Kapitel 42: Zu feige

 

 



Lauf!




Was für ein scheiß Traum. Als Narciso aufwacht, ist er in kaltem Schweiß gebadet. Wie kann der Mist sich nur so real anfühlen?



Von Erholung kann da kaum die Rede sein. Seine Muskeln fühlen sich an, als wäre jeder Meter, den er im Traum gerannt ist, echt gewesen.



Und Hunger hat er auch schon wieder. Laetitias kleiner Gifttrunk hat ja nicht lang gehalten. Oder hat er nur so lang geschlafen? Egal. Bevor er heute irgendwas tut, braucht er eine Stärkung. Hatte Laetitia nicht irgendwas von einem Plasmafruchtbaum und einer Froschsammlung erzählt?



Etwas später in der Küche


"Ach, hier bist du! Ich habe dich schon gesucht. Was machst du denn da?”



“Ich hab geschaut, was für Zutaten ich so finden kann und dachte, ich versuch mal was Neues. Sushi mit einer Füllung aus feinen in Plasmafruchtsaft marinierten Froschschenkelfiletstückchen!”

Oh….na dann guten Appetit.



"Willst du probieren, wenn es fertig ist?”

“Danke, Narciso, aber ich habe schon gegessen. Iss du das lieber selbst, du wirst die Stärkung gebrauchen können. Wie geht es dir denn jetzt?”



“Besser….denk ich mal. Zumindest sind die Flecken weg und ich bin auch wieder wach. Das Zeug, das du mir da verfüttert hast, hat ganz schön reingehauen! Meinen Magen hat es gefüllt, aber in Zukunft koche ich doch lieber wieder selbst.”

“Ja, das wird wahrscheinlich das Beste sein. Du hast mir einen ziemlichen Schrecken eingejagt! Amando auch.”



“Der war hier?!



“Nein, nein. Ich habe nur mit ihm telefoniert.”

“Oh…gut. Was hat er für nen Eindruck gemacht?”



“Erschrocken, wie gesagt. Aber mach dir mal keine Sorgen, ich hab mit ihm geredet. Er weiß Bescheid.”

“Äh….tatsächlich? Na dann…”

Narciso kann sich gar nicht daran erinnern, Laetitia von Amandos Begegnung mit der Vampirjägerin erzählt zu haben. Genau genommen kann er sich aber an Vieles nicht erinnern. Zumindest Vieles von dem Zeug, als er wach war. Vielleicht hat er es ihr ja doch erzählt.



“Als du ihn nicht erreicht hast, war er übrigens im Wellnesscenter. Wahrscheinlich bei einer seiner Yogaklassen. Kein Wunder, dass er den Anruf da nicht bemerkt hat.”

Der hat ja Nerven. Aber das sieht ihm irgendwie ähnlich.



“Und wie hat er das Ganze aufgenommen?”

“Gut, würde ich sagen. Aber besser, du redest nochmal persönlich mit ihm.”

“Werd ich wohl.”

Für so abgebrüht hätte Narciso seinen Bruder ja gar nicht gehalten. Vielleicht hat er ihn unterschätzt. Ist vermutlich aber auch besser so.



“Hmm…gar nicht übel. Das Rezept muss ich mir merken. Ist bestimmt beliebt, wenn ich dann endlich mal mein Restaurant aufmache!”



“Verfolgst du diesen Plan also immer noch, ja?”

“Na klar! Hab ja auch genug Zeit bis dahin. Irgendwann pack ich das mit Sicherheit. Muss nur schauen, wo ich die Kohle für den Start herbekomm...”



“Vielleicht kannst du beim Zirkus als lebende Fackel auftreten.”



“Ey! Nicht lustig! Das tut verdammt weh, klar? Und überhaupt, solange dieses blöde Feuer nicht tut, was ich will, bringt mich das sowieso nicht weiter.”

Dabei wäre das so nützlich, wenn er es mal besser unter Kontrolle hätte. Nicht nur um Leuten das Essen am Tisch zu flambieren, als Vampirjägerabwehr hat es sich ja auch schon bewährt, nur leider zu spät. Mit ein bisschen Übung lässt es sich bestimmt auch für die Offensive verwenden, nur so für den Fall, dass er sich daran erinnert, wo diese Mistkröten wohnen.



“Da hilft nur üben.”

“Mich weiter unkontrolliert in Brand stecken, bis es irgendwann zufällig mal klappt?”



“Ach Narciso, das kannst du machen, wenn du alleine bist. Vergiss nicht, dass du eine Zaubermeisterin bei dir hast. Wenn wir zusammen daran arbeiten, finden wir bestimmt heraus, was dich blockiert.”

“Na hoffentlich.”



“Hast du nach dem Essen irgendwas vor?”

“Äh…”



“Wunderbar, dann fangen wir doch gleich an!”



Eigentlich keine schlechte Idee. Je schneller Narciso das mit dem Feuer drauf hat, desto besser.



“Also, fangen wir nochmal bei null an. Wann genau war denn das erste mal, dass du gemerkt hast, dass du zaubern kannst?”



“Das war vor….n paar Monaten, glaub ich. Auf dem Dachboden. Mein Dach hat Löcher, durch die der Regen ins Haus kommt, wie du weißt. Ich hatte keinen Bock mehr auf die ständige Wischerei und hab ein bisschen wütend mit den Armen rumgefuchtelt, während ich mir gewünscht hab, den Dreck nie wieder machen zu müssen.”



