Kapitel 50: Was wäre, wenn...?

 

 



"Ich bin so froh, dass wir das klären konnten."



"Und ich erst! Kannst du dir das vorstellen? Ich, eine Vampirjägerin?"



"Nein, eigentlich nicht. Deshalb war ich auch so überrascht, als Narciso das behauptet hat. Ich frage mich, wie er darauf kommt."

"Vielleicht aus Eifersucht darüber, wie glücklich wir sind? Vielleicht auch ein Albtraum, wer weiß. Dein Bruder hat Schlimmes durchgemacht, da kann sowas passieren."



"Ein Albtraum, ja… Laetitia hatte erwähnt, dass er unter Albträumen leidet. Wahrscheinlich hat er da irgendwas verwechselt. Der Arme…"



"Solche Anschuldigungen sind trotzdem nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Sowas kann böse enden!"

"Umso besser, dass wir gleich darüber geredet haben."



"Ja…ich nehme es deinem Bruder auch nicht übel, er kann ja nichts dafür."



"Also wird diese kleine Episode keinen Einfluss auf unsere Beziehung nehmen?"

"Aber nein, natürlich nicht! Wie könnte sie auch? Ich liebe dich, Amando, das weißt du.”



“Du bist der liebste, verständnisvollste, fürsorglichste, fleißigste und darüber hinaus noch mit Abstand attraktivste Mann, den ich kenne! Wie könnte ich mir das durch so eine Kleinigkeit nehmen lassen?"



"Ach Xiu…ich liebe dich auch, du wunderbare Frau. Du bist das Beste, was mir je passiert ist."

"Dann lassen wir dieses Thema ab sofort ruhen, in Ordnung? Du wolltest mich heute doch noch mit irgendwas überraschen?"



"Oh, ja! Ich habe ein neues Rezept gelernt! Das wollte ich noch für dich kochen."

"Wieder was mit Fisch?"

"Ja, das magst du doch so."

"Ich mag alles, was du kochst, Amando."



“Dann mache ich mich besser gleich an die Arbeit.”

“Machst du heute bitte eine extragroße Portion? Ich hab da auch eine kleine Überraschung für dich.”

“Für dich immer.”



Kurz darauf in der Küche

“Und noch ein bisschen Zitrone…”

Das riecht aber gut!



“Oh…Marietta, du bist schon aus der Schule zurück?”



“Die letzte Stunde ist ausgefallen.”



“Aber rate mal was, Papa! Ich hab einen Preis gekriegt, weil ich nicht nur Klassenbeste bin, sondern sogar Jahrgangsbeste!"



“Das ist ja fantastisch, mein Schatz!”



“Auf unsere Marietta können wir echt stolz sein. Sie übertrifft sich immer wieder selbst.”



“Na kein Wunder, bei dieser Mutter.”

“Hihi, Amando, du alter Schmeichler! Du bist doch derjenige, der damals sein Studium mit sämtlichen Auszeichnungen abgeschlossen hat. Die akademische Strebsamkeit hat sie von dir.”



“Damit hast du dir auf jeden Fall auch eine Extraportion verdient. Und eine Extraportion Nachtisch!”

“Juhuu!”



“War das die “kleine” Überraschung?”

“Nicht ganz. Die große Portion war eigentlich für mich gedacht.”



“Ich esse jetzt schließlich wieder für zwei.”

“Du….du bist schwanger? Ich werde noch einmal Vater?”



“Xiu! Das ist eine wunderbare Nachricht! Eine absolut gelungene Überraschung! Lasst euch in den Arm nehmen ihr beiden….ihr drei, meine ich.”



“Ihr macht mich so unglaublich glücklich. Ich kann es kaum fassen. Es ist wie ein Traum!”



Wie ein Traum…



Als Amando die Augen öffnet, ist er alleine. Die warme Umarmung seiner Familie, die er eben noch gespürt hatte, weicht der einsamen Kälte seiner Wohnung. Es dauert einen Moment, bis er verstanden hat, dass die letzten Stunden nicht echt waren. Er hat keine Tochter. Er und Xiu sind nicht einmal verheiratet.



Noch einen Moment später realisiert er, dass auch dieses Gespräch nie stattgefunden hat. Sie haben sich nicht ausgesprochen. Narcisos Anschuldigung steht noch immer im Raum. Oder hat er das ebenfalls nur geträumt?



Das alles kommt ihm so unglaublich surreal vor. Xiu soll eine Vampirjägerin sein? Seine Xiu? Das kann er einfach nicht glauben. Er will es nicht glauben!



Und dennoch…sie verschweigt ihm etwas. Dass sie ihn plötzlich von sich gedrückt und angeschrien hat, verfolgt Amando noch immer. Was war nur in sie gefahren? Sie klang, als hätte sie Angst vor ihm. War das etwa, weil er ein Vampir ist?



