Seine erste Jagd!
Seit Frau Liu ihm Bescheid gegeben hat, hat in Jeroens Kopf nichts anderes mehr Platz. Scheiß auf Mathe. Scheiß auf die Schule. Am Freitag wird er ein echter Jäger!
Wie das wohl wird? Ob er auch jagen darf? Wahrscheinlich nicht. Einem echten Profi bei der Arbeit zuzusehen ist aber auch schon Einiges wert.
“Jeroen?”
Und was, wenn Herr Rosales in Schwierigkeiten gerät? Dann kann er ihn doch retten, oder? Und dann nimmt die Gilde ihn sicher mit Kusshand auf!
“Jeroen!”
“Halten Sie aus! Ich rette Sie!”
“Danke Jeroen. Kein Grund, gleich so dramatisch zu sein. Die Schule wird schon kein Feuer fangen, wenn du mir nicht beantworten kannst, wie diese Gleichung sich lösen lässt, aber meine Nerven rettest du damit allemal.”
“Äh….Gleichung?”
Das genervte Stöhnen seiner Lehrerin zieht Jeroen unsanft zurück in die Realität. Da ist seine Tagträumerei wohl ein bisschen mit ihm durchgegangen.
Das Gekicher seiner Mitschüler ist ihm zwar peinlich, aber er versucht, das Ganze zu ignorieren wie ein Mann. Wenn die wüssten! Sollen die ruhig lachend ihre Jugend genießen, er ist zu Höherem berufen.
Nachdem endlich die Schulglocke klingelt, bekommt Jeroen schnell Gesellschaft.
“Ich wusste gar nicht, dass du der Theater-AG beitreten willst.”
“Hä? Will ich doch gar nicht.”
“Echt nicht? Du warst ziemlich überzeugend.”
“Oh Frau Weiss, halten Sie durch! Ich werde in meiner weißen Rüstung auf meinem weißen Ross herbeieilen und Sie vor dem bösen Mathedrachen retten!”
“Vor dem Mathedrachen? Das wär aber echt gute Schauspielerei. Jeroen könnte nicht mal das Mathehäschen besiegen.”
“Vielleicht solltest du das echt mal versuchen.”
Jeroen zuckt mit den Schultern.
“Bin sowieso nicht mehr lange hier. Ich mach bald meinen Abschluss.”
“Dazu gehört aber auch eine Matheprüfung.”
“Das wird schon irgendwie. Nen Job hab ich sowieso schon.”
“Stimmt, du wohnst ja jetzt alleine. Kein Wunder, dass du im Unterricht pennst.”
“Das war das eine Mal..….okay, vielleicht waren es auch drei Mal.”
“Ich hab dich an mindestens fünf Tagen schnarchen gehört.”
“Und wenn schon. Was Wichtiges hab ich bisher noch nicht verpasst.”
Aber irgendwie haben seine Mitschüler ja Recht. Das heute war vielleicht nur Tagträumerei, aber müde ist er in letzter Zeit tatsächlich oft in der Schule. Muss von den abendlichen Unterrichtsstunden bei seinen Ausbildern liegen und dem ganzen Sport, den er neuerdings treibt. Das braucht eben Energie.
Außerdem muss er als Jäger ja eigentlich nachtaktiv sein. Daran sollte er auch dringend mal anfangen zu arbeiten. Vielleicht fängt er heute gleich damit an, dass er bis Freitag fit ist.
Als er am Nachmittag nach Hause kommt, hat er keine Zeit mehr zu verlieren. Für einen kurzen Snack reicht die Zeit noch, mit leerem Magen schläft es sich schließlich schlecht, dann haut er sich aufs Ohr. Die Hausaufgaben können warten.
Tatsächlich fällt es Jeroen auch gar nicht so schwer, einzuschlafen, wie er befürchtet hatte. Kaum, dass er die Augen schließt, ist er weg.
Die Zeit bis zu seinem Einsatz vergeht so regelrecht wie im Flug. Morgens geht er in die Schule, den Nachmittag verschläft er und in der Nacht geht er noch einmal seine Bücher durch. Er will ja vorbereitet sein.
Als der große Tag dann ansteht, fühlt er sich abends so wach wie nie.
Seine Ausbilder warten schon vor der Wohnungstür auf ihn.
“Na, bist du bereit?”
“Bereiter als jetzt werd ich wohl kaum.”
“Gut, dann komm mal mit.”
Herr Rosales nimmt ihn gleich mit nach unten auf die Straße. Sie haben offenbar keine Zeit zu verlieren.
“Gute Wahl bei der Kleidung, übrigens.”
“Danke. Hab ich alles im Second Hand Laden gefunden.”
“Und wie finden wir jetzt den gesuchten Vampir?”
