Endlich!
Bis vor einer halben Minute war Jeroen noch im Tiefschlaf, jetzt ist er hellwach. Das Piepen seines Handys hat ihn dazu bewegt, die Augen aufzumachen, die angekommene Nachricht, sie weit offen zu lassen.
Die versprochene Wohnung ist bereit für den Einzug. Darauf hatte er die ganze Zeit gewartet. Auch, wenn er eigentlich gedacht hatte, dass das ein bisschen länger dauert.
Gut, dass er trotzdem schon angefangen hat zu packen, so hat er jetzt weniger Arbeit.
Nachdem er sich angezogen hat, wirft Jeroen schnell auch noch seine restlichen Sachen in eine Tasche. Je früher er von hier wegkommt, desto besser! Wenn er Glück hat, schläft seine Mutter sogar noch und stellt keine blöden Fragen.
Er muss sich nur ganz leise durchs Wohnzimmer schleichen und-
“Wo willst du denn hin mit dem ganzen Krempel?”
Mist. War sie etwa schon wieder die ganze Nacht auf dem Sofa? Dann kann er auch gleich die Wahrheit sagen.
“Ich zieh aus.”
“Fein. Aber bring den Müll mit runter.”
Hat seine Mutter ihm überhaupt richtig zugehört? Wahrscheinlich nicht. Ist aber auch egal. Es hat sie ja noch nie wirklich interessiert, was er tut. Ist wahrscheinlich sogar besser so. Dann kann er wenigstens abhauen, ohne lange mit ihr diskutieren zu müssen.
"Okay."
Jetzt muss er zwar zweimal laufen, aber das hätte er wahrscheinlich sowieso gemusst mit den ganzen Kisten.
Zum Glück ist die neue Wohnung nicht weit weg. Genau genommen nur ein paar Häuser weiter.
Als er mit der letzten Kiste dort ankommt, wartet seine Ausbilderin vor der Wohnungstür auf ihn.
"Guten Morgen, Jeroen."
"Morgen."
"Hast du schon alles dabei?"
"Ja. Hab sowieso nicht so viel."
"Gut. Sonst hätte ich dir später auch geholfen."
"Wie haben Sie das eigentlich so schnell geregelt bekommen? Mit der Wohnung, mein ich."
"Ich habe Kontakte. Außerdem war der Vermieter ganz froh, dass die Wohnung nicht so lange leer steht. Er meinte allerdings auch, dass an der Wohnung noch ein bisschen gearbeitet werden muss. Kann also sein, dass er hin und wieder vorbeikommt. Das ist nicht schlimm für dich, oder?"
Jeroen schüttelt den Kopf. Selbst, wenn sie halb am auseinanderfallen wäre, würde er sie nehmen.
"Alles ist besser als zurück zu meiner Mutter zu gehen."
"Gut. Hier hast du die Schlüssel. Richte dich schon mal ein, ich melde mich später nochmal bei dir."
"Wollen Sie nicht noch kurz mit reinkommen?"
"Ich hab leider keine Zeit. Wichtige Termine.”
“Aber du packst das schon. Wenn irgendwas ist, kannst du mir ja schreiben."
"Okay."
"Wir sehen uns."
Nachdem Frau Liu gegangen ist, starrt Jeroen noch für einen Moment auf den Schlüssel in seiner Hand. Irgendwie kann er es kaum glauben. Der Schlüssel zu seinem eigenen kleinen Paradies!
Zugegeben, der erste Blick in die Wohnung ist alles andere als paradiesisch. Rational gesehen zumindest. Aber für Jeroen ist sie ein wahrgewordener Traum, trotz alter Tapete, Flecken auf dem Teppichboden, Spinnennetzen in den Ecken und einem auffälligen Mangel an Möbeln. Okay, der letzte Punkt könnte vielleicht ein bisschen unangenehm werden.
Um Einrichtung hat er sich noch gar keine Gedanken gemacht. Na egal, immer noch besser als zuhause. Nein. Sein altes Zuhause. Und irgendwie hat so eine leere Wohnung ja auch Vorteile. So kann er damit machen, was er will. Wenn er sich irgendwann mal Möbel leisten kann zumindest. Vorerst muss er wohl improvisieren.
Ob die im Secondhandladen in Copperdale auch Möbel haben? Da wollte er ja sowieso noch vorbei, Klamotten für seine Ausbildung besorgen. Professionelle Ausrüstung haben die da zwar sicher nicht, aber einen Rollkragenpullover oder sowas wird er da schon finden.
Noch hat er Zeit um da rüberzufahren. Einrichten kann er sich hier in der Wohnung auch später. Wenn es dann was zum Einrichten gibt. Also Kisten reinbringen und dann los! Was Besseres hat er gerade sowieso nicht zu tun.
Eine Bahnfahrt nach Copperdale später…
Er war noch nicht oft hier. Eigentlich hauptsächlich, wenn seine Freunde ihn mitgeschleppt haben. Irgendwie ist der Laden doch ein bisschen kleiner, als er in Erinnerung hatte. Mit Möbeln sieht es wohl eher schlecht aus.
Trotzdem schaut er sich um. Kann ja sein, dass er nur was übersieht.
Die Besitzerin zum Beispiel, die hatte er gar nicht bemerkt, bis sie ihn anspricht.
"Hi! Du siehst n bisschen verloren aus. Kann ich dir helfen?"
"Äh…ja. Sagt mal, habt ihr hier eigentlich nur Klamotten oder auch andere gebrauchte Sachen?"
"Kommt drauf an. Wir haben alles Mögliche hier. Was willste denn?"
"Ich brauch Möbel. Oder irgendwas zum drauf sitzen zumindest."
