Nur ein Traum. Natürlich. Wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Das erklärt aber zumindest das wirre Zeug gegen Ende hin, wie den Elefanten, der unbedingt ein Interview mit ihm führen wollte oder diese beiden fetten kleinen Hunde auf der Schaukel.
Sowas wird ihm in der Realität sicher nicht begegnen. Ob der Rest wenigstens halbwegs realistisch war? Vermutlich auch nicht. Applaus wird er sicher keinen bekommen. Er wird wahrscheinlich auch gar nicht selbst den Vampir erledigen dürfen. Trotzdem war es irgendwie gut, im Traum schon einmal etwas durchlebt zu haben, was wenigstens in die Richtung von dem geht, was ihn erwartet. Wenn auch erst in ein paar Tagen. Noch ist ja gar nicht Freitag.
Die Zeit bis dahin verbringt Jeroen gemäß seinem Traumplan. Tagsüber zu schlafen und nachts zu lernen erweist sich als gar keine so blöde Idee und wenn er dann doch mal die Augen zumacht, bekommt er von seinem Kopf noch zusätzliche Trainingsvideos vorgespielt.
Obwohl seine Träume ihn mit Zuversicht erfüllen, ist Jeroen nervös, als der Freitagabend dann tatsächlich vor der Tür steht. Frau Liu hat gesagt, er solle sich bei ihnen in der Wohnung melden, wenn er soweit ist. Besser, er lässt sie nocht zu lange warten, bevor Herr Rosales noch ohne ihn loszieht.
Im Gang warten seine Ausbilder zwar nicht auf ihn, allerdings wird ihm schnell die Tür geöffnet, als er anklopft.
Herr Rosales sieht aus, als wäre er bereit. Sie haben also wirklich schon auf ihn gewartet.
“Bin ich zu spät?”
Frau Liu schüttelt den Kopf.
“Nein, du kommst gerade recht. Rodrigo ist auch seit gerade eben erst fertig.”
“Passen meine Klamotten so?”
“Hm.”
Das war zwar keine besonders eindeutige Antwort, aber zumindest schüttelt keiner seiner Ausbilder den Kopf. Also wird es wohl Zustimmung sein.
“Für den Anfang wird es gehen.”
“Gut…äh…sorry, wenn das jetzt eine blöde Frage ist, aber gehen wir einfach nur so auf die Pirsch oder haben wir ein bestimmtes Ziel?”
“Einfach nur so herumzulaufen bringt selten Ergebnisse. Wir informieren uns in aller Regel vorher und haben für heute einen Vampir ausgesucht, der nicht zu viele Probleme bereiten sollte. Ideal für dich, um zu lernen.”
Zumindest eine Sache aus seinem Traum hat er sich gemerkt, die bestimmt auch in der Realität nützlich werden kann.
“Haben wir ein Bild von unserem Ziel? Dass ich helfen kann, Ausschau zu halten.”
Herr Rosales reicht ihm wortlos ein Stück Papier.
Leider ist das Bild nicht sonderlich hochauflösend, aber zumindest erkennt Jeroen darauf eindeutig die leuchtenden Augen und den fiesen Blick, auch wenn die Person lange nicht so auffällig ist wie der Vampir in seinem Traum.
“Denk aber daran, dass wir nicht von jedem Vampir ein Bild haben. Manchmal haben wir nur eine Beschreibung und selbst das ist ein Glücksfall. Diese Biester sind überall um uns herum, daher musst du immer die Augen offen halten. Man weiß nie, wann man einem über den Weg läuft.”
“Und wenn ich zufällig mal einen entdecke?”
“Dann merkst du dir ganz genau, wie er aussieht oder machst im besten Fall selbst ein Bild und gibst uns Bescheid. Handle auf keinen Fall eigenmächtig. So weit bist du noch nicht.”
“Verstanden.”
“Hast du sonst noch Fragen?”
Jeroen denkt kurz darüber nach, schüttelt dann aber den Kopf.
“Wenn dir noch etwas einfällt, kann Rodrigo dir auch darauf antworten.”
“Wir sollten gehen.”
