Kapitel 25: Kontakt mit dem Jenseits

 

 



Einen Besuch der anderen Bewohner Forgotten Hollows spart Amando sich lieber. Diese Begegnung mit Evans Gästen reicht ihm für heute. Außerdem hat sein Großvater Recht, er sollte wirklich noch ein bisschen schlafen. Zeit, nach hause zu gehen.



Kaum in der Wohnung in San Myshuno angekommen, lässt er sich auf sein Bett fallen - nur, um keine fünf Minuten später von seinem Wecker schon wieder aus dem Halbschlaf gerissen zu werden.



So ein Mist. War er wirklich so lange unterwegs? Am liebsten würde er den kleinen piepsenden Kasten gegen die nächste Wand werfen, aber es bringt ja nichts. Er kann weder seine Patienten noch seine Kollegen warten lassen.



Etwas später im Krankenhaus von Willow Creek


“Guten Morgen, Doktor De Luna!”

“Mmmh.”



“Ist alles in Ordnung mit Ihnen?”

“Hm?”



Amandos Reaktionszeit war definitiv schon mal besser. Bevor er seiner Kollegin eine Antwort gibt, braucht er ein paar Sekunden um seine Gedanken zu sortieren.

“Ah…ja….alles in Ordnung. Hab nur nicht geschlafen. Gut, meine ich. Ich hab nicht gut geschlafen.”

Gerade noch gerettet.



Ob sie ihm nun glaubt oder nicht, kann er nicht so ganz sagen, aber sie kann ihn ja schlecht wieder nach hause schicken. Nicht schon wieder.

“Vielleicht sollten Sie es heute ein bisschen langsamer angehen lassen. Ich hänge mich dafür ein bisschen mehr rein. Heute ist sowieso nicht so viel los zum Glück.”

“Danke, Emilia.”



Seine Kollegin hatte recht. Heute ist tatsächlich nicht sonderlich viel los. Statt die Zeit zu nutzen um mehr Pausen zu machen, verkriecht Amando sich jedoch wie so oft in letzter Zeit im Archiv. Als er letztes mal hier war, ist ihm ein Detail ins Auge gefallen, das er gerne weiter verfolgen möchte.



“Jedes der Opfer hatte mehrere Bisswunden, aber alle hatten mindestens vier…”

Zumal die Wunden sich voneinander unterscheiden. Rowan Pyle hatte auch etwas von zwei Männern erzählt, aber das können nicht alle gewesen sein. Ob es wohl zu auffällig ist, wenn er in die Krypta geht und dort unter dem Vorwand einer kostenlosen Zahnvorsorgeuntersuchung den Gästen aufs Gebiss schaut? Aber dafür bräuchte er sowieso erst mal ein Bild der Wunden, um das abzugleichen. Gab es sowas hier nicht auch irgendwo?



Leider wird er heute nicht fündig. Obwohl nicht viel los ist, wird er erstaunlich oft zu irgendwelchen Patienten gerufen. Die gehen natürlich vor. Mit der Bildersuche wird er sich dann wohl die nächsten Tage noch beschäftigen müssen. Vielleicht weiß ja einer der Kollegen etwas.



Als seine Schicht beendet ist, wechselt Amandos Priorität jedoch wieder zu seinem Bruder. So gerne er auch schlafen würde, Narciso zu finden ist wichtiger. Ohne einen Umweg nach hause zu machen, begibt er sich also zu dem Haus, in dem er aufgewachsen ist.



Leider hat er völlig vergessen, sich vorher bei Laetitia zu melden. Hoffentlich ist sie überhaupt zuhause.



Eine unberechtigte Sorge, wie sich herausstellt. Kaum, dass seine Fingerknöchel die Tür berühren, wird diese auch schon geöffnet.



“Oh…hallo Finola.”

Mama? Onkel Amando ist an der Tür!”

Was? Amando? Ich komme gleich!



“Was für eine Überraschung! Komm doch rein.”

“Guten Abend, Laetitia. Tut mir leid, dass ich hier unangekündigt plötzlich aufkreuze…”

“Ach, nicht doch! Du bist in diesem Haus immer willkommen.”



“Setz dich doch, du siehst müde aus.”

Das lässt Amando sich nicht zweimal sagen.

“Danke.”



“Also, erzähl! Was kann ich für dich tun?”



“Das, also…uhm….erstmal, wenn ich schon mal hier bin…vielen Dank für den Trank.”

Eigentlich sollte er gleich zur Sache kommen, aber mit der Tür ins Haus zu fallen war noch nie seine Art. Wenigstens entlockt er seiner Schwester so noch ein Lächeln, bevor er ernstere Themen anspricht.



“Gern geschehen. Hat er geholfen?”

“Äh….ja, aber ich glaube nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.”

Laetitia lacht. Hatte sie das etwa geplant?



“Das tun diese Tränke nie. Aber erzähl, hast du jemanden kennengelernt?”



“Ja! Stell dir vor, Laetitia, ich hab endlich eine Freundin! Ich hatte schon mehrere Verabredungen mit ihr und sie bleibt immer noch.”

“Was für wundervolle Nachrichten.”



