Orion konnte es in seiner Panik gar nicht abwarten, so schnell wie möglich ins Haus zu kommen. Natürlich kann Evan ihm das nicht verübeln und tritt beiseite. Bevor er ihn aber fragen kann, was genau denn vorgefallen sei, kommt schon Lucia um die Ecke. Die muss ihn wohl auch gehört haben.
“Ganz ruhig, Orion. Was ist passiert?”
“Sie sind hier.”
“Die Jäger?”
“Ja.”
“Bist du sicher?”
“Ja! Ich hab einen von ihnen gesehen!”
“Verdammt…welchen?”
“Diesen Großen mit dem dunklen Mantel.”
“Der komische Vogel mit den Federn am Hut?”
Lucias Worte müssen etwas in Orion ausgelöst haben. Zusätzlich zu seiner Panik, schwingt tatsächlich ein wütender Ton mit in seiner Stimme, die sich mittlerweile fast überschlägt.
“Komischer Vogel...?!”
“Dieser komische Vogel hat vor nicht allzu langer Zeit…Marco…vor unseren Augen…”
Orions Stimme stockt. Weiterzusprechen vermag er nicht. Als Lucia seine Tränen sieht, werden ihre Züge sehr viel weicher, als Evan das jemals von ihr erwartet hätte.
Er fragt sich, was damals vorgefallen ist. Natürlich kann er sich zumindest einen Teil denken, aber dennoch. Der Junge wirkt völlig traumatisiert. Zumindest Lucia scheint zu wissen, wie damit umzugehen ist, als sie ihn tröstend in den Arm nimmt.
“Shhh….”
Nachdem sie den schluchzenden Orion eine Weile lang im Arm gehalten hat, verändern Lucias Züge sich erneut. Mehr noch. Ihre gesamte Präsenz verändert sich, als sie sich wieder erhebt. Evan kann ihren Hass förmlich spüren, auch wenn er nicht auf ihn gerichtet scheint.
“Wenn er noch in der Nähe ist, erwischen wir ihn vielleicht. Diesem Stück Dreck würde ich gerne eigenhändig die Kehle aufreißen!”
An dieser Stelle mischt Evan sich nun doch wieder ein. Er vertraut Lucia nach wie vor nicht, aber selbst er erkennt, dass sie im Augenblick nicht in der Lage ist klar zu denken.
“Nicht so schnell! Wenn ein Vampirjäger in der Nähe ist, wird niemand von uns das Haus verlassen.”
“Und wie willst du versuchen, mich davon abzuhalten?”
Natürlich lässt Lucia seinen Einwand nicht durchgehen. Aber so bedrohlich sie im Augenblick auch wirken mag, sie ist nicht der einzige Meistervampir in diesem Raum.
“Wenn nötig mit Gewalt, auch wenn das für gewöhnlich nicht meine Art ist. Komm zu dir, Lucia! Du hast selbst gesagt, dass diese Jäger gerissen sind und nie alleine auf die Jagd gehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich dabei um eine Falle handelt, ist zu hoch, um unser aller Leben für ein wenig Rache zu riskieren.”
“Kchhhh!”
Es kostet Lucia offensichtlich sehr viel Mühe, Evan nicht gleich an die Gurgel zu gehen. Sie faucht, fletscht die Zähne, wirft ihm Todesblicke zu.
Am Ende behält sie aber doch die Beherrschung. Natürlich passt es ihr überhaupt nicht, was Evan da sagt, aber sie muss einsehen, dass er Recht hat.
“Verdammt…”
“Orion….hast du auch seinen Partner auch gesehen?”
“Nein, nur ihn. Er hat mich zum Glück auch nicht bemerkt. Ich glaube, er war schon wieder auf dem Weg zu gehen.”
“Dann werden wir ausharren. Morgen gehen wir in die Krypta und fragen nach, ob dort jemand mehr weiß. Bis dahin sollten wir uns ausruhen.”
“Da das hier mein Haus ist, werde ich wach bleiben und Wache schieben.”
Eigentlich möchte Evan nur nicht in Gegenwart seiner Gäste schlafen, obwohl er es gebrauchen könnte. Nicht, bis er etwas mehr über die beiden weiß. Er glaubt zwar nicht, dass all das nur Schauspielerei ist, aber Vorsicht ist dennoch geboten. Sicher ist sicher.
