Kapitel 18: Sonnenbrand

 

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Verdammt! Wieso hat er nur nicht auf die Zeit geachtet? Was tut er denn jetzt? Kann er sich mit Handtüchern einwickeln und so zu seiner Schutzkleidung und seinem Schirm kommen? Nein, zu auffällig. Soll er warten, bis die Sonne untergegangen ist? Das klingt schon vernünftiger. Aber was soll er Xiu erzählen? Dass er was Falsches gegessen hat und deshalb so lange hier drin war? Ob sie ihm das wohl abkaufen würde? Oder ist das auch zu verdächtig? Glaubt sie am Ende, er versucht ihr auszuweichen, weil er ihr das mit den Cocktails übel nimmt? Was er nicht tut, natürlich!



Immer und immer wieder geht Amando sämtliche Ideen durch, wie er wieder heil aus dieser Situation hier herauskommt. Und immer wieder schleichen sich die detailliersten Vorstellungen darüber ein, wie sehr das alles schief gehen könnte.



Bevor er aber tatsächlich zu einer Lösung kommt, wird er von einem Klopfen aus seinen Gedanken gerissen.

“Amando, bist du da drin? Du bist schon so lange weg. Stimmt irgendwas nicht?”



Mist. Jetzt sitzt er erst recht in der Falle. Aber einfach nicht antworten kann er auch nicht, sonst glaubt sie am Ende noch wirklich, er wäre abgehauen.

“Doch! Ich meine nein! Ich meine…ich….”

Was soll er sagen? Die Wahrheit? Nein. Aber vielleicht eine Teilwahrheit?

“...ich glaube, meine Sonnencremé wurde durch das Wasser abgewaschen.”



“Oh nein! Aber wieso versteckst du dich deswegen im Klo? Willst du nicht rauskommen? Ich kann dich neu eincremen!”



Wieder was, was er nicht bedacht hatte. Mit seiner Geschichte macht es wirklich keinen Sinn, hier drin zu sitzen. Eigentlich wollte er sich auch nur so lange verstecken, bis seine Haut sich wieder beruhigt hat und nicht ganz so auffällig gerötet ist. Aber Xiu hat ihn überführt. Mal wieder. Resigniert kommt er also aus seiner Kabine.

“Ich hab leider die Packung nicht dabei. Die hab ich ganz vergessen…”



“Was? Wie kannst du sowas Wichtiges vergessen? Sieh dich mal an!”



“Ich…ich war einfach mit dem Kopf woanders….ich war bei dir.”



Amandos Welpenblick scheint zu wirken. Xiu schmilzt regelrecht, als sie seine Worte hört.

“Oh, Amando…”



“Ich habe mich so darauf gefreut mit dir schwimmen zu gehen, dass ich das zuhause liegen gelassen haben muss….tut mir leid, Xiu…”



“Schon gut, das muss dir doch nicht leid tun. Weißt du…irgendwie….finde ich das sogar fast schon süß von dir.”

Amando weiß gar nicht, was er darauf antworten soll. Dass sie auch süß ist? Ist das überhaupt das richtige Wort für sie?

“Aber was mache ich jetzt mit dir?”



Xiu scheint sich ernsthafte Sorgen zu machen. Amando fällt aber auch nur eine einzige einigermaßen Sinnvolle Lösung ein. Gut, eigentlich zwei. Er könnte Xiu auch losschicken um seinen Schirm und die Kleidung zu holen, aber das will er nicht. Das wäre zu auffällig. Also bleibt nur eines.

“Wahrscheinlich bleibt mir nichts anderes übrig, als hier drin zu warten, bis die Sonne untergeht…”



Amando erwartet schon, dass Xiu beleidigt darüber ist. Stattdessen rückt sie näher zu ihm und lehnt sich an ihn an.

“Dann warte ich hier mit dir.”

Was für eine tolle Frau.



Selbst, wenn sie nur so dasitzen und sich anschweigen, fühlt Amando sich in Xius Gegenwart einfach nur wohl. Richtig geborgen. Wo war sie nur all die Jahre? Wobei, eigentlich kann ihm das egal sein. Wichtig ist eher, wo sie die kommenden Jahre sein wird. Und das ist hoffentlich an seiner Seite.



Xiu betrachtet nebenbei schweigend Amandos gerötete Haut. Das mit der Sonnenallergie war gar keine so schlechte Ausrede. So etwas Ähnliches ist es im Grunde ja auch, wenn auch schlimmer. Da muss es doch noch mehr geben, was man dagegen unternehmen kann! Beizeiten sollte Amando vielleicht speziell die vampirische Anatomie studieren. In der Universität lernt man ja nur über Menschen.



Während er darüber nachdenkt, woher er am besten Informationen dazu bekommen kann, meldet Xiu sich wieder zu Wort.

“Sag mal…das mit der Sonnenallergie…ist das eigentlich genetisch?”



