war er ein anderer.”
“Willst du deinem Abkömmling nicht mal erzählen, warum du so große Schwierigkeiten hattest, die Kontrolle über Tartosa zu erlangen?”
“Hrmpf.”
Lucia macht ihren Unwillen, etwas zu dieser Sache zu sagen, sehr deutlich. Dass sie Francos Aussagen nicht dementiert, spricht aber bereits mehr, als tausend Worte es getan hätten.
“Nicht? Schön, dann mach ich es.”
“Früher hatte euer Clan tatsächlich mal ein größeres Einflussgebiet. Ein viel Größeres. Unabhängige Vampire wie wir hatten kaum eine Chance.”
“Gab damals nicht viele von uns. Wer sich nicht unterworfen hat, wurde gejagt und beseitigt. Der Rest von uns hat sich versteckt.”
“Giovanni wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Er hat nicht daran geglaubt, dass das der einzige Weg ist. Tartosa ist ebenso unsere Heimat wie eure und wir haben verdammt nochmal ein Recht darauf, in Freiheit dort zu leben!”
“Er hat versucht, andere unabhängige Vampire davon zu überzeugen, zurückzuschlagen.”
“Leider wollte ihm damals keiner helfen. Die meisten haben sich lieber weiter feige verkrochen, bis sie irgendwann doch erwischt wurden oder sind in andere Territorien abgehauen.”
“Wenn das so weitergegangen wäre, hätte deine Meisterin wahrscheinlich früher oder später tatsächlich ihren Willen bekommen und wir wären alle draufgegangen. Ist es aber nicht. Mein Bruder hatte noch ein unerwartetes Ass im Ärmel."
“Ich hab keine Ahnung, wo Giovanni ihn aufgegabelt hat, aber in der Nacht, in der er mit Santini im Schlepptau nach Hause kam, hat sich schlagartig alles verändert.”
“Niemand wusste, wer der Kerl war oder woher er kam, aber eins war sofort klar: Santini war durchtrieben wie ein Fuchs. Er hatte Charisma, er hatte für alles einen Plan und vor allem hatte er keine Skrupel.”
“Er hat es geschafft, die anderen dazu zu bringen, Giovanni endlich zuzuhören!”
“Mit der Zeit ist unsere Zahl gewachsen und nach und nach sind uns immer mehr Gegenschläge gelungen.”
“Wir haben sogar ein paar von euch Clanspinnern überzeugen können, dass das Leben in Freiheit besser ist!”
“Giovanni und Santini haben sich das Ansehen unserer Gleichgesinnten verdient und nen ganzen Haufen Anhänger. Wer von den beiden tatsächlich der Anführer dieser Bewegung war, war lange nicht ganz klar, aber ich glaube, das wollten die sogar so. Ihre kleine freundschaftliche Rivalität hat sie nur umso mehr angespornt, immer besser zu werden und allen klar gemacht, was das Erfolgsrezept auf der Straße ist: nur die Stärksten bringen es zu was!”
“Für Schwächlinge wie dich hatte er aber auch Verwendung. Köder und Kanonenfutter kann man ja immer brauchen. Du glaubst gar nicht, wie viele von euch in seine Fallen gelaufen sind.”
“Ich weiß nicht, von wem du da redest, aber nicht von meinem Marco!”
"Marco war immer für mich da. Für uns alle! Er hätte niemals daran gedacht, uns auch nur ein Haar zu krümmen. Stattdessen hat er sein eigenes Leben gegeben und uns eine zweite Chance."
"Oh bitte, verschon mich mit dem Gesülze. Ich weiß nicht, welches Spiel er da getrieben hat, aber ohne Hintergedanken ist das sicher nicht passiert."
"Hör doch endlich auf zu lügen! Marco hatte keine Hintergedanken! Er wollte nur nicht, dass uns etwas passiert!”
Orions Stimme überschlägt sich mittlerweile beinahe. Evan spielt bereits seit einer Weile mit dem Gedanken, sich einzumischen. Er sieht nicht gern, wie der Junge sich quält, aber Informationen wie die, die Franco in diesem Augenblick preisgibt, sind zu wertvoll, um ihn deswegen zu unterbrechen.
Glücklicherweise nimmt Orion ihm diese Entscheidung ab. Noch bevor Franco ihm antworten kann, verlässt er mit schnellen Schritten den Raum. Wahrscheinlich ist es besser so.
