Endlich Ruhe.
Xiu weiß nicht, wie lange sie das noch durchgehalten hätte. Ständig klingelt ihr Telefon oder es piept und eine neue Nachricht ploppt auf. Wie soll sie so arbeiten? Wie soll sie so leben?
Irgendwann musste sie es notgedrungen stumm schalten, aber das ist auch keine Dauerlösung. Amando ist schließlich nicht der Einzige, der mit ihr in Kontakt bleiben will und die Gefahr, dass sie zwischen seinem Gejammer eine wichtige Nachricht verpasst, ist groß.
Die Aussicht darauf, ihn am Sonntag zu treffen, sollte aber vorerst für Ruhe sorgen. Hoffentlich. Was genau sie ihm erzählen will, weiß sie aber selbst noch nicht. Er wird eine Erklärung für ihr Verhalten wollen. Ob sie ihm tatsächlich zumindest einen Teil der Wahrheit von dem, was damals vorgefallen ist, erzählen soll? Oder macht sie sich dadurch erst recht angreifbar?
Schlimm genug, dass sie ihm gegenüber überhaupt Schwäche gezeigt hat. Das macht alle weiteren Treffen mit ihm noch riskanter als die bisherigen. Aber noch kann sie nicht aufgeben. Noch hat sie das Gefühl, Informationen aus ihm herauskitzeln zu können, die sie noch nicht hat. Sie muss nur vorsichtig sein.
"Xiu?"
Rodrigos Stimme lässt sie aufschrecken. Seit wann steht der neben ihr?
"Ist alles in Ordnung? Du wirkst gestresst. Schon wieder."
"Was? Ah, ja…geht schon. Ich hab nur gerade Amando eine Nachricht geschickt."
"Damit er Ruhe gibt?"
"Unter Anderem."
"Du wirst immer unruhiger in letzter Zeit. Das gefällt mir nicht."
"Wie lange willst du dieses Spiel noch treiben?"
"So lange, bis er mir nicht mehr nützlich ist."
"Außerdem…wer sagt, dass nur ich mit ihm spiele? Der Kerl ist so ein verdammt guter Schauspieler. Mimt die ganze Zeit den naiven verliebten Trottel und tut jetzt sogar so, aus würde er sich Sorgen um mich machen. Aber so leicht lasse ich mich nicht täuschen!"
"Wenn es dir zu viel wird, gib mir Bescheid. Dann beende ich das Ganze."
Für einen kurzen Moment hat Xiu das Bedürfnis, zu protestieren. Ihr Partner ist ja selbst noch nicht wieder ganz fit, auch wenn er sich schon wieder an Sport versucht, um nicht komplett einzurosten. Für eine Situation, in der der Bruchteil einer Sekunde über Leben und Tod entscheiden kann, ist es aber definitiv noch zu früh. Das weiß er selbst. In diesem Fall zählt wohl die Geste.
"Danke... Ich weiß das zu schätzen, Rodrigo."
Er nickt ihr schweigend zu. Sein Lächeln verrät Xiu, dass er es ernst meint. Sie ist wirklich froh, ihm damals begegnet zu sein. Ohne ihn wäre sie wahrscheinlich nicht mehr am Leben. Egal, wie rau er manchmal wirkt, Rodrigo hat ein gutes Herz.
“Vielleicht sollte ich für heute dann-”
Bevor sie ihren Satz beenden kann, wird sie von der Türklingel unterbrochen. Ihr Blick springt zur Uhr. Wer kann das sein um diese Zeit? Amando? Vampire können verdammt schnell sein, wie sie weiß, aber so schnell? Nein. Der weiß doch gar nicht, wo sie wohnt. Diese ständigen Anrufe machen sie schon ganz paranoid.
Zum Glück muss sie selbst nicht nachsehen, wer da ist, da Rodrigo ihr zuvorkommt. Im Falle eines Vampirs wird der ihn schon aufhalten, bevor er in die Wohnung kommt. Trotzdem ist Xiu neugierig, er recht, als sie das Gestammel von der Tür her hört.
Wie immer hat Rodrigo zwar die Tür geöffnet, den Besucher aber nicht begrüßt. Stattdessen starrt er ihn schweigend mit seinem typischen steinernen Ausdruck an. Kein Wunder, dass das bei seinem gegenüber für Unruhe sorgt.
“Äh…hi. Ich…äh….bin ich hier richtig bei…äh…”
Xiu erkennt die Stimme sofort. Die kleine Wanze hat es sich also doch nochmal überlegt!
“Lass mich mal, Rodrigo.”
“Oh, hey! Dann bin ich ja doch richtig. Puh! Ich dachte schon, der Kerl mit dem Mörderblick hier bringt mich gleich um oder so!”
“Kennst du den, Xiu?”
“Ja, lass ihn rein.''
“Also, wegen dieser Ausbildungsstelle…”
“Ich nehme an, du willst sie? Ich kann mir kaum vorstellen, dass du um diese Uhrzeit hier ankommst, nur, um mir eine Absage zu erteilen.”
