Wie in jeder Nacht ist es auch an diesem Donnerstag ruhig im verschlafenen Glimmerbrook. Das Rauschen des Windes, das sanfte Prasseln des Regens und der gelegentliche Ruf eines Käuzchens sind alles, was zu hören ist. Bis plötzlich ein lauter Schrei die Stille durchbricht…
“AAAAAARRRRRRGH!”
“Halt still, Narciso!”
“HALT DU DOCH MAL STILL, WENN DEINE VERDAMMTE JACKE BRENNT!!”
“Die würde nicht brennen, wenn du lange genug still halten würdest, dass ich sie löschen kann!”
“So. Siehst du? Alles wieder gut.”
Narciso kann sich nur schwer beruhigen. Soll das jetzt zur Gewohnheit werden?
“Gar nichts ist gut! Wieso passiert mir das dauernd? Du zauberst einer Pflanze Blüten, ich zaubere meine Schuhe in Brand. Du verzauberst einen Wassereimer, so dass er tanzt, ich zaubere meine Hose in Brand. Du zauberst dir eine Tasse Tee, ich zaubere meine Jacke-”
“Ganz ruhig. Komm bitte erstmal wieder runter. Es ist doch nichts passiert”
“Das sagst du so leicht…”
“Ich verstehe ja, dass dich das frustriert, aber es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Vielleicht versuchst du es zu aggressiv?”
“Pff…”
Daraufhin muss Narciso sich erstmal setzen. Ja, vielleicht ist er zu verkrampft. Aber zuhause hatte es doch auch funktioniert!
“Ich konnte es doch schon mal! Die Pfützen auf meinem Dachboden hab ich auch weggezaubert bekommen!”
“Kann es sein, dass das auch so eine Art Feuerzauber war und du sie einfach nur hast verdampfen lassen, ohne es zu merken?”
Reflexartig holt Narciso schon wieder zum Gegenargument aus, aber dann fällt ihm doch keines ein. Also wird er kleinlaut.
“Das….öh….verdammt…darüber hab ich noch gar nicht nachgedacht…”
“Ich schätze, wir müssen unsere Lehrstunden ein bisschen umgestalten. Ich weiß nicht, ob es mit deinem Vampirismus zusammenhängt oder mit der Art, wie dein Magierblut aktiviert wurde, aber deine Magie funktioniert offenbar anders als meine.”
“Hmm…”
“Keine Sorge, Narciso. Mir fällt schon was ein. Ich werde mit den Weisen sprechen, vielleicht wissen die ja einen Rat. Bis dahin sollten wir lieber Pause machen.”
“Mmh…ja, du hast wohl recht. Sorry für die Überreaktion vorhin. Fühlt sich nur echt nicht so geil an, ständig in Flammen zu stehen. Erst recht nicht, wenn man schon mal zu Tode verbrannt ist…”
“Das verstehe ich natürlich. Deshalb wäre es jetzt wahrscheinlich auch besser, wenn du dir ein bisschen Ruhe gönnst. Nimm ein Bad, mach was Schönes und bring dich wieder auf andere Gedanken.”
“Ja, werd ich wohl…..da fällt mir ein, ich hab mit Caít gesprochen!
“Und?”
“Sie wollte vorbeikommen.”
“Na das ist doch was Schönes. Richte ihr viele Grüße aus von mir und sag ihr, sie soll ihre alte Mutter ruhig auch mal wieder besuchen kommen.”
“Mach ich. Ich sollte sowieso langsam los. Ciao, Laetitia!
“Ciao, Narciso. Ich melde mich, wenn ich mehr weiß”
Zurück in Forgotten Hollow
Narciso kommt wesentlich früher zuhause an, als er eigentlich erwartet hatte. Seine Nichte hatte sich erst für viel später angekündigt. Vielleicht ist das aber gar nicht so schlecht. So kann er wenigstens noch in Ruhe, wie von Laetitia geraten, ein Bad nehmen, was er auch gleich tut.
