Und wieder rennt er weg. Verdammter Mist! Hoffentlich hat ihn niemand gesehen. Was, wenn das alles eine Falle war? War Amando nur ein Köder?
Wird er beobachtet? Verfolgen sie ihn schon? Wo kann er sich verstecken?
Eigentlich sollte er schon lange keine Kraft mehr haben um wegzulaufen, aber sein Fluchtinstinkt treibt ihn immer weiter. San Myshuno ist nicht mehr sicher. Er muss nicht nur weg aus diesem Viertel, er muss raus aus der Stadt!
Raus aus der Stadt und dann…wohin? Zurück nach hause kann er nicht. Will er auch nicht. Sein Haus wird garantiert überwacht.
Er muss irgendwo hin, wo sonst niemand ist. An einen abgelegenen Ort. Irgendwo, wo ihn niemand findet und er niemanden in Gefahr bringen kann. Einen Ort wie…
Die Antwort trifft ihn wie ein Blitz. Natürlich! Dort ist er zwar nicht alleine, aber mit Sicherheit unauffindbar!
Dass ihm das nicht gleich eingefallen ist! Die Aussicht auf Sicherheit verleiht ihm neue Kraft. Er könnte glatt die nächste Straßenlaterne ausreißen! Wäre aber nicht schlau. Er muss ja unauffällig bleiben.
Auf großen öffentlichen Straßen kann er sich nicht sehen lassen. In der Straßenbahn auch nicht. Bleibt also nichts, als den ganzen Weg zu Fuß zu gehen. Das wird eine Weile dauern. Heute Nacht schafft er das bestimmt nicht mehr.
Zum Glück findet er am Stadtrand in einem verlassenen Gebäude einen Unterschlupf für den Tag, an dem er sich ein bisschen ausruhen kann.
Schlafen kann er nicht, dafür fühlt er sich nicht sicher genug. Außerdem geht ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf, was passiert ist. Wie hat dieses Biest ihn so schnell gefunden? Hat er eine so auffällige Spur hinterlassen? Und was sollte das überhaupt mit Amando?
Wenigstens war sie nicht lang in der Wohnung. Sobald er seine Chance gewittert hat, hat Narciso sich ein paar Klamotten geschnappt und vom Acker gemacht.
Leider hieß das auch, dass er Amando mit diesem Miststück alleine zurücklassen musste. Scheiße.
Er verflucht sich für seine Feigheit. Aber was hätte er machen sollen? In diesem Zustand kann er doch sowieso nichts ausrichten.
Zumal sie erstaunlich freundlich zu Amando war. Stecken die beiden am Ende unter einer Decke? Nein. Sowas würde er nie tun! Oder?
Eigentlich will Narciso keine Zweifel zulassen. Er kennt Amando jetzt schon sein ganzes Leben lang und wenn er eines über seinen großen Bruder weiß, dann ist es, wie gutmütig der ist. Der würde nie erlauben, dass irgendjemand jemand anderen absichtlich verletzt. Erst recht nicht seine Familie. Selbst Menschen gegenüber besitzt er einen großen Beschützerinstinkt.
Könnte der sogar so groß sein, dass er mit Vampirjägern zusammenarbeitet? Dreck. Narciso muss ja zugeben, dass er und seine Freunde nicht immer respektvoll mit Menschenleben umgehen. Dass da irgendjemand früher oder später Jäger auf sie hetzt kann er sogar irgendwie nachvollziehen. Aber sein eigener Bruder?
Nein, das kann einfach nicht sein. Den Gedanken sollte er sich lieber ganz schnell wieder aus dem Kopf schlagen. Das muss einen anderen Grund haben.
Wahrscheinlich weiß Amando selbst nicht, mit wem er sich da abgibt. Er geht mit seinem Todfeind gemütlich essen und hat keine Ahnung, in welcher Gefahr er da schwebt. Und Narciso hat das einfach zugelassen.
Oder hat er ihn dadurch vielleicht sogar geschützt? Wie krank wäre das, wenn diese Schlange selbst nicht weiß, dass sie da einen Vampir vor sich hat? Wäre doch irgendwie ironisch.
In jedem Fall muss er Amando irgendwie warnen, sobald es geht. Seine Freunde auch. Zumindest die, die noch leben...
