Forgotten Hollow, an einem vergleichsweise milden Frühlingsabend
Wie so oft ist Evan auf der Suche nach einem neuen Motiv, das er auf der Leinwand festhalten kann. Damenbesuch hatte er heute zwar bereits, aber die hat sich schon wieder verabschiedet, also beschließt er spazieren zu gehen und sich dabei nach einem passenden Ersatz für ein Modell umzusehen.
Die Malerei ist ein Hobby, das er schon sehr lange verfolgt. Das Gefühl des Pinsels auf der Leinwand und der Geruch der Farbe haben für gewöhnlich eine beruhigende Wirkung auf ihn, aber heute fällt es ihm schwer, sich zu konzentrieren. Calebs Worte gehen ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf.
Egal, wie sehr er versucht sich abzulenken, seine Gedanken schweifen doch immer wieder zurück zu diesem Thema.
Eine neue Meistervampirin. In seinem Territorium. Das kann nur Ärger geben.
Es ist ja nicht so, als würde er andere Vampire nicht dulden. Schließlich hat er sich selbst erst ein paar Generationen zuvor hier eingenistet, trotz eines bereits vorhandenen Meisters. Aber Vladislaus Straud ist ein Fossil und schon vor vielen Jahren recht inaktiv geworden. Es war nicht schwer, ihm den Rang abzulaufen; ob das dem Alten nun bewusst ist oder nicht.
Die Vatore Geschwister sind dagegen in den besten Jahren, aber die sind beide harmlos. Das hat Evan sehr schnell gemerkt, nachdem er sowohl Caleb als auch Lilith mühelos um den Finger wickeln konnte. Die werden ihm wohl kaum in die Quere kommen.
Und dann wären da noch die zahlreichen Nachkommen der beiden. Zu zahlreich vielleicht, aber kleine Fische, allesamt. Solange keiner von denen plötzlich Ambitionen entwickelt, lässt er sie gewähren.
Etwas Ähnliches gilt für seine eigene Tochter und deren Söhne. Allerdings kann er sich auch nicht vorstellen, dass die jemals auf die Idee kommen würden, ihm Konkurrenz machen zu wollen. Diane ist zu sehr mit ihrer Schauspielerei und ihren Fans beschäftigt, Narciso mit seinem absurden Plan ein Restaurant für Vampire aufzumachen und Amando….nun, der hat im Augenblick offensichtlich auch andere Dinge im Kopf.
Aber eine Fremde? Viel konnte Caleb ihm leider auch nicht erzählen. Nur, dass sie sich als Meisterin zu erkennen gibt und offenbar auch als solche gesehen werden möchte.
Angeblich hat er sie selbst noch nicht getroffen, nur von ihr gehört.
Was soll Evan jetzt tun? Einfach abwarten, bis sie ihm zufällig über den Weg läuft?
Sie wird wohl kaum aus freien Stücken zu ihm kommen und an seine Haustür klopfen. Nicht ohne einen Plan ihn auszuschalten zumindest.
Dem muss er um jeden Preis zuvorkommen. Er braucht Informationen und das bald. Alleine kommt er da nicht weiter.
Ihm fällt nur ein einziger Ort ein, um derartige Informationen zu beschaffen.
Was auf den ersten Blick wie ein einfacher alter Friedhof am Rande von Forgotten Hollow erscheint, ist schon lange weitaus mehr als nur das.
Noch immer befinden sich hier zahlreiche Gräber, so wie fast überall in der Gegend, aber außer einem einfachen Ort um die Toten zu begraben hat sich das Gewölbe unter dem Friedhof als hervorragender Treffpunkt für die ansässigen Blutsauger herausgestellt. Wenn Evan irgendwo etwas über die Neue erfährt, dann hier.
Wie erwartet ist ‘die Krypta’, wie der Ort liebevoll genannt wird, auch heute Nacht wieder gut besucht. Schon von Weitem kann Evan hören, wie sich die Gäste angeregt unterhalten. Auch, wenn er den Anfang der Konversation verpasst hat, kann er sich zumindest teilweise denken, worum es geht.