“Das ist nicht schwer.”
“Ist er so auffällig?”
“Extrem auffällig. Außerdem wird er auf Jagd sein. Wir müssen ihn nur erwischen, wenn er versucht, jemanden anzufallen.”
Das klingt einleuchtend.
“Macht Sinn. Haben Sie ein Bild von unserem Ziel?”
“Das habe ich.”
“Hier. Präge dir dieses Gesicht gut ein.”
“Verstanden.”
Na, das sollte tatsächlich nicht allzu schwer sein. Der Kerl ist ja wirklich verdammt auffällig. Wie kann sowas überhaupt offen auf der Straße herumlaufen?
“Und wo finden wir den? Hier in San Myshuno?”
“Ja. Er sollte ganz in der Nähe sein.”
“Haben wir einen Plan?”
“Wir warten einfach hier in der Gegend, bis er vorbeiläuft oder wir Schreie hören.”
“Ist es dann nicht schon zu spät?”
“Solange sein Opfer noch schreit, ist es am Leben.”
Das macht irgendwie Sinn.
Ganz in der Nähe finden sie ein geeignetes Versteck. Von hier aus können sie den Platz ganz gut beobachten. Lange warten müssen sie auch gar nicht, bis…
“AAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!!”
Ein Schrei! Ob das…?
“Unser Einsatz.”
Kaum, dass Jeroen um die Ecke schaut, sieht er, woher der Schrei kam.
Der Vampir! Und er stürzt sich auf eine wehrlose Frau!
“Zu Hilfe! Hilf mir doch jemand!”
“Harharhar! Du entkommst mir nicht, du armseliges Menschlein!”
Was für ein Fiesling! Hoffentlich tut Herr Rosales schnell was.
Natürlich war sein Ausbilder schon schneller, als Jeroen überhaupt den Gedanken fassen konnte, und hat seine Armbrust bereits auf den Schurken gerichtet. Gleich erlebt Jeroen hautnah, wie die Vampirjagd funktioniert.
Moment, was ist das? Läuft da etwa gerade eine ahnungslose Passantin vor die Linse?
Bevor Jeroen überhaupt richtig bewusst wird, was er da tut, springt er auch schon nach vorne, um die Passantin aus der Schusslinie zu schubsen. Keinen Moment zu früh, wie es scheint. Er hört knapp hinter seinem Kopf den Bolzen vorbeizischen.
Dem Zischen folgen ein dumpfes Geräusch und kurz darauf ein Fauchen. Als er den Kopf hebt, sieht er, woher. Herr Rosales hat den Vampir getroffen, aber wegen der Passantin muss er falsch gezielt haben und hat ihn nur an der Schulter erwischt.
Das Monster geht zu Boden, aber es lebt noch. Was jetzt? Wird er noch einmal schießen?
Zu Jeroens Erstaunen hat Herr Rosales seine Armbrust schon wieder auf seinen Rücken geschnallt. Dafür trägt er einen Holzpflock in der Hand.
Statt damit aber sofort zu dem Vampir am Boden zu gehen, wendet er sich an seinen Schüler.
“Willst du ihn erledigen?”
“...was?”
“Ob du es zuende bringen willst.”
“Darf ich das denn?”
“Nur zu. Nimm den Pflock und dann einmal ins Herz damit.”
Damit hatte Jeroen so überhaupt nicht gerechnet. Hätte er nicht einfach nur zusehen sollen?
Andererseits ist der Vampir geschwächt und irgendwann muss er das ja zum ersten Mal tun. Besser also jetzt, als später.
Ohne weiter zu zögern sprintet er los in Richtung ihres Ziels, bevor es sich wieder aufgerappelt hat.
“Nimm das, Bestie!”
“Arrrrgh! Du hast mich erwischt! Verflucht seied ihr Jäger! Verfluuuuucht!”
Der böse Vampir löst sich direkt vor Jeroens Augen in ein Häufchen Asche auf.
Kaum, dass der Übeltäter verschwunden ist, hört der frischgebackene Jungjäger Applaus.
“Unglaublich!”
“Was für ein Held!”
“Er hat mich gerettet!”
“Wie ist dein Name? Ich will mein Baby nach dir benennen!!”
Wo kommen denn auf einmal die ganzen Leute her?
Jeroen spürt plötzlich eine Hand auf seiner Schulter.
“Gut gemacht.”
Die jubelnde Menge ist die eine Sache, aber das zustimmende Lächeln von Herrn Rosales löst ein wahres Hochgefühl in Jeroen aus. Er ist stolz auf ihn!
Besser hätte sein erster Einsatz gar nicht laufen können.


















































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