“Ja, aber….mein eigentlicher Besuchsgrund ist leider gar nicht wundervoll.”

“Was liegt dir auf dem Herzen?”



“Laetitia…kannst du mit mir eine Séance abhalten? Ich habe Grund zur Annahme, dass Narciso ermordet wurde und ich will versuchen, Kontakt zu seinem Geist aufzunehmen.”



Für gewöhnlich lässt seine Schwester sich ja von so gut wie gar nichts aus der Fassung bringen, aber Amandos Worte lassen jetzt selbst sie verstummen. Es dauert eine ganze Weile, bis sie wieder zu sprechen beginnt, leise und mit einem Ton, als würde sie noch nicht ganz glauben, was sie da eben gehört hat.

“Was…? Ermordet?! Oh Amando, wo ist unser kleiner Bruder da nur wieder hineingeraten?”



“Genau das versuche ich herauszufinden.”



“Deshalb siehst du so müde aus, oder? Du machst dir die ganze Zeit Gedanken und kannst nicht mehr schlafen…”

Laetitia kennt ihn einfach zu gut. Wenigstens muss er ihr so aber nichts mehr erklären. Zumindest nicht über seinen Zustand.



“Ich war gestern bei Opa. Der vermutet, dass ein Vampirjäger dahinter stecken könnte.”

“Also seid ihr auch in Gefahr?”

“Das weiß ich nicht. Ich vielleicht nicht so, ich lebe ja in der Stadt.”



“Versprich mir bitte, dass du trotzdem vorsichtig bist, ja?”



“Natürlich. Ich will dir ja nicht auch noch Sorgen machen.”



“In diesem Fall sollten wir keine Zeit verlieren. Wobei…”

Das Zögern seiner Schwester verunsichert Amando.

“Stimmt etwas nicht?”



“Amando, du bist erschöpft….in deinem Zustand kann so eine Séance gefährlich sein. Ich will nicht, dass ein Geist von dir Besitz zu ergreifen versucht, während du geschwächt bist. Lass mich das lieber alleine machen.”



Das war nicht die Antwort, mit der er gerechnet hätte. Es ist nett, dass Laetitia sich Sorgen um ihn macht, aber auf diese Art kann er nicht selbst mit Narciso reden. Zumal er sich erinnert, dass sie ihm mal erzählt hat, dass es schwieriger ist, wenn weniger Leute mitmachen.

“Schaffst du das denn?”

“Ach Amando! Ich mache das jetzt schon seit vielen Jahren beruflich. Natürlich schaffe ich das!”

Da hat sie auch wieder recht. Wenn jemand es schafft, dann sie.



Geübt, so wie sie es schon hundertmal getan hat, setzt Laetitia sich an das Tischchen mit der Glaskugel und beginnt ihre Arbeit. So direkt hat Amando dabei noch nie zugesehen. Kaum, dass Laetitia sitzt, löscht sie mit einer kleinen Bewegung ihrer Hand alle Lichter mit Ausnahme der kleinen Kerzen auf ihrem Tisch und beginnt ein paar Worte zu murmeln, die er nicht ganz ausmachen kann.



Außenstehende würden wahrscheinlich erwarten, dass ihn das als Vampir und Sohn eines Zauberers kaum berühren sollte, aber obwohl Amando einen gewissen Abstand zum Geschehen hat, jagt ihm die zunehmende Veränderung der Umgebung einen eiskalten Schauer über den Rücken.



Und dann kann er es spüren. Sie sind nicht mehr alleine in diesem Raum. Amando weiß nicht, wer oder was mit ihnen hier ist, aber er spürt die Präsenz deutlicher, als ihm angenehm wäre.



“Narciso De Luna, bist du hier? Ich, Laetitia Mac Naoimhín, bitte dich, mir zu antworten.”



Schweigen. Funktioniert es? Antwortet Narciso ihr, aber da er nicht direkt Teil der Séance ist, hört Amando es nicht? Vielleicht hätte er sich zuvor ein bisschen mit dem Thema auseinandersetzen sollen. Jetzt bleibt ihm nichts übrig als abzuwarten und seiner Schwester zu vertrauen.



Eine ganze Weile noch scheint Laetitia wie in Trance, bis ihr Zustand abrupt endet. Am liebsten wäre Amando sofort aufgesprungen und zu ihr gegangen, aber er weiß nicht, ob das nicht negative Auswirkungen haben könnte. Sein Vater hatte ihn früher schon immer gewarnt, dass er sich in magische Dinge nicht einmischen darf, wenn er nicht aus Versehen sich selbst oder dem Zaubernden schaden will.



Zu seiner Erleichterung dauert es aber auch nicht lang, bis Laetitia wieder voll ansprechbar zu sein scheint. Nur ihr Ausdruck macht ihm Sorgen.

"Amando..."



“Und? Konntest du mit ihm reden?”

Laetitia schüttelt den Kopf.

“Nein. Ich habe es versucht, immer und immer wieder. Aber ich konnte seinen Geist nicht finden. Das kann eigentlich nur eines bedeuten.”



“Narciso muss noch am Leben sein.”

 

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