"Bist du sicher?"
"Ja. Du brauchst mich nicht zu begleiten. Ich schaffe das auch alleine."
"Sei vorsichtig."
"Bin ich. Bis später!"
Ihre Unruhe muss nach außen sehr deutlich geworden sein. Seit gestern wirft Rodrigo ihr praktisch nur noch besorgte Blicke zu und jetzt wollte er sie kaum alleine gehen lassen. Unter normalen Umständen hätte sie auch nichts dagegen, wenn er sich während so einer Mission irgendwo in der Nähe aufhält. Ganz und gar nicht eigentlich. Als sie mit diesem Job angefangen hat, hat er das schließlich auch immer getan und ihr dadurch die nötige Sicherheit gegeben, falls etwas schief läuft, aber das hier muss sie alleine schaffen. Außerdem ist sie ja kein kleines Mädchen mehr. Sie kann sich durchaus verteidigen!
Wirklich Lust auf das Treffen hat sie trotzdem nicht. Natürlich nicht. Aber wenn sie Amando keine Antwort liefert, wird der sie vermutlich noch ewig nerven. Das, oder beendet die Sache auf seine Art. Soweit darf sie es nicht kommen lassen. Wenigstens bis Rodrigo wieder einsatzbereit ist, muss sie ihn noch hinhalten.
Nur eines lässt sie stutzig werden. Wieso hat Amando sie in die Karaokebar eingeladen?
“Abend, Amando.”
“Oh, Xiu! Da bist du ja. Ähm…setz dich doch.”
"Gibt es einen Grund, warum du mich ausgerechnet hier treffen wolltest und nicht bei dir zuhause?"
"Ach, nur so…ich dachte, das wäre ganz nett. Mal wieder so unter Leute zu kommen, meine ich. Oder ist das nicht okay? Ich hoffe, du fühlst dich nicht unwohl."
"Was? Nein. Alles in Ordnung. Ich wundere mich nur ein wenig."
Eigentlich sollte sie froh darüber sein, nicht mit ihm alleine zu sein. Hier, wo sie jeder sehen kann, ist die Gefahr, dass er sie anfällt, deutlich geringer als in seiner Wohnung. Trotzdem riecht das irgendwie verdächtig. Was, wenn das gar keine Menschen sind hier in der Umgebung, sondern weitere Vampire, die nur hier herumlaufen, damit sie keinen Verdacht schöpft? Nein, das ist absurd. Sie muss aufhören, so paranoid zu sein.
“Kann…uhm….kann ich dir vielleicht was zu trinken bringen?”
“Nein, danke. Ich bin nicht durstig.”
Und dumm ebenfalls nicht. Selbst, wenn das kein Trick sein sollte, Vorsicht ist in dieser Situation besser als Nachsicht.
“Ah…okay…ich dachte nur…”
Was spielt der denn die ganze Zeit mit seinen Händen herum? Er kann ja kaum ruhig sitzen.
"Amando, warum bist du so nervös?"
Hat er etwa irgendwas geplant? Soll diese Nervosität sie in Sicherheit wiegen? Oder ahnt er am Ende, dass sie kein so einfaches Opfer ist, wie er anfangs angenommen hat? Fast unwillkürlich sieht Xiu sich um, nur aus den Augenwinkeln, um Amando nicht zu alarmieren.
"Ich…ich bin nervös? Haha, das wäre mir kaum aufgefallen!"
Wie kann er das sagen, während ihm die Stimme zittert? Ist er doch kein so guter Schauspieler, wie sie geglaubt hatte? Oder ist er am Ende so gut, dass er nur will, dass sie das glaubt?
"Xiu ich…uh…puh…wie soll ich anfangen?"
"Vielleicht fängst du am Anfang an?"
"Ja…das wäre wohl sinnvoll…"
"Weißt du…ich habe nachgedacht. Wegen unserem letzten Treffen mein ich. Und ich will mich entschuldigen."
"Ach Amando, das ist doch nicht deine Schuld! Das war eine Kurzschlussreaktion!"