Das lässt Jeroen sich nicht zweimal sagen. Er will den Vampir ja nicht verpassen.
“Na dann viel Erfolg euch beiden!”
“Danke.”
“Und wohin gehen wir jetzt?”
Herr Rosales schweigt. Soviel zum Thema Antworten geben.
Vielleicht ist das aber auch gar nicht nötig. Schon kurz nachdem sie das Haus verlassen haben, sieht Jeroen, dass sein Ausbilder den Weg in Richtung der U-Bahn einschlägt. Ihr Ziel befindet sich also nicht hier in der Gegend. Die Frage, ob sie zumindest in der Stadt bleiben, stellt er gar nicht erst. Das wird er wohl noch früh genug merken.
Ob Herr Rosales öfter mit der Bahn zur Arbeit fährt? Mit Armbrust und allem?
Jeroen ist viel zu nervös, um auf die Blicke der Mitfahrer zu achten. Bei den Gestalten, die sonst so in San Myshuno herumlaufen, fallen sie vermutlich sowieso nicht auf.
Trotzdem kommt ihm die Bahnfahrt vor wie eine Ewigkeit, dabei kann sie gar nicht so lange gewesen sein, bevor sein Ausbilder sich schon wieder in Richtung der Tür bewegt.
“Wir sind gleich da.”
Schon beim Aufstehen merkt Jeroen, wie seine Knie weich werden. Macht er etwa jetzt schon schlapp? Wie soll er so ein guter Jäger werden? Er muss sich ganz dringend zusammenreißen!
“Und hier irgendwo soll der Kerl sein?”
“Hm.”
Wie genau Herr Rosales das weiß, bekommt Jeroen wohl nicht aus ihm heraus. Ob die in dieser Gilde eine App haben oder sowas, mit der sich die Vampire tracken lassen?
Obwohl Jeroen völlig in Gedanken versunken ist und nebenbei krampfhaft versucht, sich seine Verunsicherung nicht anmerken zu lassen, entdeckt er aus dem Augenwinkel etwas, das ihn sofort erstarren lässt.
“Da vorne!”
“Mh?”
“Da ist ein Vampir!”
Zu Jeroens Erstaunen schüttelt sein Ausbilder den Kopf. Sieht er den denn nicht?
Als Jeroen selbst noch einmal genauer hinsieht, ahnt er, warum Herr Rosales nicht reagiert hat. Zu dem Vampir gesellen sich eine Fee, ein Pizzabote und ein Fischmonster. Richtig. Heute ist ja Gruselfest. Das hatte er schon vollkommen verdrängt. Das macht die Suche nach ihrem eigentlichen Ziel bestimmt nicht gerade leichter.
Andererseits kommt ihnen das vielleicht auch zugute, immerhin fallen sie so selbst nicht auf. Ob Herr Rosales das berücksichtigt hat? Bestimmt. Er ist ja Profi.
Lange halten sie sich auch gar nicht in der Innenstadt auf. Stattdessen scheint ihr Weg sie in etwas abgelegenere Ecken zu führen.
Je weiter sie kommen, desto weniger Leute sind unterwegs. Hin und wieder wankt ein betrunkener Partygänger vorbei, aber insgesamt sind die Straßen hier fast wie ausgestorben. Selbst die Schaufenster hier sehen aus, als hätte schon länger niemand mehr etwas gekauft. Ob man für den Staub extra zahlen muss?
Völlig in Gedanken versunken, läuft Jeroen fast in seinen Begleiter hinein. Wieso bleibt Herr Rosales denn jetzt plötzlich stehen? Hat er etwa ihr Ziel entdeckt?
Jeroen folgt aufmerksam dem Blick seines Lehrers, aber so angestrengt er auch versucht, etwas zu erkennen, einen Vampir sieht er nicht. Die einzigen Leute, die Jeroen außer ihnen noch erkennt, sind ein Junge in einem grünen T-Shirt und eine kostümierte Frau, die aussehen, als hätten sie sich ein ruhiges Plätzchen abseits ihrer Party gesucht, um rumzumachen oder so. Oder meint Herr Rosales etwa…?
