Kapitel 52: Unser kleines Geheimnis

 

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“Können wir dann los?”

“Einen Moment, bitte. Ich muss eben noch etwas erledigen.



“Zumal…sollten wir Orion nicht auch mitnehmen? Ich will ihn nicht schon wieder alleine hier zurücklassen.”

“Na meinetwegen.”

“Weißt du, wo er sich gerade aufhält?”



“Als ich ihn zuletzt gesehen habe, saß er auf seinem Bett und hatte die Nase in einem Buch, wie so oft.”

“Dann werde ich bei dieser Gelegenheit nach ihm sehen. Warum gehst du nicht schon vor und versuchst, etwas in Erfahrung zu bringen? Wir kommen dann bald nach.”



“Viel Anderes bleibt mir wohl nicht übrig. Aber lasst euch nicht zu viel Zeit!”

“Ich versuche, mich zu beeilen.”



Aber auch nur ein wenig. Natürlich plant Evan nicht, Lucia die halbe Nacht warten zu lassen, aber für das, was er vor hat, braucht er ein klein wenig Zeit. Zeit und Ruhe. Diesen Moment würde er gerne genießen, wo er doch schon seit fast zwei Wochen darauf hinarbeitet.



Wie Lucia beschrieben hat, befindet Orion sich im Dachgeschoss im Gästezimmer, völlig vertieft in eines der Bücher, das er in Evans Sammlung gefunden haben muss.



“Kann ich hereinkommen?”

Orion zuckt sichtbar zusammen. Er hat also nicht gemerkt, wie Evan den Raum betreten hat.

“Huh? Oh…ja, natürlich.”



“Ein spannendes Buch, nicht wahr? Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich selbst es zum ersten mal gelesen habe. Damals war ich ebenso davon gefesselt wie du.”

“Ja. Es ist wirklich gut geschrieben.”



“Ich hoffe, meine Unterbrechung verdirbt dir die Freude an diesem Werk nicht, aber ich möchte dich darum bitten, mir ein wenig von deiner Zeit zu schenken.”



“Nein….nein, ganz bestimmt nicht. Das Buch läuft ja nicht weg. Wie kann ich dir helfen?”

“Nun, Lucia hat mich darum gebeten, sie in die Krypta zu begleiten und ich möchte gerne, dass du mitkommst. Je nach dem, was wir dort erfahren, kann deine Meinung dazu sehr wertvoll für mich sein.”



“Natürlich. Ich werde das Buch aufräumen und dann sofort kommen.”

“Einen Moment noch, Orion! Bevor du nun gleich zur Haustür rennst, triff mich doch vorher noch kurz unten an der Treppe. Ich möchte dir gerne etwas zeigen.”



Orions fragendem Blick nach zu urteilen, scheint dieser ein wenig verwirrt über diese Anweisung zu sein, auch wenn er es nicht in Worte fasst. Eine gewisse Neugier glaubt Evan aber ebenfalls zu erkennen.

“Es ist eine kleine Überraschung, die ich für dich vorbereitet habe. Lasse mich nicht zu lange warten, ja?”



Dass er das nicht tun wird, ahnt Evan bereits. Eigentlich hätte er es gar nicht erst erwähnen müssen. Der Junge ist so bedacht darauf, es jedem Recht zu machen, dass es eine Selbstverständlichkeit sein sollte, dass er sich beeilt. Das muss eine der Nebenwirkungen davon sein, zu lange mit Lucia zusammenzuleben. Ob er irgendwann wohl wieder ein wenig lockerer wird? Schließlich besitzt Evan nicht dasselbe Temperament wie seine autoritäre Mitbewohnerin.



Tatsächlich kommt Orion nur kurz nach ihm die Treppe herunter.

“Folge mir bitte.”

“In den Garten?”

“Richtig.”



“Aber was gibt es denn-”

“Das wirst du schon sehen.”



