Kapitel 29: Erste Hilfe

 

 



“Narciso! Was ist passiert?”

Narciso nimmt die Stimme seines Bruders nur dumpf wahr. Ist der also auch endlich hier? Wird langsam Zeit!



“Komm, ich helf dir. Gehen wir erstmal rein.”

Er sitzt schon eine ganze Weile lang vor der Wohnungstür. Zum Glück haben die Nachbarn sich nicht blicken lassen. Dabei war es gar nicht so leicht hierher zu kommen. Dass er in San Myshuno ist hat er schnell kapiert, aber in seinem Zustand war die Orientierung alles andere als einfach. Zumal er ja nicht gesehen werden wollte.



“Setz dich und warte kurz, ich hole den Erste Hilfe Kasten.”

Und natürlich war Amando nicht da. Klar, musste wohl arbeiten. Narciso hat keine Ahnung was für ein Wochentag heute überhaupt ist. Egal. Jetzt ist er da und er ist in Sicherheit. Endlich.



Als er sich auf das Sofa fallen lässt, zuckt er zusammen. Scheiße. Ihm tut alles weh. Wenn er still hält bemerkt er es kaum, aber jede Bewegung fühlt sich an als würde er sich in Scherben wälzen. Wie gut, dass sein Bruder Arzt ist.



“So, halt still. Ich versorge deine Wunden und du erzählst was los war, ja?”



“Die haben mich an einen scheiß Stuhl gefesselt.”

Dass er Tagelang in dieser unbequemen Haltung verbringen musste, trägt wohl auch zu den Schmerzen bei.

“Was? Wer hat dich an einen Stuhl gefesselt?”



“Diese Frau und der Typ.”

“Ich fürchte, ich kann dir nicht ganz folgen…”



“Vampirjäger, Amando! Verdammte Vampirjäger!”

Die fast schon panische Unruhe in seiner Stimme kann Narciso selbst kaum überhören. Amando auch nicht, so wie er ihn ansieht. Vielleicht hat er falsch angefangen. Aber wo wäre überhaupt der richtige Anfang? Am liebsten würde er alles auf einmal erzählen, obwohl er noch lieber eigentlich überhaupt nicht reden würde. Sein Kopf lässt gerade sowieso nicht zu, dass er seine Gedanken in irgendeiner Form ordnet.



Trotzdem müssen seine letzten Worte die Richtigen gewesen sein. Amando zuckt sofort zurück.

“Was…?”

Hat der nicht zugehört?



“Diese Arschlöcher haben mich ausgetrickst…”



“Aber…warte….lass mich das kurz verarbeiten. Vampirjäger sagst du? Mist….dann stimmen die Gerüchte also wirklich…”

Dreck. Vielleicht war es doch nicht so richtig, was er gesagt hat. Jetzt klingt Amando selbst verunsichert. Dabei hatte Narciso doch eigentlich nach Sicherheit bei seinem großen Bruder gesucht. Andererseits ist Amando wahrscheinlich sowieso nicht der richtige Typ um ihn zu beschützen.



“Nur eins versteh ich nicht….wenn dich wirklich echte Vampirjäger erwischt haben…wieso lebst du dann noch?”



“Hab ihre Bude in Brand gesteckt.”



Auf diese Aussage hin antwortet Amando mit Schweigen. Zumindest ein Weilchen lang, bis er dann wieder weiß, was er dazu sagen soll.

“Sie haben dich mit zu sich nach hause genommen?”



“Ja. Glaub ich….scheiße, ich weiß es nicht, echt nicht. Die haben mir einen Knüppel über den Kopf gezogen und so eine Tüte.”

Das mit dem Knüppel muss mehr als nur einmal passiert sein. Sein Schädel fühlt sich immer noch an als würde er demnächst platzen. Mal ganz davon abgesehen, dass sich ständig alles vor ihm dreht.



“Und deine Verletzungen…haben die dir das angetan?”

“Ja.”



“Ich versteh nur trotzdem nicht-”



“Informationen. Sie wollten Informationen von mir.”



“Und….hast du ihnen welche gegeben?”

Hält Amando ihn echt für so dumm?



“Nein. Natürlich nicht! Also…hoffe ich zumindest. Ich hab verdammt viele Erinnerungslücken. Kann dir nicht mal mehr sagen, was die alles mit mir angestellt haben. Ich war am Ende so verhungert, ich-”

Gerade noch rechtzeitig bricht Narciso ab. Verdammt! Er kann Amando nicht sagen, dass er jemanden umgebracht hat.



“....ich kann nicht mehr geradeaus denken. Bin schon froh, dass ich zu dir gefunden hab.”