"Sitzmöbel, hm? Glaub nicht, dass wir da viel da haben. Aber ich geh im Lager mal nachsehen, vielleicht findet sich ja irgendwas."
"Danke."
Allzu große Hoffnungen sollte er sich wohl nicht machen. Aber ist ja nicht nur deswegen hier.
Während die Besitzerin im Lager sucht, kann er sich ja mal durch die Berge von Klamotten hier wühlen. Von denen haben die hier definitiv mehr als genug. Da wird er schon irgendwas finden.
Ob das hier funktioniert? Es verdreckt viel Haut, vor allem den Hals. Das war es doch, was Frau Liu gesagt hat, dass wichtig ist, oder? Handschuhe helfen bestimmt auch. Und wenn er das dann noch mit einer Skimaske oder sowas kombiniert…
"Hey, Jeroen!"
Jeroen zuckt sichtlich zusammen. Das ist jetzt schon das dritte mal heute, dass ihn jemand von hinten anquatscht! Er hatte zwar im Spiegel gesehen, dass sich ihm jemand nähert, war aber so mit sich selbst beschäftigt, dass er das gar nicht richtig registriert hat. Er sollte dringend aufmerksamer werden. Zum Glück sind es diesmal nur ein paar seiner Schulfeunde.
"Oh, hey."
"Sag mal, wo warst du denn heute morgen? Keine Lust auf Schule gehabt?"
"Keine Zeit, ich bin umgezogen."
"So schnell? Ihr habt doch so viel Krempel."
"Ich nicht. Ich bin alleine umgezogen, in meine eigene Wohnung."
Im ersten Moment verschlägt es seinen Freunden fast die Sprache. Jeroen kann gar nicht anders, als zu grinsen.
"Waaaas? Du hast eine eigene Wohnung? Wie cool ist das denn?!'
"Können wir mal vorbeikommen?"
"Stellt euch das mal vor, Leute! Wir können dort Party machen, ohne dass unsere Eltern sich einmischen!"
"Wenn ich mich n bisschen eingerichtet hab, gern."
"Aber lass dir nicht zu viel Zeit, dein Einzug muss gefeiert werden!"
"Nee, keine Angst."
"Was machst du eigentlich hier in Copperdale? Hast du keine Angst, dass ein Lehrer dich sehen und fürs Schwänzen bestrafen könnte? Oder bist du etwa hierher gezogen?"
"Die Wohnung ist in San Myshuno. Aber ich brauch neue Klamotten für die Arbeit und dort ist alles so teuer, also dachte ich, ich schau hier mal."
"Ah, lass mal sehen!"
"Als was genau arbeitest du eigentlich, dass du so nen Aufzug brauchst? Als Mülltaucher? Modell für die Kleidersammlung? Ninja?"
"Nee. Aber ähnlich gefährlich."
"Was denn?"
"Ich weiß nicht, ob ich das verraten darf."
"Du machst aber keine Ausbildung zum Einbrecher, oder?"
"Was? Quatsch!"
"Das hätte ich als Einbrecher jetzt auch gesagt!"
"Also wenn deine Wohnung mit teurem Zeug vollsteht, dann wissen wir die Wahrheit."
"Wann steigt die Einweihungsparty?"
"Ich muss mich erst mal einrichten. Danach kann ich euch einladen."
"Du musst zuerst in ein paar Häuser einsteigen. Verstanden. Vergiss nur nicht, auch was zum Trinken zu klauen und vielleicht ne Pizza oder zwei!"
"Für dich mit extra Peperoni, oder?"
"Aha! Er hat es zugegeben!"
"Manchmal seid ihr echt Idioten."
"Deshalb bist du doch mit uns befreundet."
"Trinkst du auch einen Bubble Tea? Deshalb sind wir eigentlich hier."
"Später vielleicht. Ich will zuerst alles zusammensuchen, wegen dem ich eigentlich hier bin."
"Komm dann einfach dazu."
“Mach ich.”
Gerade, als seine Freunde sich entfernen, kommt die Besitzerin zurück. Perfektes Timing.
“Und?”
"Richtige Möbel hab ich leider nicht gefunden, aber eine alte Campingausrüstung, inklusive Schlafsack und Klappstühlen. Wäre das auch was für dich?"
Ist zwar nicht das, was Jeroen sich vorgestellt hat, aber für den Anfang besser als nichts. Also nickt er. Hauptsache, er hat einen Platz zum Sitzen und einen zum Schlafen.
“Super, dann bring ich den Krempel gleich mal raus.”
“Hier, bitte. Ist wahrscheinlich auch leichter zu tragen. Brauchst du sonst noch was?”
“Die Klamotten hier. Und einen Bubble Tea...”
Als Jeroen abends vor dem Spiegel in seinem Badezimmer steht, kann er gar nicht anders, als zu grinsen. Der Spiegel sieht vielleicht aus, als wäre er mindestens drei Jahrzehnten auf irgendeinem Dachboden verstaubt und hinterher nur einmal kurz mit einem öligen Lappen abgewischt worden, aber Jeroen sieht sich darin trotzdem ganz klar.
Der Tag verlief ziemlich erfolgreich. Er hat seinen eigenen Job, seine eigenen vier Wände und….sind das da etwa ein paar dunkle Haare an seiner Oberlippe?
Ob er sich einen Bart wachsen lassen sollte, wie Herr Rosales? Würde bestimmt gut an ihm aussehen. Dann würde sich auch niemand mehr trauen, ihn nicht ernst zu nehmen.
Ja, doch, das sollte er machen! Dann würden alle sehen, dass er jetzt ein echter Mann ist. Ein Mann, der auf seinen eigenen Beinen steht.
Ab heute geht es bergauf mit seinem Leben!
















































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