Und wie er das wird. Kaum, dass die beiden Vampire um die Ecke biegen, bietet sich ihnen genau der Anblick, auf den Evan hingearbeitet hatte. Angesichts der schlechten Erde hier in Forgotten Hollow war es ein wenig kompliziert, ein blühendes Stück Garten zu erschaffen, noch zudem zu dieser Tageszeit, aber es war nichts, was ein wenig Magie nicht lösen könnte. Magie und die richtigen Pflanzen.



Orion verschlägt es zunächst wohl die Sprache. Es kommt Evan fast vor wie Minuten, die der Junge fasziniert die Blumen anstarrt, ehe er erneut seine Worte findet.

"Das…das ist ja wunderbar! Wie hast du…?"



"Ich gebe zu, es war nicht ganz leicht. Aber wer wäre ich, diese Mühe zu scheuen, wenn ich dir damit ein Lächeln entlocken kann?"

"Evan…"



"Danke!"

Bevor Evan weiß, wie ihm geschieht, spürt er, wie Orion ihm um den Hals fällt und die Lippen auf seine drückt.



Nur kurz darauf besinnt er sich aber wieder und weicht einen Schritt zurück, offenbar erschrocken über seine eigene Implusivität.

“Oh….oh nein! Bitte verzeih! Das war unangebracht…”



“Es war sehr willkommen. Du musst dich dafür nicht entschuldigen, Orion.”

Er hat ihn also richtig eingeschätzt. Schwer waren die Zeichen in letzter Zeit auch nicht mehr zu deuten. Anfangs wusste Evan noch nicht, wie er Orions Verhalten einordnen soll, aber je mehr er sich mit ihm unterhalten und ihn beobachtet hat, desto eindeutiger wurde es.



“Aber es steht mir nicht zu und außerdem…”

Er zögert. Evan braucht die Worte aber auch nicht aus Orions Mund zu hören, um zu wissen, was ihm Sorgen bereitet.



“Ich verstehe. Mache dir darüber bitte keine Gedanken, ich werde Lucia nichts verraten. Das bleibt unser kleines Geheimnis.”



“Allerdings fürchte ich, dass sie bereits auf uns wartet. Wir sollten uns nicht zu viel Zeit lassen, ehe sie tatsächlich noch Verdacht schöpft, hm? Gehen wir.”



Nur zu gerne wäre Evan noch ein wenig mit Orion hier im Garten verweilt und hätte ihn wissen lassen, wie glücklich er ihn mit seiner ungestümen kleinen Dankesgeste gemacht hat. Aber alles zu seiner Zeit. Lucia deshalb zu verärgern ist es nicht wert. Dass sie jemand ist, den man nicht warten lassen sollte, hat Evan mittlerweile sehr gut verstanden, zumal er sie ja bereits auf heute vertröstet hat. Noch weiter will er ihre Geduld nicht ausreizen. Glücklicherweise ist es bis zur Krypta nicht sonderlich weit.



Lucia scheint sie auch noch nicht betreten zu haben. Stattdessen steht sie vor den Toren, als die beiden Männer dort ankommen.

“Da seid ihr ja endlich! Was hat euch so lange aufgehalten?”



“Oh, nichts Besonderes. Ich habe nur-”

Noch bevor Evan seinen Satz beenden kann, fällt Orion ihm ins Wort.

“Mir ist der Hausschlüssel aus der Hand gefallen und unter ein Schränkchen gerutscht.”



“Hrmpf! Ich hätte erwartet, dass du dich geschickter anstellst, Orion! Aber da ihr nun endlich hier seid, lasst uns keine weitere Zeit verschwenden.”



Versucht der Junge, ihn in Schutz zu nehmen? Evan wäre auch gut selbst mit ihr fertig geworden. Trotzdem weiß er diese kleine Geste zu schätzen, erst recht, als er das verstohlene Lächeln sieht, das Orion ihm hinter Lucias Rücken zuwirft.



