Kapitel 54: Ein Job als Kammerjäger

 

 



“Mhm.”



“Ich verstehe.”



“Das werde ich… Auf Wiederhören.”



Rodrigo wirkt erleichtert, als er das Telefon sinken lässt. Seiner Anspannung nach zu urteilen kann das eigentlich nur eines bedeuten.



“Der Chef?”

“Mhm.”



“Ging es um unseren neuen Informanten?”

“Auch.”

“Und sonst?”



“Er ist nicht glücklich mit mir.”

“Weil du immer noch ausfällst?”

“Hm.”



“Der soll sich mal nicht so anstellen! Nur, weil er Stress macht, geht das mit deinem Bein nicht schneller!”

“Nein. Aber ich will auch nicht mehr nur herumsitzen.”



“Musst du ja auch nicht. Nur in gefährliche Situationen solltest du dich nicht bringen. Darüber hatten wir doch schon geredet. Überlass das lieber mir. Oder…”

“Unserem Schüler?”



“Naja, vielleicht nicht gleich am Anfang. Aber du hast das richtige Stichwort. Ich sollte den mal kontaktieren. Wenn wir nicht bald mal anfangen mit seiner Ausbildung, wird das nie was.”

Zumal sie ihm ja erst noch beibringen muss, was genau sie eigentlich machen. Aber darüber hat sie sich die letzten Tage schon genug den Kopf zerbrochen. Genug Zeit hatte sie ja. Nach ihrer letzten Begegnung mit Amando hatte sie eine Verschnaufpause dringend nötig, also hat sie sämtliche Termine abgesagt, um sich ein bisschen Ruhe zu gönnen und den Kopf wieder freizubekommen.



Gut, dass sie die kleine Wanze von Anfang an auf die nächste Woche vertröstet hat. So langsam wird es allerdings trotzdem Zeit, sich bei ihm zu melden.

“Ich werd ihn am besten gleich mal anrufen. Ist es okay für dich, wenn er heute Abend vorbeikommt?”

“Ja.”



Für einen kurzen Augenblick glaubt Xiu, so etwas wie ein Lächeln über Rodrigos Gesicht huschen zu sehen. Die Aussicht auf einen Schüler scheint ihm immer noch zu gefallen. Gut so. So ist er vielleicht auch ein bisschen abgelenkt von dem Druck, den die Gilde schon wieder auf ihn auszuüben versucht.

“Na dann wollen wir mal.”



“Hallo? Jeroen?”



Am Abend


“Schön, dass du dir die Zeit nehmen konntest.”

“Kein Ding. Eigentlich hab ich sowieso die ganze Zeit gewartet. Hatte schon Angst, Sie hätten mich vergessen.”



“Oh…tut mir leid. Früher diese Woche ging leider nicht. Wir waren sehr beschäftigt.”

“Schon okay, sowas hab ich mir gedacht.”



“Komm, setzen wir uns.”



“Erzählen Sie mir jetzt, worum es bei der Stelle genau geht?”

“Ja, und dann kann dir dir all deine Fragen dazu beantworten. Vorher hätte ich aber selbst noch eine kleine Frage an dich.”



"Wie sportlich bist du?"



"Öh…geht so. Ist das wichtig?"

"Ja. Für diesen Job absolut überlebenswichtig."

Wortwörtlich. Aber der Kleine sieht aus, als hätte er Potenzial und was nicht ist, kann ja noch werden. Wenn Xiu ein bisschen mit ihm trainiert, bleibt ihm gar keine andere Wahl, als fit zu werden.



“Wieso? Ist das Ungeziefer, das ihr Kammerjäger jagt, so groß?”



"Ist es tatsächlich. Wir sind keine einfachen Kammerjäger für Insekten und Nagetiere, Jeroen. Wir sind Vampirjäger."



Kaum, dass Xiu das Wort ausspricht, werden seine Augen groß. Damit hatte er wohl nicht gerechnet.

"Vampirjäger? Heißt das…?"



"Richtig. Wir spüren Vampire auf und eliminieren sie. Genauer gesagt, ich spüre sie auf und Rodrigo eliminiert sie."

Oder zumindest würde er das tun, wenn er nicht verletzt wäre. Aber genau da kommt ja der Kleine ins Spiel. Xiu muss ihm nur schonend beibringen, was ihn erwartet.



“Aber…einfach so? Ist das nicht verdammt gefährlich?”



“Klar ist das gefährlich! Wir setzen täglich unser Leben aufs Spiel. Deshalb hab ich dich ja gefragt, ob du sportlich bist.”

“Ah…”

Das Zögern verheißt nichts Gutes. Vielleicht war sie doch ein bisschen zu vorschnell. Verdammte Ungeduld.



