"Nein, bei mir ist er nicht."
"Falls ich etwas weiß, werde ich es dir melden."
"Natürlich. Aber gib ihm Zeit."
"Auf Wiederhören, Amando."
Dann ist es also wahr. Narciso wurde wirklich von Vampirjägern erwischt.
In diesem Fall ist ein Irrtum seitens Orion wohl auch auszuschließen, der sich ja sicher war, einen der Jäger hier in der Gegend gesehen zu haben.
Aber weshalb verhalten sie sich seit einer Weile so ruhig? Es wird doch wohl kaum Narciso gewesen sein, wegen dem sie hier hierher gekommen sind, oder?
Evan kann sich kaum vorstellen, was sein Enkel getan haben könnte, um plötzlich in den Fokus der Jäger geraten zu sein. Erst recht, wenn direkt nebenan mehrere Meistervampire hausen.
Andererseits hatte er in letzter Zeit kaum Kontakt zu ihm, obwohl sie Nachbarn sind. Er kann also nicht ausschließen, dass er irgendetwas angestellt hat. Und dennoch…Narciso? Ist der überhaupt zu so etwas in der Lage?
In jedem Fall sollte er Lucia und Orion davon erzählen. Schließlich bedeutet das, dass die Vampirjäger möglicherweise mehr Informationen besitzen, als er zunächst angenommen hatte und auch, dass diese Ruhe höchstwahrscheinlich nichts Gutes bedeutet.
Besonders im Bezug auf Lucias Pläne beunruhigt ihn das. Lange wird er sie nicht mehr davon abhalten können, mehr nach draußen zu gehen und weitere Kreise zu ziehen. Nicht nach dem, was sie vor ein paar Tagen erzählt hat.
“Ihr werdet es kaum glauben, aber ich habe tatsächlich gute Nachrichten!”
“Hast du herausgefunden, was du wissen wolltest?”
“Das und noch viel mehr.”
“Es gibt Berichte von verstreuten Vampiren aus meinem Territorium. Flüchtige, wie wir. Erst letzte Woche will der Cousin der Schwägerin des Postboten eines Stammkunden der Krypta einen gesehen haben!”
“...meinst du das gerade etwa ernst?”
“Evan…ich weiß, wie das klingt. Aber ich klammere mich im Augenblick an jeden Hinweis und sei er noch so klein. Mein Clan ist meine Familie und wenn die Hoffnung besteht, dass Teile von ihm noch am Leben sind, dann kann ich das nicht ignorieren.”
“Außerdem vertraue ich der Barkeeperin. Sie ist eine erstaunlich angenehme Gesprächspartnerin und zugleich etwas fürs Auge.”
“Ich bin mir nicht sicher, ob du von derselben Barkeeperin sprichst, an die ich denke. Etwas fürs Auge trifft es ganz gut, aber Roxane Leroux als angenehme Gesprächspartnerin zu bezeichnen geht dann doch etwas zu weit…”
“Höre ich da Eifersucht aus deiner Stimme?”
“Das bildest du dir ein. Aber zurück zum Thema. Du hast also Gerüchte gehört, dass Angehörige deines Clans noch leben könnten. Wenn das wirklich stimmt, dann wären das durchaus gute Nachrichten. Dennoch frage ich mich, was du jetzt planst. Möchtest du nach ihnen suchen?”
“Zunächst will ich noch abwarten, bis ich konkretere Hinweise habe. Sollten dieser Verdacht sich aber festigen und meine Informationen genügen…ja. Dann werde ich wohl losziehen und nach ihnen suchen.”
Natürlich freut Evan sich für Lucia, vorausgesetzt, an dem, was sie gehört hat, ist etwas Wahres. Dennoch kann er nicht leugnen, auch ein klein wenig enttäuscht zu sein. Sollte Lucias Clan tatsächlich noch am Leben sein, und seien es nur ein oder zwei Mitglieder, dann bedeutet das wohl, dass sie ihn auf kurz oder lang verlassen wird.
Und das, obwohl er gerade begonnen hat, sich an ihre Anwesenheit zu gewöhnen. Mehr noch. Hatte er doch langsam das Gefühl, auch zu Orion durchzudringen. So lange hat der Junge sich vor ihm verschlossen und jetzt, wo er beginnt sich zu öffnen, soll Evan die Chance verwehrt bleiben, ihn wirklich kennenzulernen?
Dann wäre da noch die Sache mit den Jägern. Jetzt zu gehen könnte ein fataler Fehler für die beiden sein. Es bleibt zu hoffen, dass Lucia ihn anhört.
