Kapitel 49: Finolas Geburtstag

 

 



“Die ersten Gäste sollten bald eintreffen. Brauchst du noch lange, Narciso?”

“Ein bisschen. Aber die Gäste, für die das hier ist, kommen sowieso nicht vor Sonnenuntergang.”



“Apropos, wer kommt denn überhaupt?”

“Von der Familie meinst du? Alle außer Evan, denke ich. Zumindest ist er der Einzige, der abgesagt hat.”



“Opa hat abgesagt?”

“Ihm ist nicht wohl dabei. Er sagte etwas von einer “prekären Situation” und “dieser Ausflug könnte sein letzter sein”. Ein bisschen kryptisch, wie immer, aber ich glaube, ich weiß, worum es geht.”



“Ah…”

Opa fürchtet also die Vampirjäger. Ist wohl auch gesünder für ihn. Gut, dass sich das in Forgotten Hollow rumgesprochen hat. Wenn so eine Information erst einmal in die Krypta gerät, wissen es innerhalb von kürzester Zeit sowieso alle. Zumindest alle, die Roxane gut leiden kann. Dann besteht also doch noch Hoffnung, dass seine Freunde das ebenfalls mitbekommen haben und sich verstecken. Er selbst hat ohne sein Telefon leider kaum eine Chance, die zu erreichen, wenn er nicht gerade selbst zurück nach Forgotten Hollow geht. Das wäre in seiner aktuellen Lage allerdings ziemlich dumm. Von daher hat Opa also Recht.



“Ich mache mir ja ein bisschen Sorgen um ihn.”



“Brauchst du nicht, glaub ich. Opa kommt schon klar. Der Kerl ist doch steinalt, das wäre er nie geworden, wenn er nicht wüsste, was zu tun ist.”

“Hmm, auch wieder wahr. Manchmal vergesse ich das fast, weil er immer noch so jung aussieht.”



“Vampirismus hält eben frisch. Ich hätte sonst wahrscheinlich auch schon ein paar graue Haare und Amando wäre komplett weiß. Und faltig. Und Opa wäre eine Mumie. Stell dir das mal vor! Dann würden die Frauen wahrscheinlich alle kreischend vor ihm wegrennen statt zu ihm hin.”



Diese Vorstellung muss Laetitia wohl ziemlich lustig finden, sonst würde sie vor Lachen nicht fast die Backschüssel von der Theke werfen.

“Ach hör auf, Narciso! Sonst passiert hier noch ein Unglück.”

Hehe, sorry…kann ich dir irgendwie helfen?



“Ich denke ja. Kannst du mir ein bisschen Obst aus dem Gewächshaus bringen?”

“Geht klar.”

Das passt ihm eigentlich ganz gut. Für sein eigenes Rezept braucht er ja ebenfalls noch frische Plasmafrüchte. Hoffentlich gelingt das so, wie er sich das vorstellt. Wenn es funktioniert, sollte das aber selbst Amando vertragen, ohne zu kotzen. Das wäre ein Fortschritt.



So ein Gewächshaus ist schon echt praktisch. Hier wachsen die Sachen so viel besser als in seinem eigenen kleinen Garten hinter dem Haus. Ob das was bringen würde, wenn er sich auch eins baut? Könnte zumindest mit dem wenigen Sonnenlicht in Forgotten Hollow helfen, wenn er zusätzlich noch eine Lampe installiert oder so. Wobei, ist das überhaupt das einzige Problem? Meinte Opa nicht irgendwann mal, dass die Erde an diesem Ort sich generell für die meisten Pflanzen nicht gut eignet? Da müsste er also auch noch was machen. Mann ist das kompliziert. Vielleicht sollte er einfach umziehen. Wäre auf Dauer vielleicht sowieso die bessere Lösung. Er muss nur irgendwas finden, was er sich auch leisten kann.



Nachdem Narciso alles gesammelt hat, was er braucht, und zurück in Richtung des Hauses geht, hört er eine vertraute Stimme. Ist das nicht…?



"Jaja, aber mach schnell! Ich habe nicht den ganzen Abend Zeit. Ich bin extra früh hier her gekommen und das, obwohl diese grässliche Sonne noch immer am Himmel steht."

“Mama?”



“Narciso!”



Kaum, dass die Augen seiner Mutter ihn entdeckt haben, stürmt sie regelrecht auf ihn zu und nimmt ihn in den Arm.

“Oh, Narciso! Mein armes Baby! Ich habe alles gehört. Was haben diese Monster nur mit dir gemacht?”

Urgh! Mama! Bitte! Nicht so fest! Sonst nimmst du den Jägern die Arbeit ab.”



“Bitte entschuldige, mein Schatz. Ich habe dich nur so lange nicht gesehen. Ich hatte schon Angst, ich hätte dich für immer verloren!”



“Ja, nee….also so leicht wirst du mich dann doch nicht los.”



“Sag das nicht, Narciso! Ich habe dich schon einmal verloren. Nur gut, dass ich vorausschauend genug war, einen Zauberer zu heiraten, sonst hätte ich jetzt keinen Sohn mehr!"