Die Frage überrascht Amando. Trotzdem kann er sie ihr ja beantworten.

“Ich fürchte ja. Meine Mutter hat dasselbe Problem. Und die hat es wiederum von ihrem Vater.”

“Oh…das ist bedauerlich.”



Bedauerlich? Hat sie einfach nur Mitleid mit ihm und seiner Familie, oder denkt sie etwa jetzt schon über eigene Kinder mit ihm nach? Der Gedanke lässt ihn rot anlaufen. Gut, dass das dank seines Sonnenbrands auch nicht mehr auffällt. Allzu lange lässt Xiu ihn sich sowieso nicht in diesen Gedanken verrennen, da stellt sie schon ihre nächste Frage.

“Hast du eigentlich sonst noch Familie?”



“Zwei jüngere Geschwister. Eine Schwester und einen Bruder. Und du?”



“Leider nicht. Ich war ein Einzelkind und meine Eltern sind beide vor Jahren bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen.”



“Das tut mir leid…”

Instinktiv drückt Amando Xiu ein wenig fester an sich, während beide betroffen schweigen. Im Grunde braucht es gerade auch keine Worte. Die Geste reicht, um sie verstehen zu lassen, dass er für sie da sein will. So verbleiben sie für eine Weile, bis Amandos Blick schließlich zum Fenster wandert.



Zum Glück stand die Sonne schon recht tief, als Amando in die Umkleide geflüchtet ist. Durch die Fenster ist zu erkennen, dass sie jetzt schon kurz davor steht, hinterm Horizont zu verschwinden. Nachdem Amando sicher ist, dass sie das getan hat, lässt er Xiu schließlich los und steht auf.

“Ich glaube, jetzt ist es draußen wieder sicher für mich.”

“Sag bloß, du willst noch eine Runde schwimmen!”



“Heute lieber nicht mehr. Ich sollte nach hause gehen und etwas gegen diesen Sonnenbrand unternehmen. So eine Verbrennung sollte man nicht zu lange unbehandelt lassen. Der Schaden ist zwar schon entstanden, aber noch Schlimmerem kann man vorbeugen, wenn man-”



“Haha, schon gut, Herr Doktor! Ich nehme dir nicht übel, dass lieber zurück in deine Wohnung willst, keine Angst.”

“Oh, das…uhm….so hab ich das eigentlich nicht…”



“Na komm. Wir haben doch sowieso denselben Weg zurück nach San Myshuno. Reden können wir auch noch wenn wir laufen. Also ziehen wir uns um und gehen.”

Da hat sie wohl recht.



Während die beiden gemeinsam das Freibad verlassen, denkt Amando darüber nach, ob er seine Kleidung und seinen Schirm einsammeln sollte, entscheidet sich schließlich aber dagegen. Das kann er auch morgen noch tun. Jetzt hat er andere Prioritäten.

“Sag mal, Xiu…”

“Hm?”



“Wir kennen uns jetzt ja schon ein paar Wochen und ich weiß immer noch nicht genau, wo du eigentlich wohnst. Darf ich dich vielleicht mal in deiner Wohnung besuchen kommen?”

"Gehen wir lieber mal zu dir."



“Was? Hast du etwa nicht aufgeräumt?”

Amando lacht. Gegen einen Besuch von ihr hätte er eigentlich auch nichts. Er müsste nur vielleicht vorher die Blutkonserven in seinem Kühlschrank verstecken.



"Doch, doch! Aber ich glaube, meinem Mitbewohner würde das nicht gefallen."



Diese Aussage überrascht Amando so sehr, dass er stehen bleibt.

"...Mitbewohner?"



“Nur ein alter Freund. Mach dir um den mal keine Sorgen, der ist keine Konkurrenz für dich!”



“Oh….äh…ja, klar. Ich war nur überrascht. Ich dachte, du wärst alleine hergezogen.”

“Bei den Mietpreisen? Nicht jeder ist Arzt und kann es sich leisten, alleine im Zentrum von San Myshuno zu wohnen.”



“Da hast du wohl recht…”

Irgendwie behagt Amando die Vorstellung nicht, dass Xiu alleine mit einem Mann zusammen wohnt. Auch wenn es nur ein alter Freund ist. Aber vielleicht überreagiert er auch. Xiu hätte schließlich keinen Grund ihn anzulügen, oder? Und er hat eigentlich keinen Grund, eifersüchtig zu sein.



Trotzdem nagt der Gedanke an ihm, selbst als er sich schon längst wieder von Xiu verabschiedet hat und zurück in seiner Wohnung angekommen ist. Wieso hat sie ihm nicht gleich davon erzählt? Oder ist er selbst schuld, dass er einfach davon ausgegangen ist, dass sie alleine wohnt und nie näher nachgefragt hat?



“Sag mal, Marietta….giltst du eigentlich auch als Mitbewohnerin?”

 

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