“Der da?”
Sein Ausbilder nickt stumm. Braucht der etwa eine Brille? Der sieht doch gar nicht aus wie ein Vampir! Ganz anders als der Kerl auf dem Steckbrief. Das ist nur ein harmloser Passant.
Trotzdem zieht Herr Rosales die Armbrust und nimmt die Verfolgung auf. Der wird doch nicht etwa versuchen, auf den Jungen dort vorne zu schießen?! Für einen winzigen Augenblick beschleicht Jeroen ein extrem ungutes Gefühl. Jagen sie etwa gar keine Vampire, sondern überfallen arglose Bürger? Nein. Das ist doch absurd.
Er versucht angestrengt, sich die theoretischen Lektionen zurück ins Gedächtnis zu rufen. Vampire können sich tarnen. Sie können aussehen wie jeder andere Sim auch. Tut der Junge da das etwa? Gerade am Gruselfest sollte ein Vampir ja erst Recht in der Menge untergehen können.
Sein Ausbilder scheint sich da weniger Gedanken zu machen. Im Gegenteil. Er wirkt, als wäre er vollkommen sicher und das, obwohl sein Ziel nicht alleine ist. Ob die junge Frau auch ein Vampir ist? Oder ist sie etwa ein Opfer? Sie verhält sich so entspannt.
Bevor Jeroen zu einem Schluss kommt, hört er neben sich die Armbrust auslösen. Dann geht alles ganz schnell.
Obwohl sie ein gutes Stück von ihrem Ziel entfernt sind, landet Herr Rosales einen Volltreffer. Für einen Moment starrt der Junge ungläubig auf den Bolzen in seiner Brust, dann geht er zu Boden. Die Frau, die bei ihm war, ergreift schreiend die Flucht. Herr Rosales macht allerdings keine Anstalten, sie zu verfolgen. Sie war also wohl kein Vampir.
Und jetzt? War es das jetzt?
Offenbar nicht. Nachdem Herr Rosales sicher gegangen ist, dass sie alleine sind, nähert er sich seinem Ziel und winkt Jeroen mit sich.
Je näher sie dem Körper des Vampirs kommen, desto aufdringlicher wird der metallische Geruch, der Jeroen dabei in die Nase steigt. Er wusste gar nicht, dass Vampire auch bluten.
Als sie schließlich neben ihm stehen, wird der Geruch so penetrant, dass ihm fast schlecht wird. Wieso nimmt er das überhaupt so stark wahr?
In ein Häufchen Asche scheint der Kerl sich auch nicht aufzulösen. Das heißt, es bleibt eine Leiche zurück. Der Anblick behagt Jeroen so gar nicht.
Wenigstens eine Frage, die er zu der Sache hat, wird ihm beantwortet, bevor er sie überhaupt laut stellen kann. Herr Rosales muss seinen besorgten Blick gesehen haben.
“Ihn wird niemand vermissen.”
Allerdings erwartet Jeroen eigentlich, dass er die Leiche entsorgt. Stattdessen fängt er an, ihre Taschen zu durchwühlen. Was sucht er denn?
Spätestens, als sein Ausbilder ein paar Scheine und einen Ring zutage fördert und in einer Tasche verstaut, wird es ihm klar. Eine Leiche zu bestehlen fühlt sich verdammt falsch an. Auch wenn der Junge….der Vampir das Zeug wohl nicht mehr braucht.
Als sein Ausbilder plötzlich eine Zange hervorzieht, traut Jeroen allerdings seinen Augen kaum. Was macht Herr Rosales denn da? Zieht er dem Vampir etwa gerade die Zähne?!
“Beweis für die Gilde.”
Jeroen spürt förmlich, wie sein Blut sein Gesicht verlässt. Die Welt um ihn herum verschwimmt zunehmend. Irgendwie hatte er sich das so ganz anders vorgestellt. Vielleicht sollte er sich erst mal setzen.













































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