Kapitel 35: Notfälle


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Nachdem er jedes Zimmer mindestens noch dreimal durchsucht hat, findet Amando Narciso immer noch nicht. Er ist wie vom Erdboden verschluckt. Das kann eigentlich nur eines bedeuten. Er ist wieder abgehauen.

“Oh Brüderchen…was tust du nur? Ich hätte mich doch um dich gekümmert!”



Natürlich hat Amando ihm gleich eine Nachricht geschickt, aber noch hat er keine Antwort. Jeden Moment hofft er darauf, dass sich das ändert.



Was geht nur in Narcisos Kopf vor sich? Glaubt der, er hätte ihn einfach zurückgelassen, weil ihm andere Dinge wichtiger sind?



Gut, zugegeben, teilweise ist das nicht einmal falsch. Er hat ihn ja tatsächlich zurückgelassen. Allerdings nicht, weil Xiu ihm wichtiger war, sondern weil sie ihm kaum eine Wahl gelassen hat.



Hätte er sich wehren sollen? Vielleicht. Wieso fällt es ihm eigentlich immer so schwer, den Mund aufzumachen? Sie hätte ihm schon nicht den Kopf abgerissen. Ganz im Gegensatz zu…



Amandos Blick schweift zu seinem Telefon. Ein Gedanke jagt ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken.



Eigentlich hatte er ja gehofft, sich mit guten Neuigkeiten bei seiner Mutter melden zu können. Das lässt er jetzt aber lieber bleiben. Was soll er ihr auch erzählen? Dass er Narciso verletzt gefunden und dann gleich wieder verloren hat?



Diane geht sowieso schon viel zu schnell an die Decke. Wenn sie hört, dass Amando nicht gut genug auf ihren Lieblingssohn aufgepasst hat, schützt ihn wahrscheinlich nicht einmal mehr sein Vampirismus vor einem ihrer legendären Wutausbrüche. Oder die Tatsache, dass er ebenfalls ihr Sohn ist. Aber im Gegensatz zu Narciso war er ihr ja schon immer egal.



Nein, bis er etwas eindeutig Positives zu berichten hat, sollte er den Kontakt zu ihr lieber vermeiden, soweit es geht. Aber wie kommt er zu einem solchen positiven Ergebnis?



Erst, als die Sonne aufgeht, bemerkt Amando, dass er sich die ganze Nacht über den Kopf darüber zerbrochen hat. Er hat schon wieder nicht geschlafen. Aber wie könnte er das auch, wenn er weiß, dass irgendwo dort draußen sein kleiner Bruder verletzt herumirrt und wahrscheinlich Angst um sein Leben hat?



Am liebsten würde er gar nicht zur Arbeit gehen. Tagsüber hat er aber sowieso keine Chance Narciso zu finden. Außer…



Was ist, wenn er irgendwo zusammengebrochen ist und ins Krankenhaus eingeliefert wurde? Eigentlich sollte Amando aus diesem Gedanken keine neue Hoffnung schöpfen, aber im Augenblick ist das seine beste Idee.



Nicht viel später im Krankenhaus von Willow Creek


“Guten Morgen Emilia!”

“Guten Morgen Doktor De Luna. Haben Sie schon wieder nicht geschlafen?”



Sieht man ihm das wirklich so leicht an? Für einen Moment lässt Amando sich von dieser Aussage irritieren, aber dann macht er sich wieder bewusst, dass es im Augenblick Wichtigeres gibt als Augenringe.

“Wenig. Sagen Sie mal, wurden letzte Nacht oder heute Morgen schon irgendwelche Notfälle eingeliefert?”



“Notfälle? Natürlich. Immer. Um die meisten wurde sich auch schon gekümmert. Aber wenn Sie schon so eifrig dabei sind, kann ich sicher noch einen Fall für Sie auftreiben.”



“Das…äh…ja, sicher. Ich wollte nur wissen…war da zufällig so ein blasser, tätowierter Typ dabei? Schwarze Haare, grüne Augen, große Klappe…hat starke Verbrennungen an Armen und Körper.”



“Hmm…diese Frage kann ich Ihnen leider nicht so direkt beantworten, weil ich nicht alle Fälle persönlich gesehen habe. Am besten, Sie sehen selbst einmal nach."



“Ja, das werde ich wohl…trotzdem, vielen Dank!”