Als die drei das Gebäude betreten, fällt Evan sofort auf, wie ungewohnt leer es ist. Für gewöhnlich hat die Krypta deutlich mehr Besucher, aber heute wirkt sie fast wie ausgestorben. Das erklärt wohl auch, weshalb Lucia vor den Toren gewartet hat und nicht ins Gespräch mit einem anderen Besucher vertieft ist. Hier ist kaum jemand, mit dem sie ein Gespräch hätte anfangen können.



Nur die Barkeeperin steht wie gehabt auf ihrem Posten und bemerkt natürlich sofort, dass sich ihr Kundschaft nähert. Auch wenn ihre Aufmerkamkeit zunächst alleine Lucia zu gelten scheint.

“Na wenn das mal nicht meine neue Lieblingskundin ist! Was kann ich dir heute Abend bringen, Süße? Das Übliche?”



“Einen Roxane-Spezial und neue Informationen, wie immer.”

“Für dich immer wieder gerne.”



Die Frauen scheinen sich ja deutlich näher gekommen zu sein in der Zeit, in der Evan nicht dabei war. Roxane so freundlich zu sehen jagt ihm regelrecht einen Schauer über den Rücken. Erst recht, als der Blick der Barkeeperin auf ihn fällt.

“Den alten Lustmolch hast du diesmal also auch dabei. Was ist los? Lässt du ihn nicht ran, dass er dich jetzt schon bis hierher verfolgen muss? Vielleicht solltest du ihm mal direkt ins Gesicht sagen, dass du kein Interesse an ihm hast. Zur Not nimm nen Besen, wenn er nicht genug Abstand hält.”



Das gibt ein Donnerwetter. Nicht einmal Evan selbst wagt es, so flapsig mit Lucia zu reden. Schließlich hat sie ihren Stolz, das hat sie ihm schon deutlich gemacht.



Zu seiner Überraschung fängt sie aber einfach nur an laut zu lachen.

“Hah! Schon gut, Roxane. Ich empfinde Evans Gesellschaft gar nicht als so unangenehm und habe ihn sogar darum gebeten, mich heute zu begleiten.”



“So? Pff….also mit mir wärst du besser bedient.”

“Später vielleicht…”

“Für dich hab ich immer Zeit.”



“Aber was Informationen angeht…da kann dir leider nicht viel erzählen. In letzter Zeit ist hier nicht so viel los, wie du siehst. Diese Gerüchte vergraulen mir die Kundschaft!"



"Welche Gerüchte?"

"Na welche schon? Die um die Vampirjäger. Immer, wenn ein Stammkunde mal zwei Tage lang nicht auftaucht, heißt es gleich, er wurde erwischt! Dabei kommen einige schon nicht mehr, dass genau das nicht passiert."



"Ganz unrecht haben deine Kunden aber nicht. Du bist doch mit meinem Enkel Narciso befreundet, nicht wahr?”



“Ja. Stimmt. Der war auch schon ne ganze Weile nicht mehr hier, dabei hab ich ihn eigentlich nicht für so einen Feigling gehalten. Oder meinst du….oh, scheiße…ist Ciso etwa…?”



"Oh, keine Sorge! Er ist am Leben. Es geht ihm sogar den Umständen entsprechend gut. Aber bis er wieder hierher kommt, kann es dauern."

"Aber wie…?"



"Sie haben ihn wohl mitgenommen, weil sie Informationen von ihm haben wollten. Er konnte sich aber befreien und fliehen."



"Apropos Informationen…hast du wirklich nichts Neues für mich?"



"Ah, bei diesem Blick werd ich weich. Da kann ich gar nicht nein sagen. Also gut. Vor kurzem kam hier so eine Kleine vorbei, war wohl auf der Durchreise, die meinte, sie hätte sich mit diesem Kerl aus Tartosa unterhalten."



"Und?"

"Er ist wohl auf dem Weg hierher. Verdammt, sie hat mir sogar seinen Namen gesagt! Ich kann mich nur nicht mehr so ganz daran erinnern. Irgendwas Kurzes, was auf -co endet. So ein typischer tartosischer Männername eben. Ihr wisst schon, wie Rico oder Franco oder Marco oder so."



Marco….

 

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