"Außer Amando."

"Was? Ach ja…"

Manchmal weiß Narciso echt nicht, was er dazu noch sagen soll. Dass Amando nicht gerade das beste Verhältnis zu ihrer Mutter hat, ist ihm schon bewusst, war ja schon immer so, aber irgendwie wird das immer schlimmer.



“Lass dich mal ansehen.”



“Oh! Das sind ja schlimme Narben. Haben sie deine Hände verbrannt?”

“Äh…nein…also eigentlich…äh…”



Sag jetzt nicht, das war ein Unfall bei deinen Kochexperimenten. So ungeschickt bist du nicht!

“War es auch nicht. Das war…ähm…ich muss dir das zeigen. Aber nicht jetzt. Ist gerade ein bisschen schwierig…”

So?



“Ich muss noch was vorbereiten. Außerdem…”

Außerdem klappt das mit dem Zaubern gerade ja sowieso nicht. Das zu erklären wäre aber definitiv zu zeitaufwendig, vor allem, wenn Laetitia nicht dabei ist. Die kann das besser als er.

“Ähm…ach, weißt du was? Kannst du vielleicht an einem anderen Tag irgendwann nochmal vorbeikommen? Dann kann ich dir das in Ruhe zeigen. Ist was Größeres.”



“Na da bin ich mal gespannt. Aber du hast Recht, ich wollte sowieso nicht allzu lange bleiben und es klingt, als würden demnächst Finolas andere Gäste hier eintreffen. Dann verschwinde ich besser, sonst komme ich heute gar nicht mehr hier weg, weil alle ein Autogramm wollen!”



“Ich melde mich bei dir, wenn ich die Zeit finde. Ach, was sage ich? Ich werde mir die Zeit für meinen liebsten Sohn natürlich nehmen!

“Du musst dann aber Laetitia anrufen. Ich hab mein Telefon leider nicht mehr…”



“Dann bringe ich dir bei der Gelegenheit gleich ein Neues mit. Wir sehen uns, Narciso! Sag deiner Schwester, sie soll auf dich aufpassen.”

“Ciao, Mama.”



Das war eine unerwartete Begegnung. Also, er hat ja schon damit gerechnet, seine Mutter heute mal wieder zu sehen, aber nicht so früh. Trotzdem gut, vor allem, wenn sie Bescheid weiß. Woher genau, das kann er ja bei ihrem nächsten Treffen noch in Erfahrung bringen. Jetzt sollte er Laetitia erst mal das Obst bringen und dann wieder an seinem experimentellen Rezept arbeiten.



Es dauert wirklich nicht lange, bis das Haus sich mit Gästen füllt. Mit menschlichen Gästen jedenfalls. Amando lässt wohl noch auf sich warten. Die meisten von diesen Teenagern und jungen Erwachsenen kennt Narciso auch gar nicht. Mit Finola hatte er aber sowieso noch nie so viel am Hut wie mit ihrer Schwester. Wollte sie aber auch gar nicht, daher ist das schon in Ordnung. Zumindest der Kerl mit dem Pferdeschwanz kommt ihm irgendwie bekannt vor. War das nicht Finolas Freund?



Ah, richtig geraten. Na, gut für die beiden.



Nachdem er in der Küche fertig ist, versucht Narciso sich unter die Menge zu mischen. Eigentlich mag er Partys. Heute hält er es aber nicht lange durch. Irgendwie bekommt er davon einfach nur Kopfschmerzen. Mist.



Ist vielleicht einfach nicht sein Tag. Besser, er holt sich aus der Küche was zu trinken und verzieht sich irgendwohin, wo es ruhig ist.



Im Keller fühlt er sich schon viel wohler. Komisch. Eigentlich mag er Gesellschaft. Im Moment ist er über die Ruhe aber ganz froh.

“Hmm…Plasmafrucht-Milchshakes waren ne gute Idee. Die kommen definitiv in mein Repertoire!”



“Aha! Hier steckst du also!”



“Oh…hey Caít!”

“Was versteckst du dich denn hier unten? Die Party ist oben!”

“Ich weiß. Mir ist es oben nur n bisschen zu laut und zu voll geworden, deshalb hab ich mich zurückgezogen.”



“Seit wann hast du Probleme mit Lautstärke und Menschenmengen?”



“Seit…äh…”

So genau weiß Narciso das auch nicht. In letzter Zeit ist er nur sehr leicht überfordert. Vielleicht liegt es an seinen Erlebnissen mit den Vampirjägern. Vielleicht daran, dass er seitdem nicht mehr unter Leuten war. Vielleicht ist dieses dumme Albtraumhuhn auch irgendwie Schuld daran, dass er permanent angespannt ist. Irgendwann legt sich das hoffentlich wieder.



“Na, ist ja auch egal. Ich hab dir was zu erzählen!”

“Hm?”



“Ich hab endlich meinen Abschluss!”

...oh! Glückwunsch!



“Nach deiner Abschlussnote brauch ich dich ja gar nicht fragen, so wie ich dich kenne. In der Hinsicht warst du ja schon immer der Stolz der Familie. Also…neben Amando.”