“Unglaublich, oder? Bei uns in der Gegend?”
“Ich kann es auch kaum fassen. Das letzte Mal war ich noch gar nicht auf der Welt.”
“Ob sie was dagegen unternehmen wird?”
“Hoffentlich…”
Ohne lange zu fackeln klinkt Evan sich in die Unterhaltung mit ein.
“Guten Abend die Damen und Herren. Darf ich fragen, was euch in einer schönen Nacht wie dieser so sehr beschäftigt?”
“Oh! Guten Abend, Evan. Ich hatte dich gar nicht kommen hören.”
“Ich habe mir sagen lassen, ich sei sehr leise.”
“Stimmt. Aber zur Frage, was uns beschäftigt….hast ausgerechnet du etwa noch nicht die Neuigkeiten gehört?”
“Dass sich hier in der Gegend eine neue Meisterin eingenistet haben soll? Oh doch, das ist mir bereits zu Ohren gekommen.”
“Ich möchte nur gerne wissen, was dieses freche Weib sich dabei denkt! Glaubt sie etwa im Ernst, mir Konkurrenz machen zu können?”
“Warum fragst du sie das nicht einfach selbst?”
“...sie ist hier?”
Diese Nachricht erwischt Evan eiskalt. Er hatte damit gerechnet, Informationen über seine neue Konkurrentin herauszufinden, nicht, ihr zu begegnen.
“Sicher doch. Schon seit einer ganzen Weile. Ich glaube, sie ist bei den Särgen. Sie wollte sich ein bisschen Ruhe gönnen, nachdem sie vorhin permanent von Verehrern umschwärmt wurde. Kann ich aber nachvollziehen. Sie ist eine wirklich interessante Frau. Auch, was sie so zu erzählen hat…”
Von Verehrern umschwärmt? Interessante Frau? Jetzt reicht’s aber! Versucht die etwa ihn auszustechen, indem sie die anderen Vampire auf ihre Seite bringt?
“Bitte entschuldige mich.”
Er muss diese Frau finden und ihr ein für allemal klar machen, wer hier der ansässige Meistervampir ist..
Und tatsächlich, als er den Vorhang beiseite schiebt, der den ‘Ruheraum’ vom Rest des Geschehens trennt, sieht er sie. Und noch immer hat sie einen Verehrer bei sich. Aber das wird sich schnell ändern.
Gekonnt verbirgt Evan, wie aufgebracht er tatsächlich ist, und setzt stattdessen sein charmantestes Lächeln auf. Wut war noch nie die Waffe seiner Wahl. Wenn er dieses Spiel schon spielen muss, dann nach seinen eigenen Regeln.
“Guten Abend schöne Dame. Störe ich?”
“Evan Vectura?”
Sie kennt seinen Namen?
“Sind wir uns schon einmal begegnet?”
“Nein, aber dein Ruf eilt dir voraus.”
“Nur im Positiven, will ich doch hoffen!”
“Das kommt ganz darauf an, wen man fragt.”
“Und wen hast du gefragt?”
“Genug Leute, um mir ein ausreichendes Bild von dir machen zu können.”
“Ausreichend genug zumindest, um mich auf Anhieb zu erkennen. Respekt.”
“Oh, glaub mir, so beeindruckend ist das nicht. Verglichen mit dem, was mir hier bislang sonst so begegnet ist, fällst du auf wie ein Pfau in einer Schar Gänse.”
“Sollte das etwa ein Kompliment gewesen sein?”
“Das darfst du selbst entscheiden. Aber ich bin eigentlich nicht den weiten Weg gekommen, um mit dir zu flirten.”
“Sondern?”
“Ich bin hier, um dich um Hilfe zu bitten.”
Die Überraschung muss Evan ins Gesicht geschrieben sein, denn auch die Miene der Vampirin wird mit einem mal ernster.
“Wir werden verfolgt.”







































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