Sie zu finden ist glücklicherweise nicht schwer. In letzter Zeit hält sie sich oft in der Nähe der Fenster zur Straße hin auf, als würde sie auf etwas warten.
“Lucia! Ich habe soeben erfahren, dass tatsächlich Vampirjäger am Verschwinden meines Enkels Schuld sind. Er scheint aber noch am Leben zu sein.”
“Wie das? So stümperhaft habe ich diese Gruppe gar nicht in Erinnerung. Es sei denn, sie haben die Praktikanten zu ihm gesandt.”
“Ich denke nicht, dass das mit Stümperei zu tun hat. Viel mehr vermute ich, dass sie versucht haben, Informationen aus ihm herauszubekommen.”
Lucias Ausdruck nach zu urteilen überrascht diese Information sie weder, noch erfreut sie sie.
“Er war aber wohl in der Lage sich zu befreien und befindet sich jetzt auf der Flucht.”
“Das, ober sie haben ihn absichtlich laufen gelassen, damit er ihnen den Weg zu seinen Freunden und seiner Familie zeigt, ohne es zu ahnen…”
“Du klingst, als würdest du aus Erfahrung sprechen.”
“Mit dieser Gruppe von Vampirjägern? Leider ja.”
“Dann ist mein Anliegen an dich umso dringlicher. Narciso, mein Enkel, wohnt im Haus nebenan. Ich habe die Befürchtung, dass dieses beobachtet wird, insbesondere jetzt, wo er entkommen ist.”
“Ich will dir nicht verbieten das Haus zu verlassen, aber wir sollten dennoch wieder etwas vorsichtiger sein. Auch mit den Besuchen in der Krypta.”
Evan sieht Lucia an, dass ihr die Antwort nicht leicht fällt. Entsprechend lässt sie sich Zeit dafür.
“Ich verstehe.”
“Für Orion gilt dasselbe. Weißt du, wo er sich gerade aufhält?”
"Ich glaube, er wollte in den Garten."
“Dann werde ich ihm ebenfalls Bescheid geben.”
Bislang schien Lucia ihm vernünftig genug, um seinem Rat Folge zu leisten. Abgesehen von gelegentlichen Wutausbrüchen zumindest, aber in Situationen, in denen er selbst kaum zu ihr durchdringt, schafft Orion das zuverlässig. Wie genau er das tut weiß Evan nicht, aber hinter dieses Geheimnis wird er sicherlich auch noch kommen.
Orions Aufenthalt im Garten ist neu. Für gewöhnlich verlässt er kaum das Haus und zieht sich lieber mit einem Stapel Bücher in ein ruhiges Zimmer zurück. Evan meint sich aber zu erinnern, dass er bei ihrem Gespräch letztens Gärten erwähnt hat. Vielleicht hängt sein plötzlicher Sinneswandel damit zusammen.
"Hier bist du also!"
"Oh, Evan! Hast du mich erschreckt!”
“Verzeih, das war nicht meine Absicht.”
“Schon gut…ich habe nur ein wenig frische Luft gebraucht."
“Sicher?”
Evan ahnt schon, dass das nicht die ganze Wahrheit sein kann.
“Ja….naja…auch. Ich dachte nur….”
“Du gehst einfach nur gerne in Gärten spazieren, richtig? Etwas in der Art hattest du mir erzählt.”
“Ja, auch wenn ich mir ein bisschen mehr erhofft hatte. Ich wusste, dass ich wahrscheinlich keine blühenden Blumen erwarten kann um diese Tageszeit, aber….bitte entschuldige….das hier ist irgendwie deprimierend…”
“Ich verstehe, was du meinst. Wenn, dann muss ich mich entschuldigen. Hier in Forgotten Hollow wächst leider nicht viel. Nur wenige Pflanzen überleben in diesem Boden und die, die es tun, sind meist nicht allzu ansehnlich.”
“Das ist wirklich schade.”
Das ist es tatsächlich. Gegen einen etwas lebendigeren Garten hätte Evan selbst nichts, aber zu versuchen diesen zu einer Realität zu machen, hat er schon lange aufgeben. Zumal es Orion wahrscheinlich selbst dann noch immer nicht das geben könnte, was er so vermisst. Es sei denn….
“Warum lassen wir diesen bedrückenden Anblick nicht hinter uns und gehen wieder ins Haus? Ich habe etwas mit dir zu besprechen.”















































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