Kapitel 72: Die falsche Spur

 

 



"Oh, wow! Das ist ja unglaublich. Herzlichen Glückwunsch!"



"Ja, natürlich verstehe ich das. Keine Sorge, ich regle das schon irgendwie."



Auch das noch. Ihm bleibt wohl wirklich nichts erspart. Dabei hat er ausgerechnet heute doch erst recht keinen Kopf für so etwas. Oder für überhaupt irgendetwas, abgesehen von dem Treffen mit Narciso heute Abend.



Vor ein paar Tagen war er noch so sicher, den Übeltäter erwischt zu haben, aber je mehr Zeit vergeht, desto stärker nagen die Zweifel an ihm. Vielleicht war er zu voreilig. Es ist besser, wenn er sich erst einmal in Ruhe anhört, was Narciso dazu zu sagen hat.



Hoffentlich klärt sich diese Sache auf. So sehr Amando endlich wissen will, wer hinter den Angriffen steckt, so wenig will er, dass es tatsächlich sein kleiner Bruder ist. Wenn da nur nicht die Aussage des Opfers wäre…

"Dr. De Luna?"



"Ja?"

"Ich habe da ein kleines Problem mit einem Patienten…"

"Ich komme gleich."



Amando kann sich erst spät von der Arbeit losreißen. Das hat er wohl davon, dass er wieder angefangen hat, an den Wochenenden zu arbeiten. Dabei klang das anfangs noch wie so eine gute Idee, wo er außerhalb der Arbeit doch kaum etwas mit sich anzufangen weiß. Und wenn er der Sache mit den Vampirangriffen endlich auf den Grund gehen will, hat er hier ebenfalls die besten Chancen.



Vielleicht weiß Narciso ja auch etwas darüber, selbst wenn er nicht höchstpersönlich dahintersteckt. Bleibt nur zu hoffen, dass das Gespräch einigermaßen ruhig verläuft. Das letzte Mal, als Amando seinen Bruder in Glimmerbrook getroffen hat, war der ja ziemlich aufgeladen und diesmal hätte er jeden Grund, es wieder zu sein.



“Guten Abend, Laetita! Bist du etwa dabei die Blätter aufzusammeln? Bei diesem Wetter?”

“Oh, guten Abend Amando. Mit dir hatte ich heute so gar nicht gerechnet. Was verschafft mir die Ehre?”



“Also….eigentlich bin ich hier, um mich mit Narciso zu treffen. Hatte er nichts erwähnt?”



“Nein. Aber das ist schon in Ordnung. Wahrscheinlich hat er es nur vergessen. Seit er wieder das Haus verlässt, sehe ich ihn auch nicht mehr so oft. Vor allem, da er die Zeit, in der er hier ist, meist im Keller verbringt.”

“Nicht in der Küche?”



“Doch, das natürlich auch, aber nicht mehr so viel wie vorher. Jetzt im Moment ist er auch wieder unten. Ich glaube, er ist in Papas Studierzimmer.”

”Dann gehe ich ihn da mal suchen. Vielen Dank für die Auskunft.”



Dass Narciso sich tatsächlich im Keller befindet, hört Amando schon, als er die Treppe herunterkommt.

Hah, nimm das!



Verdammter Mist! Nicht schon wieder meine Hose!!

Was treibt der da nur? Dem Rumpeln und Fluchen nach zu urteilen kann es nichts Gutes sein.



“Ist alles in Ordnung, Narciso?”



“Amando! Oh Dreck. Sorry, ich hatte völlig die Zeit vergessen.”

“Du riechst ein bisschen angekokelt. Was hast du hier unten denn gemacht?”

“Lange Geschichte. Ist auch nicht so wichtig. Gut, dass du hier bist.”



“Kommst du direkt von der Arbeit?”

“Hm? …oh! Ja. Ich hatte noch gar keine Zeit, mich umzuziehen.”

“Du bist auch ziemlich spät dran. Hatte eigentlich früher mit dir gerechnet. Wieder viel los, hm?”

“Wie so oft leider, ja…”



“Auch mit…du weißt schon…Opfern von Vampirangriffen?"

Narciso klingt neugieriger als Amando erwartet hatte. Irgendwie ist er aber auch erleichtert darüber, dass er es nicht selbst ansprechen muss, obwohl das der Hauptgrund seines Besuchs war.

“Unter Anderem. Zum Glück halten die sich in Grenzen. Lieber wäre es mir aber, wenn ich so etwas gar nicht im Krankenhaus sehen müsste.”