"Doch, das war meine Schuld! Ich hätte die Zeichen besser deuten sollen! Und vor allem…"
"Vor allem hätte ich dir deine Ruhe lassen sollen, als du mich darum gebeten hast. Stattdessen hab ich dich mit Nachrichten bedrängt wie ein Idiot."
Oh, wow. Er sieht es ein? Nein, stopp! Das tut er jetzt doch auch wieder nur, um sie einzulullen!
"Ja, das war wirklich ziemlich idiotisch von dir. Aber du hast dein Ziel damit ja erreicht, ich bin hier. Also, reden wir."
"Äh…jetzt?"
"Ja natürlich jetzt! Deshalb haben wir uns doch getroffen, oder?"
"Ah…äh…ja, genau…."
"Aber bist du denn überhaupt bereit, darüber zu reden?"
"Ich weiß es nicht, Amando. Aber irgendwann muss ich es ja mal tun."
Eigentlich ist sie nie bereit, darüber zu reden, aber wenn sie es nicht tut, wird Amando wohl auch nie Ruhe geben. Schlimmer noch, es könnte sein Misstrauen schüren, wenn sie ihm zu viel verschweigt.
Wenigstens ist sie nicht dazu gezwungen, ihm die ganze Wahrheit zu erzählen.
"Weiß du…meine letzte Beziehung ist leider nicht so gut gelaufen.”
“Deine letzte Beziehung?"
“Ja. Ist schon eine ganze Weile her. Ich war damals noch deutlich jünger und naiver als jetzt.”
“Ich hatte einen Freund und dachte, ich hätte mit ihm das große Los gezogen. Er war ein bisschen älter als ich, hatte Geld, sah gut aus…ich war völlig verrückt nach ihm.”
“Und er war auch verrückt nach mir. Zumindest hat er mich das glauben lassen. Er hat mir immer wieder beteuert, wie sehr er mich liebt, aber wie sich herausgestellt hat war er nicht der, der er vorgegeben hat zu sein. Ganz im Gegenteil…"
“Er war einfach nur ein riesiges Arschloch.”
“Hat er dir wehgetan?”
“Mehr als du dir vorstellen kannst…”
“Ich war so verblendet, dass ich ihm viel habe durchgehen lassen. Zu viel, wenn ich jetzt so darüber nachdenke. Anfangs dachte ich ja noch selbst, dass ich diese Nähe zu ihm will.”
“Aber im Nachhinein betrachtet hat er mir auch kaum eine andere Wahl gelassen. Er war niemand, der ein Nein akzeptiert. Das habe ich leider erst gemerkt, als es schon zu spät war.”
“Ich konnte nichts dagegen tun. Ich war einfach zu schwach.”
“Und als er mit mir fertig war hat er gelacht. Er hat mich ausgelacht dafür, dass ich nicht in der Lage war, mich gegen ihn zu wehren. Er hat mich nie wirklich als seine Freundin gesehen. Nur als sein Spielzeug, mit dem er tun und lassen kann, was er will.”
“Zu allem Überfluss geschah das auch noch an dem Tag, an dem ich erfahren habe, dass meine Eltern verstorben sind.”
Am liebsten hätte sie an diesem Tag selbst aufgehört zu leben. Richard hatte ihr alles genommen, selbst den Willen, sich noch weiter zu wehren. Das kam ihm wohl gerade recht, diesem…
Xiu spürt, wie ihre Hände sich zu Fäusten verkrampfen. Würde er noch leben, würde sie ihm diese Fäuste nur allzu gerne ins Gesicht schlagen, immer und immer wieder. Damals hat ihr dafür die Kraft gefehlt.
“Xiu….ich weiß gar nicht, was ich sagen soll…das tut mir so unglaublich leid…”
Amandos Worte reißen sie zurück in die Gegenwart.
“Hm?”
“Was dir damals zugestoßen ist. Das tut mir leid. Und auch, dass ich dich letztens offenbar daran erinnert habe.”