Das würde es zumindest erklären. Hatte sie Angst, dass er versucht, sie zu beißen? Oder ekelt sie sich am Ende sogar vor ihm?



Nein! Nein, so darf er gar nicht erst anfangen zu denken! Woher soll sie das denn wissen? Er hat es ihr doch nie gesagt! Sicher, vielleicht war er nicht immer ganz unauffällig und schon alleine die Tatsache, dass er Blutkonserven in seinem Kühlschrank lagert, ist ein wenig ungewöhnlich, aber dafür hatte er ihr ja eine Erklärung liefern können, die nichts mit Vampirismus zu tun hat.



Außerdem ist das mit Sicherheit nicht die einzige Erklärung für ihr Verhalten. Das könnte zig andere Gründe haben! Keiner davon ist sonderlich schön und die Schreckensszenarien, die Amando sich infolge dieses Abends ausgemalt hat, verfolgen ihn bis in seine Albträume, aber unrealistisch ist keines davon. Leider.



Hoffentlich klärt Xiu auf, was los ist, wenn sie sich morgen sehen. Falls sie sich morgen sehen.



Eigentlich hatte er nicht geplant, dieses Treffen abzusagen, aber nach Narcisos Aussage, nagen die Zweifel an Amando. Er kann sich nicht vorstellen, dass Xiu ihm etwas antun will, aber kann er es auch wirklich ausschließen?



"Ach Marietta, was soll ich nur tun?"



Am liebsten würde er einfach zum Telefon greifen und direkt mit Xiu darüber reden. Sich von ihr beruhigen lassen und versichern, dass das alles nur ein Albtraum war. Oder ein Missverständnis. Könnte es das denn sein?



Könnte es sein, dass er Narciso einfach falsch verstanden hat? Oder dass Narciso Xiu falsch verstanden hat?



Nein. Narciso sagt, sie habe ihn gefoltert. Amando hat seine Wunden mit eigenen Augen gesehen. Daran gibt es eigentlich nichts falsch zu verstehen.



Aber trotzdem. Seine Xiu soll das getan haben? Die Xiu, die ihn immer aufmuntert und unterstützt? Die er liebt? Diese Xiu soll zu so etwas in der Lage sein? Das kann er sich einfach nicht vorstellen.



Vielleicht hat Narciso auch ihre Stimme falsch erkannt. Er befand sich in einem absoluten Ausnahmezustand, als er hier ankam. Er war ausgehungert, er hatte Panik. Kann er sich in so einem Zustand überhaupt richtig erinnert haben?



Andererseits hat Narciso auch einen humpelnden Partner erwähnt. Xiu lebt mit Herrn Rosales zusammen, der, wie Amando ja weiß, durchaus wegen einer Beinverletzung humpelt. Dieses Detail passt leider nur allzu perfekt in dieses Puzzle. Narciso konnte davon sonst schließlich nichts wissen und ein Zufall ist wohl doch auch eher unwahrscheinlich.



Aber wieso ist Xiu dann so verdammt nett zu ihm und vor allem so hilfreich? Soweit Amando sich erinnern kann, hat sie ihm noch kein einziges Mal auch nur Ansatzweise eine Form von Feindseligkeit gezeigt, eher im Gegenteil. Sie verhält sich ihm gegenüber einfach nicht wie ein Jäger gegenüber seiner Beute. Nicht einmal wie jemand, der einfach nur Informationen will. Sie ist seit Monaten mit ihm zusammen, hat mit ihm gelacht, ihn getröstet und sogar im selben Bett geschlafen, völlig ohne Angst oder Abneigung.



Könnte das vielleicht heißen, dass…? Was ist….was wäre wenn…sie es selbst gar nicht weiß? Vielleicht hat Narciso recht. Vielleicht ist Xiu wirklich eine Vampirjägerin. Aber könnte es trotzdem sein, dass sie tatsächlich nicht weiß, dass er selbst ein Vampir ist? Dass sie nur so neugierig war, weil sie sich wirklich für ihn interessiert?



Tief in sich ahnt Amando, dass das höchstwahrscheinlich nicht der Fall ist. Trotzdem klammert er sich an diese Hoffnung, egal, wie klein sie auch sein mag. Er kann und will Xiu nicht aufgeben. Noch nicht. Nicht, solange noch ein winziges bisschen Hoffnung besteht. Und wenn er sie davon überzeugen muss, dass es keinen Grund gibt, Vampire wie ihn oder Narciso zu jagen!



Die Frage ist nur, wie er das am besten anstellt…

 

 Zurück zu Kapitel 49    |    Weiter zu Kapitel 51

Kommentare