“Es wird Zeit.”
“Bist du sicher, dass du das schon wieder kannst?”
“Ich habe lange genug gewartet.”
Da ist was dran. Seit Wochen stapeln sich die frisch geschnitzten Pflöcke und Bolzen im Arbeitszimmer und in den letzten Tagen hat Xiu Rodrigo immer öfter dabei erwischt, wie er am Computer die Kopfgelder der Gilde durchforstet. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis das Jucken in seinen Fingern zu schlimm wird und er es endgültig nicht mehr in der Wohnung aushält. Dabei hat er selbst mit seinen Tanzkursen noch nicht wieder angefangen.
Das Ganze behagt ihr nicht, aber jetzt, wo er in voller Montur vor ihr steht, wird er sich aber wohl kaum noch von ihr aufhalten lassen. Xiu könnte diesen Sturkopf nicht einmal stoppen, wenn sie sich ihm mitten in den Weg stellen würde.
"Musst du diesen dämlichen Hut eigentlich immer aufsetzen?"
"Das ist-"
"Ein Familienerbstück, ich weiß. Den hat dein Urgroßvater Miguel schon getragen. Das hast du mir schon oft genug erzählt. Aber das erklärt trotzdem nicht, warum du das jetzt auch tun musst. Bist du damit nicht zu auffällig?"
Rodrigo zuckt mit den Schultern.
"Er bringt Glück."
"Das hoffe ich für dich. Mit diesem Deckel sehen dich die Vampire doch schon kilometerweit weg. Dass dir das bislang noch nicht zum Verhängnis geworden ist, grenzt fast schon an ein Wunder…"
Mehr als ein Grinsen bekommt sie nicht zur Antwort, bevor Rodrigo aus der Tür verschwindet. Hoffentlich geht das gut. Er war seit Monaten nicht mehr auf der Jagd.
Eigentlich sollte Xiu ihrem Partner vertrauen, immerhin ist er schon ein paar Jahre länger im Geschäft als sie und weiß in der Regel, was er tut, aber sie kann einfach nicht anders, als sich Sorgen zu machen. Vielleicht hätte sie ihm anbieten sollen, mitzukommen. Wäre da nur nicht der Anruf, auf den sie wartet…
Den zu verpassen wäre nicht gut und ein klingelndes Handy auf der Pirsch noch schlechter. Ihr blieb also wohl sowieso keine andere Wahl als hier zu bleiben.
Das heißt aber nicht, dass sie in der Wohnung feststeckt. Vielleicht sollte sie ein bisschen nach draußen gehen, um auf andere Gedanken zu kommen. Gab es nicht ein neues Bild im Museum? Das könnte sie sich mal ansehen.
Um diese Uhrzeit ist hier auch gar nicht mehr viel los. Die meisten Leute ziehen es vor, tagsüber Kunst zu betrachten, in natürlichem Licht, aber Xiu stört es nicht, die Gemälde nur im Licht der Lampen anzusehen. So bekommt sie wenigstens einen direkten Blick darauf, ohne dass ihr ein freilaufendes Kind oder ein Senior, der gerade nicht mehr weiter gehen kann oder sonst irgendein Besucher die Sicht versperrt.
Das da vorne muss das neue Gemälde sein, das kommt ihr nicht bekannt vor.
Laut der kleinen Plakette neben dem Bild heißt dieses Gemälde “Die Ausrede”. Merkwürdiger Titel. Was der Künstler damit wohl aussagen wollte? Es wirkt so anders als das, das Amando ihr damals gezeigt hatte, als sie zum ersten Mal mit ihm hier war.
Was der wohl gerade so treibt? Nichts Gutes, wahrscheinlich. Eigentlich sollte sie ihn etwas genauer im Auge behalten, aber zur Zeit hat sie einfach andere Dinge im Kopf.
Wie aufs Stichwort klingelt Xius Handy. Na endlich! Darauf hatte sie die ganze Zeit gewartet!
“Ja?”
“Hat er endlich gesungen?”
“Mhm….verstehe. Und die andere Spur?”
“Das kann nicht sein, so etwas kann sich doch nicht einfach verlieren.”
So sehr sie diesem Anruf entgegengefiebert hatte, so groß ist jetzt ihre Enttäuschung. Das darf doch wohl nicht wahr sein!
“Dann schaut nochmal genauer hin!”