Selbst nachzusehen ist wohl das Sinnvollste. Vielleicht kann er sich dabei auch gleich ein wenig umhören. Narciso ist auffällig genug, um für Gesprächsstoff unter den Kollegen sorgen zu können.



Leider bringt Amando trotzdem nichts über ihn in Erfahrung, außer, dass er offenbar nicht in dieses Krankenhaus eingeliefert wurde. Vermutlich ist es auch besser so. Das erhöht immerhin die Wahrscheinlichkeit, dass es ihm den Umständen entsprechend noch gut geht.



An anderen Notfällen mangelt es an diesem Tag dafür nicht. Kaum dass Amando den einen behandelt hat, bricht der nächste Patient vor der Anmeldung zusammen.



Und auch unter den regulären Patienten gibt es den einen oder anderen kuriosen Fall.

“Also nochmal von vorne Herr Weiss….was sagen Sie, haben Sie genommen?”

“Ich wünschte, ich könnte mich daran erinnern. Mann, hat das Zeug reingehauen! ….auf meinen Kopf, meine ich. Ich fühle mich, als hätte mir jemand mit dem Hammer auf den Kopf gehauen.”



“Ahja….und ich nehme an, jetzt wollen Sie etwas gegen die Kopfschmerzen?”



“Korrekt. Und gegen den Schwindel. Nur die netten blauen Lamas, die hier überall herumschweben, dürfen gerne bleiben. Sagen Sie denen bitte nur, sie sollen mir nicht ständig ins Gesicht springen!”



“Natürlich. Lassen Sie mich nur kurz noch einen Blick auf Sie werfen. Hmm….ziemlich erweiterte Pupillen….”



“...Herzrasen…”



“...sieht aus, als hätten Sie die beste Droge von allen für sich entdeckt!”



“Äh…Tatsächlich?”



“Sie sind verliebt! ….entweder das, oder Sie haben wirklich etwas genommen, wovon Sie in Zukunft lieber die Finger lassen sollten.”



“Wenn ich den Kerl erwische, der mir das verkauft hat…”

“Bitte?”

“Ach, nichts.”



“In jedem Fall sollte das hier gegen die Kopfschmerzen helfen. Falls der Schwindel noch weiter anhält, nehmen Sie das Medikament alle sechs Stunden, bis es besser wird. Bis dahin- …oh! Bitte entschuldigen Sie mich kurz.”



Normalerweise würde Amando nie ans Telefon gehen, während er einen Patienten versorgt. Heute sind aber wohl besondere Umstände, zumal er die Behandlung ja sowieso weitestgehend abgeschlossen hat. Und es ist ja nur eine kleine Nachricht.



Als er sieht, von wem sie stammt, macht sein Herz einen Sprung. Narciso! Endlich!

"Mir geht es gut, ich brauche nur eine kleine Auszeit."



Eine kleine Auszeit? Ist das sein Ernst?! Amando schreibt sofort zurück.

"Mir nicht. Ich bin krank vor Sorge! Außerdem fürchte ich, dass Mutter jeden Moment anruft und mir die Hölle heiß macht, weil ich dich schon wieder verloren habe."



Hoffentlich kapiert Narciso, was er da angestellt hat. Gelesen hat er die Nachricht gleich, nur die Antwort lässt auf sich warten.



"Ich melde mich bei Mutter."

Gut so. Dann hat Amando wenigstens eine Sorge weniger. Trotzdem, was fällt seinem Bruder eigentlich ein? Dass er in diesem Zustand einfach abhaut! Und das auch noch ohne Bescheid zu geben.



Zumindest scheint er in Sicherheit zu sein. Das beruhigt Amando schon genug, um sich etwas konzentrierter um seine restlichen Patienten für den Tag zu kümmern, ohne sich weiter von irgendwelchen Nachrichten ablenken zu lassen.



Erst am Abend auf dem Weg nach hause sieht er wieder auf sein Telefon. Xiu hat ihm geschrieben.

Hey, Amando! Ich hab eine tolle Idee, wie ich dir helfen kann. Hast du am Wochenende Zeit?



Eigentlich kann er da nicht nein sagen. Am Wochenende hatte er tatsächlich noch nichts geplant. Natürlich kann es sein, dass Narciso bis dahin zurück kommt und er sich um den kümmern muss, aber wenn nicht…



“Ich denke schon.”



Sehr gut! Ich freu mich auf dich. Das wird super.

 

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