Kapitel 77: Lass es raus!

 

 



War das etwa schon alles? Ich habe bereits Zweijährige gesehen, die größere Feuerbälle zustande bekommen als du!



“Wenn ich hier noch mehr Feuer durch die Gegend werfe, zünde ich den ganzen Keller an.”



Nicht, wenn du das Feuer kontrollieren kannst!

“Kann ich aber nicht.”



Doch, das kannst du, ob du es glaubst oder nicht! Für was mache ich mir sonst die Mühe, jede Nacht hier mit dir zu üben?



“Können wir dafür nicht nach draußen gehen?”

Oh, du möchtest also lieber den Wald anzünden? Das könnte durchaus unterhaltsam werden. Nur zu…



“Äh….nee. Eigentlich auch nicht…”

Dann vertraue mir endlich und tu, was ich dir auftrage.



Ich kann spüren, wie ein gewaltiges Feuer in dir lodert. Lass es endlich raus.

“Aber-”



Kein Aber. Lass! Es! Raus!



Dass Carlotta keine Widerworte zulässt, hat sie Narciso schon ziemlich deutlich gemacht. Ihm bleibt also wohl nichts Anderes übrig, als zu tun, was die kleine Plüschkugel verlangt.

“Hoffentlich köpft Laetitia mich dafür nicht…”

Was da in ihm aufsteigt, hat er schon öfter gespürt, bislang hat er es aus Angst aber immer unterdrückt. Bis auf dieses eine Mal.



Im verzweifelten Versuch, sich besser konzentrieren zu können, kneift Narciso die Augen zu. In seinem Kopf herrscht zwar sehr schnell nur noch weiße Leere, aber dafür wird es um ihn herum irgendwie warm.



Als er die Augen wieder öffnet, traut er ihnen kaum. Wow. Das hat tatsächlich funktioniert? Narciso kann es selbst noch gar nicht glauben. Er stand für einen kurzen Moment komplett in Flammen, aber weder seine Hose noch irgendwas in der Umgebung hat Feuer gefangen. Was für ein überwältigendes Gefühl!



Seine Lehrmeisterin scheint auch beeindruckt zu sein. Sie applaudiert ihm sogar! Zumindest hört es sich so an. Wie macht sie das eigentlich mit diesen kurzen Stummelflügelchen?



“Narciso! Mein Baby! Mein Goldjunge! Ich wusste doch von Anfang an, dass du etwas ganz Besonderes bist!”

“Mama?!”

Fast hätte Narciso seinen nächsten Feuerball vor Schreck in Richtung der Tür geworfen. Zum Glück kann er sich gerade noch stoppen.



“Lass dich umarmen, du Wunderkind.”



Mit diesem Besuch hatte er jetzt so gar nicht gerechnet.

“Musst du heute nicht zu dieser Preisverleihung? Glückwunsch dazu, übrigens.”

“Ach, das hat Zeit. Der Preis ist kaum der Rede wert.”

“War die Konkurrenz so schlecht?”



“Oh, nein. Sie war sogar wirklich gut diesmal! Aber letzten Endes hatte meine Rivalin einfach nicht genug Biss.”

“Ganz im Gegensatz zu dir, hm?”



Seine Mutter zwinkert ihm schmunzelnd zu. Sie ist eine gute Schauspielerin, das muss Narciso schon zugeben. Immerhin hat er schon ein paar ihrer Filme gesehen. Trotzdem beschleicht ihn das Gefühl, dass ihre Rivalin diesen Preis nicht annehmen konnte, weil sie auf mysteriöse Art und Weise plötzlich verhindert war. Wäre jedenfalls nicht das erste Mal.

“Ohne mich werden sie sowieso nicht anfangen, also dachte ich mir, ich gehe auf dem Weg kurz nach dir sehen.”



“Du bist wegen mir hier?”

“Natürlich. Ich hatte mit deiner Schwester telefoniert und sie hat mir bestätigt, dass du wirklich in der Lage bist, nicht-vampirische Magie zu wirken. Ich gebe zu, ich war trotzdem noch ein wenig skeptisch, aber es mit eigenen Augen zu sehen war eine Offenbarung!”



“Heh…ja…du kannst dir kaum vorstellen, wie baff ich war, als ich zum ersten Mal gesehen hab, wie Funken aus meinen Händen schießen. Wäre wahrscheinlich glatt umgekippt, wenn ich beim Rumprobieren nicht fast den Kühlschrank in die Luft gejagt hätte und mich schnell darum hätte kümmern müssen.”



“Oh, Dinge explodieren lassen kannst du also auch?”

“Äh….theoretisch zumindest. Aber nicht kontrolliert. Hab das noch nicht geübt.”



"Stattdessen übst du, Feuer zu werfen, hm? Eine äußerst ungewöhnliche Wahl für jemanden, der so leicht brennbar ist wie unsereins.”



“Irgendwie schon. Aber das ist das, was mir im Moment am leichtesten fällt. Mit Abstand am leichtesten. Hängt vielleicht damit zusammen, dass mir das Zeug den Arsch gerettet hat.”

Der Blick seiner Mutter schnellt sofort zu seinen Händen.

“Dann kommen daher die Narben?”

“Ja.”

“Die wurden dir nicht von diesen widerlichen Knoblauchfressern zugefügt?”