“Und dann?”

“Ist das Wasser verschwunden.”

“Weil du es hast verdampfen lassen.”

“Laut deiner Theorie, ja.”



“Hmm…das war definitiv ein Moment starker Emotion. In diesem Fall Wut. Das würde auch zum Element des Feuers passen.”



“Kann sein. Ich war schon ziemlich angepisst in dem Moment. Aber wie hilft mir das jetzt weiter?”



“Normalerweise würde ich dir raten, einfach mal wütend zu werden und zu schauen, was passiert. Aber solange du diese Wut nicht fokussieren kannst, ist das vermutlich mehr gefährlich als hilfreich. Immerhin hast du dich aus Frust ja schon des Öfteren selbst angezündet.”

Er soll einfach mal eben wütend werden? Na klar doch. Und dann auch noch auf irgendwas Bestimmtes, nur nicht auf sich selbst, hm? Wenn das so leicht wäre.



Wobei….vielleicht ist es das ja sogar. Immerhin hat er im Moment mehr als genug Gründe und zudem noch ein Ziel. Er hat nur leider keine Ahnung, wie dieses Ziel ganz konkret aussieht.

“Weißt du, was Laetitia? Wenn ich nur an diese Dreckskerle denke, die mich ne Woche lang festgehalten haben, dann kocht da direkt was in mir hoch und das ist nix, was ich auf den Speiseplan von meinem Restaurant setzen würde!”



“Also hast du einen Fokus? Gut. Stell dir vor, diese Leute würden vor dir stehen. Oder noch besser, unter dem Kessel. Was würdest du tun?”



“Ich würde…”

Narcisos Hände ballen sich zu Fäusten, während er angestrengt die Holzscheite unter dem alten Zauberkessel anstarrt. Er spürt förmlich, wie warm ihm wird. Gleich hat er es!

“Ich würde…..”



Wegrennen.



Narciso?

Mit einem ist sein Fokus verloren. Verdammte Scheiße! Ist er echt so feige? Das sind doch nur Albträume!



Aber was, wenn die Albtraumstimme recht hat? Er ist weggerannt. Mehrmals. Und wahrscheinlich würde er es wieder tun.

“Narciso, ist alles in Ordnung mit dir?”



“Ja…nein….Mist, irgendwie kann ich mich nicht konzentrieren.”

“Das habe ich gemerkt. Weißt du, woran das liegt?”



Will er das jetzt wirklich zugeben? Eigentlich nicht. Andererseits kann er seinen großen Schwester vertrauen, dass sie ihn nicht dafür auslacht und wenn er nichts sagt, kommt er vermutlich nie weiter.

“Ja…also….ich hab an nen Traum gedacht, den ich mal hatte, in letzter Zeit…mehrmals eigentlich…genau genommen träum ich nix Anderes mehr…”

“Ein Traum? Interessant. Darf ich fragen was für einer?”



Narciso setzt sich seufzend zurück auf seinen Stuhl. Dass ausgerechnet das jetzt zum Gesprächsthema wird, ist eigentlich nichts, auf das er heute Abend gehofft hatte.

“Viel ist da nicht. Ich bin alleine in einem leeren Raum. Alleine mit einer Stimme.”



Was sagt diese Stimme?

“Sie nennt mich feige. Sagt mir, ich soll weglaufen.”

Und du tust, was sie sagt?

“Ja.”



“Hmm….ich verstehe…und du hast nie nachgesehen, woher diese Stimme kommt? Dich mal umgedreht? Oder ihr geantwortet?”



“Nein, wie denn? Das ist doch nur n Traum, da hab ich keine Kontrolle drüber!”



“Oh, sag das nicht so sicher! Träume können uns sehr viel über uns selbst verraten und eine gewisse Kontrolle über sie zu erlangen ist ebenfalls möglich. Du musst es nur versuchen.”

“Das sagst du so einfach…”



“Es zu versuchen schadet ja nicht. Vielleicht kann ich dir für den Anfang auch einen Trank-”



“Nein! Bitte! Ich versuch es ja, auch ohne Trank, okay?”

Der Gedanke daran, schon wieder das Versuchskarnickel zu spielen, jagt Narciso einen eiskalten Schauer über den Rücken. Da probiert er es lieber alleine.



Laetitia scheint irritiert, bis ihr wieder einfällt, warum er so reagiert.

“...ah! Klar. Bitte entschuldige. Ich hatte das ganz vergessen.”



“Dann versuche es ohne Hilfsmittel. Konzentriere dich einfach auf das, was du willst. Lass dich nicht von deiner Angst beherrschen. Und sei nicht frustriert, wenn es nicht auf Anhieb klappt, das schaffen die Wenigsten.”

“Und wenn es überhaupt nicht klappt?”

“Mache ich mich darüber bei meinen Zaubererkollegen schlau. Irgendwas wird uns schon einfallen.”



 
“Mhm…na, wenn du meinst. Nen Versuch ist es wohl wert.”



“Vielleicht fang ich auch gleich damit an. Bin wohl doch weniger ausgeschlafen als ich gedacht hatte.”

“Das wundert mich nicht. Deine letzten Schlafphasen werden auch nicht sonderlich erholsam gewesen sein.”



“Dann hau ich mich ne Runde aufs Ohr. Wenn du mich suchst, weißt du, wo ich bin.”

“Schlaf gut, Narciso. Und viel Glück!”


Zurück zu Kapitel 41    |    Weiter zu Kapitel 43

Kommentare