Wie er fast schon erwartet hat, hält Lucia sofort dagegen. Ihre Wut hat sie erstaunlich schnell heruntergeschluckt, um jetzt wieder einen deutlich höflicheren Ton an den Tag zu legen. Aber darauf fällt Evan nicht herein.
“Wache? Oh, nein. So sehr will ich deine Gastfreundschaft nun auch wieder nicht ausreizen. Geh du ruhig auch schlafen. Ich habe das die gesamten letzten Tage lang getan und bin bereits ausgeruht. Ich schiebe Wache.”
“Nein, nein. Ich bestehe darauf, es selbst zu tun. Schließlich wohne ich bereits seit langer Zeit hier und kenne die Gegend und die Nachbarn gut genug um sofort zu erkennen, wenn ein Fremder sich hierher verirrt hat.”
“Um den Gestank eines Menschen zu erkennen, brauche ich nicht zu wissen, wer die Nachbarn sind. Außerdem bin ich imstande, diese Vampirjäger zu erkennen, wenn ich sie sehe. Ich kenne sie nicht alle, aber ich weiß, wie sie sich verhalten.”
Es wird schnell deutlich, dass keiner der beiden so leicht nachgeben wird. Gerade, als Evan den Mund schon wieder öffnet um zu kontern, wendet Lucia sich plötzlich an ihren Begleiter.
“Orion…du hast am meisten durchgemacht. Warum ruhst du dich nicht schon einmal aus, während wir beiden das hier noch klären?”
“Kein übler Gedanke. Einen Sarg habe ich leider noch nicht für dich, aber ich kann dir dein Bett zeigen.”
“Wenn du mir folgen würdest…”
Orion kann kaum widersprechen. Trotzdem wirft er Lucia zunächst einen fragenden Blick zu. Erst, als diese nickt, folgt er seinem Gastgeber schließlich.
Evan ist es gar nicht so unrecht, eine Auszeit von diesem Gespräch zu haben, um seine Gedanken zu sortieren. Er führt seinen Gast bis ganz nach oben ins Dachgeschoss.
“Bitte. Diesen Raum hier können du und Lucia nutzen, solange ihr hier bleibt.”
Nachdem Orion sich kurz in seiner neuen Bleibe umgesehen hat, wendet er sich zögerlich an Evan.
“…Ihr…seid wirklich großzügig…”
“Für dich Du, Orion. Ich bin nicht dein Meister. Es gibt keinen Grund für dich, mich auf ein Podest zu stellen.”
Für einen Moment schweigt Orion, dann wischt er sich dankbar lächelnd eine Träne aus dem Gesicht.
“Danke…”
Mit einem Lächeln hatte Evan fast schon nicht mehr gerechnet. So sieht der Junge doch gleich ganz anders aus. Eigentlich ist er ja recht hübsch, wenn er nicht immer so gequält dreinschaut. Verdammt hübsch sogar.
Einen kurzen Augenblick lang verspürt Evan das Bedürfnis, ihm dabei zu helfen, seine Tränen zu trocknen. Mehr noch. Er würde ihn seine Angst und seine Trauer gerne vollkommen vergessen lassen und ihn stattdessen auf schönere Gedanken bringen. Aber dafür ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Nicht, wenn draußen Vampirjäger auf der Pirsch sind. Ganz davon abgesehen will er es nicht riskieren, Lucia zu verärgern. Selbst wenn er den beiden vertrauen kann, ist nicht gesagt, dass sie es ihm nicht übel nehmen würde, wenn er ihrem kleinen Schützling den Kopf verdreht.
“Ruh dich gut aus. Wenn du etwas brauchst, geh ruhig nach mir suchen und frage mich danach. Ich werde jetzt wieder zu Lucia gehen und mit ihr unser weiteres Vorgehen besprechen.”
Nach einem bestätigenden Nicken Orions verlässt Evan den Raum. Ob er das mit Lucia noch klären kann, ehe die Sonne aufgeht? Sonst bleiben sie eben beide wach. Vielleicht wäre das sowieso nicht die schlechteste Idee. Vier Augen sehen schließlich mehr als zwei.
Gerade, als er an seinem Zimmer vorbeigeht, öffnet sich die Tür. Wie ungeschickt. Caleb hatte er ja völlig vergessen…



































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