Kapitel 27: Einfach nur weg

 

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Weg.



Er muss einfach nur weg. So weit seine Füße ihn tragen. Immer weiter weg.



Scheiße. Wo ist er überhaupt? Ist das wichtig? Sind sie hinter ihm her?



Narciso zittert am ganzen Leib. Adrenalin ist gerade so ziemlich das Einzige, was ihn noch auf den Beinen hält. Er ahnt, dass er Schmerzen haben muss, aber sein Körper ist taub. Alles, was er spürt, ist der Drang, immer weiter zu laufen. Immer weiter. Und Durst.



Lange hält er das nicht mehr durch. Seine Umgebung nimmt er kaum noch wahr. Die Mauer an seiner Hand fühlt sich an, als würde er dicke Handschuhe tragen. Das Bild vor seinen Augen verschwimmt.



Hat sich da gerade etwas bewegt? Haben sie ihn gefunden?



“Hey, Junge! Du siehst aber gar nicht gut aus.”

Nein, diese Stimme kennt er nicht. Das ist ein fremder alter Mann. Kommt er auf ihn zu?



“Alles in ordnung mit dir, Kumpel?”

Keine Ahnung was der Kerl faselt. Narciso versteht kein Wort. Das Herz des Mannes schlägt zu laut. Sein Puls übertönt alles. Davon bekommt er regelrecht Kopfschmerzen. Scheiße.



Bevor er weiß, was geschieht, übernimmt sein Instinkt.



Im nächsten Moment liegt der Alte auf dem Boden und Narciso sitzt auf ihm. Noch einen Moment später hat er die Zähne in seinem Hals.



Blut! Frisches, warmes, rotes Blut! In seiner Gier geht wahrscheinlich die Hälfte daneben. Egal. Hauptsache, die andere Hälfte hilft, seine trockene Kehle zu befeuchten und endlich diesen verdammten Durst zu stillen, der ihn schon seit Tagen quält. Oder Wochen. Oder Monaten. Zumindest fühlt es sich an, als wäre es so lange her, dass er zuletzt etwas getrunken hat.



Als seine Sinne zu ihm zurückkehren, befindet sich vermutlich kein Tropfen Blut mehr in dem Fremden. Narciso lässt von seinem leblosen Körper ab und steht auf. Seine Beine zittern noch immer.



“Sorry…warst zur falschen Zeit am falschen Ort...”

Eigentlich versucht er es ja zu vermeiden Leute zu töten. Dass der Mann ihn ausgerechnet in einem halb verhungerten Zustand anspricht, in dem er sich selbst nicht im Griff hat, war einfach nur Pech.



Wenigstens ist er jetzt wieder in der Lage halbwegs klar zu denken. Leider lässt damit auch die Taubheit nach, die ihm bislang geholfen hat seine Schmerzen zu ignorieren. Scheiße! Was haben diese Drecksäcke mit ihm gemacht?!



Ist das eigentlich sein eigenes Blut an seinen Händen oder das des Alten von gerade eben?



Wahrscheinlich ist es beides. Seine Arme brennen wie Feuer.



Richtig. Feuer. So muss er sich befreit haben. Das ging alles so schnell. Tagelang hatte er versucht aus seiner Gefangenschaft zu entkommen, aber es hat nie funktioniert. Ausgerechnet wenn er sie wirklich gebraucht hätte, hat seine Magie ihn im Stich gelassen. Typisch. Bis es dann eben doch funktioniert hat. Und natürlich hat er dabei selbst Feuer gefangen. Aber das war ihm egal. Er ist frei!



Trotzdem muss er die Situation erst mal verarbeiten. Vampirjäger! Unfassbar! Und dann kommen die auch noch ausgerechnet zu ihm!



Was sie von ihm wollten war klar. Informationen. Aber die haben sie nicht aus ihm rausbekommen! Hofft er jedenfalls. Ganz sicher kann er es leider auch nicht sagen. Die letzten Tage weisen in seinem Gedächtnis große Lücken auf. Er muss sehr oft bewusstlos gewesen sein. Manches hat er im Selbstschutz vielleicht auch verdrängt und am Ende hat er außer seinem Durst sowieso kaum noch etwas wahrgenommen. Waren es überhaupt Tage?