“Hehe, danke, danke! Ich hab mich aber auch angestrengt. Und wie läuft es bei dir mit dem Studium?”

“Mit meinem…?”

Daran hat er schon gar nicht mehr gedacht. Logisch. Scheiß auf das Studium, im Moment hat er andere Probleme.



“Also eigentlich….gar nicht.”



“Oh…keine Lust mehr?”



“Ja…doch, schon eigentlich. Ist nur….viel Stress zur Zeit. Ich mach weiter, wenn ich nen Kopf dafür hab.”



“Verstehe. Lass dich von mir nicht hetzen, Onkelchen. Im Gegensatz zu mir hast du ja alle Zeit der Welt für den Kram.”



“Und was machst du jetzt?”

“Meinen Träumen folgen. Ich hab mir auf Kredit ein kleines Haus in Oasis Springs geleistet und werde dort demnächst mit dem Bau meiner ersten Rakete beginnen.”



“Ah….also an einem Ort, an dem ich dich garantiert nicht besuchen kann.”

“Ach komm, so schlimm ist die Wüste nun auch wieder nicht. Nachts scheint dort nicht mal die Sonne! Ehrenwort!”



“Wenn Narciso nicht will, dann komme ich gern mal vorbei. Ich kenne da eine tolle Möglichkeit, mit der Sonne in Oasis Springs umzugehen.”



“Amando!”

“Oh, Onkel Amando! Ich hatte dich oben gar nicht gesehen.”



“Ich bin auch gerade eben erst angekommen. Ich war dabei, zuhause ein paar Akten zu sortieren, als ich wegen eines Notfalls angerufen wurde. Arzt ist kein leichter Beruf. Man hat nicht mal dann frei, wenn man frei hat. Aber sobald ich fertig war, bin ich sofort hierher gekommen.”

Scheint ja alles ganz gut zu laufen bei ihm. Erstaunlich, wie leicht er sich wieder gefangen hat. Aber Laetitia hatte ja erzählt, dass Amando das alles ziemlich locker aufgenommen hat. Gut für ihn. Trotzdem würde Narciso mal interessieren, seit wann sein Bruder eigentlich so abgebrüht ist.



“Ich gehe dann mal wieder nach oben. Ich glaube, ich hab Mama irgendwas von Kuchen sagen gehört. Kommt ihr auch?”

“Gleich. Ich will vorher aber noch kurz was mit Amando besprechen.”



“Mit mir? Na dann schieß los. Ich kann nur leider nicht so lange bleiben, ich hab morgen ein Date.”



Narciso spuckt fast seinen Plasmafruchtshake wieder aus, als er das hört.

“Ein Date? Hast du schon wieder eine neue Freundin?”



“Was? Nein! Natürlich nicht! Ich liebe Xiu, wieso sollte ich mir eine andere suchen?”

Oh, scheiße. Ist der denn wahnsinnig?! Das kann doch wohl nicht sein Ernst sein! Es sei denn...



“Sag mal…weißt du eigentlich, was deine Freundin beruflich macht?”

“Hm? Selbstverständlich. Xiu ist Journalistin.”



Er weiß es nicht! Kein Wunder, dass er so locker drauf ist. Laetitia hat es ihm also doch nicht gesagt. Wahrscheinlich hat er selbst es nicht einmal Laetitia gesagt. Verdammter Mist! Verdammte Albträume! Verdammte Vergiftung!

“Heh! Klar….so nennt sie das also…”



“Was meinst du?”



“Amando, deine kleine Freundin ist keine Journalistin. Zumindest keine, die irgendwelche netten Interviews führt und dann irgendwelche Artikel darüber schreibt. Als sie dich in deiner Wohnung abgeholt hat, da hab ich ihre Stimme wiedererkannt und weißt du auch, woher?”



“Dieses Biest gehört zu den Vampirjägern, die mich entführt haben. Besser noch, sie war diejenige, die versucht hat, Informationen aus mir herauszufoltern! Wenn das Journalismus ist, dann bin ich Väterchen Frost!”



“Narciso, das ist nicht lustig…”



“Nein, Amando, ist es echt nicht. Ich glaub auch nicht, dass ihr wirklich was an dir liegt. Die benutzt dich garantiert nur, um auch aus dir Infos rauszukriegen und wenn sie mit dir fertig ist, hetzt sie ihren humpelnden Partner mit der Armbrust auf dich! Was hat sie schon aus dir rausgekitzelt? Hast du ihr irgendwas über uns erzählt? Über unsere Familie? Wie wir leben? Wo wir wohnen?”



“Narciso, bitte…lass das. Das ist doch absurd! Xiu ist viel zu ehrlich, sie verschweigt mir nie….und sie hat auch keinen humpelnden…”



Nicht, dass Amando je viel Farbe im Gesicht gehabt hätte, aber so kalkweiß, wie er jetzt gerade wird, kann Narciso davon ausgehen, dass ihm so langsam doch dämmert, was hier gespielt wird.

“Oh nein….”

 

 Zurück zu Kapitel 48    |    Weiter zu Kapitel 50

Kommentare