Eines Abends am Rande von Forgotten Hollow trifft Evan sich mit einer verhüllten Gestalt…
“Gib mir nur eine Woche, dann kann ich dir bringen, wonach du verlangst.”
“Ich hoffe nur, das lohnt sich auch für dich. Sich hier in dieser Gegend blicken zu lassen birgt ein nicht unsignifikantes Risiko für unsereins.”
“Oh, keine Sorge, das wird es. Auch für dich. Aber sag, du bezauberndes Wesen, die Nacht ist jung, hast du nicht Zeit, noch ein wenig zu verweilen? Ich bin mir sicher, solange du dich verhüllst, wird keiner meiner fangzähnigen Brüder und Schwestern Hand an dich legen. Erst recht nicht, solange du in meiner Nähe bleibst.”
“Auch, wenn es mich natürlich schmerzt, dich so unter diesen Schichten verborgen zu sehen. Aber auch schon der kleinste Blick, den ich auf dein schönes Gesicht erhaschen kann, macht mich sehr glücklich.”
“Hm! Deine Worte schmeicheln mich, Evan. Aber du wusstest es ja schon immer mit ihnen umzugehen.”
“Das heißt dann also ja?”
Die Gestalt schweigt einen Moment. Evan ist sich aber sehr sicher, ein Lächeln auf den hübschen roten Lippen unter der Kapuze entdeckt zu haben.
“Ja. Warum eigentlich nicht?”
Erst ein paar Stunden später bringt Evan es über sich, sich zu verabschieden. Er hatte dieses spontane Date so gar nicht geplant gehabt, genossen hat er es dennoch. Sicher, eigentlich ging es um Geschäfte, aber warum nicht Arbeit mit Vergnügen verbinden, wenn beide Seiten einverstanden sind? Es bleibt nur zu hoffen, dass seine Kontaktperson ihm auch wirklich besorgen kann, wofür er sie ursprünglich kontaktiert hatte.
Der Weg zurück zu seinem Haus ist nicht allzu weit. Sich in einem abgelegenen Winkel Forgotten Hollows zu befinden bedeutet schließlich nicht, sich weit vom Zentrum zu entfernen. So groß ist der Ort nicht.
Trotzdem hätte er wohl nicht bemerkt, wie Lucia über den Hauptplatz spaziert, hätte er nicht diesen exakten Zeitpunkt für seine Rückkehr gewählt.
“Zu so später Stunde noch unterwegs, Lucia?”
“Evan, du bist schon zurück?”
“Bist du auf dem Weg in die Krypta?”
“Ja. Ich will wissen, ob es etwas Neues gibt. Und nein, ich versuche dabei nicht, mich von Vampirjägern fangen zu lassen. Ebenso wenig wie du das getan hast, hoffe ich.”
Evan sieht sich schnell um. Er muss zugeben, daran in diesem Augenblick gar nicht gedacht zu haben, obwohl er doch sonst derjenige ist, der sie ständig über die Gefahren belehrt. Noch sind seine Gedanken aber bei etwas ganz Anderem.
“Soweit ich sehen kann bin ich alleine. Aber apropos alleine, du hast Orion einfach so zurückgelassen?”
“Orion ist erwachsen, der wird das schon für ein paar Stunden überleben. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, wollte er sowieso lieber lesen.”
Das sieht ihm ähnlich. Eigentlich will Evan ihn auch nur ungern dabei stören, aber dass Lucia für die nächsten paar Stunden nicht zuhause ist, bietet eine Gelegenheit, die er nicht ungenutzt lassen kann.
“Dann werde ich zusehen, dass ich nach hause komme. Ich hatte für heute ohnehin nichts mehr geplant, da kann ich meine Zeit ebenso gut dazu nutzen, der Gefahr vorzubeugen, dass Orion sich einsam zu fühlen beginnt.”
“Tu das.”
Lucias Augenrollen ignoriert Evan gekonnt, auch wenn ihm ihr Grinsen nicht entgeht. Im Augenblick hat er aber schon wieder andere Dinge im Kopf, ebenso wie sie auch. Statt noch lange zu reden, verabschieden die beiden sich also und gehen ihrer Wege.
Evans führt ihn, im Haus angekommen, direkt in das Stockwerk, in dem er Orion vermutet.
Und tatsächlich findet er ihn bei der größten Ansammlung von geschriebenem Wort im Haus auch vor.
“Orion! Heute wieder einmal bei den Büchern?”
“Oh…ja. Der Garten deprimiert mich ja doch nur.”
“Hast du etwas dagegen, wenn ich mich zu dir setze?”
“Nein, natürlich nicht.”
Ein kurzer Blick auf das Buch in Orions Hand verrät Evan, dass es sich dabei um einen Roman handelt, den er vor etwa einhundertfünfzig Jahren bei einem Händler in Glimmerbrook erworben hat. Damals kam er ihm gerade recht um sich die Zeit zu vertreiben, während er auf die Ankunft einer Verabredung gewartet hatte. Kein besonderes Buch also, aber dennoch hält der Junge es mit einer gewissen Ehrfurcht. Vielleicht seines Alters wegen. Jemandem wie ihm muss das wie eine lange Zeit vorkommen.
