Eigentlich wollte Xiu die Wohnung ruhig verlassen. Sollte die Wohnung ruhig verlassen. Je weiter sie sich von der Wohnungstür entfernt, desto schneller werden ihre Schritte aber, ohne, dass sie sie bewusst steuert.
Wie konnte sie es nur so weit kommen lassen? Sie hat sich doch sonst so gut im Griff! Aber dann waren Amando und seine verdammten Zähne ihr plötzlich so nahe, dass ihr sämtliche Sicherungen durchgebrannt sind.
Und wie soll sie da wieder rauskommen? Sie hat einem Vampir gegenüber Schwäche gezeigt, die kann sie nicht mehr zurücknehmen. Jetzt hat er etwas gegen sie in der Hand. Lange geht das nicht mehr gut.
Je krampfhafter sie nach einer Lösung sucht, desto unerreichbarer scheint diese zu werden. Egal, wie stark sie darüber nachdenkt. Es ist zum Haare raufen.
Etwas später steht Xiu vor ihrer Wohnung. Wie genau sie dorthin gekommen ist, weiß sie auch nicht. Sie war die ganze Zeit so sehr in Gedanken versunken, dass ihre Füße sie ganz automatisch hierher geführt haben. Ist aber wahrscheinlich besser so. Auch, wenn sie gerade eigentlich nicht auf Gesellschaft aus ist, Rodrigos Anwesenheit erträgt sie vermutlich noch am ehesten.
“Bin wieder da.”
“Hmm…so früh?”
“Mhm.”
Vielleicht hätte sie den Mund aufmachen sollen. Ihre knappe Antwort veranlasst Rodrigo dazu, sich zu ihr umzudrehen. Ihr Gesichtsausdruck erzählt ihm dann den Rest.
“Alles in Ordnung?”
Nein. Nichts ist in Ordnung. Das will sie ihm aber auch nicht direkt auf die Nase binden. Muss sie auch nicht. Dieser Mann kann sie sowieso lesen wie ein offenes Buch, dafür kennen sie sich lange genug.
“Du wirkst gestresst, Xiu.”
“Ich bin gestresst!”
"Willst du darüber reden?"
Verdammt gute Frage. Will sie das? Einerseits hat Rodrigo es verdient zu wissen, was los ist, immerhin muss er sich mit ihrer Laune rumschlagen. Andererseits hat sie gerade nicht wirklich Lust, darüber zu reden.
"Nachher vielleicht."
“In ordnung.”
Dass Rodrigo nicht weiter nachbohrt, weiß Xiu an ihm wirklich zu schätzen. Stattdessen wendet er sich von ihr ab und widmet sich wieder seiner Kochschüssel.
"Sag mal, was wird das eigentlich, was du da machst?"
“Gemüseauflauf.”
"Riecht gut. Kann ich was probieren?"
Als wäre das sein Stichwort, fängt ihr Magen an zu knurren. Kein Wunder, sie hat ja nicht wirklich etwas gegessen.
Rodrigos amüsiertes Grinsen, als er ihr etwas später wortlos einen Teller hinstellt, entgeht Xiu nicht.
"Bevor du fragst, ja, es gab theoretisch etwas zu essen und nein, ich hab nichts davon zu mir genommen. Bin ja nicht lebensmüde."
"Amando hatte die glorreiche Idee, heute Abend selbst etwas zu kochen. Er dachte wohl, ich fände das romantisch. Hah! Der sollte sich selbst mal sehen!"
"Ich meine, ein kochender Vampir?! Das ist doch lächerlich! Diese Tiere scheren sich doch sonst nicht um Geschirr oder Besteck oder darum, dass das, was sie trinken, roh ist. Am liebsten ist es denen ja, es zappelt noch und fleht um sein Leben… "
Alleine bei dieser Vorstellung verkrampft ihr Magen sich schon. Die Bilder, die ihr dabei in den Kopf schießen, sind nur schwer zu ignorieren.
"Willst du doch nichts?"
"Was?"
Xiu zuckt zusammen. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie die Gabel mit der Faust auf ihrem Schoß so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortreten.
"Oh…doch, sorry. Ich war in Gedanken."
"Hmm, schmeckt gut. Wieder so ein mysteriöses altes Familienrezept von dir?"
“Nicht ganz. Hab’s von einem der Imbissstandbesitzer.”
“Ah. Na, die wissen wohl, wovon sie reden.”
Bei Rodrigos Essen kann sie zumindest sicher sein, dass mit dem alles in Ordnung ist. Er kocht nicht mal schlecht. Trotzdem fällt es Xiu schwer, besonders viel davon zu essen. Ihr ist der Appetit einfach gründlich vergangen.
“Ich glaube, ich leg mich ein bisschen hin. Lass den Teller stehen, das esse ich nachher fertig.”
“Gut.”
Im Augenblick braucht sie doch eher Ruhe, um das Geschehene zu verarbeiten und sich einen neuen Plan zurechtzulegen. Vielleicht auch, um einfach nur abzuschalten. In letzter Zeit kommt sie dazu sowieso zu selten. Ein bisschen Schlaf tut ihr da bestimmt gut.
