Kapitel 12: Noch ein Date

 




Nach einer einer angenehmen Dusche verbringt Amando einige Zeit vor dem Spiegel - auch wenn er darin gar nichts sieht. Es ist eine alte Angewohnheit, die er nur schwer ablegen kann. Trotzdem hilft es ihm irgendwie dabei, sich zu konzentrieren.



“Irgendwann werde ich noch verrückt dabei…vor dem nächsten Date frage ich definitiv Opa, wie der das eigentlich macht. Da muss es doch irgendein Geheimnis geben!”

Daran, dass Übung das Geheimnis sein könnte und die ihm einfach fehlt, denkt er nicht. Entsprechend braucht er auch heute wieder ein bisschen länger, bis er sich überzeugt hat, dass seine Frisur nicht völlig schief sitzt.



Um passende Kleidung auszusuchen fehlt ihm diese Zeit dann wiederum. Die ist ihm aber auch nicht so wichtig. Es ist mittlerweile Sommer geworden und damit ziemlich warm, da wird Xiu es ihm doch sicher nicht übel nehmen, wenn er sich entsprechend kleidet, oder?



Da sowieso fast 19:00 Uhr ist, will er darüber auch nicht unnötig lange nachdenken. Glücklicherweise hat er keinen langen Weg zum Treffplatz.

“Ich bin dann weg, Marietta! Pass auf die Wohnung auf.”



Am Treffplatz angekommen braucht Amando einen Moment, bis er Xiu auf einer Bank sitzend entdeckt.

“Xiu! Ich hatte dich von hinten gar nicht gleich erkannt mit dem hochgesteckten Haar.”



“Wer ist dein neuer Freund?”

“Oh, Amando! Da bist du ja. Ich glaube, das war ein Streuner. Er hat mir bis gerade eben Gesellschaft geleistet. Ich war heute tatsächlich schon ein bisschen früher hier und dachte, ich setze mich hin. Durch den Hund muss ich die Zeit ganz vergessen haben…”



“Kann ich verstehen. Gut, dass ich dich trotzdem gefunden habe. Gehen wir?”

“Wenn du vorausgehst, natürlich.”



Zusammen machen die beiden sich auf den Weg zur nächsten U-Bahn Station. Xiu ergreift als erste wieder das Wort.

“Was für ein Glück, dass du heute früher mit der Arbeit fertig warst! Das passiert nicht oft, oder?”



“Nicht wirklich, nein. Das heute war eigentlich auch nicht geplant. Eine Kollegin meinte, ich bräuchte ganz dringend Urlaub, also hat sie mich nach hause geschickt und mir gesagt, ich solle den Rest der Woche frei nehmen.”



“Ooooh, du hast die ganze Woche frei? Dann können wir ja auch mal tagsüber was machen! Ich arbeite nämlich auch nicht jeden Tag, weißt du?”



“Äh….ja….sicher.... Oh, hey, da ist ja schon die U-Bahn-Station!”

Natürlich erntet Amando für diese zögerliche Aussage einen schiefen Blick. Das ging in die Hose. Hoffentlich nimmt sie es ihm nicht allzu übel.



Etwas später außerhalb der Stadt, an der Magnolia Promenade


“Du, Xiu….”

“Mh?”



“Bitte entschuldige meine Reaktion vorhin…”

“Mmmh?”



“Du warst die ganze Fahrt über so ruhig und hast mich nur angestarrt. Ich wollte dich nicht beleidigen oder so.”



“Hä? …oh! Ach das. Nee, keine Angst, hast du nicht. Es ist nur….ich hab vorher noch nie deine Arme gesehen. Sind die echt?”



Damit verwirrt sie Amando nun vollends. Was ist das denn jetzt für eine Frage?

“Was? Meine Arme?”



“Diese Muskeln! Ich hatte dich eigentlich gar nicht als so durchtrainiert eingeschätzt. In deinem Hemd und deiner Jacke wirkst du irgendwie schmaler.”

“Also…ja….ich meine, ich halte mich fit. Als Arzt sollte ich ja eigentlich ein gutes Vorbild für meine Patienten sein.”



“Vorbild ist gut. Also ich schau mir das gerne an.”



“Hmmm….eigentlich würde ich sogar gerne noch viel mehr davon sehen…”



Irritiert bleibt Amando stehen. Hat sie das gerade ernsthaft gesagt? Bedeutet das jetzt etwa, dass sie ihn…nackt sehen will?



Bevor seine Gedanken zu weit abschweifen, lenkt Xiu schon wieder ein.

“So in der Badehose oder so. Das wäre doch die Idee! Du hast frei, ich kann mir freinehmen. Gehen wir später diese Woche zusammen ins Freibad!”



Ah, nur Freibad. Nein, moment. Freibad ist nicht gut. Instinktiv sucht Amando schon wieder nach einer Ausrede.

“Freibad? Das….äh…klingt ja verlockend, aber…äh….ich fürchte, ich kann nicht.”



“Was? Wieso denn nicht? Hast du etwa doch keine Zeit?”



“Doch! Schon, aber….ich leide unter einer seltenen…äh…seltenen Form von Sonnenallergie. Deshalb auch meistens die langen Ärmel. Wenn ich in die Sonne gehe, fühlt sich das immer gleich an, als würde ich verbrennen. Deshalb gehe ich eigentlich immer nur in den späten Abendstunden schwimmen, oder in einem Hallenbad oder so…”



“Oh….aber dafür gibt es doch spezielle Sonnencremes, die da helfen. Hast du daran noch nie gedacht? Du bist Doch Arzt!”