"Kch! Euer Marco war nicht der Heilige, wie der Kleine hier glaubt. Absolut nicht. Ich hab selten so einen kaltblütigen Bastard kennengelernt wie Santini. Der Kerl ging über Leichen. Eure Leichen. Unsere Leichen. Aber als er irgendwann einsehen musste, dass er auf Dauer gegen Giovanni den Kürzeren zieht, hat er einfach den Schwanz eingeklemmt und ist zu unserer Eiskönigin hier übergelaufen. Dieser verdammte Verräter…"
"Marco hat eingesehen, dass eure kleine Hintergassenveranstaltung keinen Sinn macht."
"Ihr predigt Unabhängigkeit, seid völlig unorganisiert und trotzdem prügelt ihr euch darum, wer der Chef sein darf? Das kann doch gar nicht funktionieren! Früher oder später hättet ihr euch alle gegenseitig zerfleischt bei dem Versuch, an dieses lächerliche bisschen Macht zu gelangen."
"Hmm….Wenn ich so drüber nachdenke…eigentlich hätte ich diesem Schauspiel nur allzu gerne zugesehen. Aber selbst diese kleine Freude musstet ihr mir ja nehmen mit eurem fantastischen Plan, Vampirjäger zu rufen. Dachtet ihr wirklich, diese Hunde schalten mich aus und lassen euch in Ruhe?"
Franco schüttet den Kopf. Wider Evans Erwarten scheint ihn diese Anschuldigung sogar zu überraschen.
“Ich schwöre, ich hatte keine Ahnung, was los ist, bis es zu spät war. Von irgendeinem Plan, die Vampirjäger auf euch zu hetzen, weiß ich nichts.”
“Keine Ahnung?! Mach dich nicht noch lächerlicher, als du armseliger Wurm sowieso schon bist! Wer, wenn nicht die großen unabhängigen Di Pasquas, würde auf die hirnverbrannte Idee kommen, mit dem eigenen Todfeind Kontakt aufzunehmen und zu glauben, ungeschoren aus dieser Sache wieder herauszukommen? Dieser Plan ist so absurd, der kann nur von euch stammen!”
“Nur, weil wir uns dir größtenwahnsinnigen Teufelsweib nicht unterordnen wollten heißt das nicht, dass wir dumm sind.”
“Nicht jeder hier hat so ein zerbrechliches Ego, dass er sich permanent mit einem Haufen Arschkriecher umgeben muss, nur um sich zu fühlen, als wäre er was wert.”
Dass Franco sich im nächsten Moment an ihn wendet, überrascht Evan. Er hatte sich mittlerweile so sehr mit seiner Rolle als stiller Beobachter abgefunden, dass er bereits selbst das Gefühl hatte, gar nicht wirklich im selben Raum wie diese beiden Streithähne zu sitzen.
"Bist du nicht auch ein Meister? Wo ist eigentlich dein Clan?"
"Oh, ich habe keinen Clan. Ich bin-"
"Sag es nicht, Evan!"
Zwar hört er die Worte, die Lucia ihm zuzischt, aber jetzt, wo er den Satz bereits begonnen hat, will er ihn auch wahrheitsgemäß beenden.
"...unabhängig."
“Da hörst du es.”
“Argh! Das ist doch eine Verschwörung!!”
So sehr es Evan sonst auch amüsiert, Lucia ein wenig zu necken, er sieht ein, dass er es nicht übertreiben sollte. Francos Anwesenheit alleine reizt sie bereits und das Gespräch mit ihm erst recht. Nicht mehr lange und er müsste tatsächlich um seine Gesundheit fürchten oder zumindest um sein Mobiliar.
“Lucia…”
“Bitte entschuldige uns für einen Moment.”
Ohne weitere Worte ergreift Evan Lucias Hand und zieht sie mit nach draußen. Viel Kraft braucht er dafür nicht aufzuwenden, sie scheint den Raum gar nicht schnell genug verlassen zu können.
“Ich halte das nicht mehr aus!”
“Du solltest nicht allzu viel auf Francos Worte geben. Er stellt keine Gefahr für dich dar.”
“Für meine Nerven schon. Er treibt mich in den Wahnsinn!”
“Egal, was du geplant hattest, er kann hier so nicht bleiben.”
“Aber könnten wir ihn hier nicht am besten im Auge behalten?”
“Am besten könnten wir das, wenn wir ihn einsperren könnten. Aber ausgerechnet du bist der einzige hochrangige Vampir, den ich kenne, der es nicht für nötig hält, sich einen Kerker im Keller zu bauen oder wenigstens eine einzelne Zelle.”
