Kapitel 17: Sommersonne

 

 



Oasis Springs um die Mittagszeit


Amando ist mehr als erfreut darüber, dass Xiu so schnell zugesagt hat. Er kann es kaum noch erwarten, mit ihr schwimmen zu gehen. Vor rund zwei Monaten beim Romantikfestival hätte er sich noch kaum träumen lassen, jemals in diese Situation zu geraten. Auch wenn seine Zeit in der Sonne begrenzt ist, heute will er sie voll auskosten.



Für den Weg hierher hat er nach alternativen Möglichkeiten gesucht, sich vor den heißen Strahlen zu schützen. Von der Wirkungsdauer des Cocktails will er keine Sekunde verschwenden. Natürlich bieten ihm auch die richtige Kleidung und ein Schirm genug Schutz vor der Sonne, um nicht sofort zu verbrennen, aber unangenehm ist es trotzdem. Ganz zu schweigen von den Blicken, die er mit diesem Aufzug auf sich zieht. Und spätestens im Freibad fällt diese Option sowieso weg.



Und das Freibad hat er bald erreicht. Ist das da vorne nicht sogar Xiu, die auf ihn wartet? Die sollte ihn so besser nicht sehen, sonst hält sie ihn noch für seltsam. Also, für noch seltsamer, als sie ihn wahrscheinlich sowieso schon hält.



Glücklicherweise hat Amando vorgesorgt und seine normale Sommerkleidung angezogen unter all den Schichten. Bevor ihn Xiu ihn sehen kann, huscht er hinter die Mauer des Freibads. Hoffentlich funktioniert das mit diesem Cocktail.



Nachdem er ein schattiges Plätzchen gefunden hat und sich unbeobachtet fühlt, packt er den Sonnenwende-Cocktail aus. Er trinkt das Glas in drei beherzten Schlücken komplett leer und…



…fühlt sich hinterher auch nicht wirklich anders als zuvor. Aber sollte er das? Wie merkt er denn, dass es wirkt?



Vorsichtig befreit er seine rechte Hand vom schützenden Handschuh und hält sie ins Sonnenlicht, immer in der Erwartung, gleich ein extrem unangenehmes Brennen zu spüren. Aber das Brennen bleibt aus. Der Cocktail wirkt.



Der Cocktail wirkt! Es dauert einen Augenblick, bis Amando das wirklich realisiert. Er kann es kaum fassen. Sofort zieht er eifrig seine Schutzkleidung aus und versteckt sie zusammen mit seinem Schirm im Busch. Die Sonne verbrennt ihn immer noch nicht. Fantastisch!



Wie lange ist es her, dass er zuletzt die warmen Sonnenstrahlen auf seiner Haut spüren konnte und dabei etwas anderes empfand als Schmerz? Jahre? Ach was, Jahrzehnte! Ihn übermannt die pure Euphorie.



Seine Freundin bekommt das auch gleich zu spüren, als Amando um die Ecke biegt und regelrecht auf sie zu stürmt.

Xiuuu!



“Woah! Langsam, Amando!”

Ihre Überraschung kann sie kaum verbergen. Trotzdem lacht sie.

“Alles okay? Was hast du heute denn genommen, dass du so gut drauf bist?”



“Einen- …ich meine eine Sonnencreme. Die gegen meine Allergie hilft. Du glaubst nicht, wie gut sich das anfühlt!”



“Haha, ich glaube dir das gerne. Aber dann steht uns ja nichts mehr im Weg um schwimmen zu gehen, hm?”

“Gar nichts! Gehen wir.”



Während die beiden sich auf den Weg ins Innere des Freibads machen, gähnt Xiu. Mehrmals. Oft genug zumindest, dass es Amando auffällt.

“Sag mal, Xiu…du wirkst irgendwie müde. Ist alles okay?”



“Hm?.....oh! Ja, alles okay. Ich hab nur nicht viel Schlaf gekriegt. Ich war die halbe Nacht wach, um ein Interview zu bearbeiten, das ich gestern Abend geführt hab.”



“So spät noch? Aber wieso machst du das nicht zu einer normalen Zeit?”

“Geht nicht. Mein Chef hat es so schnell wie möglich gebraucht. Also hab ich eine Nachtschicht eingelegt.”



“Aber…das ist nicht gesund, Xiu!”

Da kommt wieder der Arzt in Amando durch. Oder der besorgte Freund. Wahrscheinlich beides. Ohne zu merken, was er da eigentlich tut, stellt er sich Xiu in den Weg.



Die ignoriert das gekonnt und geht einfach an ihm vorbei.

“Schon gut, Amando. Mach dir um mich mal keine Sorgen. Ich bin das gewöhnt. Und jetzt komm, umziehen! Wer als letzter seine Schwimmsachen anhat, muss eine Runde an der Bar ausgeben!”



Damit ist das Thema wohl gegessen. Diese Frau duldet ja sowieso keine Widerworte. Sorgen macht Amando sich trotzdem, aber was soll er tun? Im schlimmsten Fall muss er wohl Rettungsschwimmer spielen, aber soweit kommt es hoffentlich gar nicht erst.



