Kapitel 45: Die Wurzel der Albträume

 

 



Lauf, Narciso, lauf!



Das lässt er sich nicht zweimal sagen. Muss er auch nicht. Seine Füße bewegen sich ganz von alleine. Er will nur weg von hier. Wohin? Egal.



Genau so! Hau ab du feiges kleines Huhn! Lass alle im Stich, die du liebst! Rette nur deine eigene Haut!

Seine Haut retten. Richtig. Sein Ziel liegt dort, wo er sicher ist. Gibt es so einen Ort überhaupt? Wenn nicht, dann muss er eben weiter rennen. Immer weiter und weiter und…



Stopp! Moment! Will er das wirklich?

Was zögerst du? Wenn du langsamer wirst, werden sie dich kriegen!



Nein! Nein, verdammt! Er soll doch stehen bleiben. Sich seinen Ängsten stellen. Was kann denn überhaupt so schlimm sein, dass er immer weiter rennen muss, wenn er doch sowieso nie ankommt?



“Was zum…?!”



Als Narciso den Ursprung der Stimme zu Gesicht bekommt, kippt er direkt rückwärts wieder um. Ist das sein Ernst? Die Stimme, die ihn seit so vielen Tagen verfolgt, vor der er immer wieder flieht, gehört zu einem…Huhn?! Zugegeben, es ist ein schwarzes, brennendes Riesenhuhn, aber trotzdem…



“Hah! Überrascht? Solltest du eigentlich nicht sein. Ich repräsentiere alles, was du bist und jemals sein wirst, Narciso! Ich repräsentiere all deine innersten Wünsche! Und ich bin hier, um dir zu helfen, sie zu erlangen.”



“Das mit dem Weglaufen hast du ja schon ganz gut drauf, aber weißt du eigentlich, was du wirklich willst?”

Was er wirklich will? Eigentlich dachte er immer, dass das sein Restaurant wäre. Könnte ein Huhn dafür auch stehen? Ist immerhin eine gute Suppeneinlage. Allerdings kann er sich kaum vorstellen, dass dieses Monstervieh freiwillig in den Topf hüpft, das kann es also nicht sein.



“Nein? Heh! Das kann ich dir sagen! Du willst-”



Narciso!



Was das Huhn als nächstes sagt, bekommt Narciso leider nicht mehr mit. Seine Worte werden von dem dumpfen Geräusch übertönt, das entsteht, wenn ein Holzkopf auf einen Sargdeckel trifft.

Au!



“Oh, hast du dir den Kopf gestoßen? Das tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.”

Nicht wollen ist gut. Getan hat sie es trotzdem. Das gibt eine Beule.

“Verdammt…Laetitia? Was ist denn los?”



“Ich wollte nur mal nach dir sehen. Du schläfst schon wieder verdächtig lange. Außerdem brauche ich deine Hilfe.”



“Mh? Bei was denn?”

“Erinnerst du dich noch daran, dass du gestern gekocht hast?

“Äh…ja, schon….was ist damit?”

Weißt du, wo du die Messer und Schüsseln aufgeräumt hast?



“...oh…Mist. Sind die nicht da, wo sie hingehören?”



“Nein. Aber ich brauche sie jetzt. Ich habe auf der Arbeit von einem tollen alten Kuchenrezept erfahren, das ich gerne ausprobieren will. Wenn es gut ist, kann ich diesen Kuchen für Finola zum Geburtstag backen.”



Narciso braucht erst mal ein bisschen, um seine Gedanken zu sortieren. Bei Kuchen waren die definitiv noch nicht.

“Ah, ja, sorry. Ich geh sie gleich für dich finden.”



“Aber sag mal, du hast ein Rezept von der Arbeit? Von wem denn? Ich dachte, du begegnest deinen Auftraggebern kaum. Die übernachten doch immer wo anders, bis die Geister alle ausgetrieben sind.”



“Ach, von einer ganz reizenden alten Dame! Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, warum mein Klient sie unbedingt loswerden wollte. Sie hat nur hin und wieder ein ganz kleines bisschen in der Küche gespukt und das sogar nur am Wochenende, um die Hausbewohner nicht zu stören. Na, vielleicht mochte er einfach den Geruch von frischgebackenen Plätzchen nicht…”

Wieso fragt er eigentlich noch?



“Angeblich eignen sich alle Arten von Obst für diesen Kuchen. Wenn du willst, kannst du ihn ja mal mit Plasmafrüchten machen und in dein Repertoire aufnehmen, wenn er dir schmeckt.”