“Wenn ihr irgendetwas findet, meldet euch sofort bei mir, verstanden?”
Alles muss man selber machen. Natürlich verlässt Xiu sich schon lange nicht mehr nur auf die Gilde, um an Informationen zu gelangen, immerhin hat sie es zu ihrer Spezialität gemacht, eigenständig solche aufzuspüren und zu sammeln, aber egal wie sie es dreht und wendet, mehr Ohren hören einfach mehr. Sie kann schließlich nicht an zwanzig Orten gleichzeitig sein. In letzter Zeit erweist sich das Informationsnetz ihrer Organisation nur leider als nicht besonders hilfreich.
Das heißt dann wohl, dass die Sache noch ein wenig länger dauern wird als ursprünglich geplant. Wenigstens kann sie die Zeit dazu nutzen, weiter ihren Schüler auszubilden.
Jeroen macht gute Fortschritte. Er ist lernbegierig und jetzt, wo er direkt gegenüber wohnt, kann Xiu ihn auch öfter zum Joggen bewegen, trotz des zunehmend schlechten Wetters. Das tut er zwar nach wie vor nicht gern, aber er tut es. Zumindest, wenn sie ihn mitnimmt. Wenn er so weiter macht und Rodrigo wieder einigermaßen einsatzfähig ist, kann er ihm bald bei einem Einsatz über die Schulter schauen. Am besten lernt man die Jagd sowieso in der Praxis. Wichtig ist nur, dass er bis dahin die Grundlagen beherrscht.
Am besten fragt sie morgen gleich nach, ob er Zeit hat. Heute ist es definitiv zu spät. Vielleicht sollte sie noch eine Runde schlafen oder zumindest die Augen zumachen. Ob sie wirklich schlafen kann, ist die andere Frage.
Ihre Gedanken lassen das vorerst wohl nicht zu. Die kreisen immer noch um Rodrigo auf der Jagd, um eine fehlende Spur, um die Unfähigkeit ihrer Kollegen…
Die schweren Schritte, die sich ihr nähern, lassen Xiu aufschrecken.
Ihr erster Reflex ist es, nach dem nächsten spitzen Gegenstand zu greifen, aber als sie sieht, dass es nur Rodrigo ist, entspannt sie sich. Sie hatte die Wohnungstür gar nicht gehört. Hat sie so tief geschlafen?
“Da bist du ja wieder!”
“Hattest du Erfolg?”
“Hm.”
“Zeig mal her.”
“Das ist ja nicht gerade viel.”
“War nur ein kleiner Fisch.”
“Der wird wohl entsprechend auch nicht viel einbringen.”
Diese Worte müssen Rodrigo getroffen haben. Er lässt seine Beute schnell wieder in der Jackentasche verschwinden. Natürlich. Eigentlich ist er ja Größeres gewöhnt.
“Ach komm, das ist schon okay. Wir kommen durch damit. Es ist gut, dass du überhaupt wieder jagen gehen kannst. Und ich bin froh, dass du mit ein paar “kleinen Fischen” angefangen hast.”
“Mh?”
“Ich-”
Für einen Moment zögert Xiu. Will sie das wirklich aussprechen?
“....ich habe mir Sorgen um dich gemacht.”
“Wieso?”
“Wieso?! Weil du immer noch nicht wieder ganz auf der Höhe bist, du Esel! Egal ob du glaubst, du könntest dich sofort wieder mit einem Meistervampir anlegen, ich kann sehen, dass du dich immer noch unsicher bewegst. Du bist eingerostet, ob du willst oder nicht.”
Rodrigos Schweigen spricht Bände. Denkt Xiu jedenfalls, bis sie ihn Grinsen sieht. Ist er nicht beleidigt?
“Ich weiß. Ich bin vorsichtig.”
Das war nicht ganz die Antwort, die sie erwartet hatte. Rodrigo ist wohl vernünftiger, als sie ihm zugesprochen hätte. Vielleicht war das aber auch nur Projektion ihrerseits. Wenn er nicht wüsste, was er täte, wäre er wohl nicht so erfolgreich, wie er ist.
“Wie genau lief die Jagd eigentlich? Ich meine…du hattest Erfolg, ja…aber hattest du Probleme?"
“Kaum.”
“Kaum heißt nicht, dass du keine hattest.”
“Das wird wieder.”