Nachdem beide sich umgezogen haben, treffen sie sich wieder draußen. Xiu trägt zwar doch keinen Bikini, so wie Amando sich das vorgestellt hatte, aber in ihrem Badeanzug kann sie sich auch sehen lassen. Er müsste wohl befürchten ziemlich auffällig damit zu sein, wie er sie mustert, wenn Xiu nicht genau dasselbe mit ihm tun würde.

“Oh, wow…Amando, deine Bauchmuskeln können sich echt sehen lassen! Wie hast du das hinbekommen?”



“Yoga.”

“Im Ernst?!”

Xius ungläubiger Blick bringt Amando zum lachen.

“Das ist effektiver als du denkst! Ich leite hin und wieder einen Yogakurs. Du kannst ja gerne mal vorbeikommen und dich selbst überzeugen.”



“Sehr gern! Das wäre mal etwas Abwechslung. Bisher halte ich mich meistens ja eher an diverse Kampfsportarten, wenn ich Bewegung will. Oder Schwimmen.”

Das erstaunt Amando jetzt wiederum. Kampfsport? Das hätte er nicht erwartet. Andererseits hatte Xiu ja bereits erwähnt, dass sie sich zu verteidigen weiß, vielleicht hat sie das damit gemeint. Ist sicher kein Fehler als Frau in der Großstadt.



“Und zum Schwimmen sind wir ja hier. Also, wer als letzter im Wasser ist-”

“...gibt die zweite Runde an der Bar aus?”



“Ganz genau!”

So schnell, wie Xiu plötzlich davonsprintet, hat Amando gar keine Chance. Aber das ist ihm auch egal. Die erste Runde hat er ebenfalls verloren. Trotzdem will er kein Spielverderber sein und rennt hinterher.

“Hey! Unfair!!”



Natürlich kann Xiu gar nicht anders, als ihm das unter die Nase zu reiben.

“Hah! Schon wieder schneller! Du bist einfach zu langsam, Amando. Jetzt schuldest du mir schon zwei Cocktails.”



Diesmal lässt er es aber nicht auf sich sitzen. Er holt mit der Hand aus, um Xiu mit Wasser vollspritzen und…bekommt selbst einen Schwall ins Gesicht.

“Zu laaangsam!”

Vielleicht sollte er sich einfach nicht mit ihr anlegen. Außer…



Bevor Xiu auf irgendwelchen weiteren Blödsinn kommen kann, schwimmt Amando zu ihr, um sie zu küssen.



“Damit hast du jetzt nicht gerechnet, hm?”

“Nein….der Punkt geht an dich.”



“Willst du dafür jetzt auch einen Cocktail, oder lieber einen...anderen Preis?”

Amando verschluckt sich fast.

“Das…äh…überlege ich mir noch, okay?”



“Okay. Aber lass dir nicht zu lange Zeit, sonst verfällt dein Anspruch!”



“Meiner übrigens auch, deshalb will ich ihn lieber gleich einlösen. Das ganze Rumtoben im Wasser macht mich richtig durstig! Gehen wir an die Bar?”

“Sicher.”



“Weißt du schon, was du willst?”

“Noch nicht. Ich muss erstmal schauen, was sie haben.”



Xiu lässt sich Zeit mit ihrer Entscheidung. Amando hält sich derweil zurück. Eigentlich würde er auch gerne etwas trinken, aber neben Xiu kann er schlecht eine Blutkonserve auspacken. Selbst ein Plasma Jane von der Bar wäre schon verdächtig, wenn sie den hier überhaupt führen. Viele Vampire besuchen das Freibad sicherlich nicht. Also lässt er es lieber ganz bleiben, auch, als Xiu ihr Getränk endlich bekommt.



“Sag mal, willst du nichts trinken?”

“Ach, nein. Eigentlich nicht, wenn ich ehrlich bin. Vielleicht nachher…”



“Sicher?”

“Mhm. Aber schau mal, hier gibt es auch Eis. Willst du nicht lieber das statt einem zweiten Cocktail?”

“Wenn du mir eines holst, gerne! Ich mag Kirsche.”



Das lässt Amando sich nicht zweimal sagen. Für Xiu würde er im Augenblick wahrscheinlich alles tun. Naja, fast alles. Aber ihr ein Eis vom Automaten zu holen gehört definitiv zu den Dingen, die er tun würde. Gerade, als er sich die Eisauswahl ansieht, spürt er plötzlich ein Kribbeln am Arm. Seltsam. War das vorhin schon da? Oder wurde er von Insekten gestochen ohne es zu bemerken?



Nach und nach wird das Kribbeln stärker, fast schon schmerzhaft, und breitet sich auf mehr als nur seine Arme aus. Er wird doch wohl nicht etwa krank? Erst auf dem Rückweg zu Xiu dämmert ihm, was los ist. Die Schatten sind ziemlich lang geworden.



“Xiu, hier ist dein Eis. Bitte entschuldige mich, ich muss ganz schnell mal auf die Toilette.”

“Ist gut.”



Nachdem er das Eis übergeben hat, rennt Amando so schnell ihn seine Füße tragen zum einzigen Gebäude auf dem Grundstück. Schon der kurze Weg durch die Sonne verursacht starke Schmerzen. Er spürt förmlich, wie seine Haut zu verbrennen beginnt, als wäre sie aus Papier. Wie Narciso sich damals gefühlt hat, will er gar nicht wissen.

 

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