“Wie ich sehe, hast du eine Beschäftigung gefunden. Ich bin auf dem Weg hierher Lucia begegnet. Sie will sich umhören, ob es Neuigkeiten zu eurem Clan gibt.”
“Ja, das hatte sie mir erzählt.”
“Das heißt, sie ist wohl eine ganze Weile unterwegs. Sag, Orion…willst du die Zeit nicht nutzen um mir ein wenig von eurem Leben damals erzählen? Ich verstehe natürlich, wenn du lieber lesen möchtest, aber ihr beiden habt mich nun doch neugierig gemacht.”
Orion zögert ein wenig. Schließlich legt er sein Buch aber beiseite.
“Natürlich. Was willst du denn wissen?”
“Was immer du mir erzählen möchtest. Warum beginnst du nicht dort, wo du letztes mal aufgehört hast? Lucia hatte dir ein zweites Leben geschenkt, aber du hast schon angedeutet, dass du so deine Schwierigkeiten damit hast. Wie war das direkt im Anschluss an die Verwandlung für dich?”
“Sehr schwer. Es hat eine Weile gedauert, bis ich überhaupt verstanden habe, was passiert ist. Noch länger, bis ich es auch wirklich als real empfunden habe. Ich meine, ich habe Geschichten gehört über Vampire, aber ich hätte nie gedacht, dass ich einmal einem begegne. Oder dass ich selbst zu einem werde.”
“Nicht, dass alles am Vampirismus schlecht ist! Diese Verwandlung bringt durchaus ihre Vorteile mit sich. Ich muss mir nie wieder Sorgen machen zu wenig Zeit für all die Bücher zu haben, die mich interessieren, und meine Brille brauche ich auch nicht mehr. Aber anfangs habe ich nur die Nachteile gesehen.”
“Ich wollte nicht wahrhaben, was geschehen ist. Die ersten paar Tage habe ich es nicht gewagt, aus dem Zimmer zu kommen, in dem ich aufgewacht bin. Die Geräusche, die ich von draußen gehört habe, haben es mir nicht leichter gemacht. Ich konnte aber nicht verhindern, dass Lucia hin und wieder zu mir kam. Manchmal hatte sie Marco dabei.“
“Sie ließ mir neue Kleidung dort, versuchte mit mir zu reden, aber ich wollte nichts von ihr wissen. Ich wünschte, ich hätte ihr damals zugehört.”
“Im Laufe der Tage wurde sie immer ungeduldiger mit mir. Einmal ließ sie sogar eine benommen wirkende fremde Frau bei mir im Zimmer. Sie war kein Vampir, das merkte ich sofort. Und mir war auch klar, dass Lucia von mir erwartete, dass ich ihr Blut trank. Aber ich wollte nicht. Ich konnte nicht. Was machte diese Frau anders als mich in dieser Gasse nur wenige Tage zuvor?”
“Und dabei spürte ich selbst, wie schwer es mir fiel, das nicht zu tun. Ich konnte förmlich hören, wie das Blut in ihren Adern pulsierte und je länger ich wartete, desto trockener wurde meine Kehle und der Drang, sie anzufallen, wurde immer größer. Ein erschreckender Gedanke. Trotzdem blieb ich standhaft.”
“Als Lucia später zurückkam und sah, dass ich die Frau nicht gebissen hatte, wurde sie wütend. Ihre Geduld war am Ende. Diesmal ließ sie mich nicht alleine in dem Raum zurück, sondern befahl mir, ihr nach draußen zu folgen. Ich wollte mich ihr widersetzen, aber mir war bewusst, dass das nicht gut enden würde. Mir blieb nichts Anderes übrig, als ihr zu gehorchen.”
“Sobald ich einen Fuß aus dem Raum setzte, zog ich die Blicke auf mich. Sie waren überall. An gefühlt jeder Ecke stand ein Vampir und sie alle starrten mich an wie ein Stück Fleisch in der Auslage.”
“Am meisten von ihnen waren in einem Raum, den ich wohl getrost als Lucias Thronsaal bezeichnen kann.”
“Nachdem sie mich dorthin gebracht hatte, ließ sie mich einfach in der Mitte stehen. Dann befahl sie einem ihrer Anhänger, die Frau aus meinem Zimmer zu bringen.”
“Ich weiß nicht, ob sie wirklich erwartete, dass ich in der Lage wäre, vor den Augen aller das Blut dieser Frau zu trinken. Ob sie hoffte, dass der Druck groß genug wäre, dass ich es einfach täte. Aber selbst, wenn ich gewollt hätte, hätte ich es nicht gekonnt. Stattdessen war ich wie gelähmt.”
“Das bemerkte Lucia auch. Statt wieder wütend zu werden, setzte sie diesmal aber ein boshaftes Lächeln auf, kam zu uns und tat, wozu ich nicht fähig war.”