“Öh…ja. Genau. Und die wird bezahlt, hatten Sie gesagt, ja?”
“Ja, hatte ich. Mach dir darum mal keine Sorgen. Ich lasse niemanden für mich arbeiten, ohne eine entsprechende Belohnung. Mein Chef auch nicht.”
Als sie das mit dem Chef erwähnt, wandert der Blick des Teenagers sofort zu Rodrigo, der offenbar noch nicht so recht weiß, was er von ihm halten soll. Xiu bemerkt das sofort und schüttelt den Kopf.
“Nein, nicht der. Das ist dein Ausbilder. Den Chef lernst du erst später kennen. Der wohnt nicht hier in der Gegend.”
“Vorausgesetzt natürlich, du stellst dich nicht allzu dämlich an.”
“Schon klar, sonst schmeißen Sie mich wahrscheinlich wieder raus. Ich geb mir Mühe, okay? Ehrenwort. Sagen Sie mir nur, was ich machen muss!”
“Ganz langsam. Komm doch erst mal rein und setz dich. Ich hab ein paar Fragen.”
Zumindest diese Aufgabe erfüllt die kleine Wanze ohne zu zicken oder zu zögern. Das ist schon mal ein gutes Zeichen. Überhaupt wirkt er gerade erstaunlich motiviert, so hatte sie ihn anfangs gar nicht eingeschätzt. Na, umso besser.
“Also, fangen bei Null an. Wie heißt du?”
“Jeroen.”
“Und weiter?”
“Van Laren.”
“Van Laren?!”
Für einen Moment verschluckt Xiu sich fast an diesem Namen. Sie und Rodrigo werfen sich vielsagende Blicke zu. Dann hat er das wohl auch gehört.
“Okay…gut. Und wie alt bist du?”
“Öh…”
Er zögert. Woran es hakt, kann Xiu sich zum Glück denken.
“Schon gut, das seh ich dir auch so an. Du bist noch nicht volljährig, hm? Ist auch okay. Musst du nicht sein. Du beginnst ja erst deine Ausbildung.”
“Öh…ja…uff….hatte schon Angst, dass das n Problem wird.”
“Nein, nein. Als ich angefangen hab, war ich auch nicht viel älter als du.”
“Und wie alt sind Sie jetzt?”
“Das ist eigentlich nichts, was man eine Dame fragen sollte.”
“Oh, sorry…”
Dass er so kuscht, amüsiert Xiu. Bei ihrer letzten Begegnung war es ja schon ähnlich. Sie muss ziemlich Eindruck bei ihm hinterlassen haben.
“Aber was ich fragen darf, ist doch, was genau ich bei dieser Ausbildung machen muss, oder? Ich mach echt fast alles, versprochen!”
Fast alles? Das ist zumindest ein guter Anfang. Trotzdem ist bei dieser Antwort Feingefühl gefragt, wenn sie ihn nicht gleich wieder verscheuchen will. Mehr Feingefühl, als sie heute Abend noch in der Lage ist aufzubringen. Dabei könnte der Junge sich noch als wertvoll erweisen, das sollte sie lieber nicht vermasseln.
“Aber natürlich. Wir sind, wie gesagt, so eine Art Kammerjäger. Um das genauer zu erklären, brauche ich allerdings mehr Zeit und es ist schon echt spät. Was hältst du davon, wenn du mir deine Telefonnummer und deine Adresse gibst und ich melde mich dann nochmal bei dir? Sagen wir…nächste Woche? Da kann ich dir dann in Ruhe alles erzählen und du kannst deine endgültige Entscheidung treffen.”
“Nächste Woche? Öh….ja. Klar. Warum nicht? Haben Sie nen Zettel, wo ich meine Adresse und Nummer aufschreiben kann?”
“Sicher, schreib sie einfach in mein Adressbuch.”
“Ah, du wohnst im Hakim-Haus? Das ist doch gleich hier um die Ecke.”
“Ja, ist echt nicht weit. Das ist gut, oder?”
“Ich denke schon. Dann hast du ja auch keinen weiten Weg nach Hause.”
“Nee…”
“Na wunderbar! Dann brauche ich mir ja keine Sorgen um dich zu machen!”
“Also, ich melde mich nächste Woche bei dir. Dann besprechen wir Alles Weitere. In Ordnung?”
“Okay.”
“Gut. Dann sehen wir uns.”
Kaum, dass sie wieder alleine in der Wohnung sind, wendet Xiu sich an ihren Partner.
“Rodrigo, wir müssen reden!”
“Van Laren? Wirklich?”
“Hätte ich das riechen können?! So ähnlich sieht der Kleine ihr nun wirklich nicht!”
“Aber vielleicht ist das gar nicht schlecht…”











































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