Kapitel 30: Essen unterm Sternenhimmel

 

 



Xius frühe Ankunft überrascht Amando sehr. Zugegeben, wäre sie zur ausgemachten Zeit hier angekommen, wäre er aber genauso überrascht gewesen. Er hatte völlig vergessen, dass sie ja noch zu ihm kommen wollte, seine Gedanken waren alle bei Narciso. Mist.



“Tut mir leid, dass ich mich nicht angekündigt hab. Ich wollte mich eigentlich melden und Bescheid geben, dass ich früher Zeit hab, aber mein Telefon ist leider leer und ich hatte bisher keine Möglichkeit es aufzuladen. Also hab ich einfach gehofft, dass du schon da bist.”

“Ach, schon gut. Es ist nur-”



“Stopp! Sag nichts. Heute Abend will ich keine Ausreden mehr, okay?”

“Okay…”



“Du kannst das nicht ewig vor dir herschieben. Ich mache mir echt Sorgen um dich.”

Trotz Xius autoritärem Ton fühlt Amando sich geschmeichelt. Vielleicht hat sie Recht. Auch wenn er jetzt ja eine Sorge weniger hat, Narciso ist schließlich wieder aufgetaucht.



“Und ich hab auch eine Idee, das ganze angenehmer für dich zu machen! Hoffe ich jedenfalls.”

“Wie das?”



“Weißt du, jetzt, wo wir sowieso mehr Zeit haben, können wir ja endlich mal zusammen etwas essen gehen! Ganz romantisch bei Kerzenlicht irgendwo. Das ist eine angenehmere Atmosphäre und gleichzeitig eine Belohnung, hm?”



Damit überrumpelt sie Amando schon wieder. Auf die Schnelle fällt ihm aber auch keine Ausrede ein und die Vorstellung, irgendwo mit Xiu romantisch essen zu gehen, gefällt ihm ja schon. Minus das Essen, natürlich. Feste Nahrung verträgt er schließlich nicht. Moment. Hat da gerade Xius Magen geknurrt?



“Hihi…okay, ich geb zu, da ist auch ein eigennütziger Hintergedanke dabei. Ich war heute so beschäftigt, dass ich selbst noch nicht dazu gekommen bin ordentlich zu essen.”

Amando kann nicht anders als darüber zu schmunzeln.

“Na, in dem Fall muss ich dieser Idee wohl zustimmen. Ich kann dich ja schlecht verhungern lassen und meine eigenen Vorräte sind eher mau, wie du heute Morgen schon gemerkt hast.”



“Super! Dann komm, ich weiß auch schon, wo wir hingehen.”

Bevor Amando nachfragen kann, schnappt Xiu sich seine Hand und zieht ihn aus der Tür. Eigentlich hätte er Narciso gerne noch Bescheid gegeben. Na, der wird schon klar kommen. Die gröbsten Wunden hat er ja bereits versorgt und ein bisschen Ruhe tut seinem Bruder wahrscheinlich auch ganz gut.



Etwas später in der Sternengucker-Lounge


Hier kann man etwas essen?”

“Oh, du kennst es schon? Ich wohne ja noch nicht so lange in der Stadt und hab mir neulich von einem Kunden sagen lassen, dass es ein neues Restaurant gibt.”



“Ja…naja…also das mit dem Restaurant ist schon neu. War mal eine Lounge.”

“Ist ja interessant. Aber jetzt wo du es erwähnst, ein Restaurant mit einem Pool ist schon ungewöhnlich.”



“Ein Tisch für zwei Personen, bitte.”

“Selbstverständlich, bitte folgen Sie mir.”



Momente wie diese lassen Amando erst so richtig bewusst werden, wie wenig er eigentlich aus seiner Wohnung rauskommt. Außer zum Arbeiten natürlich. Die Stadt verändert sich um ihn herum und er bekommt nichts davon mit.



“Ah, schade. Ich hatte gehofft wir bekommen einen Platz mit Aussicht.”

“Vielleicht nächstes mal. Wobei…ich glaube, diese Plätze sind sowieso nicht zum Essen bestimmt. Wir könnten uns doch nacher dort hinsetzen?”



