Kapitel 37: Die Kurzfassung

 

 



"Lauf, Narciso! Lauf!"



Lauf wie das feige kleine Huhn, das du bist!







“Mmmh…”



Was für ein Tag! Oder Tage. Wie lange hat er eigentlich geschlafen? Egal. Obwohl er sich dunkel erinnern kann, nicht die besten Träume gehabt zu haben, fühlt Narciso sich schon viel besser. Für einen Vampir wie ihn wirkt so ein Sarg echte Wunder.



“Hab voll vergessen, wie bequem die alte Holzkiste hier ist. Wieso hab ich daheim eigentlich nur n Bett?”

Sobald er zurück ist, muss er sich für zuhause unbedingt auch einen Sarg besorgen oder selbst zusammenzimmern oder so. Also, falls er jemals wieder nach hause kann. Verdammt. Was macht er, wenn das nicht geht? Hier bleiben? Er kann Laetitia ja nicht ewig auf den Keks gehen.



Im Augenblick will er darüber aber nicht nachdenken. Das hat noch Zeit. So schnell wird seine Schwester ihn sicher nicht rauswerfen. Außerdem hat er Hunger. Besser, er geht sie mal suchen.



Als er die Treppe nach oben steigt, hört er Stimmen. Sie ist also im Wohnzimmer, sehr gut.



“Hältst du das wirklich für eine so gute Idee, Laetitia?”



“Ian, Narciso ist mein Bruder! Natürlich halte ich es für eine gute Idee ihm zu helfen.”



“Das verstehe ich ja. Ich will ihm auch helfen. Es ist nur….wenn ich das schon höre! Vampire, Vampirjäger, Verfolgung und Mord…Ich habe ein wenig Angst, dass uns das alle in Gefahr bringen könnte.”



“Du wusstest doch, worauf du dich einlässt, als du mich geheiratet hast.”



“Mach dir nicht immer so viele Sorgen, ich regle das schon.”

“Wenn du das sagst, mein Hexchen. Ich hoffe nur, du weißt, was du tust.”



War wohl kein guter Zeitpunkt.



"Oh, Narciso! Du bist wach?"



"Yo…ist ja auch spät genug, oder?"



"Das kannst du laut sagen. Ich habe dich seit drei Tagen nicht mehr gesehen."

Drei Tage?! Verdammt! Hat er echt so lang geschlafen? Er muss doch Amando warnen!



"Laetitia, kann ich-"

"GRRRRRRRMBLRR!!"



"Sag mal, knurrt dein Magen mich da gerade an? Klingt ja gefährlich."

Dreck.



"Äh…scheint so. Ist es wahrscheinlich auch. Wenn ich nicht dir, Ian oder Finola an den Hals springen will, sollte ich wohl bald irgendwas trinken."



"Ach, mach dir darüber keine Sorgen. Im Gewächshaus steht ein Plasmafruchtbaum und von meiner Froschzucht fällt hin und wieder auch etwas ab. Wenn es aber schon so schlimm ist, weiß ich vielleicht sogar was Besseres. Komm mit!"



Plasmafrüchte und Frösche? Ist zwar nicht gerade seine erste Wahl, aber wenn er ein bisschen mehr Zeit hätte, könnte er daraus bestimmt auch irgendwas Appetitliches zaubern. Nur hat er die gerade leider nicht.



"Ich weiß leider nicht, wie gut sich das mit deiner Physiologie verträgt, da ich es noch nie an einer Person mit voll ausgeprägtem Vampirismus testen konnte, aber einen Versuch ist es wert.”

"Wird schon schief gehen. Gib her."



"Hmm…schmeckt, als hätte ich alte Socken gelutscht, die irgendjemand drei Monate am Stück wiederholt zum Tennis anhatte und anschließend dazu benutzt, den Hund nach einem Bad im nächsten Sumpf damit abzutrocknen. Mit einer feinen Zitronennote im Abgang.”



“Aber der Hunger ist weg. Danke, Laetitia….Laetitia? Alles in Ordnung?"



"Was?...oh! Ja! Natürlich. Ich bin mir sicher, das ist nur temporär."



"Was ist temporär?"

"Ach, du hast da nur ein paar grüne Flecken im Gesicht. Nichts Tragisches."



