Krankenhaus von Willow Creek, Freitagnachmittag
Wie immer ist viel los im Krankenhaus und wie immer hat Amando entsprechend alle Hände voll zu tun. Sportverletzungen, Infektionen, sogar eine Geburt gab es hier heute schon. Aber das Schlimmste soll erst noch kommen…
“Ganz ruhig, Herr Hansen. Das wird nur ganz kurz weh tun, danach geht es ihnen gleich besser.”
“Sehen Sie?”
“Tatsächlich! Die Kopfschmerzen sind wie weggeblasen. Vielen Dank, Dr. De Luna!”
“Gern geschehen. Und denken Sie dran, nächstes mal kommen Sie besser sofort, bevor es wieder so schlimm wird.”
Amando hofft wirklich, dass sein Patient sich daran hält und nicht wieder auf eigene Faust versucht seine Probleme zu lösen. Meist macht es das nur noch schlimmer. Bevor er aber auch nur damit beginnen kann sich auszumalen, was der Herr da überhaupt versucht hat, dass es so weit kommen konnte, wird er von einer Durchsage aus seinen Gedanken gerissen.
“Dr. De Luna? Bitte kommen Sie schnell zum Empfang. Ein Notfall!”
“Ich komme schon!”
“Wo ist der Notfall?”
“Draußen vor dem Gebäude ist eine Frau zusammengebrochen. Bitte sehen Sie sich das an.”
Tatsächlich liegt vor dem Krankenhaus, unweit der Eingangstür, eine bewusstlose Frau auf dem Boden. Amandos feine Nase nimmt den Alkoholgeruch, der von ihr ausgeht, schon von Weitem wahr. Er ahnt Schlimmes.
Da gerade sonst niemand helfen kann, muss er mal wieder selbst anpacken. Gut, dass er sportlicher ist, als er auf den ersten Blick aussieht. Außerdem kann er so schnell einen Blick auf den Hals der Dame werfen. Sein Verdacht bestätigt sich. Die zwei kleinen Löcher sind unverkennbar. Den damit einhergehenden Blutverlust kann er sich schon denken.
Eine Notfallversorgung später
“Das war jetzt schon die Dritte innerhalb der letzten zwei Wochen, die in diesem Zustand hier ankommt…”
Amando kann es nicht fassen. Das war eindeutig das Werk eines Vampirs. Eines ziemlich unverantwortlichen Vampirs, der offenbar Gefallen an seiner kranken Masche gefunden hat und sich so langsam zum Serientäter entwickelt. Aber wer tut so etwas? Niemand den er kennt, soviel steht fest. Sonst würde er demjenigen mal ordentlich die Meinung sagen.
“...was?! Es ist schon 21:00 Uhr?!”
Eigentlich sollte er sich jetzt, genau in diesem Augenblick, in San Myshuno mit Xiu treffen. Er hofft inständig, dass die Frau auf ihn wartet. Einen guten ersten Eindruck macht er mit dem Zuspätkommen ja nicht gerade, dabei kann er nun wirklich nichts dafür.
Gegen 21:40 Uhr in San Myshuno
“Amando! Da bist du ja! Ich hatte schon Angst, du lässt mich sitzen.”
“Nein, nein. Würde ich nie tun! Es war nur…die Arbeit…”
“Du hast doch Überstunden gemacht?”
“Ja…es gab einen Notfall.”
“Ah. Na, gehört bei dem Beruf wohl dazu.”
“Du, sollen wir nicht lieber unsere Telefonnummern austauschen, dass du mir schreiben kannst, falls sowas nochmal passiert?”
“Gern.”
“Die fehlende Zeit ist wohl auch der Grund, warum du so zerzaust aussiehst, hm? Ich hätte dich fast nicht erkannt!”
“Was? ….oh…….ja. Ich meine….zugegeben, ich sehe meistens so aus. Nicht viel Zeit zum herausputzen. Das letzten Samstag war eher die Ausnahme.”
“Ah…schade. Aber so gefällst du mir auch, also mach dir keinen Kopf.”
“Wirklich?”
“Willst du jedes mal nachfragen, wenn ich dir ein Kompliment mache?”
“Entschuldige…”
“An deinem Selbstbewusstsein musst du echt noch arbeiten. ”
“Ich weiß. Aber bevor wir noch länger hier herumstehen, sollen wir nicht lieber losgehen? Magst du Karaoke?”
“An sich ja, aber heute Abend ist mir eher nach was Ruhigerem.”
“Dann vielleicht…das Kunstzentrum?”
“Klingt gut. Dann zeig mir mal, wo es langgeht!”
Etwa 10 Minuten später im Künstlerviertel
“So, da wären wir.”
“Ach, das ist das Kunstzentrum?”
“Ja und glücklicherweise hat es rund um die Uhr geöffnet.”
“Ich hab mich ja schon beim Einzug gefragt, was das für ein Gebäude ist.”
“Dann wohnst du hier in der Gegend?”
“Ja, gleich um die Ecke.”
“Komm, lass uns reingehen!”
“Und hier gibt es also berühmte Gemälde, die man sich ansehen kann?”
“Nicht nur. Aber eins nach dem Anderen.”
“Die Bilder hier wurden alle von Künstlern aus unserer Stadt geschaffen.”
“Die Leute hier in der Stadt stehen echt auf viele bunte Farben, was?”
“Da hast du nicht Unrecht. Mir ist das auch schon aufgefallen.”