Kurz nach Sonnenuntergang setzt er seinen Weg fort. Wie gut, dass Amando und er dieselbe Schuhgröße haben. Barfuß würde er wahrscheinlich schon nach den ersten paar Kilometern aufgegeben.
Ein paar Stunden später kommt er dann aber an seinem Ziel an. Endlich.
Hier ist er in Sicherheit. Hoffentlich ist noch jemand wach.
Die Tür öffnet sich schon nach seinem ersten Klopfen. Wie gut, dass seine Schwester ebenso nachtaktiv ist wie er selbst, obwohl sie kein Vampir ist.
“Narciso?! Aber wie…?”
“Ciao, Laetitia…kann ich reinkommen?”
“Aber natürlich!”
Laetitia tritt beiseite. Narciso sieht, dass sie Fragen hat. Viele Fragen. So viele, dass sie wahrscheinlich selbst nicht weiß, wo sie anfangen soll. Würde ihm in dieser Situation genauso gehen. Im Moment hat er aber einfach nicht die Kraft, von alleine anzufangen das Ganze aufzuklären.
“Ich habe mir solche Sorgen gemacht, Narciso. Du warst plötzlich nicht mehr bei deinem Zauberunterricht und dann kam Amando und erzählte mir, dass er befürchtet, du seist ermordet worden!”
“War auch kurz davor wahrscheinlich. Und bin es gerade schon wieder, wenn du weiter so fest zudrückst.”
“Oh, bitte entschuldige.”
“Schon gut. Ich hab dich auch lieb, Schwesterherz. Aber ich glaub, ein paar von meinen Rippen sind angeknackst und wenn du so weitergemacht hättest, hättest du sie noch ganz durchgebrochen.”
“Natürlich, daran hätte ich denken sollen. Bitte, setz dich doch.”
Das Angebot nimmt Narciso gern an. Er ist schon wieder viel zu weit gelaufen. Glimmerbrook liegt ja nicht gerade neben San Myshuno.
“Du siehst schlimm aus. Haben dich wirklich Vampirjäger erwischt?”
“Mhm…”
Es fällt ihm immer noch schwer, das zuzugeben. Klar, hätte theoretisch jeden erwischen können, wenn die da draußen rumlaufen und auf Jagd gehen, aber er hat sie wie ein Vollidiot direkt zu sich nach hause geführt.
“Und die wissen, wo ich wohne. Ist ziemlich scheiße gelaufen. Deshalb hab ich ne Bitte an dich. Kann ich vielleicht die nächsten Tage…oder Wochen oder so hier bleiben? Ich nehm auch nicht viel Platz weg. Mein alter Sarg steht doch noch im Keller neben Mammas und den Raum benutzt ihr sowieso nicht, oder?”
Laetitia wirkt überrascht. Zum Glück war sie schon immer schnell darin, sowas zu verarbeiten.
“Höchstens als Abstellkammer. Aber natürlich kannst du hier bleiben, Narciso! Ian und Finola werden sicher nichts dagegen haben.”
Narciso spürt, wie eine Schwere Last von ihm abfällt. Klar hatte er nicht erwartet, dass Laetitia ihn wieder rausschmeißt, aber die Bestätigung zu haben fühlt sich trotzdem gut an. Zumal er nicht wüsste, wo er sonst hin soll. Zurück nach Forgotten Hollow ist keine Option und Amandos Wohnung hat sich als Versteck jetzt ja auch erledigt. Die einzige Möglichkeit, die er noch hätte, wäre bei seiner Mutter unterzutauchen, aber Del Sol Valley ist so weit weg außerdem voller Paparazzi. Dort ein Geheimnis zu bleiben ist fast unmöglich.
“Danke.”
“Ich habe nur eine Bedingung.”
Mist.
“Du musst mir erzählen, was passiert ist. Von Anfang bis Ende. Oder von mir aus auch von Ende bis Anfang oder in jeder beliebigen Reihenfolge, hauptsache, du lässt nichts aus. Ist das okay für dich?”
“Ja, klar. Kann aber dauern. Und…äh….muss das alles sofort sein?”
“Nein, natürlich nicht. Ruh dich erst einmal aus. Wir werden mehr als genug Zeit dafür haben. Nur eines wüsste ich gerne jetzt noch.”
“Hm?”
“Sind das Amandos Klamotten?”







































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