Die Krypta also. Das hätte Amando sich ja eigentlich denken können. Der Treffpunkt aller Vampire hier in der Gegend. Also, fast aller. Er selbst vermeidet diesen Ort für gewöhnlich.
Früher war er öfter dort und hat noch mehr den Kontakt zu Seinesgleichen gesucht. Im Laufe der Jahre wurde das aber weniger und weniger. Woran genau das liegt, kann er auch nicht sagen. Vielleicht waren es die Reaktionen der anderen Vampire auf die armen Menschen, die hin und wieder das Pech hatten sich dorthin zu verirren.
Dabei kann er sogar nachvollziehen, wie sie sich dabei gefühlt haben müssen. Alleine die Erinnerung lässt ihn schlucken. War seine Kehle die ganze Zeit schon so trocken?
Noch hat er ein paar Blutkonserven aus dem Krankenhaus übrig, um seinen Durst zu stillen. Zwei Tage reichen sie noch. Wenn er Glück hat drei. Danach muss er dringend sehen, wo er Nachschub herbekommt, wenn er bei seiner Rückkehr ins Krankenhaus nicht so durstig dort ankommen will, dass er gleich dem nächsten Patienten an den Hals springt.
“Vielleicht ist es doch gar keine so dumme Idee in die Krypta zu gehen, oder Marietta? Die wissen sicher auch, wo man etwas zu Trinken herbekommt. Etwas, das nicht unbedingt einem Unwilligen unter Hypnose abgezapft wurde. Kann ja nicht jeder Vampir dort ein Monster sein…”
Er könnte es sogar heute noch schaffen. Die Nacht ist noch nicht weit vorangeschritten und wenn er sich beeilt, ist er vor Sonnenaufgang wieder zuhause. Dann kann er sich morgen bei Xiu melden.
Die Aussicht darauf, sich wieder mit ihr zu treffen, genügt, um ihn zu überzeugen. Also macht er sich auf den Weg.
Etwas später kommt Amando in Forgotten Hollow an. Wie immer sind die Straßen fast ausgestorben. Kein Wunder eigentlich, besonders viele Einwohner hat das Örtchen ja nicht. Da ist er aus San Myshuno mittlerweile Anderes gewöhnt.
Wie lange ist es her, dass er zuletzt hier war? War das, als Narciso hierher gezogen ist? Hat er ihn in seinem Haus später eigentlich jemals besucht?
In der Krypta war er jedenfalls seit Ewigkeiten nicht mehr. Trotzdem kennt er alles noch ganz genau. Dieser Ort verändert sich wohl nie. Hat wahrscheinlich etwas mit der Langlebigkeit seiner Besucher zu tun.
Jetzt muss er nur noch herausfinden, wer ihm hier weiterhelfen kann. Evan hat von einem Cocktail gesprochen. Also jemand an der Bar vielleicht?
Schon als Amando sich auf die Bar zubewegt, wird er von der Frau dahinter angesprochen.
“Kann ich dir helfen, Kleiner?”
“Entschuldigen Sie bitte, sind Sie hier die Barkeeperin?”
“Lass mal sehen….ich steh hinter ner Bar, bin dabei Getränke zu mixen…jepp, ich glaube, ich bin die Barkeeperin. Willst du was trinken?”
“Ja, ich denke schon.”
“Du denkst, du willst was trinken? Was denn nun, ja oder nein?”
“Ja.”
“Geht doch. Und was willst du trinken?”
“Das…weiß ich noch nicht so genau. Also, ich weiß nicht, wie es heißt. Opa hat erzählt, es gibt einen Cocktail, der einen Sonnenresistent machen soll. Können Sie mir den herstellen?”
“Einen Sonnenwende-Cocktail? Klar. Der ist aber nicht billig. Kannst du dir das leisten? Ach, und das Sie kannst du übrigens steckenlassen.”
“Keine Sorge. Ich bin Arzt, ich habe Geld.”
“Arzt, huh? Sag nicht, du bist Cisos Bruder.”
“Cisos? Also wenn Sie…ähm…wenn du damit Narciso De Luna meinst, dann ja. Ich bin Amando De Luna.”
“Hah! Im Ernst? Irgendwie hatte ich mir dich anders vorgestellt.”
“So? Wie denn, wenn ich fragen darf?”
“Irgendwie weniger….na du weißt schon…blond.”
“Bitte?!”