“Oh…”
Verdammt, sind das Tränen? Fängt sie gerade im Ernst an zu heulen?
“Nein, du kannst doch nichts dafür. Das konntest du ja nicht riechen.”
Sie muss hier weg. Ganz schnell.
“Aber es belastet dich. Ich kann doch hören, wie deine Stimme bricht.”
“Ich…ich fühle mich nicht gut, Amando. Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe.”
“Soll ich dich begleiten? Oder-”
“Nein, schon gut. Das schaffe ich auch alleine.”
Bevor sie ihm die Gelegenheit lässt, darauf zu antworten, bewegt Xiu sich schon in Richtung der Tür. Es ist nicht einmal so, dass sie aus reiner Vernunft abhaut, ihre Beine bewegen sich ganz von alleine. Schon wieder.
Unglücklich ist sie darüber aber nicht. Je schneller sie aus dieser Situation entkommt und wieder zuhause in Sicherheit ist, desto besser. Soll Amando ruhig wieder Telefonterror machen, im Moment ist ihr das alles einfach nur egal.
“Xiu!”
Kaum, dass sie die Wohnungstür geöffnet hat, stolpert Xiu einen Schritt zurück. Fast wäre sie in Rodrigo gelaufen
“Was zum…? Bist du etwa die ganze Zeit hier gestanden und hast gewartet?”
Die Antwort braucht er ihr gar nicht zu geben. Sie sieht ihm schon an, dass er das wahrscheinlich tatsächlich getan hat.
“Ich habe mir Sorgen gemacht.”
“Zurecht, wie es aussieht…”
Oh nein. Heult sie etwa immer noch? Ihr Gesicht ist so traub, dass sie die Tränen kaum mehr spürt. Eigentlich wollte sie doch keine Schwäche mehr zeigen.
Aber Rodrigo gegenüber darf sie das wohl. Nur ihm gegenüber.
“Shhh…alles wird gut. Hat er dir was angetan?”
Xiu schüttelt kaum merklich den Kopf.
“Nein. Nein, hat er nicht. Es ist nur…ich hab mich an damals erinnert. An Richard.”
“Diese Zeit ist vorbei. Du bist in Sicherheit.”
“Ich weiß doch. Und trotzdem….das alles zu verarbeiten ist so unglaublich schwer. Alleine bei dem Gedanken an diesen Mistkerl wird mir schlecht.”
“Kann ich dich ablenken?”
“Ich weiß nicht. Wahrscheinlich nicht. Ich muss irgendwie alleine damit klarkommen.”
“Du bist nicht alleine, Xiu.”
Vielleicht hat er recht. Aber trotzdem wird er ihr kaum dabei helfen können, ihre Gedanken zu sortieren. Sie will auch nicht wirklich darüber reden. Das hat sie heute schon genug getan.
“Kann ich vielleicht einfach ein bisschen in deiner Nähe bleiben?”
“Setz dich. Ich mache Pizza.”
Diese Aussage entlockt Xiu zumindest ein Schmunzeln. Rodrigo redet vielleicht nicht viel, aber er weiß genau, was sie braucht.
Kein Wunder eigentlich, so lange, wie sie sich inzwischen kennen. Seit dem Tag, an dem sie sich das erste mal begegnet sind, steht er ihr zur Seite. Vom ersten Moment an. Umso schlimmer ist es, mit anzusehen, wie eingeschränkt er derzeit ist.
Vielleicht wird es langsam Zeit, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen. Im Gegensatz zu damals ist sie heute durchaus in der Lage, sich zu wehren. Wie man einen Pflock hält, weiß sie ebenfalls. Zwar hat sie den bislang nur zur Selbstverteidigung eingesetzt, aber das Ganze in einen aktiven Jagdstil umzuwandeln, sollte eigentlich nicht allzu schwer sein. Wer weiß, wie früh sie davon Gebrauch machen muss.




















































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