“Das habe ich für gewöhnlich auch nicht nötig.”
“Lass mich raten….du sperrst niemanden ein, weil "deine Ausstrahlung alleine" ausreicht, deine Beute gefangen zu nehmen.”
“Sehr richtig. Ich sehe, du kennst mich mittlerweile sehr gut. Aber du spricht schließlich auch aus Erfahrung.”
Lucias Augenrollen bringt Evan zum Schmunzeln. Sie mag es nicht einsehen und doch liefert sie in diesem Augenblick den besten Beweis dafür, dass er Recht hat. Würde sie nicht ebenfalls seinem Charme unterliegen, hätte sie ihm für diese Dreistigkeit vermutlich längst den Kopf abgerissen. Erst recht am heutigen Abend. Stattdessen scheint sie sich aber tatsächlich langsam zu beruhigen.
“Ich fürchte nur, das wird dir bei diesem speziellen Fall nicht weiterhelfen.”
“Hat Franco denn nichts für Männer übrig?”
“Das weiß ich nicht. Aber ich bin mir sicher, dass er im Augenblick andere Dinge im Kopf hat als mit dir ins Bett zu hüpfen.”
“Oh, das hattest du auch…”
Und da ist er wieder, dieser durchdringende Blick, der Evan genau zeigt, wie gerne sie ihm gerade den Hals umdrehen würde.
“Schon gut, ich scherze."
“In diesem Fall bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn gehen zu lassen. Ich möchte dir und Orion schließlich auch nicht zumuten, unter demselben Dach wie er zu verweilen.”
Lucia ist leicht anzusehen, wie sehr sie mit sich kämpft. Egal, welche Entscheidung sie hier fällen, ihr wird keine davon gefallen.
“Ihn einfach so auf freien Fuß zu setzen gefällt mir ebenfalls nicht.”
“Eine andere Möglichkeit haben wir derzeit aber nicht. Zumal ich nicht denke, dass er irgendwo hingeht. Ich mag ihm vielleicht nicht offen meine Hilfe angeboten haben, aber ich habe ihm auch zu keinem Zeitpunkt vermittelt, ich würde es nicht tun. Es wäre nicht klug von ihm, seine aktuell einzige Hoffnung durch leichtsinniges Handeln zu zerstören.”
"Wenn ich ihn und wozu er in der Lage sein könnte überhaupt richtig eingeschätzt habe. Ich gebe zu, sein Geständnis, nichts von dem Plan mit den Jägern gewusst zu haben, hat mich überrascht."
"Hast du ihm das etwa abgekauft?"
"Er wirkte nicht, als würde er lügen. Ich ging zuvor nur von dem aus, was ich von dir und Orion wusste."
"Und ich gehe von dem aus, was am meisten Sinn ergibt."
"Aber selbst du weißt nicht sicher, dass tatsächlich er und seine Leute es waren, die für diesen Überfall verantwortlich sind?"
"Versuchst du da gerade etwa, diese kleine Mistratte in Schutz zu nehmen?!"
"Ich versuche nur, sämtliche mögliche Wahrheiten zu berücksichtigen."
Lucias resigniertes Seufzen interpretiert Evan als Anzeichen dafür, dass sie mittlerweile wohl selbst einsieht, dass sie auf diese Art nicht weiterkommen. Er kann ihr nicht verübeln, dass diese Situation sie überfordert. Er selbst würde auch lieber schnell eine Lösung finden, zumal er langsam beginnt, sich Sorgen um Orion zu machen.
“Einigen wir uns darauf, dass es das Beste ist, ihn vorerst in die Krypta zurückzuschicken und anzuweisen, dort auf Weiteres zu warten? Ich werde Roxane darum bitten, ein Auge auf ihn zu haben, um deines Seelenfriedens willen.”
“Meinetwegen.”
Wirklich zufrieden klingt Lucia nicht, aber das hatte Evan auch nicht erwartet. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie ihm nur zustimmt, weil selbst ihr langsam die Energie fehlt, noch weiter über diese Sache zu debattieren.
“Dann werde ich noch einmal mit ihm reden. Vielleicht solltest du in der Zwischenzeit nach Orion sehen. Ich weiß nicht, wohin er sich zurückgezogen hat, aber ich denke, je eher ihr euch über diese Sache aussprecht, desto leichter lässt sie sich aus der Welt schaffen.”

























































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