“....tatsächlich? Nein, daran hab ich echt noch nie gedacht…”

Ob es sowas wohl auch für Vampire gibt?



“Dann hast du jetzt ja deine Lösung. Wir müssen ja nicht gleich morgen gehen. Mach dich in den nächsten Tagen einfach schlau und besorg dir eine, dann kannst du dich ja wieder melden."

Damit ist das Thema für Xiu wohl abgeschlossen. Außerdem sind sie mittlerweile fast beim Kino angekommen.



“Da wären wir. Dann schauen wir doch mal, was heute Abend so läuft.”



“Hmm…hier steht, es läuft gerade eine romantische Komödie namens ‘Ein Sim im Liebeswahn’!”



“Und der andere Film ist…..ach, ‘Gemetzel im Mondlicht III’, nur so ein Horrorfilm."



"Dann fällt die Wahl wohl nicht schwer. Schauen wir doch-”

“Den Horrorfilm!”

“....höh?”



“Bist du sicher?”

“Na klar! Ich steh auf Horrorfilme!”

“Oh…ach….interessant. Na dann….”



So hätte Amando Xiu gar nicht eingeschätzt. Andererseits….nach ihrer Faszination mit Unbek Ants ‘Die Flucht’ im Museum hätte ihm das eigentlich klar sein sollen.

“Dann gehen wir doch mal rein.”



“Zwei Tickets für Gemetzel im Mondlicht, bitte.”



“Xiu, willst du Popcorn?”

“Klar.”

“Dann dazu außerdem einmal Popcorn.”



“Bis der Film anfängt dauert es noch ein bisschen. Warten wir solange hier.”

“Ist gut.”



“Willst du wirklich dein ganzes Popcorn jetzt schon essen?”

“Sorry, schlechte Angewohnheit.”



Für ein Weilchen schweigen die beiden sich an, während Xiu ihr Popcorn isst. Eine Frage brennt Amando allerdings schon auf der Zunge, seit sie sich getroffen haben. Schließlich hält er es einfach nicht mehr aus.

“Sag mal, Xiu….ich hoffe, ich trete dir damit jetzt nicht zu nahe, aber….dein Notfall letztens. Darf ich fragen, was das war? Ist es gut ausgegangen?”



“Hm? Oh, ach das! Ja, war dann doch nicht so schlimm. Nur ein kleines Ungezieferproblem, um das ich mich kümmern musste.”



“Ah, na dann bin ich ja beruhigt. Oh, schau, der Film fängt bald an. Wir sollten los.”



Xiu seufzt.

“Natürlich genau dann, wenn mir das Popcorn ausgeht….”



“Aber da bin ich ja selbst schuld.”

“Na komm. Einfach den Pfeilen folgen. Auf den Karten steht, der Film läuft im grünen Saal.”



“Schau, unsere Plätze sind gleich hier hinten.”



“Partnersitze? Ach bist du süß…”

“Ich gebe mir Mühe.”



Es dauert nicht lange, bis die Lichter im Raum gedimmt werden.

“Ah, der Film beginnt.”

“Pfff, Teenager die zusammen in den Wald fahren um Party zu machen? Was für ein Klischee!”

“Schlecht?”

“Nein, ich find’s klasse!”



“Wird dir das nicht ein bisschen langweilig?”

Amando gähnt übertrieben gespielt. Natürlich meint er das nicht ernst. Das Gähnen und Strecken nimmt er allerdings als geschickte Ausrede, um Xiu den Arm um die Schultern zu legen. Die kichert darüber amüsiert.



“Mit dir? Ganz bestimmt nicht.”


Nach der Vorstellung im Foyer


“Wow! Hast du gesehen, wie der Verrückte im Hasenkostüm den einen mit seiner Kettensäge glatt zweigeteilt hat? Der Effekt war so gut, dass ich das Gefühl hatte, das Blut spritzt gleich von der Leinwand und landet mir im Gesicht!!”



“Freut mich, dass es dir gefallen hat. Ein bisschen übertrieben war es aber schon, oder? Wie kann man denn so doof sein, sich von dem Alten an der Tankstelle in eine so offensichtliche Falle locken zu lassen?”



“Aber das ist doch der Spaß an diesen Filmen! Darüber zu lachen, wie dämlich die Protagonisten sich anstellen und wie sie dann dafür bestraft werden.”



“Hmm…du hast wohl recht…”

Ganz überzeugt ist Amando davon nicht. Er hat in seinem Leben wohl schon zu viel realen Horror gesehen, um solchen Filmen noch großartig etwas abgewinnen zu können. Aber solange es Xiu glücklich macht, ist er auch glücklich.



Gemeinsam machen die beiden sich auf den Weg zurück in die Innenstadt von San Myshuno.



Zurück in San Myshuno

“Soll ich dich noch nach hause begleiten, Xiu?

“Nein, schon gut. So lang ist mein Weg auch wieder nicht.”



“Und Sorgen zu machen, dass ich überfallen werde oder so brauchst du dir auch nicht. Ich kann mich durchaus verteidigen!”



“Na dann.”

“Aber vergiss nicht, informiere dich über die Sonnencreme und dann melde dich bei mir, ja?”

“Mache ich.”



“Dann gute Nacht, Amando. Wir sehen uns später die Woche!”

Mit diesen Worten verabschiedet Xiu sich. Amando sieht ihr lächelnd hinterher.



Lange hält dieses Lächeln allerdings nicht an. Eine Sonnencreme, die ihn schützen soll? Ihn als Vampir? Gibt es sowas überhaupt? Was hat er sich da nur wieder eingebrockt?

 

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