Ein entspannendes Bad später
“Aaah, nach dem Feuer war das Wasser auf der Haut richtig gut. Außerdem kann Caít mich jetzt nicht fragen, was ich eigentlich in die Luft gejagt hab, um den ganzen Ruß abzubekommen.”
Aber womit schlägt er sich jetzt die Zeit tot, bis sein Besuch kommt? Lernen? Nee…dann schon lieber eine Runde Internet.
“...oh, hey, ne Mail! Mal sehen…”
“Meine bestellte Lieferung soll heute noch ankommen? Wird aber auch Zeit!”
So langsam hat Narciso ja selbst schon nicht mehr daran geglaubt, dass das Alienblut noch ankommt. Umso besser, dass das Ganze offenbar doch kein Scam war. Teuer genug war es ja.
Narciso verbringt noch ein paar Stunden damit wahllos im Internet zu surfen, da klopft es schließlich an der Tür. Ob das seine Lieferung ist? Oder…
“Onkel Ciso!”
“Caít! Gut, dich wieder zu sehen. Wie war der Urlaub? Irgendwas Interessantes entdeckt?”
“Woah, langsam! Lass mich doch erstmal reinkommen. Dann erzähl ich dir alles.”
“Oh, klar, sorry. Komm ruhig rein. Ich hab dich nur schon so lang nicht mehr gesehen.”
“Dito. Trotzdem würde ich mich gern hinsetzen. Ich hatte einen langen Weg und hab nicht deine Ausdauer.”
“Kann ich dir irgendwas anbieten?”
“Hast du denn überhaupt irgendwas da, was eine Normalsterbliche wie ich trinken kann?”
“Äh…”
“Haha, schon gut, mach dir keinen Stress. Ein Glas Wasser reicht vollkommen.”
Diesen Wunsch kann Narciso seiner Nichte natürlich nicht ausschlagen. Er bringt ihr also ein Glas Wasser und setzt sich dann zu ihr.
“Also, der Urlaub….hmm…wo fang ich an? Ich hab viele alte Ruinen gesehen….und urtümliche Steine….und antike Erdhaufen…”
“Mhm…klingt ja…äh…interessant…”
“Findest du? Ich fands ziemlich langweilig. Alte Steine und Erdhaufen finde ich auch in Mamas Garten zuhauf und eine Ruine steht mitten auf unserem Grundstück.”
Darüber müssen beide lachen. Hätte Narciso sich ja denken können. Es hätte ihn auch gewundert, wenn Archäologie plötzlich zu Caíts Interessengebieten gehören würde.
“Aber die Leute waren gut drauf. Ich komm so selten Raus wegen dem Studium. Das hat richtig gut getan.”
“Kenn ich.”
“Dich hat das mit dem Studieren doch noch nie davon abgehalten Partys zu schmeißen. Aber klar, du hast ja auch alle Zeit der Welt für das Studium…”
“Dafür geh ich in Flammen auf, wenn ich es wage tagsüber einen Fuß vor die Tür zu setzen.”
“Auch wieder wahr.”
Wieder können beide nicht anders als zu lachen.
“Aber ich will die Zeit, die ich in diesem Leben hab, gut nutzen!”
“Um als Astronautin das Weltall unsicher zu machen, richtig?”
“Richtig. Ich hab große Pläne. Ich hab sogar einen Kurs über den Bau von Raumschiffen belegt. Unglaublich, dass die das anbieten! Aber das werd ich brauchen, denke ich. Eine komplette, einsatzbereite Rakete werde ich mir ja kaum leisten können.”
Da kommt Narciso plötzlich eine Idee.
“Hey, wenn du irgendwann ein Alien findest, bring es mir mit!”
“Was? Was willst du denn mit einem Alien? Du bist doch gar kein Wissenschaftler.”
“.....du willst das doch nicht etwa kochen, oder?”
“Was, ich? Nö nö, würde ich nie im Traum drauf kommen! Ich will’s nur so als….öh…Haustier oder so.”
“Klar, und ich hab festgestellt, dass ich zaubern kann.”
“Echt?”
“Nein, Ciso. Kann ich immer noch nicht. Genauso wenig, wie du ein Alien als Haustier willst.”
