Kapitel 26: Das beste Mittel gegen Schlaflosigkeit

 

 



Laetitias Worte gehen Amando nicht aus dem Kopf, auch lange nachdem er sich von ihr verabschiedet hat und zurück nach Hause gegangen ist. Narciso muss am Leben sein. Das ist eine gute Nachricht, oder? Ja, natürlich ist sie das! Aber trotzdem bereitet sie ihm Sorgen. Wo ist er? Was ist mit ihm passiert? Und wenn er am Leben ist, für wie lange noch? In jedem Fall sollte er seiner Mutter Bescheid geben, das hat er ihr versprochen.



Als Amando sein Telefon in die Hand nimmt um Dianes Nummer zu wählen, fällt sein Blick auf eine ungelesene Nachricht. Xiu! Sie hat endlich geantwortet! Zwei Tage, nachdem er ihr geschrieben hat. So lange lässt sie ihn sonst nie warten.



Ist ihr auch etwas passiert? Oder hat sie ihn etwa vergessen? Sofort öffnet er die Nachricht.

"Sorry, bin derzeit sehr beschäftigt. Treffen wir uns übermorgen Abend in der Karaokebar."



Sie ist einfach nur beschäftigt. Ein Glück! Amando fühlt sich, als wäre eine schwere Last von ihm genommen worden. Betonung auf eine. Seine Probleme mit Narciso oder den Vampirangriffen löst das zwar nicht, aber die Vorfreude darauf zumindest mit seiner Freundin sprechen zu können, verleiht ihm neue Kraft. Und wer weiß? Vielleicht hat Xiu sogar einen guten Rat für ihn, selbst wenn er ihr nicht direkt sagen kann, worum es wirklich geht.



Zumindest hebt diese Nachricht seine Laune genug, dass ihm der Anruf bei Diane leichter fällt.

“Hallo? Mutter? Hier ist Amando.”



“...ja. Ja. Ich habe mit Laetitia gesprochen, sie-”



“...hör mir doch bitte zu! Wir wissen jetzt, dass Narciso noch lebt.”



“Nein, wo er ist weiß ich leider immer noch nicht, aber-”



“Natürlich suche ich weiter! Ich wollte dir nur Bescheid geben. Außerdem wollte Opa noch-”

Diesmal wird Amando nicht vom Gezeter seiner Mutter unterbrochen, sondern vom Tuten seines Telefons. Sie hat einfach aufgelegt. Hätte er ihr denn nicht Bescheid geben sollen, bis er seinen Bruder nicht tatsächlich gefunden hat?



Na, was soll’s. Ein schlechtes Gewissen hat er deshalb nicht. Er hat getan, was sie von ihm wollte, zumindest kann sie ihm später also nicht vorhalten, er hätte sie nicht über seine Fortschritte informiert. Auch wenn er zugeben muss, dass er selbst lieber konkrete Ergebnisse hätte. Nur wo anfangen?



Vielleicht wissen Narcisos Freunde ja etwas über dessen Verbleib. Amando kennt die allermeisten von ihnen zwar nur flüchtig und wird deshalb erst einmal herausfinden müssen, wie er an diese herankommt, aber so schwer kann das doch eigentlich auch nicht sein. Das Telefon hat er ja sowieso noch in der Hand.



Eine Nacht mit vielen Telefonaten aber wenig neuen Erkenntnissen später geht Amando wieder zur Arbeit. Wie immer erntet er besorgte Blicke von Emilia, aber die nimmt er kaum noch wahr. Einer der Vorteile daran, kein Spiegelbild zu haben, ist es ja, dass er selbst nicht sieht, was die Schlaflosigkeit mit ihm macht. Wahrscheinlich hat er schreckliche Augenringe.



Die halten ihn aber auch nicht davon ab, immer weiter zu machen. Den Umgang mit seinen Patienten beherrscht er glücklicherweise im Schlaf, so dass er auch die nächsten beiden Arbeitstage noch ohne größere Ausfällt durchhält. An dem Tag, an dem Xiu sich mit ihm treffen wollte, findet er sogar endlich die Bilder, die er gesucht hatte. Nur Zeit um in die Krypta zu gehen hat er heute nicht. Trotzdem fotografiert er sie vorsorglich ab.