“Auch die Motive wiederholen sich. Die Künstler hier zeigen, dass sie die simplen geometrischen Formen ihrer urbanen Umgebung zu schätzen wissen und dennoch sehnen sie sich nach der Natur”
“Ach deshalb die ganzen Blumen und Bäume und so auf den anderen Bildern.”
“Genau”
“Ist Kunst ein Hobby von dir oder warum weißt du so viel darüber?”
“Nein, nicht direkt. Aber mein Opa kennt sich ziemlich gut damit aus. Der hat mir das mal erzählt. Seitdem komme ich ganz gerne hierher, wenn ich nachdenken muss. Ich mag die Atmosphäre irgendwie.”
“Oh! Warte mal!”
“Hm?”
“Das hier ist anders. Das spricht mich irgendwie an.”
“Das da? Wirklich? Das ist ‘Die Flucht’ von Unbek Ant. Ich fand das Bild ja immer eher bedrückend…”
“Wieso das denn?”
“Na schau doch mal hin! Ein Mann flüchtet aus dem Licht in die Schatten. Wovor sieht man nicht, aber er muss schon sehr verzweifelt sein. Dazu noch diese Farbwahl. Alles nur Schwarz, Weiß oder Grautöne, mit Ausnahme von diesem Hintergrund in tiefem Rot. Opa hat erzählt, dass er nicht nur zufällig diese Farbe hat. Wenn du genau hinschaust, kannst du erkennen, dass er sogar ein sich wiederholendes Tropfenmuster aufweist. Wie Blut.”
“Tatsächlich.”
“Angeblich sollen in Ants Werk immer wieder so ähnliche Motive vorgekommen sein. Irgendwas muss den armen Mann ja ziemlich beschäftigt haben. Leider weiß man nicht viel über ihn.”
“Ich rieche Potenzial in dieser Story!”
“Was meinst du?”
“Ach, ich hab das noch gar nicht erwähnt, oder? Ich bin Journalistin! Und für mich klingt das Ganze wie Material für einen interessanten Artikel. ‘Das Werk des mysteriösen Unbek Ant’. Wer ist dieser Mann? Was haben seine Bilder zu bedeuten? Wieso unterscheidet sein Werk sich so stark von dem der anderen Künstler der Stadt?”
“Oh….ja, das klingt wirklich spannend.”
“Wenn du irgendwann mal so einen Artikel irgendwo veröffentlichst, dann musst du mir das unbedingt zeigen! Das würde ich echt gerne lesen. Opa bestimmt auch.”
“Hey, wenn dein Großvater so viel weiß, vielleicht kann er mir dann ja sogar bei der Recherche helfen? Meinst du, du könntest ein Interview arrangieren?”
“Das….uh….öhm….ich fürchte, das wäre keine so gut Idee…”
Xiu und Evan. Das hätte Amando gerade noch gefehlt. Sobald er die beiden auch nur für fünf Minuten alleine lässt, hat er selbst doch keine Chance mehr bei ihr. Zumal diese Begegnung unangenehme Fragen aufwerfen könnte, wie zum Beispiel die, warum sein eigener Großvater kein bisschen älter aussieht als er selbst.
“So? Wieso denn nicht?”
“Na weil er….viel beschäftigt ist. Und gebrechlich. Mein Opa ist steinalt, weißt du?”
“Und dann ist er viel beschäftigt?”
“Viel beschäftigt damit zu überleben und nicht an seinen vielen Leiden und Gebrechen einzugehen!”
“Das….das tut mir leid zu hören. Das muss sehr schwer sein.”
“Ja, sehr schwer! Er lässt eigentlich nur noch Besuch von der Familie zu. Ein neues Gesicht könnte ihn so sehr erschrecken, dass er einen Herzinfarkt bekommt. Ich weiß das. Ich bin schließlich Arzt.”
“Na dann lasse ich das lieber bleiben.”
Puh. Katastrophe erfolgreich abgewendet.
“Also…jetzt, wo wir hier durch wären, willst du vielleicht was trinken? Nebenan gibt es eine Bar. Danach können wir uns oben umsehen, da ist man herzlich dazu eingeladen, selbst etwas zur Kunst beizutragen.”
“Gerne.”
“Einfach mir nach.”
“Amando, warte mal. Ich werde angerufen.”
“Um diese Uhrzeit?”
“Ja?”
“.....was?”
“Jetzt sofort?”
“Mist….”
“Tut mir wirklich leid, Amando, aber ich muss weg. Das ist jetzt bei mir ein Notfall.”
“Oh nein. Hoffentlich nichts Schlimmes?”
“Das wird sich zeigen.”
Xiu wendet sich ab um zu gehen, bleibt jedoch noch einmal stehen.
“Ach ja….eins noch.”
…
“Ich glaube, das war ein Date. Mach’s gut, Amando. Wir sehen uns!”
“Bis dann, Xiu…”
Der plötzliche Kuss lähmt Amando noch immer, nachdem Xiu das Kunstzentrum längst verlassen hat. Das war ein gutes Zeichen, oder? Ja. Ein sehr gutes sogar. Und sie hat gesagt ‘Wir sehen uns’. Das heißt, sie will ihn wieder treffen. Er kann es immer noch nicht glauben. Geht sein Wunsch etwa endlich in Erfüllung?






















































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