“Pff, du durchschaust mich immer zu schnell.”
“Du bist aber auch einfach zu leicht zu durchschauen.”
“Meinst du? Hmm….ich wette, ich hab ein Geheimnis, das errätst du nie!”
“Wurdest du endlich von deinem Job als Tellerwäscher befördert zum….Obertellerwäscher oder so?”
“Äh…nee….eher das Gegenteil. Der Chef hat mich rausgeworfen, weil ich auf eigene Faust was für einen Gast gekocht hab…Aber sag das bitte niemandem! Ich brauch nicht noch mehr Ärger zu meinen Schulden dazu…”
“Oh, Mist….das tut mir leid. War das dein Geheimnis?”
“Nein. Also…ja, auch. Aber nicht das, was ich meinte. Ich sag ja, da kommst du nie drauf!”
“Verrätst du es mir?”
“Besser. Ich kann’s dir zeigen.”
Narciso hofft einfach, dass es nicht wieder zur Katastrophe kommt, aber bei ein paar Funken sollte eigentlich nichts passieren.
“Pass auf!”
“Woah! Du kannst zaubern? Wie unfair! Haben dir die spitzen Zähne nicht gereicht?...weiß Mama davon?"
"Deine Mutter ist seit Neuestem meine Zauberlehrerin. Ich war vor einer Woche erst bei ihr und hab ihr gezeigt, was ich kann. Letzte Nacht dann nochmal."
"Und was kannst du so, außer bunte Funken sprühen?"
"Ähm…hauptsächlich unbeabsichtigt Dinge in Brand stecken, fürchte ich."
"Das heißt, du kannst mir beim Raketenbau helfen? Da muss viel verschweißt werden! Bis dahin hast du das ja hoffentlich im Griff.”
“Öhm…”
“Ich mach doch nur Spaß! Na, herzlichen Glückwunsch auf jeden Fall!"
“Ich fürchte allerdings, ich muss wieder los. Hab meiner Kommilitonin noch versprochen, ihr bei einem Projekt zu helfen. Vielleicht sehen wir uns ja mal auf dem Campus!”
“Vergiss es, dich lass ich hier nicht mehr weg!”
“Haha! Ciso, lass mich runter!”
“Schon gut, schon gut. Aber bevor du gehst, melde dich mal bei deiner Mutter! Die würde dich auch gerne wieder sehen. Finola bestimmt auch.”
“Wollte ich sowieso. Aber danke für die Erinnerung. Mach’s gut, Ciso!
“Komm gut nach hause, Caít!”
Nachdem Caít gegangen ist, stellt Narciso sich in die Küche. Auch, wenn sein Chef meinte, ihn rausschmeißen zu müssen, von dem Gast, für den er gekocht hat, hat er keine Beschwerde gehört. Ganz im Gegenteil! Aber weil es ja nicht sein kann, dass ein Tellerwäscher für ein Restaurant kocht, hat er ihn trotzdem rausgeschmissen. Würde dem Ruf schaden oder so. Schwachsinn.
Er hätte ihn auch einfach zum Koch befördern können, dann hätte sich das auch erledigt. Aber nein! Der Chef kannte wieder nur die eine Lösung. Dabei ist Narciso ja nun wirklich kein schlechter Koch. Ob er sich das mit dem Feuer zaubern irgendwie zunutze machen kann? Kommt bestimmt gut, wenn er Gästen selbst das Essen servieren und ohne Hilfsmittel vor ihren Augen flambieren kann. Aber dazu muss er wohl noch viel üben.
Vielleicht könnte er Laetitia ja mal fragen, ob- …war das ein Geräusch an der Hintertür?
Bevor Narciso nachsehen kann, hört er ein eindeutiges Klopfen an der Haustür. Hat Caít etwas vergessen?
“Komme schon!”
“Herr De Luna? Ihre Lieferung!”
“Danke. Darauf hab ich schon ewig gewartet!”
































































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