Narciso weiß nicht, wie lange er auf den unbequemen Holzstuhl gefesselt in diesem stickigen Raum saß. Er hatte keine Fenster, durch die er den Tag und die Nacht hätte unterscheiden können. Glaubt er jedenfalls. Mit der komischen Tüte, die sie ihm über den Kopf gezogen haben, hat er sowieso kaum etwas gesehen. Auch wie Vampirjäger nicht.



Er weiß aber, wie sie klingen. Ihre Stimmen haben sich in sein Gehirn eingebrannt.



Zwei Stück waren es. Ein Mann und eine Frau. An die Frauenstimme erinnert er sich besonders gut. Die war so hoch, dass er manchmal Kopfschmerzen von ihr bekommen hat. Außerdem ständig so unerträglich fröhlich. Oder aggressiv. Oder beides. Es scheint ihr ein fast schon sadistisches Vergnügen bereitet zu haben, zu versuchen, Informationen aus ihm herauszufoltern.



Die ruhige, dunkle Männerstimme empfand er da schon als angenehmer, wenn man das so überhaupt sagen kann. Viel geredet hat der Kerl im Vergleich zu seiner Partnerin aber sowieso nicht. War extrem kurz angebunden. Trotzdem konnte Narciso einen auffälligen südländischen Akzent aus ihr heraushören. Außerdem klangen seine Schritte irgendwie komisch, wenn er in den Raum kam. Als würde er humpeln oder so.



An das, was die beiden zu ihm gesagt haben, erinnert er sich kaum noch. Nur ein Gespräch ist ihm im Gedächtnis geblieben. Das wird es wahrscheinlich auch noch sehr lange Zeit. Das muss ganz am Anfang gewesen sein, als er noch einigermaßen klar denken konnte und den Willen hatte, sich aktiv zu wehren.



Schon süß, wie ihr kleinen Zecken immer wieder auf unseren Trick hereinfallt.

“Trick? Verdammt…Was habt ihr Schweine mit Derek gemacht?!”



Derek? Wer soll das sein?

“Einer meiner Kumpels! Rote Haare, langes Gesicht, trägt praktisch immer eine Sonnenbrille…”



Hmm…haben wir so einen gesehen?

Kann sein.

Und was haben wir mit ihm gemacht?



Er war wehrhaft. Du hast ihm die Zähne gezogen. Musste auf Abstand bleiben.



Ach der war das! Hah! So ein Idiot. Leider war nicht viel aus ihm rauszukriegen. Hattest du für den am Ende nicht die Armbrust genommen?



Hmm…Armbrust, ja.

Da hast du deine Antwort, Kleiner. Dein Derek wollte nicht singen, also haben wir mit ihm eine kleine Zielübung gemacht. Blöd nur für ihn, dass mein Partner nie danebenschießt. Er ist gleich am ersten Bolzen jämmerlich verreckt, genauso wie der Rest von euch Parasiten das tun wird!



Verdammt! Derek war vielleicht kein Engel, aber das hat er nicht verdient. Wenigstens weiß Narciso jetzt, warum er ihn nicht mehr erreichen konnte. Ob es Korey und den anderen gut geht? Leben die noch? Und wenn ja, haben die überhaupt den leisesten Schimmer, in welcher Gefahr sie sich befinden?



Er muss sie unbedingt warnen. Nur hat er sein Telefon nicht mehr, das müssen diese Dreckskerle ihm abgenommen haben. Außerdem sollte er sich erstmal selbst in Sicherheit bringen



Stellt sich nur nach wie vor die Frage, wo ist er hier überhaupt? Erst jetzt wagt er einen Blick aus der Gasse heraus. Ist das nicht…?



Besser hätte es kaum kommen können. Narciso weiß genau, wo er hier einen Unterschlupf findet.

 

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