“Besser im Krankenhaus als tot in ner Gasse…”

Bitte?



“Ich mein, sei doch froh, dass dein Übeltäter die Leute am Leben lässt. Sowas ist nicht selbstverständlich!”

Amando gefällt gar nicht, wie das klingt. Obwohl Narciso natürlich recht hat.



“Sprichst du da aus Erfahrung?”

“Fängst du schon wieder damit an?! Ich hab dir gesagt, ich war das nicht! Ich bin mit Babysitten beschäftigt und mit….mit anderen Sachen. Aber nicht damit, irgendwelche Leute zu beißen.”



“Wenn du’s genau wissen willst, leb ich schon seit Monaten quasi vegetarisch…”



Für einen Moment tritt betretenes Schweigen ein. Narciso klang nicht, als würde er lügen. Trotzdem weicht er Amandos Blick aus, bis der ihn wieder anspricht.

“Schon gut, tut mir leid. Wirklich. Ich sollte dich nicht beschuldigen. Das erste Mal war schon falsch.”



“Wieso kamst du da überhaupt ausgerechnet auf mich?”

“Das neueste Opfer war zwischendurch wach und konnte mit mir reden. Er erinnert sich leider nicht mehr an viel, glücklicherweise auch nicht daran, dass es ein Vampir war, aber er konnte klar sagen, das es sich bei seinem Angreifer um einen jungen Mann mit schwarzen Haaren und einer dunklen Jacke gehandelt hat.”



“....okay….aber du musst doch zugeben, dass diese Beschreibung auf nen Haufen Vampire passt. Selbst auf Opa passt das irgendwie!”

“Ja….schon. Aber ich glaube kaum, dass er das war.”



“Ich auch nicht, aber du musst einsehen, dass ich definitiv nicht der Einzige bin, der sich so beschreiben lässt. Zumal ich sowieso kaum aus dem Haus komm. Eigentlich nur um auf Elva aufzupassen.”

Ja, stimmt…

“Und wo hast du gesagt, war das?”



“Ein paar Orte von Willow Creek entfernt.”

Also weder bei Oasis Springs noch bei Glimmerbrook oder irgendwo dazwischen.

“Nicht wirklich, nein.”

Je mehr Narciso darüber redet, desto absurder wird der Gedanke für Amando, dass er seinen Bruder überhaupt verdächtigt hatte. Das bringt ihn zwar bei der Suche nach dem wahren Täter nicht weiter, aber gleichzeitig löst es eine unglaubliche Erleichterung in ihm aus. Er schämt sich direkt dafür, dass er anfangs so fest von dessen Verwicklung in die Sache überzeugt war, dass er sogar für einen Augenblick daran dachte, Xiu davon zu berichten.



Trotzdem ist er bislang sein einziger Anhaltspunkt.

“Aber könnte es denn jemand gewesen sein, den du kennst?”



Narciso zuckt mit den Schultern.

“Ich hatte schon lange keinen Kontakt mehr zu dem größten Teil meiner Freunde. Zugegeben, die haben vielleicht schon das eine oder andere Mal jemanden…äh…angeknabbert….aber üblicherweise keine Männer.”

“Sondern Frauen und Kinder? Das macht es nicht besser, Narciso.”



“Nee….aber um die musst du dir keine Sorgen mehr machen. Die werden das wohl nie wieder machen.”

Was meinst du?



“Hat dir deine Vampirjägerfreundin nichts davon erzählt?”

“Nein. Um ehrlich zu sein, haben wir derzeit gar nicht mehr so viel Kontakt zueinander.”



Eigentlich sollte Amando sauer darüber sein, wie sehr diese Neuigkeit Narcisos Gesicht erhellt, aber er kann es ihm kaum übel nehmen. Nicht, wenn das, was er angedeutet hat, stimmt. Natürlich will Amando nicht, dass Narcisos Freunde wild unschuldige Menschen verletzen, von den Opfern bekommt er im Krankenhaus ja genug mit. Aber dass sie selbst verletzt oder sogar getötet werden, ist auch nicht das, was er will.

“Wie kommt’s? Hat sie das Interesse an dir verloren, weil sie gemerkt hat, was für ein harmloses Weichei du bist?”



“Ich weiß auch nicht. Sie scheint zur Zeit schwer mit irgendwas Anderem beschäftigt zu sein. Immer, wenn ich versuche, mit ihr zu reden, antwortet sie entweder überhaupt nicht, oder, dass sie keine Zeit hat.”