“Gute Idee. Also mal sehen, was nehme ich denn…”

Während Xiu die Karte studiert, denkt Amando angestrengt nach. Er braucht einen Plan. Sofort. Soll er behaupten, er habe schon gegessen? Wird das langsam zu auffällig?



Viel Zeit hat er sowieso nicht, da kommt auch schon die Kellnerin.

“Guten Abend, was kann ich Ihnen bringen?”

“Also ich bekomme das Steak und ein Glas Fruchtpunsch.”

“Und ich…uh….ich nehme einen gemischten Salat und…uhm…ein Glas Wasser.”

Nicht gerade ideal, aber wenn er nicht zu viel isst, kann er seinen Magen vielleicht zumindest für ein Weilchen überreden, ihn nicht zu verraten.



“Salat und Wasser? Ernsthaft? Bei jemandem mit deinem Körperbau hätte ich erwartet, dass du ein bisschen mehr isst. Diese Muskeln kommen ja nicht von nichts!”



“Ja, schon…aber ich habe ehrlich gesagt keinen so großen Appetit heute Abend, weil…naja…du weißt schon. Meine Probleme. Ich mache mir Sorgen, das schlägt auf den Magen.”



“Ah…ja, das verstehe ich. Ich wollte dir auch nicht zu nahe treten damit. Aber wenn du es schon ansprichst, willst du mir nicht langsam endlich mal verraten, was eigentlich los ist?”

Das wäre dann wohl der Zeitpunkt. Hoffentlich vermasselt er es nicht wieder.



“Also, vorweg kann ich schonmal sagen, dass eines meiner Probleme sich inzwischen aufgelöst hat.”

“Oh? Das ist aber schön zu hören! Und der Rest?”



“Der Rest…also…du weißt ja, ich arbeite im Krankenhaus.”

“Mhm.”

“Und im Krankenhaus gibt es seit einer Weile…Vorfälle. Patienten mit sehr ähnlichen Symptomen. Sie haben nichts miteinander zu tun, aber ich glaube, ein Muster erkannt zu haben, das auf die gleiche Ursache hindeutet.”



“Eine neue Krankheit?”

“So ähnlich. Jedenfalls forsche ich gerade in jeder freien Minute nach dieser Ursache.”



“Und deshalb kannst du nicht mehr schlafen?”

“Genau. Unter Anderem zumindest. Mein anderes Problem hatte da auch eine Rolle gespielt, aber das hat sich ja inzwischen gelöst.”



“Sehr fleißig. Das finde ich echt bewundernswert, Amando. Wie du dich für andere aufopferst.”



“Ach, ich mache doch nur meine Arbeit…”

“Trotzdem! Du hast ein Lob verdient. Und weißt du was? Wenn du die Ursache gefunden hast, dann musst du mir alles darüber erzählen! Dann schreibe ich einen Artikel über dich, mit dem du garantiert die Anerkennung bekommst, die du verdienst.”



“Einen Artikel? Über mich?”

Davon träumt Amando ja schon lange. Er sieht es regelrecht vor sich. Er, auf dem Titelblatt. Interviews mit Kollegen und Patienten. Lobeshymnen.



“Natürlich! Aber dafür musst du mir dann noch ein paar Details verraten.”



Die Landung auf dem Boden der tatsachen ist hart. Mist. Für einen Moment hatte er doch tatsächlich vergessen, dass er nicht wirklich nach einer Krankheit sucht, sondern nach einer Gruppe verrückter Vampire.

“Uhm…ja, sicher. Gerne. Aber erst, wenn ich mehr weiß.”



“Natürlich. Oh, schau, unser Essen kommt endlich!”



“Ah, das riecht herrlich! Guten Appetit, Amando.”

“Lass es dir schmecken, Xiu.”



Während des Essens schweigt Xiu die meiste Zeit. Dass sie großen Hunger hat ist offensichtlich. Sie muss einen anstrengenden Arbeitstag gehabt haben. Amando ist das aber gar nicht so unrecht. Seinen Salat zu essen ohne sich anmerken zu lassen, wie sehr sich ihm dabei der Magen umdreht, ist gar nicht so leicht. Erst, nachdem sie mit ihrem Steak fast fertig ist, meldet Xiu sich wieder zu Wort.