“Nur keine Angst, wir werfen dich nicht gleich einem hungrigen Vampir zum Fraß vor. Dafür bist du zu wertvoll für uns. Du lernst erst mal in aller Ruhe, wie du diese Blutsauger erkennen und dich verteidigen kannst. Außerdem passen wir schon auf dich auf und wir leben ja auch noch, obwohl wir es schon mit hunderten von denen zu tun hatten. Wenn man weiß, wie man mit ihnen umgehen muss, sind sie gar nicht mehr so gefährlich.”

Das Gefährlichste ist in aller Regel sowieso das Unwissen. Leider betrifft das den größten Teil der Bevölkerung, aber dafür sind sie ja da. Um die Bevölkerung zu schützen.



“Hast du Zweifel?”

“Ja…naja….schon. Ich mein…damit hab ich jetzt echt nicht gerechnet. Und außerdem…ähm…”



“Ja?”

“...jagt ihr echt alle Vampire? Weil…ich mein…sind das nicht auch irgendwie Leute…?”



Xiu ahnt schon, was das Problem ist. Der Kleine hat wahrscheinlich Vampire in seiner Bekanntschaft. Sollte sie eigentlich nicht wundern, bei seiner Familiengeschichte. Aber genau das ist leider die gefährlichste Sorte. Die, die einen einlullt und so tut, als wäre sie mit einem befreundet.

"Oh, nein, mach dir da mal keine Sorgen! Wir jagen natürlich nur die bösen Vampire."

Auch, wenn das im Grunde keinen Unterschied macht. Alle Vampire sind böse, ob sie das nun nach außen hin zeigen oder nicht. Aber das wird der Kleine früher oder später auch noch merken.



“Ah, okay…gut.”

Die Erleichterung in seiner Stimme hört sie sofort. Sie ist also auf dem richtigen Weg.



“Leider gibt es von denen mehr als man denkt. Die meisten Leute erkennen sie gar nicht, bis es zu spät ist. Man hört doch immer wieder von Fällen, in denen ahnungslose Familien nachts überfallen werden.”

“Ja…ich weiß…”



“Dann hast du davon also auch gehört?”

“Nee…also nicht gehört. Uns ist das mal passiert.”

“Tatsächlich? Kannst du mir davon erzählen? Oder ist es zu schwer für dich, darüber zu reden?”



"Geht schon. Ich kann mich sowieso kaum erinnern. War noch ganz klein und hab nicht wirklich verstanden, was abgeht. Aber damals ist nachts ein Vampir in unsere Wohnung eingestiegen."

"Ich nehme an, der kam nicht vorbei, um nach einem Becher Zucker zu fragen?"



"Nee…der wollte eher Blut. Hat den Mitbewohner von meiner Mutter erwischt. Das hat der nicht überlebt und der Vampir ist unbekannt entkommen."

Sehr gut. Also, nicht wirklich, natürlich. Was damals passiert ist, ist schrecklich und alleine vom Zuhören spürt Xiu schon, wie die Wut in ihr hochkocht. Aber zumindest weiß der Kleine jetzt schon, was für Monster diese widerlichen Blutsauger sind und macht sich keine Illusionen darüber, dass sie ja eigentlich alle ganz nett wären. Spätestens, wenn sie hungrig werden, ist es vorbei mit der Freundschaft.



“War wohl auch nicht das erste mal. Angeblich gab es in meiner Familie schon mal einen Vorfall, aber meine Mutter redet nicht darüber, deswegen weiß ich nicht, was genau passiert ist. Nur, dass es irgendwie mit meinem Uropa zusammenhängt.”



“Das tut mir sehr leid, Jeroen.”

“Ist schon okay. Als Vampirjägerin hören Sie solche Geschichten bestimmt ständig.”

“Das stimmt, leider. Aber das heißt nicht, dass es mich nicht trotzdem jedes mal wieder trifft.”



“Weißt du…ich habe so etwas auch schon persönlich erlebt. Früher, als ich noch jünger war. Aber genau deshalb bin ich Vampirjägerin geworden. Ich habe mir geschworen, dass mir sowas nie wieder passiert. Mir nicht und auch sonst niemandem.”



“Ich glaube, so langsam versteh ich…”

“Hm? Was? Was wir hier tun?”



“Ja. Ihr seid keine Kammerjäger, ihr seid eher sowas wie die Polizei.”



“Also…naja….ja. Vielleicht kann man es so auch sehen. In jedem Fall versuchen wir, die Leute zu beschützen.”

“Das find ich gut.”



“Wissen Sie was? Ich glaube, ich probier’s.”



“Uns zu helfen?”

“Ja. Wenn ich später merke, dass das doch nichts für mich ist, kann ich doch immer noch aussteigen, oder?”

“Ja…sicher doch.”



“Gut. Dann will ich lernen. Ich will euer Schüler werden.”

 

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