“Dann hoff ich mal für dich, dass sie nicht damit beschäftigt ist zu planen, wie sie dich endgültig aus dem Weg räumen kann.”

Amando muss sich regelrecht auf die Zunge beißen, um Narciso nicht wieder anzufahren. Aber jetzt ist definitiv nicht die Zeit, einen weiteren Streit vom Zaun zu brechen. Besser, er wechselt schnell das Thema.



"Hör mal, Narciso….es tut mir leid, dass ich dich zuerst verdächtigt hatte.”

“Schon okay. Bin ja irgendwie selbst schuld. Ich weiß, dass ich mich nicht immer ganz korrekt verhalte.”

“Es war trotzdem vorschnell von mir. Ich fürchte, ich stehe in letzter Zeit ziemlich unter Stress.”



“Tust du das nicht sowieso immer?”

“Ja….schon. Aber die Lage hat sich nicht gerade gebessert.”

“Wegen deiner Freundin?”

“Auch. Aber hauptsächlich wegen der Arbeit.”



“Die wird durch diese mysteriösen Angriffe ja auch nicht gerade weniger.”

“Erstens das und zweitens hab ich zwei meiner besten Kolleginnen kurz aufeinander verloren.”

“Oh, scheiße…..mein Beileid.”



“Was? Nein, keine Sorge! Sie sind nicht gestorben.”

Oh.

“Aber die eine ist vor Kurzem in Rente gegangen und die zweite hat mich heute morgen angerufen und mir eröffnet, dass sie im Lotto gewonnen hat. Die seh ich so schnell wohl auch nicht wieder.”



“Und jetzt sitzt du mehr oder weniger alleine da?”

“Schlimmer noch sogar. Wir haben genug Neuzuwachs, um die Lücken im Kollegium wieder zu füllen, aber jetzt darf ich diese ganzen Grünschnäbel neben der Arbeit auch alle noch anlernen.”

“Hast du keine Hilfe dabei?”

“Kaum. Keiner der verbleibenden Kollegen hat meine Erfahrung, also hielt der Chef es für eine tolle Idee, die ganzen Neulinge anzuhängen. Dass sie “die bestmögliche Einsicht erhalten”, in seinen Worten. Als ob ich nicht schon genug zu tun hätte…”



“Wie wär’s mal mit Urlaub?”

Ich kann weder meine Patienten noch den Nachwuchs im Stich lassen, das würde mein Gewissen mir nie verzeihen. Ich würde mir bis in alle Ewigkeit Vorwürfe machen.



“Ich wünschte einfach nur, ich hätte nicht noch unnötig zusätzliche Arbeit.”

“Hmm…..ich werd die Augen offen halten, ja? Mich n bisschen umhören. Wenn ich irgendwas in Erfahrung bringen kann, geb ich dir Bescheid, okay? Kann mich auch gleich selbst um die Sache kümmern…”

“Informationen reichen.”

"Dann nur Informationen. Will dir ja nicht noch mehr Stress machen.”

“Danke.”



“Sag mal, jetzt, wo das geklärt ist, bleibst du noch n bisschen?"



Im ersten Moment will Amando schon ablehnen, aber eigentlich wäre es besser, wenn er tatsächlich noch ein wenig da bleibt. Im Grunde ist er ja gerne bei seiner Familie. Er hat nur schon so eine Ahnung, auf was das jetzt wieder rausläuft.

“Natürlich. Willst du mir eigentlich noch erzählen, was du da vorhin getrieben hast?”

“Äh….nachher vielleicht. Aber erstmal hab ich nen anderen Vorschlag. Ich hab vor Kurzem nämlich mal wieder in der Küche experimentiert…”



Das hatte Amando befürchtet.

“Und du willst, dass ich Versuchskarnickel spiele?”

“Heh! Gut, dass du mitdenkst! Ich hab leider nicht viele andere Tester und dein Magen ist so empfindlich, wenn du das bei dir behalten kannst, ist das der ultimative Beweis für Verträglichkeit!”



Dass er das kann, wagt Amando zu bezweifeln. Er ist zwar nicht gerade scharf drauf, sich nachher wieder übergeben zu müssen, aber das ist er seinem Bruder wohl schuldig. Immerhin hat er ihm ebenfalls ziemliches Unbehagen bereitet.

“Also schön. Zeig her, was du gemacht hast.”

 

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