“Denk doch mal nach. Dein Bruder, deine Mutter und dein perverser Opa gehen hier aus ein und die haben alle schwarze Haare. Also dachte ich logischerweise, das trifft auf dich auch zu.”
Darauf weiß Amando keine Antwort. Unrecht hat sie ja nicht, daher versteht er, wie sie zu dieser Annahme kommt. Aber musste sie das ausgerechnet so ausdrücken?
“Du machst dich dagegen ja eher rar. Zumindest seh ich dich heute das erste mal bewusst. Du kommst nicht oft hier her, hm?”
“Nein, das tu ich tatsächlich nicht. Das heute ist das erste mal seit….seit Jahren, eigentlich.”
“Merkt man.”
“So, hier ist dein Cocktail. Macht dann hundertfünfzig Simoleons. Aber denk dran Cinderella, der schützt dich nur ne begrenzte Zeit lang! Wenn er aufhört zu wirken und du stehst noch in der Sonne rum, gehst du wahrscheinlich innerhalb von Sekunden in Flammen auf.”
“Danke. Und wie lange wirkt der etwa?”
“Ungefähr vier Stunden. Stell dir am besten nen Wecker oder so, kann sonst echt unangenehm werden.”
“Gut. Ich passe schon auf. Danke für den Hinweis.”
“Ach, noch was…”
“Ich weiß nicht, wie gut du informiert bist, aber hier in der Krypta gehen seit einer gewissen Zeit Gerüchte über Vampirjäger um. Die sollen sich wohl in der Gegend herumtreiben und angeblich wurden zwei Stück letztens sogar in der Nähe von Forgotten Hollow gesehen. Ich wär an deiner Stelle also vorsichtig, so wie wir alle.”
Das hört Amando tatsächlich zum ersten mal. Vampirjäger? Hier in der Gegend? Dass es so etwas noch gibt. Man sollte meinen, die Gesellschaft wäre mittlerweile soweit, dass das nicht mehr nötig wäre. Andererseits führen seine eigenen Artgenossen sich ja auch noch auf wie die Barbaren. Eigentlich also kein Wunder…
“Das sind beunruhigende Neuigkeiten….vielen Dank für die Warnung. Ich werde auf mich aufpassen.”
“Na dann. Viel Spaß beim Sonnenbaden oder was auch immer du mit dem Zeug vor hast. Man sieht sich!”
So genau bekommt Amando die Worte der Barkeeperin gar nicht mehr mit. Er denkt auch schon gar nicht mehr daran, dass er sich eigentlich nach einem Ersatz für seine Blutkonserven erkundigen wollte. Seine Gedanken sind schon wieder bei Xiu. Die Nachricht mit den Vampirjägern sollte ihm eigentlich Sorge bereiten, aber er kann nicht anders als vor sich hin zu grinsen. Jetzt hat er endlich ein Ticket, auch mal bei Sonnenlicht auf ein Date zu gehen!
Den ganzen Weg nach hause über malt er sich aus, wie der Tag im Freibad wohl verlaufen wird. Wie die Sonne sich auf seiner Haut anfühlen wird, wenn sie ihn nicht verbrennt. Wie Xiu im Bikini aussieht…
Als er schließlich zuhause ankommt, hat er den Tag wie einen perfekten Film im Kopf. Natürlich ist ihm bewusst, dass es niemals exakt so ablaufen wird, aber bis es soweit ist, kann er ja noch träumen. Und wer weiß, vielleicht wird der Tag ja sogar noch besser, als er sich das überhaupt vorstellen kann.
Da die Sonne noch nicht aufgegangen ist, kann er Xiu schlecht anrufen. Wirklich warten will Amando mit den tollen Neuigkeiten aber auch nicht, also beschließt er, ihr einfach zu schreiben.
“Gute Neuigkeiten! Ich habe ein Mittel gegen meine Sonnenallergie gefunden. Unserem Ausflug ins Freibad steht nichts mehr im Weg.”
Zufrieden mit sich legt er sein Telefon beiseite und geht ins Badezimmer. Egal, ob Xiu nun heute noch schwimmen gehen will oder nicht, eine Runde Schlaf hat er sich verdient. Jetzt, wo er frei hat, kann er sich sogar mal mehr als nur ein Nickerchen gönnen.
Den Benachrichtigungston seines Telefons hört er durch die Badezimmertür nicht.
“Super!! Treffen wir uns heute Mittag in Oasis Springs?”








































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