Solange er sich auf etwas konzentrieren kann, kann er auch wach bleiben. Auf dem Weg zurück nach San Myshuno ist dieses etwas das Treffen mit Xiu. Schon seit er ihr die Nachricht geschrieben hat, denkt er darüber nach, wie er ihr am besten erklärt, was seine Probleme eigentlich sind. Leider fällt ihm das zunehmend schwerer, je näher der Zeitpunkt des Gesprächs rückt.



Jetzt, wo dieser Zeitpunkt unmittelbar bevorsteht, hofft Amando einfach nur noch, dass er sich nicht komplett verplappert und wenigstens den einen oder anderen zusammenhängenden Satz von sich geben kann.



“Morgen, Xiu! Ich meine…”

Und da fängt es schon an.



“Hihi…”morgen”, Amando. Na, auch schon wach?”

Ihrem Kichern nach zu urteilen hält sie das ganze wohl für einen Scherz. Zumindest scheint sie es ihm nicht übel zu nehmen. Auch gut, damit kann er arbeiten.



Ebenso mit ihrer Begrüßungsumarmung. Das hat er vermisst. Xius Berührung fühlt sich an wie die kuscheligste Decke und ihr Kuss wie das weichste Kissen, er könnte gleich hier und jetzt im Stehen….halt! Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt um einzuschlafen!



“Alles okay mit dir?”



“Hm? ….Ah, ja! Alles in ordnung. Ich hatte nur einen anstrengenden Tag,”



“Puh! Wem sagst du das? Ich kann jetzt echt was zu Trinken gebrauchen. Barkeeper? Einen Ridgeport!”



“Ach, richtig…du hattest geschrieben, du bist zur Zeit sehr beschäftigt?”

“Mhm. Hab nen schwierigen Kunden gerade. Mein Chef ist ganz scharf auf ein Interview mit dem Kerl, aber der ist echt ätzend, sag ich dir!”

“Oh…na das klingt ja…uhm…nicht so angenehm.”



“Hah! Nicht so angenehm... Glaub mir, das ist noch stark untertrieben. Aber du hast gerade ja selbst genug Probleme. Deshalb wolltest du doch reden, oder?”



Jetzt ist es also soweit.

“Ja. Also…äh….oh mann…wo fang ich da am besten an?”

“Vielleicht am Anfang?”



“Am Anfang! Genau! Gute Idee. Also der Anfang…äh…”

Egal, wie sehr er sich anstrengt, die Worte entfallen Amando, sobald er den Mund aufmacht. Das kann doch wohl nicht wahr sein!



Xiu wirft ihm schon sehr schiefe Blicke zu, während sie ihn erwartungsvoll anstarrt.

“Ich…also…äh….mann, Xiu….tut mir echt leid…”

“Amando…”



Fast erwartet er eine Standpauke, aber Xiu ist ja nicht seine Mutter. Statt wütend mit ihm zu sein, weil er den Mund nicht aufkriegt, scheint sie sich viel eher Sorgen um ihn zu machen.

“Es ist schon gut. Mach dir keinen Druck. Du musst viel durchgemacht haben die letzten Tage. Ich seh jetzt erst, wie fertig du bist. Tut mir leid, dass ich mich mit meinen Problemen vorgedrängelt hab.”



Jetzt hat sie es also bemerkt. Soll er ehrlich sein? Wenigstens mit dieser einen Sache?

“Nein, alles gut. Ich hab nur….kaum geschlafen die letzten Tage. Also….eigentlich gar nicht.”



“So siehst du auch aus. Nicht geschlafen und nicht rasiert. Kein Wunder, dass du kaum ein Wort rausbekommst! Aber wieso sitzt du dann hier? In dem Zustand kannst du deine Probleme doch gar nicht lösen.”



Irgendwie hat sie ja Recht. Aber andersherum geht es leider auch.

“Ja, schon…aber ich kann so auch nicht schlafen.”

“Du kannst nicht schlafen?”



Amando nickt. Derweil scheint Xiu schon wieder irgendetwas auszuhecken.

“Okay. Weißt du was? So geht das nicht! Ich weiß, dass du mir gerne erzählen willst, was los ist, aber du kriegst ja keinen ordentlichen Satz zusammen. Ich begleite dich jetzt nach hause und dann helf ich dir beim Einschlafen!”



Hat er sich das gerade eingebildet?

“Du…was?”

“Du hast schon richtig gehört! Ich hab genau gemerkt, wie schwer du vorhin in meinem Arm geworden bist. Also gehen wir jetzt zu dir, dann leg ich mich mit dir ins Bett, nehme dich in den Arm wie einen großen Teddybären und lass dich nicht mehr los bis du eingeschlafen bist.”



