Kapitel 53: Hey, Monsterhuhn!

 

 



Warum läuft in letzter Zeit eigentlich alles schief?



Erst fällt er auf diesen dummen Trick herein und entkommt nur knapp mit dem Leben zwei blutrünstigen Vampirjägern, dann verlernt er das Zaubern und jetzt auch noch diese Sache mit Amando.



Ach ja, Amando…Hoffentlich geht es dem einigermaßen gut. Er stand ziemlich unter Schock, nachdem Narciso ihm die Wahrheit über seine sogenannte Freundin erzählt hat. Logisch. Er ist ja komplett verschossen in sie. In dieses Biest.



Wie hat die Schlange das überhaupt hingekriegt? Wenn sie Amando nur halb so “zärtlich” behandelt wie ihn, würde der sie vermutlich nicht mal mit ner drei Meter langen Zange anfassen.



Andererseits war er schon echt verzweifelt, wenn er sogar Opa nach Rat gefragt hat, um endlich an eine Freundin ranzukommen. Nicht, dass Opa nicht wüsste, wie man Frauen rumkriegt, aber von langanhaltenden monogamen Beziehungen hat der doch keine Ahnung. Für das, was Amando will, kann der keine große Hilfe gewesen sein.



Vielleicht hätte er ihm doch selbst unter die Arme greifen sollen, auch wenn das nicht gerade sein Fachgebiet ist.

Ah, hier bist du also. Ist alles in Ordnung?



Narciso zuckt zusammen. Irgendwie hat er nicht damit gerechnet, um diese Uhrzeit hier von Laetitia gefunden zu werden. Andererseits beweist sie ihm ja immer wieder, dass sie genauso nachtaktiv sein kann wie ihre Brüder.

“Ja…denke schon. Ich hab nur nachgedacht. Über alles, was passiert ist und so. Dafür hab ich irgendwie frische Luft gebraucht.”

“Aber ausgerechnet hier?”



“Naja…ich dachte, ich könnte ihn mal wieder besuchen. Fühlt sich irgendwie weniger einsam an, auch wenn er mir keinen guten Rat mehr geben kann.”



“Du und Amando, ihr hattet beide so viel mehr Zeit mit ihm als ich.”



“Oh Narciso…Papa hatte dich genauso gern wie uns auch.”



“Glaubst du, er würde sich freuen? Darüber, dass ich auch zaubern kann, mein ich.”

“Ganz bestimmt.”



“Er wäre stolz auf dich. Genauso, wie ich es bin.”



Das zu hören tut irgendwie gut. Auch wenn das in letzter Zeit ja eher eine Enttäuschung ist mit der Zauberei.

"Ich habs die letzten Tage übrigens nochmal versucht, aber da geht momentan einfach gar nichts."



"Du solltest dich da nicht so hineinsteigern. Nicht, dass deine angestaute Magie und dein Frust noch zu einem plötzlichen, unkontrollierten Ausbruch führen, der das ganze Haus niederbrennt. Das wäre sehr schade. Ich wohne gerne hier."

"Ja…das wär wohl nicht so gut."



"Aber was soll ich machen? Aufgeben will ich das Ganze auch nicht."

"Das musst du doch auch nicht. Sprich mit deinem Vertrauten, mir hilft das immer sehr."



"Ja…äh…wo du das gerade ansprichst…"

"Hast du denn noch nicht wieder Kontakt aufgenommen?"



"Nicht wirklich, nee. Seit ich diesem Vieh im Traum gegenüber gestanden bin, hab ich es irgendwie unbewusst vermieden. Nicht, dass ich nicht will, aber in letzter Zeit hab ich gar nichts mehr geträumt. Vielleicht versucht mein Verstand, mich unbewusst zu schützen oder so."



"Dann rate ich dir, deinen Verstand mal einen Moment abzuschalten und im Traum aktiv den Kontakt zu suchen. Das wird dir helfen, vertrau mir."

"Tu ich ja…"



"Worauf wartest du dann? Ab in die Kiste mit dir! Die Sonne geht sowieso bald auf."

“Schon gut, ich geh ja schon.”



Wahrscheinlich hat Laetitia recht. Weiter wegzulaufen bringt ihn nicht weiter, das merkt er ja selbst. Egal, ob bewusst oder unbewusst.



Aber mit einem Huhn zu reden? Andererseits wird er es wohl nie wissen, wenn er es nicht versucht.



“Also dann, in der Hoffnung, dass das wirklich mein Begleiter ist und nicht nur irgendein Albtraumhuhn, das mich für einen Wurm hält…”



Kaum, dass Narciso die Augen geschlossen hat, macht er sie auch schon wieder auf. Aber in seinem Sarg liegt er nicht mehr. Es ist dunkel, leer und kalt. Das ist definitiv der richtige Traum. Aber irgendwas fehlt hier doch.



Egal, in welche Richtung Narciso sich umsieht, überall erstreckt sich nur eine unendliche schwarze Leere. Wo zum Henker steckt dieses Vieh?!

“Hey, Monsterhuhn! Ich bin hier und ich will reden! Wo auch immer du dich versteckst, komm raus!”