“Mhm….gute Idee, aber…ähm…kann ich mich vielleicht erst kurz anziehen?”



“Oh! Natürlich! Entschuldige. Komm dann einfach in die Küche, ich warte dort auf dich.”

“Ist gut.”

So gerne Narciso seine große Schwester auch mag, manchmal ist sie einfach ein bisschen zu übereifrig. Am liebsten hätte sie ihn wahrscheinlich noch in der Unterhose in die Küche gestellt, eine Kochmütze aufgesetzt und erwartet, dass er mit ihr einen Kuchen backt. Nicht, dass er das bei sich zuhause nicht hin und wieder mal gemacht hätte, aber da war er auch alleine.



Nachdem er sich was übergezogen hat, gesellt er sich zu Laetitia in die Küche. So wie es aussieht, hat sie schon angefangen.



“Also ich muss schon sagen, Narciso, das, was du Aufräumen nennst, würden sich manche zum Frühlingsfest bei der Eiersuche wünschen.”

“Sind die Sachen für dich echt so schwer zu finden? Lass mich mal.”



Zum Glück erinnert er selbst sich noch genau, wo er alles hingeräumt hat.

“Da, da sind sie doch.”

“Im Ofen? Machst du das bei dir zuhause genauso?”



Narciso zuckt mit den Schultern.

“Funktioniert doch. Ich räume die Sachen da auf, wo Platz ist. In meiner Küche kocht aber auch niemand außer mir und wenn ich nen Kochlöffel zwischendurch mal als Türstopper einsetze, dann weiß ich das in der Regel auch.”

Darauf erwidert Laetitia lieber nichts mehr. Würde auch nichts bringen. Er würde es ja doch nicht ändern. In seiner Miniküche ist er der Herr und da hat niemand sonst was zu melden. Ach ja…irgendwie vermisst er seine Bude ja schon, mit den Löchern im Dach und allem.



“Na, Hauptsache, ich habe jetzt alles, was ich brauche. Also, dann schauen wir doch mal…”

Er muss aber zugeben, dass seine Schwester auch gar nicht so schlecht kocht. Obwohl sie dieses Rezept zum ersten mal macht und das auch noch aus dem Kopf, ist sie erstaunlich sicher darin, die Zutaten regelrecht in die Schüssel zu werfen. Fast schon beeindruckend, wie wenig dabei daneben geht.



“Sag mal, Narciso, hast du eigentlich Lust, für Finolas Geburtstag auch etwas zu kochen?”

“Hm? Was denn? Plasmafrüchte und Frösche? Ich weiß nicht, ob Finola und ihre Freunde so scharf sind auf sowas.”

“Das wahrscheinlich weniger, aber ich werde ja auch die Familie einladen."



Ob die sich darüber so sehr freuen? Amando kotzt ja schon, wenn er feste Nahrung nur riecht, seine Mutter würde ihn dafür auslachen und dann einen der Gäste beißen und Opa….naja, der würde vielleicht aus reiner Höflichkeit mal dran knabbern. Trotzdem will er Laetitia natürlich nicht enttäuschen.



“Öh…hmm…klar. Ne Kleinigkeit kann ich ja machen. Sollte dann aber ein Warnschild dranstellen, nicht, dass doch noch ein Mensch daneben greift.”

“Ach, das schaffen wir schon. Mir macht das nicht viel aus und Ian muss regelmäßig meine neuen Zaubertrankkreationen probieren, da ist ein bisschen Plasmafruchtgeschmack im Hintergrund wahrscheinlich gar nicht so schlimm. Aber gut, vielleicht stellen wir das einfach etwas Abseits, hier in die Küche oder so.”



“Du testest deine Zaubertränke an deinem Mann? Der Ärmste, ein Wunder, dass der noch lebt…”

“So schlimm sind sie nun auch wieder nicht!”



“Also der Letzte, den ich probiert hab, hat mich mit giftig grünen Flecken am ganzen Körper für mehrere Tage ins Land der Träume geschickt. Unfreiwillig, wenn ich dich erinnern darf!”



“Du bist ja wieder aufgewacht. Aber apropos Träume, wie läuft es damit eigentlich, Narciso? Hattest du schon Erfolg?”



Ach ja, da war ja was!

“Jetzt wo du’s sagst….ich glaube ja. Hatte das völlig vergessen, weil du mich vorhin so aus dem Schlaf gerissen hast.”