Er muss träumen. Wahrscheinlich ist er vorhin in der Bahn auf dem Weg nach hause schon eingeschlafen. Meint die das ernst?

“Na komm. Zeig mir, wo es lang geht!”

Das heißt dann wohl ja.



Kaum wissend, ob er denn überhaupt wirklich noch wach ist oder nicht, steht Amando auf und geht mit Xiu in Richtung der Tür. Wenn das ein Traum ist, dann will er den auch ausnutzen. Und wenn nicht, auch gut. Widersprechen kann er ihr ja sowieso nicht. Will er gerade auch nicht.



Draußen angekommen wirft sie ihm einen auffordernden Blick zu.

“Also, wo müssen wir hin?”

Er nickt in Richtung des Wohngebäudes nebenan. Einen weiten Weg haben sie nicht.



“Wow…Du wohnst in dem Gebäude, vor dem wir uns die ganze Zeit getroffen haben, und hast nichts gesagt? Ach, Amando…”



Was er darauf erwidern soll, weiß Amando auch nicht. Das wird sie ihm aber hoffentlich auch nicht übel nehmen. Damit, die richtigen Worte zu finden, hat er heute Abend ja sowieso Probleme. Oder überhaupt Worte zu finden, außer die alleroffensichtlichsten.

“Ja, also…hier wohne ich. Ist nicht groß, aber ganz gemütlich…denke ich…”



“Bin wieder da, Marietta. Wir haben Besuch heute.”



“Marietta?”

Xiu sieht sich instinktiv nach einem Haustier um. Amando braucht vielleicht ein klein wenig zu lang, um darauf zu reagieren.

“...oh! Ja, entschuldige. Meine Zimmerpflanze. Ich hab mir angewöhnt mit ihr zu reden, weil es hier sonst so ruhig ist. Tut von Zeit zu Zeit ganz gut.”



Einen Moment lang starrt sie ihn ungläubig an, dann beginnt Xiu zu lachen.

“Oh, Amando! Du bist so verdammt süß manchmal, weißt du das eigentlich?”

Außer einem dümmlichen Grinsen fällt ihm darauf auch keine Antwort ein.

“Aber jetzt husch! Ab ins Bettchen!”



Dem folgt er nur zu gerne. Allerdings zögert er im letzten Moment.

“Ja, gleich, aber….kann ich mich vorher zumindest noch kurz umziehen? So wach bin ich noch.”

“Klar. Aber apropos umziehen…ich hab ja jetzt nichts dabei. Hast du vielleicht ein Hemd oder Shirt oder so, das du mir ausleihen kannst? Sonst muss ich in Unterwäsche zu dir ins Bett kriechen und halte dich vielleicht aus Versehen erst recht wach.”



Ihr Zwinkern bringt ihn in Verlegenheit. Leider hat sie damit wahrscheinlich recht.

“Ja…uhm….sicher. Kleiner Moment.”

Ein kurzer Blick durch seine Kommode fördert zutage, wonach sie verlangt hat.



“Hier, bitte. Ich gehe schnell ins Badezimmer und dann…uhm…kannst du.”

“Danke.”



Amando weiß nicht, worauf er sich mehr freuen soll, endlich schlafen zu können oder das in Xius Armen zu tun. In jedem Fall will er aber keine Sekunde davon verschwenden, weshalb er sich mit dem Zähneputzen beeilt.



Zu seiner Überraschung hat Xiu sich bereits umgezogen, als er wieder nach draußen kommt, und wechselt mit ihm den Platz.

“Leg dich schon mal hin, ich komme gleich.”



Lange lässt sie ihn auch nicht warten, da kommt sie schon zu ihm ins Bett gekrochen.

“Und jetzt mach die Augen zu, Amando. Und träum was Schönes.”



Eigentlich hätte er es gerne noch länger bewusst genossen, in ihrem Arm zu liegen, aber kaum, dass er die Augen geschlossen hat, macht seine Müdigkeit ihm einen Strich durch die Rechnung. Wenigstens schläft er in dieser Nacht aber so gut, wie schon sehr lange nicht mehr. Nur der seltsame Traum über den Einbrecher, der seine Wohnung durchwühlt, hätte nun wirklich nicht sein müssen.

 

 Zurück zu Kapitel 25    |    Weiter zu Kapitel 27

Kommentare