“Oh. Warte einen Moment!”

Amando springt vom Sofa auf. Wohin will der denn jetzt?



Einen Moment später wird die Antwort klar, als er mit einer dieser Blutkonserven aus dem Krankenhaus zu ihm zurückkehrt.

“Hier, trink das.”



Narciso nimmt den Beutel vielleicht ein bisschen zu zögerlich entgegen. Zum Glück scheint sein Bruder das aber nicht zu bemerken. Wahrscheinlich denkt der, dass das einfach nur daran liegt, dass er sowas nicht gewöhnt ist - was ja auch nicht falsch wäre. Eigentlich ist Narciso aber nur nicht mehr hungrig. Ihm wird sogar regelrecht schlecht bei dem Gedanken noch mehr zu trinken. Immerhin hat er vor ein paar Stunden erst einen ausgewachsenen Mann praktisch komplett leergetrunken.



Er versucht trotzdem mitzuspielen. Falls er kotzen muss, kann er das immer noch auf die Gehirnerschütterung schieben, die er höchstwahrscheinlichst hat.



Der Würgereiz lässt tatsächlich nicht lang auf sich warten.

“Sorry, Amando.”

Narciso springt sofort auf und sprintet regelrecht zum Badezimmer. Verdammt! Das, was da wieder hochkommt, stammt garantiert nicht alles nur von dem kleinen Blutpäckchen.



Hinterher fühlt er sich trotzdem besser. Noch besser wäre allerdings, endlich mal das Blut an seinen Händen und diesen ganzen anderen Mist loszuwerden. Könnte in seinem Zustand nur ein bisschen problematisch werden.



“Hey, Amando! Hast du n gutes Schmerzmittel?”

“Sicher, warte kurz.”



“Hier, bitte.”

“Danke. Sag mal, kann ich duschen?”

“Hältst du das für eine so gute Idee?”



“Nee. Aber darauf, weiter in meinem eigenen Dreck rumzusitzen hab ich auch keinen Bock. Wenn ich sauber bin, kannst du dir die restlichen Wunden besser anschauen.”

“Hmm…”

Amando zögert. Zufrieden wirkt er damit nicht. Er gibt trotzdem nach.

“Gut, meinetwegen…aber nur mit Wasser, okay? Seife halte ich im Augenblick nicht für ratsam.”



“Klar.”

Wasser reicht ihm schon erstmal. Damit bekommt er das Gröbste auch weg.



ARRRRGH!

Vielleicht hätte er doch noch kurz warten sollen, bis das Schmerzmittel wirkt. Obwohl er keine Seife verwendet, fühlt sich das Wasser auf seiner Haut im ersten Moment an als würde er in Flammen stehen. Mal wieder.

Alles okay bei dir da drin?

“Ja….geht schon….”



Zum Glück vergeht der Schmerz recht schnell, nachdem er kurz Pause macht und durchatmet. Zumindest sinkt er auf ein erträgliches Level. Dann ist das Wasser fast schon angenehm. In jedem Fall ist er froh, sich endlich nicht mehr ganz so dreckig zu fühlen. Physisch jedenfalls. Damit, das Geschehene psychisch zu verarbeiten, wird er wohl noch eine ganze Weile lang zu knabbern haben. Wie konnte er nur auf so einen billigen Trick reinfallen? Von wegen Alienblut! Wahrscheinlich gibt es Aliens nicht mal, Dr. Lachance hin oder her.



Aber was passiert ist, ist passiert. Besser, er schaut nach vorne und verhindert, dass sich das wiederholt. Außerdem muss er einen Weg finden seine Freunde zu warnen.



Während er sich abtrocknet, klopft jemand an die Tür. Nicht an die Badezimmertür, an die Wohnungstür. Was er zu laut?

Hi! Ich war ein bisschen früher fertig. Ich hoffe, ich hab dich jetzt nicht komplett überrumpelt oder so.

Äh…oh! Ach was, komm ruhig rein!



Nein. Nein nein nein nein nein! Scheiße! Passiert das gerade wirklich?



Diese Stimme geht Narciso durch Mark und Bein. Sofort spannt sich jeder einzelne Muskel in seinem Körper an. Er muss weg! Er muss hier sofort weg! Aber Amandos Badezimmer besitzt keine Fenster. Er sitzt in der Falle.



Er muss ruhig bleiben. Sie darf ihn nicht finden. Nicht schon wieder. Er darf nicht einmal atmen. Warum ist die hier? Was will sie? Ist sie seiner Spur gefolgt? Hoffentlich hält Amando den Rand.

 

 Zurück zu Kapitel 28    |    Weiter zu Kapitel 30

Kommentare