Für ein paar Sekunden starrt Narciso seine Schwester entgeistert an. Würde er ein Spiegelbild besitzen sowas nicht sowieso aus seiner Kindheit schon kennen, würde er wahrscheinlich schreien. Glücklicherweise ist beides nicht der Fall.

"Achso."

Mehr fällt ihm dazu gerade nicht ein. Er hat im Moment aber auch größere Probleme.



“Aber was ich vorhin fragen wollte, kann ich mal dein Telefon ausleihen? Ich muss Amando anrufen.”

“Sicher.”

Dass er sein eigenes nicht mehr hat kann sie sich bestimmt denken. Er kam ja nicht mal in seinen eigenen Klamotten hier an. Die sind zum größten Teil wahrscheinlich sowieso hin und zurück nach hause um Ersatz zu holen kann er schlecht. Muss er sich also weiterhin mit Amandos alten Sachen begnügen. Zumindest seine Hose hat er noch.



Die Nummer hat Laetitia zum Glück ja auch eingespeichert. Das Anrufen geht also schnell. Oder sollte es zumindest.



“Er geht nicht ran.”

“Vielleicht ist er beschäftigt?”



“Um diese Uhrzeit? Was haben wir denn für nen Wochentag?”

“Samstag.”

“Dann ist er schon mal nicht arbeiten. Komisch…”

Und beunruhigend. Was macht Amando an einem Samstagabend, dass er sein Telefon nicht klingeln hört?



“Versuch es doch einfach später nochmal.”

“Muss ich wohl.”



“In der Zwischenzeit kannst du mir ja ein bisschen erzählen, was denn nun eigentlich los war, hm?”



“Hmm…ja. Auch wenn ich gerade schon wieder verdammt müde werde. Bin wohl doch noch nicht wieder ganz fit.”



“Dann eben nur die Kurzfassung. Ich will dich nicht hetzen, aber wenn ich dir helfen soll, muss ich wissen, was passiert ist.”



“Kurzfassung. Gut. Krieg ich hin. Also….ich hab was Dummes gemacht. Was richtig Dummes. Dadurch hab ich wohl aus Versehen ein paar Vampirjägern meine Adresse verraten. Die sind eines Abends bei mir aufgekreuzt, haben mir nen Knüppel über den Schädel gezogen und mich mitgenommen. Als ich aufgewacht bin saß ich mit ner Tüte über dem Kopf an einen Stuhl gefesselt in deren Wohnung. Ich weiß nicht wie lang. Die haben versucht mich auszuquetschen und waren nicht immer ganz sanft dabei. Aber ich hab die Klappe gehalten. Glaub ich. Nach ein paar Tagen war mein Verstand leider im Urlaub durch die Schläge, den Schlafentzug und den Hunger. Ja, die haben mich nicht mal gefüttert! Äh…jedenfalls ging mein Körper dadurch wohl irgendwie in den Überlebensmodus oder sowas und hat sich endlich daran erinnert wie man zaubert. Meine Fesseln haben gebrannt, der Stuhl, eigentlich die halbe Wohnung. Ich auch. War mir in dem Moment aber scheißegal. Ich hab die Beine in die Hand genommen und bin weg.”



“Narciso….aber…wie kommst du dann zu Amandos Jacke?”



“Jahaa! Jetzt kommt’s! Stellt sich raus, die Wohnung von den Typen war in San Myshuno. Gar nicht so weit weg von Amandos. Also hab ich bei ihm Unterschlupf gesucht…”



“Und dabei hast du seine Kleidung mitgenommen, weil deine eigene verbrannt ist?”

Wow. War der Raum hier eigentlich schon immer so bunt?



Und wieso hat Laetitia ein Karussell im Keller installiert? Caít und Finola sind doch keine kleinen Mädchen mehr.

Narciso?



Vielleicht sollte er sich ein bisschen hinlegen. Gleich hier und jetzt. Der Boden sieht doch verdammt bequem aus.

Narciso!







Bist du schon wieder hier?



Na, hast du etwa Lust wieder eine Runde wegzurennen, Hühnchen?



Dachte ich’s mir doch. Das kannst du ja am besten…

 

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