“Entschuldige. Ich hoffe, ich habe nichts Wichtiges unterbrochen?”



“Gute Frage. So genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber an was ich mich erinnern kann, ist, dass ich nachgeschaut hab, woher diese Stimme kommt, die mich verfolgt.”

“Und?”

“Von einem Huhn.”



“Von einem….Huhn?!



“Ach, hör auf zu lachen! Das war nicht einfach nur irgendein Huhn, das war ein riesiges, schwarzes, brennendes Monsterhuhn!”



“Verstehe. Und hatte es dir irgendwas zu sagen?”

“Schon. Hat irgendwas davon gefaselt, dass es meine Wünsche repräsentiert und mir helfen will oder so ähnlich.”



“Oh…..oh! Aber das ist ja fantastisch!”

Höh?



“Narciso, verstehst du denn nicht? Das, was du da gesehen hast, was sich dir als Huhn gezeigt hat, das ist dein Vertrauter, der versucht, Kontakt aufzunehmen!”

“Mein was?”



“Dein Vertrauter, Brüderchen. Manche nennen sie auch einfach Begleiter. Mächtige magische Geister aus einer anderen Sphäre, die von unserer Zauberkraft angezogen werden. Mit unserer Hilfe sind sie in der Lage, sich in unserer Welt zu manifestieren. Im Ausgleich dafür leihen sie uns ihre magische Energie, leiten und beraten uns und schützen uns in manchen Fällen sogar vor dem Tod.”



“Meist treten sie in der Form von Tieren auf, aber ich habe auch schon von Fällen gehört, in der sie die Gestalt einer Pflanze oder eines Gegenstandes annehmen. In jedem Fall sind sie sehr, sehr nützlich.”



“Äh….ahja.”

So ganz kapiert Narciso noch nicht, wovon Laetitia da redet. Vielleicht hätte er sich früher mal mehr mit der magischen Literatur auseinandersetzen sollen, die ihr Vater gesammelt hat. Wenn Bücher nur nicht so langweilig wären…

“Hast du sowas denn auch?”



“Aber selbstverständlich! Für die meisten Leute ist er unsichtbar, aber vielleicht kann er bei dir ja eine Ausnahme machen. Stephano, wärst du so gut und würdest dich zeigen?”



“Und da ist er schon. Danke, mein Lieber.”



“Woah! Das Ding da schwebt die ganze Zeit um dich rum?!”

“Vorsicht, Narciso, beleidige ihn nicht. Stephano ist sehr nachtragend.”



“Heh, wirklich? Das ist doch nur ein kleiner leuchtender Frosch. Ein ziemlich dumm aussehender kleiner-”



Dreck!! Wieso brennt meine Hose denn jetzt schon wieder?!”

“Ich hab dich gewarnt…”



“Na hoffentlich versteht mein Huhn Spaß ein bisschen besser als dein Froschding….wenn es wirklich das ist, was du sagst. Wieso bist du dir da eigentlich so sicher?”



Jeder, in dessen Adern magisches Blut fließt, besitzt einen Vertrauten, auch wenn manche ihn vielleicht ihr Leben lang ignorieren. Bis deiner sich zeigt, war es also nur eine Frage der Zeit.”



“Jeder? Würde das nicht bedeuten, dass Amando…?”

“Ja. Ich bin mir ziemlich sicher, dass selbst unser Bruder einen hat, auch wenn er nicht zaubern kann. Vielleicht befindet sein Vertrauter sich sogar schon lange in seiner Nähe und passt auf ihn auf, ohne dass Amando selbst etwas davon bemerkt.”



“Hmm…kann ich nur für ihn hoffen. Aber sag mal, was genau bringt mir das jetzt? Wie komm ich an meinen Begleiter ran, abgesehen von den Träumen?”



“Das ist eine Frage, die ich dir leider nicht beantworten kann. Die meisten von uns begegnen ihrem Vertrauten scheinbar durch Zufall. Du wirst also abwarten müssen. Bis dahin kannst du ja versuchen, weiter im Traum mit ihm zu reden.”

“Werd ich wohl.”



“Vielleicht kann er dir ja einen Hinweis darauf geben, wie er plant, dich hier zu finden. Aber zurück zum Kuchen. Willst du mir nicht kurz helfen, ein bisschen Obst im Gewächshaus zu sammeln?”

“Klar.”



Ein Vertrauter also. Na das kann ja noch lustig werden.

 

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