Keine Antwort. Komisch. Ist er irgendwo falsch abgebogen? Hat er noch einen anderen Traum, der so ähnlich aussieht? Nein, in letzter Zeit träumt er doch sowieso nichts anderes mehr, wenn überhaupt. Vielleicht sollte er-



“Buh!”

IIIIIEK!!!



Narciso schlägt sich schnell die Hände auf den Mund. Ist es möglich, sich in einem Traum in die Hose zu machen? Hoffentlich nicht, sonst hat er jetzt ein Problem. Was schleicht dieses Mistvieh sich auch einfach an ihn an?! Und wieso lacht es jetzt so blöd?

“Gahaaagackgack! Sieh an, sieh an! Die ganze Zeit bist du vor mir weggelaufen und jetzt suchst du nach mir?”



“Hast du etwa beschlossen, meine Hilfe anzunehmen?”

Eigentlich ja. Aber jetzt, wo dieses brennende Riesenvieh wieder vor ihm steht, ist Narciso sich da doch nicht mehr so ganz sicher. Warum kann sein Begleiter nicht irgendwas ein bisschen weniger gruseliges sein? Eine fette Spinne mit Partyhut oder so.



“Äh…”

Raus mit der Sprache! Ja oder nein?

“...ja. Denk ich…”



“Oho! Du denkst? Bist du dir da auch ganz sicher?”



Verdammt, reiß dich zusammen, Narciso! Wenn das, was Laetitia sagt, stimmt, dann ist das hier eine absolut einzigartige Gelegenheit.

“Ja. Ich bin sicher. Aber vorher hab ich da noch ne Frage…”



So? Und die wäre?

“Ich hab meiner Schwester von diesem Traum hier erzählt. Von dem, was du gesagt hast. Und die vermutet, du wärst mein Vertrauter. Mein magischer Begleiter. Stimmt das? Oder bist du doch nur ein Hirngespinst, das mein Kopf sich in dem ganzen Stress der letzten Wochen zusammengebastelt hat, um mich noch mehr zu nerven?”



“Hmm…scheint, als wäre deine Schwester gar nicht so dumm.”

Also stimmt es?



“So könnte man es ausdrücken. Zumindest sind das Begriffe, die ihr Sterblichen für unsereins habt. Darüber, wie akkurat sie sind, lässt sich streiten, aber ich will dich nicht überfordern. Nicht, dass dein kleiner Kopf noch explodiert.”



Irgendwie nicht gerade beruhigend, was das Huhn da so von sich gibt. Aber was bleibt ihm für eine andere Wahl, als dem Vieh zu vertrauen? Alleine kriegt er das mit dem Zaubern gerade ja nicht mehr auf die Reihe und ein Begleiter ist aktuell seine beste Hoffnung.

“Okay, das ist gut…denk ich mal… Aber sag mal…hast du eigentlich vor, für immer nur hier im Traum mit mir zu reden?”



“Ah, du wartest darauf, dass ich eine stoffliche Form annehme. Ist das auch etwas, das deine Schwester dir erzählt hat?”

“Ja. Außerdem wär das auf Dauer doch praktischer, oder? Ist doch umständlich, wenn ich mich jedes mal erst hinhauen muss, um dich irgendwas zu fragen.”



“Hah! Recht hast du! Aber das habe ich natürlich bereits bedacht. Um deine Frage also zu beantworten, ja, ich werde mir etwas von deiner magischen Energie abzweigen, um mir einen Körper in eurer Welt zu schaffen.”



Und…wann und wo triffst du mich da dann?

“Das wirst du schon merken. Ich habe alles bereits genauestens geplant. Du wirst mich treffen, wenn du mich treffen wirst. Genau dann, wenn du es am wenigsten erwartest…”

Warum muss dieses Vieh die ganze Zeit so kryptisch sein mit seinen Antworten?! So kommt er doch nie weiter!



Aber andererseits wird er ein riesiges brennendes Huhn wohl kaum übersehen können. Erst recht nicht, wenn es ihn wieder so überfällt, wie es das hier in diesem Traum getan hat.

Hast du noch weitere Fragen?



“Meine Magie ist in letzter Zeit blockiert. Wie schaffe ich es, wieder zaubern zu können?”

“Alles zu seiner Zeit. Das klären wir, sobald ich neben dir stehe.”

Na, das war ja nicht sonderlich hilfreich.

“Dann hab ich keine Fragen mehr.”



“...nein, warte! Eine ist mir noch eingefallen!”

Und die wäre?



“Ich kann dich ja nicht die ganze Zeit nur Monsterhuhn nennen…hast du auch sowas wie nen Namen?”

“Oh, meinen wahren Namen würdest du nicht aussprechen können, ohne dir dabei die Zunge gleichzeitig an fünf Stellen zu brechen und zu verknoten, während dein Verstand sich verflüssigt, bei dem Versuch, ihn zu begreifen. Glücklicherweise für dich habe ich sehr lange darüber nachgedacht, wie ich ihn in eine Form übersetzen kann, die für dein Erbsenhirn sowohl verständlich als auch fassbar ist.”

“Und wie soll ich dich dann nennen?”



“Carlotta.”

 

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