“Die Blicke, die dabei auf uns lagen, haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Gesprochen wurde mit Sicherheit auch, aber ich kann mich beim besten Willen an keine Worte erinnern. Lange hielt dieser Moment auch nicht an. Nach ihrer kleinen Machtdemonstration brachte Lucia mich direkt zurück auf mein Zimmer.”
“Und wie so oft zuvor, versuchte sie mit mir zu reden. Natürlich wollte ich auch diesmal nicht hören. Sie konnte mir noch so oft erzählen, dass das ab sofort mein Leben war. Meine Heimat. Ich war umgeben von blutgierigen Monstern und das Obermonster wollte mir weismachen, das sei von nun an meine Familie?”
“Ich wollte nichts mit ihnen zu tun haben! Nach diesem Abend erst recht! Dass sie mir eine zweite Chance geschenkt hatte, war mir egal. Diesen Preis wollte ich nicht zahlen. Was bringt es mir, am Leben zu sein, wenn mein Leben verflucht ist? Ich wollte einfach nur weg!”
“Noch in derselben Nacht bin ich tatsächlich weggelaufen. Ich bin sogar ein gutes Stück weit gekommen. Bis die Sonne aufging…”
“Daran hatte ich nicht gedacht. Ich wusste aus Erzählungen schon, dass Vampire nicht in die Sonne können, aber ich war nicht darauf gefasst, welche höllischen Schmerzen ihre früher so angenehmen Strahlen auf unserer Haut verursachen!”
“Ich hatte das Gefühl, ich verbrenne bei lebendigem Leib. Und vielleicht wäre ich das auch, hätte Marco mich nicht gefunden.”
“Er war mit einem Schirm losgezogen, um mich zu suchen. Statt mich sofort zurück zu Lucia zu bringen, nahm er mich aber zunächst beiseite.”
“Ich erwartete schon ein Donnerwetter. Er sprach aber ganz ruhig mit mir. Nicht wütend, nicht ungeduldig und viel sanfter, als ich es nach den letzten Tagen von einem Vampir erwartet hatte. Und nicht nur das! Er zeigte sogar Verständnis für meine Situation. Verurteilte Lucias Verhalten. Bat mich aber dennoch, es ihr nicht übel zu nehmen.”
“Ich hätte wieder weghören können, aber er gab mir das Gefühl, dass er es verdient hat, angehört zu werden. Ich bin wirklich froh, dass ich es getan habe. Er hatte bemerkt, dass mir die Umstellung große Schwierigkeiten bereitet, zuvor hatte sich nur keine Gelegenheit für ihn ergeben, in Ruhe mit mir zu sprechen. Aber ab diesem Moment, nachdem das Eis gebrochen war, versprach er mir, auf mich aufzupassen und mir zu helfen, wann immer ich Hilfe brauchte. Und daran hielt er sich auch. Ich bin ihm unendlich dankbar dafür. Ohne ihn als meinen Mentor hätte ich das wahrscheinlich nicht überlebt.”
“Das klingt, als wäre er dir sehr wichtig gewesen.”
“Das war er auch. Marco war immer für mich da. Selbst wenn das manchmal für ihn bedeutete, sich Lucia zu widersetzen. Und du weißt ja, wie sie sein kann…”
“Im Laufe der Zeit wurde er mehr als nur mein Mentor. Er war fast wie eine Art Vater. Ich…”
Orions Erzählfluss wird jäh unterbrochen, als ihm die Worte im Hals stecken zu bleiben scheinen. Erst, nachdem er sich kurz gesammelt hat, spricht er leise weiter.
“...ich vermisse ihn. Sehr.”
Wie schon das letzte mal, als er ihm von seiner Vergangenheit erzählt hat, sinkt Orion regelrecht in sich zusammen. Ihn aufzuwühlen war nicht Evans Absicht.
“Das tut mir sehr leid. Wenn du eine Pause brauchst, sag es mir ruhig. Ich möchte keine alten Wunden aufreißen.”
“Es geht schon.”
“Evan, ich….uhm….danke, dass du mir zuhörst. Irgendwie tut es sogar gut, darüber zu reden. Mit jemand Anderem als Lucia vor allem.”
“Keine Ursache. Aber eigentlich sollte ich dir danken. Deine Erzählung hilft mir, dich besser kennenzulernen. Das ist etwas, das ich mir schon länger gewünscht hatte.”
“Wo du aber gerade Lucia erwähnst, ich glaube, ich höre sie an der Tür. Dann sollten wir das für heute Nacht sowieso beenden.”
“Das heißt aber nicht, dass ich nicht zu einem späteren Zeitpunkt gerne noch mehr hören würde. Ich hoffe doch, du planst mir noch mehr zu erzählen?”
“Sehr gerne.”
“Das freut mich. Aber nun komm, gehen wir nachsehen, was Lucia herausgefunden hat.”





















































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