“Denkst du, es wäre möglich für dich, unseren Schüler mal mitzunehmen?”
“Bald.”
“Noch muss er ja sowieso das eine oder andere lernen, aber ich würde mit der praktischen Ausbildung lieber früher als später beginnen. Anfangs wird er sowieso nur zusehen, bestenfalls von Weitem.”
“Ich würde ihn heute Mittag gerne für eine weitere Lektion hierher einladen.”
Dass Rodrigo keine Begeisterungssprünge macht, wundert Xiu nicht. Er muss verdammt müde sein.
“Keine Sorge, das Meiste übernehme ich. Es gibt nur noch eine Sache, die ich ihm unbedingt nahebringen will. Hinterher kannst du dich in Ruhe ausschlafen und ich jage ihn noch ein paar mal um den Block. Kriegen wir das hin?”
Rodrigo seufzt, gefolgt von einem Nicken und mehr oder weniger zustimmendem Brummen.
“Gut. Dann bleib du erst mal hier sitzen. Ich mache uns Frühstück und rufe ihn hinterher an. Noch wird er sowieso in der Schule sein. Hoffe ich für ihn zumindest.”
Sehr zu Xius Zufriedenheit stellt sich heraus, dass Jeroen offenbar tatsächlich in der Schule war. Eine Antwort bekommt sie von ihm erst am Nachmittag, dafür steht er keine fünf Minuten später bereits vor der Wohnungstür. Es hat Vorteile, dass er gleich gegenüber wohnt.
“Komm rein.”
“Du musst Rodrigo entschuldigen, er war heute Nacht zum ersten Mal seit Langem wieder auf der Jagd und ist ziemlich müde.”
Diese Worte reichen aus, um sicherzustellen, dass zumindest Jeroen jetzt hellwach ist.
“Was, echt? Cool! Und hatten Sie Erfolg?”
Rodrigo scheint ebenfalls wieder wacher zu werden, als er die Begeisterung seines Schülers hört. Jeroen schafft es doch immer wieder, seine Laune zu heben. Das sollte Xiu öfter ausnutzen.
“Ja.”
“Du klingst ja ziemlich begeistert. Ich wette, du kannst es kaum mehr erwarten, ihm bei der Arbeit mal über die Schulter zu sehen, hm?”
“Kann ich das denn?”
“Wenn du deine Ausbildung abschließen willst und ein erfolgreicher Jäger werden, wirst du es sogar müssen.”
“Es gibt aber noch eine Lektion, die du unbedingt verinnerlichen solltest, bevor du tatsächlich auf die Jagd gehst oder Rodrigo auch nur begleitest.”
“Und die wäre?”
“Das wichtigste Ziel bei einer Vampirjagd ist nicht, dass du den Vampir erlegst.”
“Hä? Aber gehen wir nicht genau deswegen jagen?”
“Auch.”
“Aber was ist denn dann wichtiger als das?”
“Dass du überlebst. Und ebenso die möglichen Geiseln, die ein Vampir genommen hat.”
“Natürlich gehen wir immer mit dem Ziel jagen, auch einen Vampir zu erledigen. Manchmal bietet sich die Gelegenheit dazu nur leider nicht. In so einem Fall ist es wichtiger zu retten, was wir können.”
“Das macht nicht jeder so.”
“Diejenigen, die um jeden Preis versuchen, ihr Ziel auszuschalten, und dabei nicht auf sich selbst achten, sind aber nicht lange Teil unserer Gilde.”
“Weil sie tot sind.”
“Richtig. Und ein toter Jäger nützt niemandem etwas, egal, als wie heroisch manche ihr Opfer empfinden.”
“Oh…”
“Wenn du das verstanden hast, kann Rodrigo dich demnächst mal mitnehmen. Die eigentliche Jagd kannst du nämlich durch kein Buch und keinen theoretischen Unterricht lernen.”
Jeroens Augen fangen regelrecht an zu leuchten. Einen kleinen Dämpfer muss sie ihm wohl noch verpassen.
“Zwei Voraussetzungen gibt es aber noch. Erstens, du brauchst passende Kleidung…”
“Hab ich!”
“....und zweitens musst du in der Lage sein, beim Joggen mit mir mitzuhalten. Und zwar länger als fünf Minuten!”


















































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