“Nein.”

Von denen hat er zwar andere Narben, aber das erwähnt er jetzt lieber nicht.



“Ich hab Feuer gezaubert, um mich zu befreien, als sie mich festgehalten haben. Ich hatte es nur nicht so gut unter Kontrolle wie jetzt.”



“Aber genau deshalb will ich es üben. Falls mir nochmal jemand krumm kommt, ist das ne verdammt effektive Form der Selbstverteidigung! Krallen und Zähne erwartet fast jeder, der schon mal nem Vampir begegnet ist, aber Feuer? Damit hab ich den Überraschungseffekt auf meiner Seite!”



“Allerdings…”



Abgesehen von diesem einzelnen Wort antwortet seine Mutter darauf nicht. Sie scheint dafür zu sehr in Gedanken zu versinken. Narciso kann regelrecht sehen, wie ihr Blick abdriftet. Natürlich wäre es echt interessant zu wissen, was da gerade in ihrem Kopf vor sich geht, aber sie zu unterbrechen traut Narciso sich dann doch nicht.



Glücklicherweise dauert dieser Zustand nicht so lange an, dass er sich ernsthafte Sorgen machen muss.

“Weißt du was, Narciso? Ich halte das für eine fantastische Idee.”



“Ich sollte mich jetzt aber langsam auf den Weg machen. Die Veranstalter der Preisverleihung habe ich jetzt lange genug zappeln lassen. Üb du nur fleißig weiter!”



“Wir sehen uns.”

Und weg ist sie. Seine Mutter ist so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht ist. Ihre Worte hallen aber noch in Narcisos Kopf nach.



So im Nachhinein betrachtet ist ihm das mit dem Feuer sehr viel leichter gefallen, als er befürchtet hatte. Endlich läuft mal was nach Plan. Seinem Selbstbewusstsein hilft das allemal. Er fühlt sich schon jeden Tag sicherer und Glimmerbrook zu verlassen fällt ihm auch jedesmal leichter. Vielleicht kann er demnächst ja sogar mal bei seiner alten Hütte vorbeischauen und ein paar Sachen holen gehen.



Gut, dass er inzwischen regelmäßig nach Oasis Springs geht, hat bestimmt auch geholfen. Das tut er aber auch echt gern, um Caít und Elva zu sehen. Apropos, wollten die heute nicht vorbeikommen?



AAAAAAH!! CISO, KOMM SCHNELL!!

Der Schrei lässt Narciso zusammenfahren. Das war doch Caíts Stimme!



Ohne weiter nachzudenken, stürmt er die Treppe nach oben.



“Wasislos?!”

“Schau mal! Elva!”

“Hä?”



Es dauert einen Moment, bis Narciso seine Großnichte entdeckt. Dann dauert es einen weiteren Moment, bis er versteht, was hier gerade passiert.

“Sie…steht.”

“Sie hat sich gerade am Sofa hochgezogen! Ist das nicht fantastisch?”



“Das…äh…wow.”

Mehr bekommt Narciso gerade auch nicht raus. So, wie Caít geschrien hat, hatte er schon Angst, dass hier jemand abgestochen wird. Die Erleichterung darüber, dass doch nur wieder ein Meilenstein in der Entwicklung des roten Zwergs ist, macht ihn regelrecht sprachlos.



“Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Elva hat bald Geburtstag und hat sich bis gerade eben noch standhaft geweigert zu…na, stehen.”

“Gut, dass sie die Kurve doch noch gekriegt hat.”



“Seit wann seit ihr überhaupt hier?”

“Schon eine Weile. Mama hat mir aber erzählt, dass Oma bei dir ist, da wollte ich dich nicht stören.”



“Sie ist gerade ja aber gegangen. Schade eigentlich. Wobei ich gar nicht weiß, ob sie mich oder Elva überhaupt richtig wahrgenommen hat. Sie schien ziemlich in Gedanken zu sein. Über was habt ihr denn geredet?”



“Über…”

Normalerweise würde Narciso seiner Nichte ja sofort alles erzählen, allerdings schwirrt ihm gerade sowieso schon der Kopf. Später vielleicht.

“Äh….über den Preis, den sie gewonnen hat.”



“Schon wieder einer? Wow. So, wie sie die Abstaubt abstaubt, könnte man fast meinen, es gäbe keine anderen Schauspieler.”

“Ja…tja…sie arbeitet ja auch Tag und Nacht daran.”



“Tags an ihrer Filmkarriere und nachts daran, die Konkurrenz klein zu halten? Kein Wunder, dass sie nie Zeit für uns hat.”



“Naja, was soll's. Bist wenigstens du noch ein bisschen hier, Ciso?”



“Klar. Hatte heute eigentlich nichts mehr vor.”

Ob das auch für Carlotta gilt, ist die andere Frage. Wahrscheinlich würde sie ihn gerne noch die ganze Nacht durch weiter zum Äußersten treiben, aber für heute hat er echt genug. Seine Beine fühlen sich immer noch an wie Pudding und das, obwohl sie heute ausnahmsweise mal nicht direkt in Kontakt mit dem Feuer gekommen sind. Vermutlich wird sie ihm morgen ordentlich was vorzwitschern, wenn er nicht gleich wieder nach unten kommt, aber das ist ein Problem für den Narciso der Zukunft.

 

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