“Und das hier war also mal eine Lounge, ja?”

“Ja. Also…teilweise. Die meisten Leute sind wohl hergekommen um etwas zu trinken, zu reden und sich zu entspannen, aber es gab auch genug Platz um zu tanzen.”



“Schade, dass jetzt alles so vollgestellt ist, das hätte ich gerne ausgenutzt.”

“Das können wir sicher mal nachholen. Tanzt du gerne?”



“Na klar! Mein Mitbewohner hat mir auch einiges beigebracht. Er hat mir sogar mal gezeigt, wie man Tango tanzt!”

“Einfach so?”



“Naja, er macht das beruflich. Ich hätte gerne noch mehr von ihm gelernt, aber leider ist das zur Zeit nicht möglich, weil-”

“...er sich den Knöchel verstaucht hat?”



“Oh, wow! Ja! Woher weißt du das?”

“Ach, nur so eine Ahnung. Übrigens solltest du ihm sagen, dass er seinen nächsten Arzttermin lieber wahrnehmen sollte, wenn er will, dass das mit seinem Bein besser wird.”



“Warte…du bist sein Arzt? Und er hat einen Termin nicht wahrgenommen?”

“Ja. Eigentlich hätte er heute ins Krankenhaus kommen sollen, aber er ist einfach nicht aufgetaucht.”



“Das sieht ihm gar nicht nicht ähnlich. Vielleicht…"

Für einen Moment verfällt Xiu in betretenes Schweigen.

"Amando?”

“Hm?”

“Ist es in ordnung für dich, wenn ich etwas früher gehe? Ich mache mir Sorgen und würde gerne nach ihm sehen.”

“Nein, völlig okay. Das versteh ich ja.”



“Danke. Wir wiederholen das hier mal, okay? Ohne Unterbrechungen!”

“Natürlich. Mach’s gut, Xiu!”



“Bis dann, Amando. Ich melde mich bei dir!”

Das war ein sehr abruptes Ende. Allerdings ist Amando darüber weitaus weniger unzufrieden, als er zugeben mag. Dieses spontane Date war schon schön, aber lange kann er den Salat nicht mehr bei sich behalten. Wenigstens muss Xiu das nicht mit ansehen.



Erst auf dem Nachhauseweg, nachdem sein Magen sich wieder beruhigt hat, wird ihm wirklich bewusst, was das eigentlich bedeutet. Ausgerechnet mit dem lebt sie zusammen? Insgeheim hatte Amando ja immer gehofft, Xius Mitbewohner wäre verglichen mit ihm eher unattraktiv, wo sie ihm doch versichert hat, er wäre keine Konkurrenz für ihn. Aber dann ist der Kerl sogar so dreist mit ihr zu tanzen? Und sie bricht wegen ihm ohne nachzudenken ein Date ab?



Nein! Stopp! Was denkt er denn da? Natürlich bricht sie das Date ab, sie macht sich schließlich Sorgen! Sollte er eigentlich auch, immerhin ist Herr Rosales sein Patient. Und Tanzlehrer. Klar tanzt der mit ihr. Der tanzt wahrscheinlich mit einer ganzen Menge Frauen. Und trotzdem zieht sein Magen sich schon wieder zusammen. Hoffentlich ist das nur eine Nachwirkung des Salates…



Überhaupt sollte er lieber an seinen Bruder denken. Um den muss er sich ja auch noch kümmern.

“Narciso, ich bin wieder da!”



“Sorry dass ich abgehauen bin, meine Freundin hat mir keine Wahl gelassen. Aber jetzt bin ich wieder ganz für dich da!”



“Narciso?”

Wo steckt der denn? Dass Amando keine Antwort bekommt, behagt ihm gar nicht. Der wird doch wohl hoffentlich nicht im Bad zusammengebrochen sein?



Nein, hier ist er nicht. Im Wohnzimmer war er auch nicht. Bleibt nur noch die Küche. Wäre ja irgendwie typisch für ihn.



Aber auch die ist leer. Mist. Wo Ist Narciso nur schon wieder hinverschwunden?

 

 Zurück zu Kapitel 29    |    Weiter zu Kapitel 31

Kommentare