Leider funktioniert das nicht so, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie ist müde, keine Frage, aber egal, wie sehr sie es versucht, sie kann einfach nicht einschlafen. Sie will nicht einschlafen. Die Vorstellung, hilflos ihren Gedanken ausgesetzt zu sein, lässt das nicht zu.
Jedes Mal, wenn sie die Augen schließt, sieht sie sein Gesicht vor sich. Sein hämisches Grinsen, als er sich über sie beugt und sie auf die Matratze drückt und ihr erzählt, wie sehr er sie doch liebt. Seine langen, spitzen Zähne, die ihr immer näher kommen.
Entspannen kann sie sich so auch nicht. Das hat keinen Sinn. Jede Minute, die sie länger hier liegt, macht sie mehr und mehr verrückt. Es reicht. Sie muss raus. Sie muss irgendwas tun.
Rodrigo scheint den Geräuschen zufolge inzwischen nebenan ins Arbeitszimmer verschwunden zu sein und ist dort zugange. Wahrscheinlich schnitzt er neue Pflöcke oder wachst die Sehnen seiner Armbrust. Dass er im Augenblick nicht auf die Jagd gehen kann, hält ihn nicht davon ab, sich vorzubereiten.
Eigentlich sollte sie das auch tun. Sich fit zu halten ist in keinem Fall ein Fehler und vielleicht bringt es sie ja auf andere Gedanken, wenn sie nach draußen geht. Die frische Luft hat ihr sonst auch immer gut getan.
“Ich geh eine Runde joggen, Rodrigo.”
Das zustimmende Brummen aus dem Arbeitszimmer reicht Xiu als Bestätigung, dass er sie gehört hat.
Tatsächlich war ihr Instinkt genau der Richtige. Rauszugehen und zu joggen hilft ihr tatsächlich, wieder auf andere Gedanken zu kommen und ihre Laune deutlich zu verbessern. Dass es sehr früh am Morgen ist, hält sie davon nicht ab. Als Vampirjägerin ist sie es ja gewöhnt, keinen festen Schlafrhythmus zu haben. Da nimmt man den Schlaf, wann immer man ihn bekommen kann.
Wie lange genau sie unterwegs ist, weiß Xiu nicht. Es muss aber eine ganze Weile gewesen sein, denn als sie zurückkehrt, ist die Sonne schon seit einer Weile aufgegangen und der Hauptplatz des Künstlerviertels füllt sich langsam aber sicher mit Passanten.
Einer davon sticht ihr sofort ins Auge. Ist das da drüben nicht die kleine Wanze, die sie letztens so dumm angequatscht hat? Sollte der nicht in der Schule sein? Andererseits ist das eine perfekte Gelegenheit, ihn ein bisschen in die Mangel zu nehmen. Vielleicht geht ihr Plan ja doch auf.
“Hey, Lady, hast du- …oh, scheiße!”
“Hast du was? Nen Simoleon?”
“Sorry! Ich…ich äh….brauch den nur für die Bahn. Um zu einem Bewerbungsgespräch zu fahren!”
“Bewerbungsgespräch, hm?”
Wieso schaut der denn jetzt so verdutzt drein? Diesmal lächelt sie ihn doch an! Ist er etwa eingeschüchtert von ihr? Na, umso besser.
“Für was für eine Stelle denn?”
“Für…öh…eine als….öhm….Verkaufs….dingens?”
Klar. Und Xiu ist seine Oma.
“Verkaufsdingens, hm? Klingt ja interessant. Muss neu sein. Davon hab ich noch nie was gehört.”
“Öh…ja….”
Den wiederholten Blicken zur Seite nach zu urteilen sucht die kleine Wanze gerade wohl nach einem Fluchtweg.
“Aber sag mal….ist Verkaufsdingens kein langweiliger, schlecht bezahlter Job, wie die meisten anderen im Handel auch?”
Er zuckt mit den Schultern.
“Würdest du nicht viel lieber was Aufregendes machen? Du siehst aus wie jemand, der richtig anpacken kann, wenn es drauf ankommt.”
“Brauchen Sie nen Möbelpacker? Das ist doch auch langweilig.”
Na, wenigstens rennt er jetzt nicht mehr weg.
“Viel aufregender. Was wäre, wenn ich dir hier und jetzt eine Ausbildungsstelle anbieten würde? Für einen Job, der ein bisschen Detektiv, ein bisschen Geheimagent und ein bisschen Kammerjäger ist?”
“...verdient man da denn gut?”
“Besser als als “Verkaufsdingens”, das kann ich dir garantieren.”
“Du kannst es dir ja noch überlegen. Wenn du Interesse hast, komm zu den Medina-Studios und drück die Klingel bei Liu und Rosales.”
“Mmhm…”
“Wir sehen uns dann!”
Und jetzt heißt es abwarten.

















































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